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Dr. Harald Wasser

Die Systemtheorie der Massenmedien

Eine essayistische Revision Zweiter Teil der medientheoretischen Trilogie

Aus der Reihe Materialien zur Philosophie & Soziologie

© Refrath bei Köln im ????? 2007 V.2 Unfertige, in Arbeit befindliche, vollständig überarbeitete Fassung

Der vorliegende Text zeigt `work in progress', ist aber nichts desto weniger mit Hinweis auf das Manuskript voll zitierfähig. Er wurde so angelegt, dass er neben der engeren Fachdiskussion auch Studierende (vor allem der Philosophie, Soziologie sowie der Literaturwissenschaften) bei der An fertigung von Hausarbeiten und Referaten unterstützen können sollte. Gerade daher sei nochmals darauf hingewiesen, dass online veröffentlichte Aufsätze voll zitierfähig sind, sofern folgende Angaben aus dem Text entnommen und genannt werden: veröffentlichte Aufsätze sind voll zitierfähig, wenn folgende Angaben aus dem Text entnommen und genannt werden: Der Autor, der Titel, die Bezugsquelle (es reicht die Angabe der Domain bzw. des Verlags, wobei die Domain in jedem Fall hinzugenommen werden muss, da sie die in Printausgaben übliche Ortsangabe vertritt), die im Text genannte Jahreszahl und ­ sofern vorhanden ­ die von dieser durch Schrägstrich getrennte Versionsnummer. (Die »Versionsnummer« ­ statt der »Auflage« ­ ist ein Merkmal ausschließlich von Presseveröffentlichungen, da diese ­ im Gegensatz zu Printausgaben ­ ohne großen Aufwand modifiziert und also in kürzeren Abständen in veränderter Version veröffentlicht werden können). Als authentische Bezugsquellen (per Download) gelten alle im Handelsregister geführten Verlagsseiten im Internet. Geschieht der Download von unklarer Quelle, so kann die Authentizität von Onli neveröffentlichungen durch Anwahl der vom Autor im Text genannten Authentizitätsseite geprüft werden. Im vorliegenden Fall lautet diese »haupt sache-philosophie.de«.

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung..........................................................................................................................5 2 Probleme der Heidermedien....................................................................................................9 3 System und Medium...............................................................................................................14 3.1 Selbstmediatisierende Systeme...........................................................................................17 3.2 Unterhaltung und Information...........................................................................................24 4 Zur Codierung der Massenmedien.......................................................................................26 4.1 Basale Elemente und Systemcodierung.............................................................................26 4.2 Zur Revision des Informationsbegriffs..............................................................................28 4.3 Redundanz und Information..............................................................................................31 4.4 Mediale und strukturelle Kopplung...................................................................................32

4.4.1 Mediale und strukturelle Verschmierungen............................................................................34 4.4.2 Information, Schleifen und Kommunikation...........................................................................37

4.5 Der Code der Massenmedien..............................................................................................39 5 Codedifferenzierung versus funktionale Differenzierung...................................................47 6 Was heißt »Masse«?...............................................................................................................55 6.1 Massenmedien, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft: Systemcode und strukturelle Kopplung..................................................................................57 6.2 Das Medium als Botschaft...................................................................................................62

Es gibt natürlich einen persönlichen Lebenskreis, über den man Be scheid weiß, ohne etwas in der Zeitung gelesen zu haben. Aber wenn man sich im öffentlichen Raum orientiert, kann man ohne Medienwis sen gar keine Verständigung erreichen. Manche beklagen das als Verlust von Unmittelbarkeit. Aber oft weiß man gar nicht, wie stark etwas, das wir wissen, durch die Medien vermittelt ist, wenn man es nicht mit di rekt bekannten Objekten oder Personen zu tun hat. Wir sind kaum in der Lage, das medienvermittelte Wissen von dem selbsterfahrenen wirklich zu trennen. Niklas Luhmann

1 Vorbemerkung

Die Massenmedien gehören sicherlich zu den interessantesten Forschungsgebieten der Kommunikationstheorie, schon weil sie für sich selbst in Anspruch nehmen, den gesamten Bereich zwischen Realität und Fiktion, zwischen Trug und Wirklichkeit, zwischen Information und Desinformation kommunizieren zu können, und zwar über alle Systemgrenzen hinweg. Diese Aussage steckt ja auch in der dem Essay vorangestellten Sentenz Luhmanns: Die Wirtschaft lässt sich von den Massenmedien genauso über ihre Börsenkurse informieren wie die Religion massenmedial über Benedikt XVI. privateste Gedanken belehrt wird. Die Kunst erfährt, was »hip« ist, der Sport kennt endklich die neueste Tabelle und das Recht findet hier seine Nachschlagewerke. Es gibt heute kein soziales System, das den Bezug seiner Infiormationen nicht einer Leistung der Massenmedien zurechnet. Und dennoch führen solch minimale, beispielhafte Aufzählungen schnell uzur Verwirrung, so vielleicht die Bmerkung zu Papst Benedikt. Diese Verwirrung finden dann regelmäßig ihre Erklärung darin, dass unter Massenmedien ­ meist unre flektiert ­ heute zunehmend nur Radio, Fernsehen und Internet verstanden werden. Um nichts vorschnell auszuschließen, werden wir behutsamer an dieses Thema herangehen und also zunächst einmal unter Massenmedien schlicht alles verste hen, was Massenkommunikation ermöglicht. (Spätere, dann aber aus theoretisch erarbeiteten Erwägungen getroffene Einschränkungen sind also nicht ausgeschlossen.) Aber nicht nur, dass sich über alle Sytemgrenzen hinweg alle Systwemebereit sind, durch die Massenmedien informieren bzw. stören zu lassen ­ auch alle Medien sind den Massenmedien dabei Recht: Buchdruck oder Print ganz allgemein, Fernsehen, neuedings Internet (oder world wide web, wie immer man tecnnisch un terscheiden möchte), Radio - den Massenmedien ist es einerlei, wie es Verbreitung herstellen, Masse erreichen kann. Während (man sagt: rein fiktiv) Mr. Bean im Kino Cannes ein wenig drucheinanderbrig, berichten die Zeitungen, ein Amoklläufer habe ganz real über 30 Stundenten auf einem Campus erschossen. Fiktion, Realität ­ auch hier gilt: die Mas senmedien oeprieren souverän im »Milleu« beider.

. Ob Kunst, Religion, Politik, Wirtschaft, Recht, Erziehung oder Wissenschaft: Die Massenmedien erklären sich mit Er folg für universalzuständig und tatsächlich: Alle anderen sozialen Systeme danken es ihnen und betrachten sich als infor miert durch: die Massenmedien. Und wenn hier schon von einer Überschreitung von Systemgrenzen gesprochen wurde, so gilt dies für die Massenmedien gleich in doppeltem Sinn: Die Massenmedien verarbeiten die Themen anderer Systeme nicht nur zu eigenen Themen (in Form von Berichten, Dokumentationen, Features, Hollywoodfilmen, Romanen etc.), sie stellen sich gelegentlich Fremdsystemen (etwa der Wissenschaft) als maßgebliches Kommunikationsmedium zur Verfü gung etwa in Form von Fachzeitschriften (sofern es diesen gelingt, eine ausreichende Verbreitung zu finden), populärwis senschaftlicher Massenkommunikation (Wissenschaftsmagazine) oder als Diskussionsforen in Tageszeitungen (z.B. His torikerstreit). Und noch etwas fällt auf: Wirtschaft und Massenmedien koppeln einander im elektronischen geradezu symbiotisch im Medium der »Werbung«. Und auch »Werbematerial« behandeln die Massenmedien als »Fremdmaterial« und transfor mieren es in eigenes: Werbung läuft stets in medienspezifisch aufgearbeiteter Form, etwa in den Printmedien als »Anzei ge« (mit und ohne Bild), in Fernsehen und Hörfunk als »Werbetrailer« bzw. als »Audiobeitrag«, im Internet als »Popup« oder als »Flashanimation« oder als Kombination aus beidem etc. etc. Und genau deswegen, damit die Form nicht die Dif ferenz schluckt, hat der Gesetzgeber eine Kennzeichnungspflicht erlassen, die den Werbe-Film vom Spiel-Film unter scheiden helfen soll. Ob aber heute nicht sowieso ganze Sendungen, etwa »Big Brother« (RTL), eine einzige, kaum noch getarnte Werbesendung (für ein darauf bezogenes Merchandisingumfeld) darstellen und ob nackte Mädchen im Nachtpro gramm der Sportsender nicht Werbesendungen für die gleiches darbietende Internetportale darstellen, darüber mag man trefflich streiten können. Uneinig kann man auch darüber sein, ob die »Cannes-Rolle« Kunstwerke präsentiert oder bleibt, was sie ist: eine beson ders lange Werbesendung... Jedenfalls wird in den Massenmedien vom Sex über die Kunst bis zur Medizin alles zum Thema. McLuhan war eben darum der Meinung, jeder Fernsehfilm, jede Serie sei sowieso Werbung: Schließlich werde das Bedürfnis geweckt, wenigstens die in der »Daily Soap« vorkommende, formvollendete Küche zu erwerben. Viele werden sich noch an die Denver- und Dallasfrisuren erinnern. Man konnte im Supermarkt von dem Gefühl beschlichen werden, »im falschen Film« zu sein. Aber auch die Bedeutung von Selbstreferenz wird innerhalb der Massenmedien so gut sichtbar wie in kaum einem ande ren System. Wenn die Nutzung des Internets für die Massenmedien bedeutsamer wird, so erfahren wir das: in den Mas senmedien. Wenn RTL umzieht, so berichten: die Massenmedien. Und welche Rolle das amerikanische Militär für die massenmediale Berichterstattung über den Irakkrieg spielte, das wird ebenfalls zum Thema: der Massenmedien. Und wenn nicht, dann erfahren wir eben auch nichts oder dürfen spekulieren... Aber Halt - Spekulation steht im Gegensatz zu »gesicherter Realität«, zu »Tatsachen«. In der Tat besteht die Neigung, einen großen Teil massenmedialer Informationen, spätestens bei geeigneter Aufmachung, als Tatsachen zu behandeln, also als etwas unbedingt »Reales«. Die Nachrichten erzählen uns, was in der Welt los ist, die Tageszeitungen sowieso und ebenso die politischen Magazine und Politshows. Hier braucht man nicht zu spekulieren, so scheints. Hier wird die Welt nüchtern und neutral gespiegelt. Von realty-soaps schweigen wir. Von wenigen, wenig einflussreichen Verschwörungstheorien abgesehen, liegt die Tendenz offen zu Tage, massenmediale Kommunikation, die darauf angelegt wurde, als Tatsachenberichterstattung zu behandeln. Wenn jemand die kritische Frage stellt, wo die Grenzen zur Reakität liegen, was also der Wahrheit entspricht, was nicht, was ihr näher

kommt oder aber von politischen, wirtschaftlichen oder anderen Interessen entstellt wurde, so stößt er auf beinahe unüber windliche Hindernisse, die in der Logi des Systems begründet sind: Realität und Wahrheit lassen sich nämlich nicht durch einen direkten Durchgriff abgleichen und von Irrtum, Lug und Trug unterscheiden. Nicht nur, dass wir gerade nicht bei dder pressekonfrenz der CDU dabei waren oder uns gerae nicht im Irak in der Nähe des Attentats aufhalten ­ vielmehr ist es so, dass alles, was wir zu soche einer Pürfung überhaupt heranziegen könnten, stammt sowieso entweder direkt aus den Massenmedien oder aber aus Quellen, die indirekt massenmedidial »kintamoniiert« wurden: Was wir wissen, ja, was wir wissen können, hängt längst von den Leistungen der Massenmedien ab. Selbst, wenn wir überall persönöich »vor Ort« wäüren: Wie wollten wir wissen, dass Frau Merkel, die da gerade eine Rede hält, die Kanzlerin ist (und dies nicht nur von unserem Sitznachbarn behauütet wird, weil dieser sich einen Spaß mit uns erlaubt)? Wie wollten wir wissen, dass die Panzer vor unsere Nase zum US-Militär gehören, wenn nicht die Massenmedien uns dies glaubhaft versicherten? Und wenn wir auf Uniformen und Abzeichen achten ­ woher sollten wir ihre bedeutung kennen, wenn nicht aus den Massen medien? Und, wenn wir etwas als bloße Propagandalüge identifizieren: Wie sollten wir das können, ohne dazu die ent sprechenden Vorgänge statt direkt mit »Realität« mit anderen Informationen, die wir über die Massenmedien beziehen, abzuglöeichen. Realität und Massenmedien können schon lange nicht mehr auseinanderdividiert werden. Und wer dies vesuchen wollte, der würde schenll darauf stoßen, dass er dazu in einem geradezu ungeheuren Ausmaße auf Informatio nen der Massenmedien angewiesen wäre. Vergessen wir nicht, dass auch große Teuile des Buchmarktes den Massenme dien zugrechnet werden müssen, sicherlch und vor allem: unsere Schulbnücher oder die Studienliteratru. Durch die Ver schachtelung von Meiden, ist der Buchdrucl lmnsgt nicht mehr angewiesen auf Massendruck. (Wer kauft schon Bücher über Stochstikkongresse?) Die Systemtheorie Neben den üblichen Schwierigkeiten, die Jedenfalls ist sie Realität und eben darum gerinnt, was nicht durch dergleichen gestützt wird, zur Spekulation. So schließt sich der Kreis. Wenn im Ausland eine Katastrophe droht, so schickt die Presse ihre in der Region befindlichen Korrespondenten vor Ort, um Authentizität zu verbürgen, obwohl es immer häufiger vorkommen wird, dass der Korrespondent vor Ort sich mit Hil fe eben die Presseagenturen sowie die (amerikanischen) Nachrichtensender über das Geschehen informiert, die seine Hei matredaktion tausende von Kilometer entfernt auch nutzt. Vielleicht sieht er zur Zeit mit eigenen Augen zwar Chaos und Elend, findet aber noch keinen Polizeisprecher und auch keinen Bürgermeister, der ihm sagen kann, was eigentlich genau passiert ist und welches Ausmaß das Elend in Zahlen hat. Er holt sich also einen Teil der von ihm später über die Massenmedien zu verbreitenden Infos aus den Massenmedien (Selbstreferenz), wofür er allerdings nicht unbedingt vor Ort sein müsste, schon weil die Redaktion seines Heimatsenders dergleichen mit mehr Personal ohnehin betreiben wird. Wenn es ganz ungünstig läuft, so wird unter Umständen die Hei matredaktion in einem Vorgespräch den Korrespondenten in bestimmten Punkten sogar auf den neuesten Stand bringen müssen, bevor dieser auf Sendung genommen werden kann. Er wird also auf Sendung genommen, weil er Aktualität und Authentizität symbolisieren soll, nicht, weil er in jedem Falle etwas wüsste, was andere nicht auch schon wüssten. Opera tional gesehen ist die Funktion dieses Vorgangs leicht erkennbar. Sie lautet: Steigerung von Selbstreferentialität. In abge wandelter Form ist dergleichen natürlich banaler Alltag: Schließlich informieren sich die Massenmedien schon immer

und routiniert bei sich selbst: »Wie die Bild-Zeitung meldet...» »Nach Informationen des westdeutschen Rundfunks...« Und in den meisten wissenschaftlichen Büchern wimmelt es von Fußnoten. Und diese verweisen: auf wissenschaftliche Bücher. Aber wie hoch muss eine Auflage sein, damit ein Zeitschriftenartikel den Massenmedien zugerechnet werden zu kann? Wie viele müssen zuhören, zuschauen oder mitlesen, wenn ein Radiobeitrag, eine Fernsehsendung, ein Kinofilm, eine In ternetseite oder eine Buchneuerscheinung zu dem massenmedialen Ereignissen gerechnet werden kann? Oder reicht die bloße Verbreitung über eine geeignetes Verbreitungsmedium (Zeitung, Fernseher, Buch, Internet...) aus, um eine Kom munikation als Massenkommunikation betrachten zu können? Muss man dazu »Quote machen«? Oder ist Opa Mayers private Enkelkinder-Internetseite, auf der außer Google noch nie jemand war, einfach schon deswegen ein Beitrag der Massenmedien, weil er im Internet weltweit auffindbar ist? Diese auf der Hand liegenden, simplen Fragen werden nur sehr selten gestellt. Und wenn man sie stellt, legen sich viele Stirne in Falten. Die Antwort will also erarbeitet sein. Wir werden diese Frage daher an späterer Stelle beantworten. weil sie sich selbst als ein Kommunikationssystem beschreiben. Andere Systeme - man denke etwa an die Wirtschaft - beschreiben sich selbst in aller Regel nicht als Kommunikationssystem, sondern beispielsweise als Produktions- und Dis tributionssystem (für Güter und Dienstleistungen). Wie sehr Luhmann und McLuhan Recht hatten mit ihrer Einschätzung, dass heute Realität und Massenmedien unentwirr bar miteinander verknüpft sind, mag eine Anekdote aus jüngster Zeit veranschaulichen: Eine Freundin erzählte, dass sie vor kurzem Asien bereist habe, als erneut Tsunami-Warnung gegeben wurde. Sie habe sich unmittelbar in einem Hotel mit Blick aufs Meer in der Gefahrenzone befunden. Als sie die entsprechende Warnung hörte, habe sie aber nicht einfach rausgeschaut, sondern sei im Hotelzimmer ständig zwischen dem Fernseher (BBC) und dem Fenster hin und her gelaufen. Auf Nachfrage, warum sie nicht einfach hinausgeschaut habe, antwortete sie, sie habe den Fernseher benötigt, um zu prü fen, in wie weit sie ihren Augen trauen könne. Nicht der Ort, nicht die Sinne, nicht das Geschehen, nicht das Erleben - die instanten Massenmedien verbürgen im elek tronischen Zeitalter die Realität. Nie hatte das sich so plastisch gezeigt, wie in Orson Welles Radiohörspiel von H. G. Wells »Krieg der Welten«. Die Massenmedien sorgten für den Realitätseffekt ­ und nur die Massenmedien konnten ihn wirksam wieder abfangen und in Fiktion überführen. Aber auch mit einem sehr speziellen Blick auf das systemtheoretische Theoriedesign birgt der Forschungsgegenstand »Massenmedien« seine Auffälligkeiten. Insbesondere fällt hier irritierend auf, dass es Luhmann offenbar nicht gelungen war, sein medientheoretisches Modell, die so genannten «Heidermedien«, zur Anwendung zu bringen. Ausgerechnet in seinem Hauptwerk zu den Massenmedien (»Die Realität der Massenmedien«) nimmt Luhmann keinen Bezug auf seine ei gene Medientheorie. Das ist nicht nur sehr auffällig, sondern sicherlich auch kein Zufall, wie sich im Verlauf der Untersu chung zeigen wird. Der an anderer Stelle (»Luhmann, McLuhan und der Graf von Monte Christo«, download auf hauptsa

che-philosophie.de)

ausgeführte Vorschlag einer Revision der systemtheoretischen Medientheorie in Form einer Substitution

des Modells der Heidermedien durch ein eng an McLuhan orientiertes Modell, wird hierbei natürlich seine Anwendung finden. Das dort eingeführte Modell der McLuhan-Medien scheint sich ohne Einschränkungen auch für eine Theorie der

Massenmedien zu eignen. Es wird sich bei unserem Versuch einer Integration des McLuhan-Modells in eine systemtheo retische Theorie der Massenmedien aber auch zeigen, dass sogar basale Zuschreibungen Luhmanns ­ etwa der von ihm genannte Code der Massenmedien ­ neu überdacht werden müssen.

2 Probleme der Heidermedien

Die folgende Untersuchung wird ihre Analysen und Beschreibungen in Luhmanns Theorie autopoietischer Systeme ein betten. Medientheoretisch wird sie sich allerdings ­ wie bereits angekündigt ­ nicht an Luhmanns für eine Theorie der Massenmedien ganz offensichtlich untaugliches Modell der Heidermedien binden, sondern an ein Modell, dass sich an McLuhans Medientheorie orientiert. Der Kombination Luhmann/McLuhan liegt die These zu Grunde, dass sich basale Bestandteile der Theorie autopoietischer Systeme trennscharf von darauf aufbauenden Theoriebausteinen (beispw. dem »Modell der Heidermedien«) isolieren lassen, ohne den durch Luhmann gegebenen Theorierahmen verlassen zu müssen. Unter »aufbauend« sollen entsprechend alle kontingenten Theorieelemente verstanden werden, also alle Elemente, die zwar mit der von Luhmann begründeten Theorie autopoietischer Systeme verbunden sein können, aber nicht mit ihr ver bunden sein müssen. Die Idee hingegen, der zufolge autopoietische Systeme aus nichts anderem bestehen, als aus denjeni gen Operation, die sie selbst vollziehen, gehört sicherlich zu den basalen Ideen, schon weil es sich hier um eine geradezu definitorische Formel handelt. Derartige Theorie-Elemente kann man also nicht verwerfen, ohne sich ein gutes Stück weit von Luhmanns Modell als Rahmentheorie zu verabschieden. Im Gegensatz zur Definition der Autopoiesis stellen aber andere Theoriebausteine, etwa die Theorie der binären Codie rung, der Zweiseitenform oder die der Heidermedien nur kontingente Lösungsmöglichkeiten systemtheoretischer Teilpro bleme dar, für die sich funktionale Äquivalente benennen und einführen ließen, ohne sich damit außerhalb des von Luh mann vorgegebenen Theorierahmens begeben zu müssen. Kontingente Elemente sind also daran erkennbar, dass sie sich innerhalb der »Luhmannschen Systemtheorie« austauschen lassen. So mag man darüber streiten können, ob die Basisope ration psychischer Systeme adäquater mit Bewusstsein oder mit Erleben bezeichnet ist. Die These aber, der zu Folge sich das psychische System über seine Basisoperation von anderen Systemtypen unterscheidet, steht nicht zur Disposition, so fern man »mit Luhmann weiterdenken« möchte. Dieser Umstand soll im Folgenden genutzt werden, um eine Revision der systemtheoretischen Theorie der Massenmedien durchführen zu können. Die nicht geringe Zahl kontingenter Elemente, die im Folgenden durch funktionale Äquivalente ausgetauscht werden soll, wird natürlich theoretische Kontrollen erfordern, um die notwendigen adaptiven Prozesse aus lösen zu können: Wer sich von Luhmanns Modell der Heidermedien trennen möchte, der wird z.B. auch die damit ver bundenen Auswirkungen auf die Theorie der Form beachten müssen. »Ersetzen« heißt immer auch »einpassen«. Wir werden Luhmanns Theorie autopoietischer Systeme aber z.B. darin folgen, die Massenmedien (Plural!) als ein (auto poietisches) System zu begreifen. Und wir pflichten ihm bei in der Annahme, dass die Operation der Massenmedien in nerhalb einer soziologischen Theorie autopoietischer Systeme treffend mit »Kommunikation« (und mit nichts anderem!) bezeichnet werden kann, schon weil »Kommunikation« die Basisoperation der Gesellschaft als Gesamtsystem bezeichnet. Um die Binnendifferenzierung der Gesellschaft in Form sozialer Systeme erklären zu können, hat Luhmann den Begriff des binären Codes eingeführt. Wenn es jedoch um die Frage geht, wie denn derjenige binäre Code lautet, mit dessen Hilfe sich die Massenmedien von anderen sozialen Systemen abheben, so wird die im Laufe der Erörterung gegebene Antwort von Luhmanns diesbezüglicher Antwort abweichen müssen. (Siehe hierzu das Kapitel »Der Code der Massenmedien«, S. 34ff.)

Die Massenmedien, die wir mit Luhmann als soziales System beschreiben, werden innerhalb der Medientheorie in aller Regel ­ nomen est omen ­ als Medien beschrieben. So mag es zu Recht verwundern, das Luhmann diesen Schritt nicht explizit vollzogen hat. Hätte er dies tun wollen, so hätte er dieses soziale System zugleich als Medium beschreiben müs sen. Diesen Weg hatte er sich aber selbst »verbaut«, seit er das Modell der Heidermedien eingeführt hatte. Unter Heider medien verstand er nun einmal etwas, das aus vorgegebenen Elementen besteht, die lose gekoppelt bereits vorliegen und sozusagen ihrer festen Kopplung harren. Feste Kopplungen nannte er Formen. Medien sind laut Luhmann also nichts an deres als diese lose gekoppelten »Vorräte« an Elementen (Topfmetaphorik), aus denen Formen durch feste Kopplung her vorgehen. Nun ergibt sich aus der Logik der Sache, dass Medien also nichts sein können, das eine eigene Autopoiesis vollzieht und also können Medien nicht zugleich System sein, denn (soziale) System zeichnen sich ja eben genau dadurch aus, dass sie selbständig in ihrer Autopoiesis von Moment zu Moment sich immer wieder selbst erzeugen. Heidermedien aber erzeu gen a definitione ihre Elemente (und damit: sich) nicht selbst, sondern werden fremdproduziert und halten ihre auf diese Weise vorgefundenen Element nur (in loser Kopplung) »beisammen«, so dass sie von anderen »Elemententöpfen« (= Me dien) unterschieden werden können. Das System verfügt demnach also über eine Aschenputtelfunktion, die Elemente sortiert, separiert und in verschiedenen, getrennten »Töpfen« (= Medien) zusammenhält. Und ganz wie in einem »Topf«, so liegen sie sozusagen ohne eine feste Positionierung zueinander unentrinnbar beieinander. Sie können ihre Lage zueinander also jederzeit ändern - nicht aber den Topf verlassen. (Luhmann spricht hier von »loser Kopplung«.). Erst, wenn es gelingt, ihre Lage zueinander temporär einzufrieren, entsteht das, was Luhmann eine »Form« nannte. (Formen im Rahmen Heidermodells haben übrigens bei nä herem Hinsehen beinahe nichts gemeinsam mit demjenigen, was Luhmann - inspiriert von Spencer Brown - ebenfalls Form nannte. Auch dadurch trägt die Theorie der Heidermedien auf terminologischer Basis zum Inkonsistentwerden der Systemtheorie bei.) Luhmann sprach auch davon, dass jede Form nach kurzer Zeit ihre Elemente wieder an das Medium zurück gibt. (Formen galten ihm als sehr instabil, Medien als relativ zeitstabil.) Obwohl mit »zurückgeben« von der Logik des Modells her nicht mehr gemeint sein kann als eine Lockerung der Kopplung (»feste« wird wieder zur »losen Kopplung«), beschrieb er diesen Prozess so, als würden sich etwa die Buchstaben eines Zeitungsartikels irgendwann vom Blatt wieder lösen und in die Druckerpresse zurück wandern (Elementenrecycling). Wenn man noch Luhmanns peinlich angestaubte Beispiele vom Sand bzw. dem seit Descartes beliebten Wachs oder - noch arger - seine Simplifizierung der medialen Funktionsweise der alphabetischen Schrift hinzunimmt (z.B. Alphabet = Medium, Wort, Satz etc. = Form), dann wird man als Sys temtheoretiker betrübt zugeben müssen, dass die Hemdsärmeligkeit der Luhmannschen Medientheorie in einem geradezu tragischen Ausmaß hinter der Komplexität seiner anderen Modelle zurücksteht. Die Euphorie, mit der dennoch seinerzeit Luhmanns Begründung einer Medientheorie gefeiert wurde, lässt sich mithin sicherlich nicht durch die Qualität des Mo dells erklären, sondern nur damit, dass eine ausgearbeitete allgemeine Medientheorie jahrzehnte lang vakant war und so klaffende Risse im Theoriedesign verursacht hatte, die man wähnte, nunmehr endlich schließen zu können. Die darauf folgende euphorisierte Anwendung der Heidermedien übersah lange Zeit nicht nur deren Simplizität, sondern vor allem und tragischer Weise ihre unvermeidliche logische und begriffliche Kollision mit Luhmanns Spencer Brownschen For men. All dies hat die Systemtheorie heute an einen Punkt geführt, an dem eine Revision mit so hohen Kosten verbunden

wäre, dass ein Großteil der Theoretiker sich verständlicherweise lieber die Blamage erspart und mühsam Schwächen zu eskamotieren oder aber das Modell durch einen versteckten Wandel auszuschleichen sucht. Immerhin haben wir nun ein wichtiges Ziel erreicht, nämlich, erkennbar werden zu lassen, warum es Luhmann nicht möglich war, Systeme zuglich als Medien (vice versa) zu beschreiben und damit sein Model de Heidermedien auch auf die Massenmedien anzuwenden. Denn, um Medien zugleich als System behandeln zu können, müssten Medienelemente selbstverständlich zugleich Systemelemente sein können. Aber das hätte geheißen: Heidermedien müssten alle ihre Ele mente, aus denen sie bestehen, selbst erzeugen (Autopoiesis). Das hatte Luhmann aber ausgeschlossen durch die Annah me, dass Medien passiv seien und dass Medien aus vorab vorhandenen Elemente bestünden und also vom Medium nur (lose) gekoppelt (also »zusammengehalten«), nicht aber erzeugt werden. Auch hier also steht der Theorie wieder die ihr eigene Topfmetaphorik im Weg, die Medien als passive Vorratslager darstellt, die nicht mehr können, als zu verhindern, dass ihr Inhalt sich verflüchtigt, in Unordnung gerät, indem er sich mit anderen Elementen auf eine Weise mischt, die zur Entropie führt und damit jede spätere Formung ausschließt. Ein Topf nimmt nur auf, was es schon gibt und verhindert ein Auslaufen des Inhalts. Es sei noch kurz daran erinnert, dass Luhmann den Einruck, man habe es mit »gefüllten Töpfen« zu tun, über die Wahl weiterer Begriffe wie »Viskosität«, »Körnung« oder »Substrat« verstärkt. Manch ein Systemtheoretiker spricht heute schon (zugestanden: nicht ohne Ironie) vom »Formentopf«, womit sich andeutet, dass die vorgetragene Kritik zutrifft. Es dürfte zumindest schwierig sein, sich aus all dem herauszureden. Aber eben diesen Einruck, einem so kruden Ansatz ge radezu gewaltsam Konsistenz, Komplexität und Leistungsfähigkeit zu verleihen, machen eine große Reihe systemtheore tischer Texte, die dieses Modell anwenden. Die Systemtheorie hat sich vielleicht zu früh und zu jubelnd auf die Heider medien eingeschworen. Es ist rückwirkend nicht mehr einfach, die Geister, die man dabei rief, wieder los zu werden, ohne ganze Regale medientheoretischer Untersuchungen - bildlich gesprochen - »in Schutt und Asche« legen zu müssen. Eine Reflektion der Nachteile der Heidermedien findet sich innerhalb systemtheoretischer Literatur daher bis heute eher selten bis gar nicht. Es gilt als ausgemacht, dass die Heidermedien das systemtheoretische Medienmodell schlechthin bil den. Viel zu viel an Literatur wurde inzwischen unter der Signatur von Medium und Form erzeugt, so dass der Selbst schutz der Theorie dazu zwingt, jeden Angriff auf die Heidermedien so weit als möglich zu ignorieren oder ihn mit der geballten Macht der akademischer Stellung, des Renommees und der Popularität einzelner Theoretiker, abzuwehren. Eine bekannte, typische Reaktion des Immunsystems der Wissenschaften also. Man kann bei Bedarf bei Bohr, Kuhn oder auch bei Luhmann selbst darüber einiges nachlesen. Wer möchte schon riskieren, einen ansehnlichen Teil seiner Publikations liste zu gefährden, weil sich ein »Fehlerteufel« dorrt eingeschlichen hat, der ganze Analysen in Frage zu stellen scheint? Luhmanns Medientheorie mag also der vielleicht schwächste Teil seiner insgesamt eher genial zu nennenden Theorie sein, jedenfalls aber sollte sichtbar geworden sein, dass, und warum Luhmann Medien nicht als Systeme und Systeme nicht als Medien denken konnte. So stand mit der sichtlich richtigen Entscheidung, die Massenmedien als soziales System zu fassen, schon fest, dass sie nicht zugleich als Medien würden behandelt werden können. Die medialen Aspekte der Massenmedien waren damit von Anfang an verloren. Wenn es Luhmann nicht gelungen wäre, dieses Manko durch eine große Zahl anderer wichtiger Entdeckungen und Aspekte auszugleichen, so hätte man sicherlich das Aus für eine sys temtheoretische Behandlung der Massenmedien konstatieren müssen.

Nun wird keineswegs jedes Medium zugleich System sein; aber es muss in einer Medientheorie vorgesehen werden, dass ein Medium zugleich Systeme sein kann. Wenn wir hier also feststellen, dass Luhmanns Heidermedien eine bedingte Identifizierung von System und Medium nicht ausreichend unterstützen, so ist damit bereits einer von vielen Gründen ge nannt, warum wir auf den Ersatz des Modells der Heidermedien durch eine neue Medientheorie drängen. Wir haben an anderer Stelle (vgl. hierzu oben S. 7) bereits eine alternative Medientheorie erarbeitet, die sich an einem der wohl bedeu tendsten Medientheoretiker orientiert, nämlich an Marshall McLuhan. Da es für die folgernden Überlegungen aber von großer Bedeutung ist, die Massenmedien zugleich als System und als Medium beobachten zu können, wird sich diesbe züglich der Wechsel auf ein an McLuhan angelehntes, alternatives medientheoretisches Modell hoffentlich sofort positiv bemerkbar machen. Aus diesem Grund und auch, weil der Abschied der Heidermedien sowie der Ersatz durch eine alternative Theorie im Folgenden eine zentrale Stellung einnehmen werden, wollen wir dieses Thema noch um einen Gedanken vertiefen. Denn schließlich wird Luhmanns Modell der Heidermedien nicht nur aus dem genannten Grund keine Verwendung finden, son dern auch, weil es bei weitem zu implikativ ist: Seine Anwendung erfordert ja nicht nur eine bedenkliche Simplifizierung und Einengung des Medienbegriffs, sondern es drängt ­ ausgelöst durch die Engstellung von Medium und Form ­ den Formbegriff unvermeidbar in eine beobachtungslogisch sehr problematische Richtung, gerade weil es den von SpencerBrown inspirierten Formbegriff zunehmend zu dominieren sucht. Diesen Eindruck wird man kaum in Abrede stellen kön nen, wenn man die medienbezogene systemtheoretische Literatur der letzten Jahre beobachtet. Wir wollen uns hier mit dem Hinweise begnügen, dass der Spencer-Brownsche Formbegriff seinerseits eine ausreichende Nähe zu Batesons Be obachtungsbegriff benötigt, weshalb eine einseitige Gewichtsverlagerung zugunsten der Heidermedien beobachtungslo gisch unberechenbar zu werden droht. Wir beenden hie die Diskussion, schon weil sich eine ausführliche Darstellung die ser und anderer mit den Heidermedien verbundenen Probleme in unserem Essay »Luhmann, McLuhan und der Graf von Monte Christo« (download auf hauptsache-philosophie.de) findet.

3 System und Medium

Der nun folgende Revisionsvorschlag startet mit der Feststellung, dass die Massenmedien sich von einem Großteil ande rer Medien durch ihre Eigenschaft unterscheiden, zugleich System und Medium zu sein. Warum eine solche Analyse nicht im Rahmen der Heidermedien durchgeführt werden kann, hatten wir oben bereits dargelegt. Eine ganz anders geartete Schwäche der Heidermedien, harrt aber noch der Diskussion. Diese Schwäche besteht darin, dass sich Heidermedien nicht weit genug auflösen lassen, um hinlänglich differenzierte Analysen singulärer Medien und ihrer psychischen wie sozialen Bedeutung herstellen zu können. Dies liegt nun wiederum daran, das Luhmanns Modell zur Unterscheidung ein zelner Medien lediglich die Unterscheidung verschiedenartiger Elementen zulässt: Wer Medium A von Medium B unter scheiden möchte, dem stehen keine anderen Kriterien zur Verfügung, als die vom jeweiligen Medium zu Verfügung ge stellten Elemente (den »Inhalt des Topfes« sozusagen). Es wird aber nahezu unmöglich sein, Elemente so fein zu unter scheiden, wie es eine hochdifferenzierte Theorie singulärer Medien erforderlich machen würde: Einen MPEG-Player wird man kaum mit Hilfe der Benennung seiner Elementen (Töne? Geräusche?) jemals von einem anlogen UKW-Küchen-Ra dio (Elemente = Töne? Geräusche?) unterscheiden können ­ obwohl seine medialen Effekte mit Sicherheit völlig anders geartet sein werden. Und wie sollen Digitalisierungseffekte, Meta-Information (ID3 Tags etc.) sowie »Nutzungskonven tionen (Mobilität, Kopfhörer etc.) als Elemente des Mediums beschrieben werden können, ohne den Begriff des Elements überzustrapazieren? Oder: Beabsichtigt diese Spielart von Systemtheorie Autos, Raketen, Telefone, Straßennetze etc. etc. nicht mehr als Medien zu betrachten? Die Folge davon wäre eine völlig Verarmung des Medienbegriffs. Eine Theorie macht nicht schon Sinn, weil sie auf Latein geschrieben wurde, oder anders gesagt: Es gibt Selbstbeschränkungen, die sich zwar widerspruchsarm gestalten lassen, aber von ihrer Leistungsfähigkeit so begrenzt sind, dass sie zum Erkenntnis gewinn nicht mehr taugen. Selbstverständlich kann man versuchen, kompensatorisch zwischen technischen und Heidermedien zu unterscheiden. Da mit verbaut man sich aber jede Chance auf eine Einheitlichkeit der Medientheorie verloren und damit die Möglichkeit, eine allgemeine Medientheorie zu begründen. Außerdem ­ das hat auch Luhmann wiederholt betont ­ kann es soziolo gisch nicht um technische Medien gehen, sondern um soziologisch und psychologisch praktikable mediale Unterschei dungen. Technisch angelegte Unterscheidungen hatte Luhmann daher unter Nennung guter Gründe abgewiesen. Aus die sem Grunde werden auch in der im Folgenden angewandten Medientheorie, die sich an McLuhan orientiert, Medien kei neswegs technisch bzw. als Techniken begriffen. (Wenn man genauer hinschaut, so wird man erkennen können, dass auch McLuhan entgegen einer verbreiteten Meinung Medien keineswegs mit Techniken gleichgesetzt hat. Aber auch das hat ten wir an anderer Stelle schon ausgeführt. Vgl. den diesbezüglichen Hinweis auf S. 7.) Um die Zielrichtung der beiden oben aufgeführten Thesen zur Unbrauchbarkeit des Heidermodells innerhalb einer elabo rierten Medientheorie jetzt schon deutlicher werden zu lassen, müssen sie miteinander verbunden werden. Dann kann man rückschließen, dass man zur Analyse des Phänomens der Massenmedien systemtheoretisch eine Medientheorie be nötigt, die zwei besonderen Anforderungen zu genügen hat. Sie muss a) den Sonderfall eines Mediums, das zugleich (soziales) System ist, widerspruchslos beschreiben können. b) Einzelmedien klar voneinander abgrenzen können.

Wie dargelegt, kann (a) der Sonderfall eines Mediums, das zugleich autopoietisches System ist, nicht innerhalb des Hei dermodells beschrieben werden. Und zwar schon deswegen nicht, weil die Idee der Elementenbildung im Heidermodell inkompatibel ist mit der, die im Zusammenhang der Theorie autopoietischer Systeme Anwendung findet. Heidermedien lassen sich nicht als autopoietische Systeme beschreiben, da sie auf ein völlig anderes Verhältnis von Operation und Ele ment festegelegt sind. Heidermedien sind passiv; sie können nicht operieren, zumindest nicht im Sinne einer Produktion ihrer eigenen Elemente. Hier ­ wie in sehr vielen anderen Medientheorien ­ werden Medien also als etwas begriffen, das nicht strukturgekoppelt wirkt, sondern nur benutzt wird wie ein Hammer oder ein Taschenrechner, als etwas Passives eben, das auf einen Akteur wartet, der es in Funktion setzt. Folglich können Medien dieser Art ihrerseits nicht als auto poietische Systeme verstanden werden. Das aber systemtheoretisch notwendig, um die Massenmedien als Medium und als System beschreiben zu können. Weil sich (b) Heidermedien nur durch die von ihnen zur Formung zur Verfügung gestellten Elemente voneinander unter scheiden, kann es der Systemtheorie auch nicht gelingen, einzelne Medien in ausreichender Granulation voneinander un terscheidbar zu halten. Viele mediale Vorgänge werden mit guten Gründen von den meisten anderen Medientheorien mit Hilfe der Annahme einer Vielzahl sehr verschiedener Medien begründet. Sofern aber eine große Zahl dieser Medien im Heidermodell durch gleichartige Elemente beschrieben werden müsste, zerrinnen der Systemtheorie alle feineren Unter scheidungen einzelner Medien im Moment ihrer Beschreibung. Infolgedessen herrscht im Heidermodell mühsam eskamo tierte Ratlosigkeit bezüglich der Beschreibung einer singulärer Medien. Die Konsequenz: Die von anderen Theorien ge leistete wissenschaftliche Erklärung vieler bedeutender medialer Phänomene kann innerhalb er Systemtheorie nicht ab gebildet werde, sofern sich die Systemtheorie weiterhin auf das Modell der Heidermedien festlegt. An beiden Anforderungen musste Luhmann also scheitern. Seine Heidermedien lassen sich schlicht nicht konsistent auf Sondermedien (worunter Luhmanns Erfolgsmedien sowie Medien, die zugleich System sind, verstanden werden sollen) anwenden. Bei Erfolgsmedien etwa handelt es sich ja um kompakte Medien, insofern sie aus der Einheit der Differenz ei nes Codes gebildet werden. Beispielsweise vertritt dann »Wahrheit« als Einheit symbolisch die Differenz von »wahr/falsch«. Erfolgsmedien lassen sich in logischer Konsequenz der Tatsache, dass sie aus nur einer Differenz mit zwei Seiten bestehen, nicht als aus losen Elementen bestehend denken, die feste gekoppelt werden könnten: Erfolgsmedien sind gewissermaßen immer schon feste gekoppelt. Mit dem Heidermodell wird also die Medientheorie durch eine Überspezifizierungen kontaminiert, vor allem durch die Lehre von Element, Körnung, Substrat sowie losen und festen Kopplungen. Denn, wenn man sich alle Medien als spezifi ziert durch Element, Substrat und Kopplungsprozesse vorstellen muss, so wird vieles, was sinnvoller Weise als Medium begriffen werden könnte (und gelegentlich inkonsequenter Weise von Luhmann auch so begriffen wurde), aus der Me dientheorie ausgeschlossen. Welcher Art sollten denn auch die Elemente der Massenmedien sein, so dass das System der Massenmedien über diejenigen Formen erklärt werden könnte, die massenmediale Kommunikation tagtäglich erzeugt? Ein signifikantes Repertoire von Elementen, aus denen die über Printmedien, Fernsehen, Hörfunk und Internet zur Verfü gung gestellten Formen gebildet werden könnten, dürfte sich schwerlich benennen lassen. Weder einige dutzend Buchsta ben noch ein (endloses!) Repertoire von Geräuschen und Bildern (oder Pixeln?) kann ausreichen, um all jene massenme dialen Formen bzw. Informationen als Kopplungsprodukte begreifen zu können. Zudem wäre ein solches Repertoire von Elementen nicht geeignet, um die aufgezählten Verbreitungsmedien voneinander unterscheidbar zu machen. Viele Ver

breitungsmedien erzeugen Geräusche bzw. Töne oder Bilder, Printmedien ebenso wie der Fernseher und das Internet (die beiden letzten kennen zusätzlich Bewegtbilder). Und Pixel werden auf sämtlichen Bildschirmen genutzt, auch, wenn es gar nicht um Verbreitung geht. Medien mögen also Geräusche, Töne, Bilder, Schrift etc. erzeugen - die Frage ist aber: Lassen sich diese sinnvoll als Elemente begreifen? Und die wesentlich bedeutendere Frage ist: Lassen sie sich als ein ein grenzbares, endliches Repertoire begreifen, das von einem bestimmten Medium gebunden und zur Verfügung gestellt wird? Wenn mehrere Medien, etwa Computer, Fernseher oder das Internet über Bilder, Bewegtbilder, Pixel, Audio etc. Informationen aufbereiten: Wie sollten sich diese Medien als einzelne voneinander unterscheiden lassen, wenn sie doch im Sinne des Heidermodells die gleichen Elemente zur Formbildung verwenden? Wenn man sich Medien als konstituiert über Elemente vorstellen wollte, so würde darüber hinaus das Verhältnis der Mas senmedien zu anderen Medien unscharf: Welche Rolle spielt etwa die Verschachtelung von Medien, etwa (willkürlich aufgeführt) Zeitungen, Druckerpresse, Telegraf, Internet, Schlagzeile, Fernseher, Radio etc. in den und für die Operatio nen der Massenmedien? Auch hier zeigt sich wieder das Problem, das sich daraus ergibt, dass Luhmanns Theorie mit Heider von Funktion auf Funktionieren umschaltet. In der Tat wollte Fritz Heider ja nicht klären, welche Funktionen Me dien ausüben, sondern schlicht: wie sie funktionieren. Eine soziologische Theorie muss aber nicht sagen können, wie Me dien in diesem Sinne funktionieren, sondern wie sie ihre Funktion erfüllen. Und dazu muss man aber nicht unbedingt wis sen, ob dies durch feste Kopplung loser Elemente geschieht oder durch etwas anderes. Man muss medientheoretisch ­ wenn die Analogie erlaubt ist ­ einfach nicht wissen, wie ein Fernseher funktioniert und wieso ein Flugzeug fliegen kann. Man muss als Medientheoretiker nur wissen, welche psychischen und sozialen Funktionen ein Fernseher erfüllt (wenn er funktioniert) und welche Rolle der Einsatz von Flugzeugen (die fliegen können) für die Gesellschaft und die Psyche spielt. Nach all dem lässt sich die These wagen, dass sich - wenn man zurückschaltet von Funktionieren auf Funktion - die Theorie des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan als weit geeigneterer Ansatz erweisen wird als das Mo dell der Heidermedien.

3.1 Selbstmediatisierende Systeme

Um es vorweg zu nehmen: Eigentlich mediatisieren alle autopoietischen Systeme sich selbst. Die Wirtschaft beispielswei se »klinkt« nicht nur alle Medien ein, die in wirtschaftlichen Prozessen eine Rolle spielen; vielmehr mediatisiert das Wirt schaftssystem alle seine eigenen Systemprozesse in Richtung auf: Wirtschaftsprozesse (was sonst?). In eben diesem Sinne können alle Systeme stets auch als Medien begriffen werden: Die Wissenschaft bildet das Medium zur Erzeugung einer bestimmten Art von Wissen(skommunikation) und das Recht bildet das Medium einer bestimmten Art von Entscheidun gen und Richtlinien, die Konflikte ermöglichen (Rechtssicherheit) bzw. beizulegen helfen. Indes bilden die Massenmedi en kaum übersehbar einen Sonderfall und weil dies so offensichtlich ist, trägt dieses System selbst in der Alltagssprache den Begriff der »Medien« als Namensbestandteil. Das aber, was die Massenmedien zum Sonderfall macht, ergibt sich aus ihrer besonderen Nähe zu einem bestimmten Typ anderer Medien: den sogenannten Verbreitungsmedien. In der moder nen Gesellschaft sind alle Systeme auf Verbreitungsmedien angewiesen ­ aber kein System ist so eng mit ihnen verwoben wie die Massenmedien.

Ein Großteil der Medientheorie sieht das allerdings anders. Statt die Differenz und Verwobenheit von Verbreitungsmedi en und Massenmedien ins Zentrum der Theorie zu stellen, wird in zahlreichen Analysen gar kein Unterschied zwischen Massenmedien und Verbreitungsmedien gemacht. Letztlich werden hier also Verbreitungsmedien und Massenmedien in eins gesetzt: Wenn vom Fernsehen die Rede ist, wird der Verbreitungsweg »Fernsehen« in eins mit dem Massenmedium »Fernsehen« gesetzt. Und die Vervielfältigungstechnik des Buchdrucks, die zur Verbreitung dienen kann, wird oft genug als »das Massenmedium Buchdruck« begriffen. Analoges gilt dann für andere Verbreitungsmedien wie das Radio, die Zeitung etc. Nirgendwo wird diese Gleichsetzung aber so greifbar, wie im Falle des Internet, das nahezu ausnahmslos als Massenmedium begriffen wird, obwohl der sehr kluge Begriff der Multimedialität schon signalisieren müsste, dass »das Internet« ein Konglomerat verschiedenster Medien (Audiostreaming, Videostreaming, Print etc.) darstellt und somit zu nächst eher als ein Verbreitungsweg (wie UKW, DAB, MW, GPRS, dvb, UMTS, ADSL etc.) betrachtet werden sollte, der es erlaubt, die verschiedensten Verbreitungsmedien (wie Radio, Fernsehen, Print, Telefon etc.) zu bündeln. Technisch steht hier das TCP/IP-Protokoll im Vordergrund, das allerdings nicht nur (im Gegensatz zu Broadcastingtechnologien) rückkanalfähig ist, sondern verschachtelt mit weiteren Technologien (etwa ISDN, UMTS, GPRS, ADSL, XHTML, Flash, RM, IRC, Java-Script etc.) die für multimediale Technologien notwendige Infrastruktur bereitstellt. Dieser außergewöhn lich dichte Technologie- und Medienverbund erzeugt eine Kompaktheit, die die Verwendung des Einheitsbegriffs »das Internet« gerechtfertigt erscheinen lässt - nicht aber die Ansicht, das Internet sei ein Massenmedium. Denn gerade diese Bündelung sollte darauf aufmerksam machen, dass sich das Internet nicht als Massenmedium beschrei ben lässt, sondern nur als einer von vielen Verbreitungswegen, die den Massenmedien zur Verfügung stehen. Wie hier sichtbar wird, können technische Betrachtungen der Medientheorie durchaus aufschlussreiche Hinweise geben, sofern be achtet wird, dass technische Merkmale keineswegs mit medialen Funktionen gleichgesetzt werden können. Mediale Ei genschaften und Funktionen lassen sich erst daraus bestimmen, wie sich Medien in Systeme »einklinken« und welche vor allen Dingen strukturmodifizierende und evolutionierende Rolle sie dabei übernehmen. Eben diese Vorgehensweise hat uns McLuhan vorgemacht, wenn er vom technischen auf den gesellschaftlichen Wandel und damit auf die Medialität die ses Wandels zu sprechen kam ­ sei es in seinen Analysen der Eisenbahn, der Artillerie oder der Elektrifizierung. Aber er wusste diese Medialität auch auf das zu beziehen, was Systemtheoretiker unter psychischen oder physischen Systemen abhandeln würden. Er sprach in diesen Fällen (wie allgemein üblich) vom »Menschen« und den traumatisierenden Wir kungen die vor allem neue Medien auf die Psyche ausüben: Wer Lesen gelernt hat, hat nicht einfach den Gebrauch eines praktischen Werkzeugs erlernt. Die Linearität des alphabetischen Lesevorgangs verändert die Sinnlichkeit, vor allem die Raumwahrnehmung, und verstärkt zugleich den Einsatz einer Schablone, die stetst versucht, sich sämtliche »Dinge« als aus einzelnen Elementen zusammengesetzt vorzustellen. An eben diesen Stellen schlagen McLuhans technische in media le Analysen um. Abweichend von der Konvention, Massenmedien und Verbreitungsmedien gleich zu setzen, werden wir im Folgenden also darauf achten müssen, eine möglichst scharfe Grenze zwischen ihnen zu ziehen. (Auch Luhmann hat diese Grenze gezogen, aber nicht immer mit ausreichender Schärfe.) Verbreitungsmedien lassen sich nicht als System beschreiben. Hingegen müssen die Massenmedien (trotz des Plurals) als ein System begriffen werden. Das Verhältnis von Massenme dien zu Verbreitungsmedien lässt sich dann wie folgt bestimmen: Das System der Massenmedien koppelt Verbreitungs medien, so dass diese Infrastrukturleistungen übernehmen können. Nach den Vorstellungen des hier angewandten Mo

dells der McLuhan-Medien koppeln Medien also im Gegensatz zum Heidermodell keine Elemente, sondern Systeme. Da sie auf diese Weise zum Systembestandteil werden, passt der Begriff der Kopplung weit weniger als der des »Einlinkens«. Die Bedeutung einer klaren Unterscheidung zwischen Verbreitungs- und Massenmedien lässt sich leicht anplausibilisie ren, wenn man sich vor Augen führt, dass etwa »das Internet« kein Massenmedium sein kann, ebenso wenig wie »der Buchdruck«: Ein Verlag kann sich eines Verbreitungsmediums »bedienen« und etwa ein Buch in einer 10.000er Auflage drucken, um es dann in seinen Regalen vergammeln lassen zu müssen, weil es keine Käufer findet. So wie im Internet un geheure Mengen von privaten Sites existieren, deren Chance, von einer großen Zahl von »Nutzern« aufgesucht zu wer den, aber gegen Null tendiert. Diese Seiten werden also faktisch nie eine massenhafte Verbreitung finden, obwohl das In ternet potentiell massenhaften Zugang und weltweite Verbreitung sicherstellt ­ eine einzigartige Konstellation in der Ge schichte der Verbreitungsmedien, die zur Euphorie verführt hat und zu dem Missverständnis, über das Internet habe end lich jeder Mensch (s)einen Zugang zu den Massenmedien, und nicht mehr nur große Unternehmen, Verlage etc. Diese Beispiele machen aber eins deutlich: Die Nutzung von Verbreitungsmedien bedeutet noch keineswegs, dass die entspre chende Kommunikation (wenn sie überhaupt stattfindet) innerhalb des Systems der Massenmedien stattfindet. Die Mas senmedien sind wie jedes soziale System sehr anspruchsvoll, hochselektiv und über ihren Code geschlossen. Massenme dien lassen sich nicht durch die bloße Verwendung eines Verbreitungsmediums »übertölpeln«, an die entsprechende Kommunikation anzuschließen. Sie folgen eigenen Selektionskriterien. Zu diesen Kriterien gehört aber nicht die Verwen dung von Verbreitungsmedien. Verbreitungsmedien bilden zwar die unerlässliche Voraussetzung, nicht aber ein Kriteri um der Zugehörigkeit zum System der Massenmedien. Über Verbreitungsmedien findet das System die Grenzen seiner Möglichkeit, an Kommunikation anzuschließen: Kommunikation, die nicht über Verbreitungsmedien erzeugt wird, kann nicht zum System gehören. Der Umkehrschluss ist aber unzulässig: Kommunikation, die über ein Verbreitungsmedium erzeugt wird, muss keineswegs zwangsläufig massenmediale Kommunikation sein. Die bloße Verwendung von Verbrei tungsmedien bildet kein Selektions-, sondern lediglich ein Ausschlusskriterium. Die Frage nach dem medialen Status des Internet wird immer wieder gestellt. Dass darauf selten befriedigende Antworten gefunden wurden, liegt zu einem erheblichen Teil am Missverständnis einer Identifizierung von Massenmedium und Ver breitungsmedium. Die Frage, was für eine Art von Medium das Internet denn sei, kann, wenn man keine Identität mehr zwischen Massen- und Verbreitungsmedien unterstellt, leicht beantwortet werden: Buchdruck und Internet sind keine Massenmedien, so wenig wie UKW oder TCP/IP Massenmedien sind. Vielmehr handelt es sich dabei je nach Perspektive um Verbreitungstechnologien, die, sofern sie in Systeme einklinken (d.h. von Systemen gekoppelt werden) sofort zu (Verbreitungs)Medien mutieren und in unmittelbarer Codenähe »andocken«. (Ausführliche Erläuterungen hierzu folgen unten im Kapitel »Der Code der Massenmedien«, S. 34ff.) Hier soll vorgeschlagen werden, Medien, die direkt am Code oder in dessen unmittelbarer Nähe einklinken, als basale Medien zu bezeichnen. Da Luhmann die einzigen Medien, bei denen auch er davon ausging, dass sie direkt am Code andocken, als Erfolgsmedien bezeichnet hat, können wir also auch diese zu den basalen Medien rechnen. Wenn man so ansetzt, gewinnt die Theorie eine auffallend klare Struktur, die helfen sollte, ein neues Verständnis der Massenmedien zu gewinnen. Die strikte Unterscheidung zwischen Verbreitungstechnologien, Verbreitungsmedien und den Massenmedien wird weitere Unterscheidungen nach sich ziehen müssen, die teilweise nur kontextual abzufedern sein werden: So werden Aussagen nach dem Muster, »das Fernsehen ist ...«, »das Radio ist ...« oder »Zeitungen sind ...«

mehrdeutig werden. Denn anders als in einem Großteil der Medientheorie werden wir gezwungen sein, jeweils deutlich zu machen, ob jeweils beispielsweise auf das Fernsehen als Technologie oder als Verbreitungsmedium oder als Teil der Massenmedien Bezug genommen wird. In diesem Zusammenhang fällt eine weitere Frage auf, der wir nachgehen werden: Wenn systemtheoretisch gesehen die Massenmedien ein System bilden, lässt sich dann überhaupt noch die konventionelle Differenzierung in einzelne Massen medien (Fernsehen, Hörfunk, Print, Radio etc.) durchhalten, die ja seit jeher am jeweiligen Verbreitungsweg orientiert ist? Gerade weil wir Luhmann darin zustimmen, dass die Massenmedien ein soziales Subsystem darstellen, das sich wie alle sozialen Systeme anhand eines Codes ausdifferenziert, der auf der basalen Operation »Kommunikation« aufsetzt, können wir nicht zugleich ernsthaft fragen, ob es mehrere derartige Systeme geben könne ­ wie sehr auch der Begriff »Massenmedien« grammatisch einen Plural nahe legen mag. (Luhmann hat dieses Problem beim »Bewusstsein« überse hen und sprach ohne Erläuterungen immer gerne auch von »Bewusstseinen«. Aber über einen Operationsmodus kann sich auch immer nur ein System ausdifferenzieren. Die Subjektphilosophie hatte dieses Problem erkannt und dafür Figuren wie die Unterscheidung in ein empirisches und ein transzendentales Bewusstsein entworfen.) Eine so klare Feststellung, die besagt, die Massenmedien sind ein System, muss aber nicht ausschließen, dass es auf andere Weise Sinn machen kann, dennoch eine Vielzahl »von Massenmedien« zu unterscheiden: Vorausgesetzt, wir betrachten diese dann entweder als eine nicht-systembildende oder aber als eine subsystembildende Differenzierung des einen Systems der Massenmedi en. Eine solche Unterscheidung ist legitim und sicherlich auch sinnvoll, aber eben auch riskant, da die Rede etwa davon, dass Radio und Fernsehen Massenmedien seien, sprachlich nahe legt, die Massenmedien seien nicht ein, sondern viele Systeme. Ob aber die Differenzierung, die über codenahe Medien erzeugt wird, Subsysteme (die dann ja über eine jeweils eigene Umwelt verfügen müssten) erzeugt oder eine nicht-systembildende Differenzierung hervorruft, soll hier noch offen gelassen werden. Umso mehr sollte innerhalb jeder systemtheoretischen Kommunikation stets eine sehr klare Kontextuie rung angestrebt werden, die verdeutlicht, ob der Begriff Massenmedium auf das übergeordnete System zielt oder auf eine Subdifferenzierung, die sich an Einzelmedien orientiert. Es liegt daher Nahe, in einer Theorie der Massenmedien etwas auszuprobieren, was auch innerhalb einer allgemeinen Me dientheorie Sinn machen könnte: eine starke interne Differenzierung innerhalb von Systemen anzunehmen, die sich daran orientiert, welches Medium gerade von welchen Prozessen direkt gekoppelt wird. Dann ließe sich fallbezogen sagen: In nerhalb der Massenmedien finden Operationen statt, deren Selektivität zunächst nicht an der Selektivität der Information ansetzt, sondern an der Kopplung des zur Mitteilung dominanten Mediums: Werden als Mitteilungswege die Verbrei tungsmedien Radio oder Fernsehen oder Zeitung gewählt, so muss in der Folge die Selektion der Information dem ge wählten Medium folgen ­ und nicht umgekehrt. Wenn dem aber so ist, so dominiert ganz im Sinne McLuhans eindeutig nicht der (sinnhafte) Inhalt einer Kommunikation das Medium, sondern das Medium den sinnhaften Inhalt. Es lässt sich leicht zeigen, dass im Falle der Massenmedien genau diese enge Orientierung am Medium der Fall ist: So bildet das be deutendste Kriterium jeder professionellen Fernseh-Nachrichtenredaktion medienadäquat immer die Frage: Haben wir zu diesem Thema (bewegte) Bilder? Und nicht informationsbezogen: Ist diese Information zur Zeit die Wichtigste? Das gilt sogar oder gerade für »Sendungsopener«. Die Wahl des »Fernsehens« als Verbreitungsmedium entscheidet maßgeblich über die Auswahl der Inhalte. Das Fernsehen aber braucht Bilder ­ the medium is the message. Ein entscheidender (McLuhanscher) Aspekt, der Luhmann offensichtlich entgangen ist. (Luhmanns gelegentliche Anspielungen auf

McLuhan legen sowieso den Verdacht nahe, dass er dessen Theorie nicht wirklich kannte.) An diesem Punkt wird ein ers tes Argument dafür erahnbar, dass Luhmann keine angemessene Differenz im Auge hatte, als er den Code der Massenme dien als informieren/nicht informieren bestimmte. Die Idee einer Subdifferenzierung entlang von Medien ist aber schon deswegen reizvoll, weil sie den Medien innerhalb der Systemtheorie einen weit höheren Stellenwert einräumt - das Medium kann sich so zunehmend als »Botschaft« (sen su McLuhan) zeigen. Mit Luhmanns Erfolgsmedien (Geld, Wahrheit, Recht etc.) deutete sich zwar ein solcher Schritt an, allerdings wirken diese Medien nicht differenzierend, sondern erhöhen lediglich die Wahrscheinlichkeit einer Ausrich tung von Folgeoperationen an der systemdifferenzierend wirkenden Systemcodierung. Erfolgsmedien koppeln den bi nären Code des Systems also in der Funktion eines Attraktors, haben aber eben darum keine subdifferenzierenden Effek te. Ihre Funktion besteht allein darin, gesellschaftliche Anschlussoperationen in Codenähe »zu ziehen« (in Luhmanns Worten: zu motivieren und also wahrscheinlicher werden zu lassen): Wenn der Richter darauf hinweist, dass es vor Ge richt nur ums »Recht« gehe, so wird der Anwalt diesem Attraktor folgen und nicht antworten: »Nein, ums Geld!« Und sein Mandant wird sich dem anschließen, selbst wenn er auf eine hohe Entschädigungssumme hofft. Man kann daraus ersehen, dass, wenn Medien differenzierend wirken sollen, es zwar notwendig, aber nicht hinreichend ist, direkt am Code anzudocken. Verbreitungsmedien gelingt also mehr als die bloße Kopplung und in eben diesem Sinne (und nur in diesem Sinne) wird man davon sprechen können, dass es sowohl ein System der Massenmedien gibt, als auch eine begrenzte Zahl einzelner Massenmedien. Der Konvention folgend, werden auch wir die einzelnen Massenmedien nach den von ihnen direkt gekoppelten Verbreitungsmedien benennen und also von Fernsehen, Radio, der Zeitung etc. sprechen. Für den Leser entsteht als die Aufgabe, zu unterscheiden, ob jeweils von einem solchen Teilbereich der Mas senmedien oder lediglich von einem Verbreitungsmedien die Rede ist. Um das System der Massenmedien medial differenziert beschreiben zu können, bedarf es eines besonders sorgfältigen Umgangs mit der uns zur Verfügung stehenden Terminologie: Immerhin werden Worte wie Radio, Fernsehen, Print nun vieldeutig und bedürfen daher eindeutiger Marker. Ist das Radio ein Gerät bzw. eine Audiotechnik, die sich diverser Übertragungstechnologien bedient (UKW, MW, LW, DAB, DRM, DVB-T, DVB-S etc.)? Oder zielt die jeweilige Bemer kung auf das Radio als ausdifferenzierter, kommunikativer Teilbereich innerhalb der Massenmedien? Ist das Internet eine Übertragungstechnologie, ein eigenständiges Medium, ein neuer Fall von Massenmedium oder aber nur eine Verbrei tungstechnologie, die in einer nie da gewesenen Massivität verschiedene Medien (Radiolivestreaming, Fernsehlivestrea ming, Print, Chat, RSS, Flash etc.) miteinander verschachtelt? Kommt es zu einer »multimedialen Integration«, die es an gemessen erscheinen lässt, von einem Verbreitungsmedium zu sprechen, das diverse andere Medien (Radio, Fernsehen, Chat, Telephonie, Foren, Mailinglisten etc. ) koppelt? Unübersehbar also, dass hier eine mediale Verschachtelung (sensu McLuhan) von bemerkenswertem Ausmaß vorliegt. Für die Frage nach der Massenmedialität des Internet entscheidend aber ist die Frage, wie wir bewerten wollen, dass das Internet über einen Rückkanal verfügt. Kommunikation kann hier beinahe jede Form annehmen, auch die der Interaktion bzw. Rückkommunikation (Luhmann). Diese Feststellung ist deswegen so bedeutsam, weil normalerweise gerade der Ausschluss breiter Rückkommunikation mit gutem Grund (nicht nur bei Luhmann!) als für den Systemerhalt notwendiges Attribut massenmedialer Kommunikation gilt. Auch die von Luhmann gegebene Definition geht schließlich davon aus, dass man von massenmedialer Kommunikation nur sprechen könne, sofern die Marginalisierung von Interaktion/Rück

kommunikation ausreichend abgesichert wurde. Auch hier zeigt sich also die Stärke eines an McLuhan angelehnten Kon zeptes, die stattdessen die Verschachtelung der Medien zentral stellt (d.h. die These, dass Medien vor allem Medien ent halten): Das Internet lässt sich danach systemtheoretisch nicht als ein Massenmedium, sondern nur als ein Verbreitungs medium beschreiben, das in einem vorher unbekannten Ausmaß Medien verschiedenster Art verschachteln kann: Interak tionsmedien (Chat, Telephonie, Foren, Mailinglisten etc.) wie auch »massenmediale Medien«, allen voran Print, denen Radio und dann Fernsehen folgen. An diesem Beispiel lässt sich auch das Verhältnis von Verschachtelung und Kopplung exemplifizieren: Im Internet kommt es zu einer außerordentlichen Verschachtelung diverser Medien, die dann von Inter aktionssystemen (per Chat, Email...), aber auch von den Massenmedien (Fernsehen, Print, Radio) gekoppelt werden. Dar über darf nicht vergessen werden, dass das Medium nicht nur die Botschaft in jenem Sinne ist, dass Medien Medien ent halten: Am Medium Internet wird auch anschaulich, dass jede mediale Verschachtelung neue Medien erzeugt: Print im Internet unterliegt völlig anderen Regeln als Print in Zeitungen. Das fängt schon beim Aktualisierungszyklus an. Zeitun gen sind gewissermaßen Nachrichten von gestern. Das kann man im Internet so nicht machen. Und wer im Internet Fern sehen guckt, der klickt sich vielleicht am Ende der Sendung, wenn die Inserts eingeblendet werden, mit Hilfe der von den Sendern gegebenen Links zur Seite von Harald Schmidt, und von dort weiter zum neuen Buch, landet so bei Amazon oder bei Ebay und erwirbt am Ende einen neuen Regenschirm, nicht ohne ganz nebenbei darauf aufmerksam geworden zu sein, dass der Außenminister wiedereinmal keine Verantwortung für die Fehler seines Ministeriums zu übernehmen bereit ist. Beim Radiohören im Internet geht das alles dann noch schneller, denn da Radio ein orales Begleitmedium darstellt, dass wenig Aufmerksam einfordert, kann sich die Aufmerksamkeit des Hörers parallel anderem zuwenden, vielleicht den die Radioseite begleitenden Bildern und Texten oder den im Player sich aufdrängenden Werbeeinblendungen, die die Kom munikation dazu verleiten, in Kapriolen durchs Internet zu surfen. Das Internet ist also dadurch ausgezeichnet, dass es in extremer Dichte und Diversität Medien verschachtelt, die spontan gekoppelt werden können und damit sogar Schnellum schaltungen massenmedialer Kommunikation auf Interaktion hin provoziert: eine Art von Medienhopping. Das Internet funktioniert also wie von McLuhan vorhergesehen in einer Hinsicht tatsächlich wie unser Nervensystem, denn dieses verschachtelt sämtliche Medien des Körpers ­ also vor allem die einzelnen (Sinnes)Organe, aber auch (Ner ven)Zellen ­ miteinander und bietet sie damit zur spontanen Kopplung an. Auf analoge Weise sind Medien im »Netz der Netze«, also dem Internet, verschachtelt. Auch hier ist also das Medium die Botschaft (und nicht der zufällig angesurfte Link, die zufällig geschriebene Mail). Medien neigen offensichtlich zu einer Art unaufhaltsamen Verwirklichung des in ihnen Angelegten, also des Möglichen: Die im Internet angelegten Möglichkeiten werden auch Wirklichkeit. Es spielt also tatsächlich keineswegs die größte Rol le, was es (inhaltlich) jeweils im Internet zu hören, zu lesen oder zu sehen gibt. Das Medium Internet drängt in die Rich tung, in und mit ihm zu hören, zu lesen, zu schreiben, zu chatten und zu emailen etc. Übrigens wird an dieser Stelle sicht bar, dass man das Internet nur schwerlich über »Verlinkungen« bzw. »Links« wird definieren können. Denn abgesehen davon, dass man dann nur vom WWW oder von XML/HTML-basierten medialen Bereichen (und nicht von »dem Inter net«) würde sprechen können, lassen sich gerade die interaktiven Bereiche des Internet (Mail, Chat, Mailinggroups, Foren etc.) sowie die so genannten multimedialen Bereiche (Streaming, Audio/TV On Demand, Onlinespiele etc.) nicht über Links verstehen. Teilweise spielen Links dort überhaupt keine Rolle. Am allerwenigsten gehören alle im Internet verwo benen Medien zu den Hypermedien. Internet ist nicht HTML/XML. Weit unterschätzt sind auch Datenbankabfragen, die

gerade bezogen auf Information eine nicht zu überschätzende Rolle spielen und die keineswegs alle erst durch das Ankli cken eines Links aktiviert werden können und auch nicht immer zu neuen Links à la Google führen. (Technische Stich worte wären hier SQL so wie die Scriptsprachen PHP, Pearl, Java etc. Systembezogen wären hier etwa die Onlinekatalo ge der Versandhäuser zu nennen.) Medien verfügen also über eine Art Autokatalyse, die den Umschlag von Potentialität in Aktualität förmlich zu erzwingen scheint: Man kann im Internet nicht deswegen Radio hören, weil dort gerade gemeldet wird, dass der Kanzler in den Irak reisen wird. Man kann dort Radio hören, weil es Radio gibt und weil es Internet gibt. Es musste geradezu so kommen. So lautete eine Prognose McLuhans und sie ist eingetreten. Dass dies alles zustande kam, beruht nicht auf Entscheidungen oder verabredeten Maßnahmen, die IBM oder Microsoft getroffen hätten. (Bill Gates hat das Internet lange Jahre ganz falsch eingeschätzt und seine berühmte »Spürnase« blieb damit weit hinter der von McLuhan zurück.) Das Internet kennt keine Bestimmung, der zur Folge es demokratisch oder oligarchisch wäre. Obwohl natürlich die Formatierungen, die Me dien erzeugen, bestimmte Kommunikationsformen besser als andere unterstützen. So hat McLuhan eindrucksvoll gezeigt, das Hitler am Fernsehen gescheitert wäre, Stalin und Castro sich diesem Medium dagegen geschickt angepasst hatten. Und mit seiner rührseligen Geschichte über seinen Hund wäre damals Nixon am Radio auch gescheitert. Das Fernsehen dagegen brachte die Tränen zum Rollen. Dennoch lässt sich nicht sagen: dass Fernsehen wirkt demokratisch oder das Ra dio wirkt tribalisierend. Richtig ist nur, dass der Personenkult demokratischer Präsidentschaftswahlen in Amerika sehr viel besser vom Medium Fernsehen als vom Radio unterstützt wird. Orale Medien, wie etwa das Radio, können hingegen auf sehr einfache und effektive Weise von lautstark auftretenden, fanatisierenden Propagandisten für ihre Zwecke einge setzt werden, zumal, wenn diese (wie im Faschismus), an stammesgesellschaftlichen Vorstellungen anzuschließen wissen. Wenn sich aber die Mediennutzung in die eine oder andere Richtung entwickelt, so geschieht dies nicht durch Korruption ihrer »perfectio« (also ihrer »an sich vollkommenen Natur«). Beim Internet so wenig wie beim Radio und beim Fernse hen.

3.2 Unterhaltung und Information

Viele Analysen der Massenmedien sind gegliedert nach den »Bestandteilen« Unterhaltung, Kultur, Information, Bildung etc. Diese konventionelle Gliederung in Sektoren hat auch Luhmann aufgegriffen, kam sie seiner Theorie der Systemco dierung doch einigermaßen entgegen. Aber ein von Programmmachern und in der Alltagskommunikation üblicherweise verwendetes Schema als wissenschaftliches Analyseraster zu verwenden, erscheint bei näherer Betrachtung problema tisch. Im Folgenden sollen die Bestandteile dieses Rasters daher weder als »Programmelemente« noch als »Programmbe standteile« behandelt werden, denn - so alltagstauglich eine solche Klassifikation auch sein mag - sie ist weder analy tisch noch deskriptiv konsequent anwendbar. So wird heute jeder Journalist darauf achten, dass seine Informationen nicht nur informieren, sondern auch unterhalten (Stichwort: Infotainment). Jeder gut gemachte Beitrag liefert nicht nur Infos, sondern erzählt eine (unterhaltsame) Geschichte. Diese Regel gehört zu den Grundlagen des journalistischen Handwerks. Umgekehrt kann Unterhaltung ebenso bildend wie informativ sein. Bei diesen alltagsüblichen Unterscheidungen handelt es sich also nicht um sinnvolle Gliederungen in Programmbestandteile oder -sektoren, sondern um gewichtende Bewer tungen von Programmen, Programmstrecken und Programmelementen, weshalb man sie nicht als Programmbestandteile,

sondern etwa als Programmwerte bezeichnen sollte. Eine solche programmwertende Zuordnung wird programmplane risch von Programmmachern eingesetzt, wenn sie an der Formatierung oder der Formatfüllung von Stundenuhren oder an der Wochen-, Tages- und Sendestreckenplanung arbeiten. Hier und auch medienpolitisch macht die Aufteilung des Pro gramms in entsprechende Segmente, die im Wesentlichen den genannten Programmwerten entsprechen, natürlich Sinn. Redaktionen können dann ihre Platzhalter durch Beiträge »befüllen«, indem sie einzelne bestellte oder vorhandene Pro grammelemente entsprechend ihrer Eignung als Bildungselement, Info-Element einsetzen bzw. bewerten. So werden aus Programmformaten Sendungen. Hier treffen sich dann auch glücklich die hier gemachten terminologischen Vorschläge mit der Programmrealität: Daher der Vorschlag, von Formen auf Formatierungen umzuschalten (siehe auch dazu »Luh mann, McLuhan und der Graf von Monte Christo«, download auf hauptsache-philosophie.de). Dem kommt nebenbei entge gen, dass die Arbeit der Redakteure längst über die Orientierung am Format-Begriff bestimmt wird (Bspw. »Format-Ra dio«). Die an der üblich gewordenen Einteilung massenmedialer Kommunikation in die genannten Sektoren geäußerte Kritik wird sich auch als relevant für eine Bestimmungen der binären Codierung der Massenmedien zeigen, gerade, weil auch hier Abweichungen von Luhmann notwenig werden. Die Frage lautet dann: Über welchen Code differenzieren sich die Massenmedien gegenüber der Gesellschaft als Gesamtsystem aus?

4 Zur Codierung der Massenmedien

Luhmann hat angenommen, der binäre Code, der zur Ausdifferenzierung der Massenmedien als eines sozialen System führe, bestehe in der Differenz von informieren/nicht-informieren. Eine Reihe von Argumenten spricht allerdings gegen diese These. Sie sollen in drei Gruppen eingeteilt werden: An erster Stelle stehen Zweifelsgründe, die anzeigen, dass die Differenz von informieren/nicht-informieren in keinem System jemals als Code würde greifen können. Dies wird zu einer allgemeinen Kritik des von Luhmann verwendeten Informationsbegriffs führen. Bei der Durchführung der Analyse des In formationsbegriffs sollen dann stets die Massenmedien in Blick behalten werden, um auf diese Weise feststellen zu kön nen, dass deren Neigung zur Verbreitung redundanter Information bzw. zur Wiederholung von Information einer basalen Selektivität folgt, die die Analyse direkt auf die Spur der Codierung des Systems führt.

4.1 Basale Elemente und Systemcodierung

Für binäre Codes aber gilt: Eine ihrer Seiten muss stets negiert auftreten, denn entweder weist etwas in Richtung wahr oder in Richtung falsch (System der Wissenschaft), Recht oder Unrecht (Rechtssystem), transzendent oder weltlich (Reli gionssystem), Einnahme/Ausgabe (Wirtschaft) etc. Jede Kommunikation, die sich zentral an einer solchen basalen Un terscheidung orientiert, gehört zum jeweiligen System. Es ist wichtig zu beachten, dass auch der Umkehrschluss gilt: Ori entiert sich eine Kommunikation nicht daran, so gehört sie nicht zum jeweiligen System. Redet der Richter über den Tathergang, so soll das Gericht letztlich über Recht oder Unrecht der Tat urteilen. Greift der Wissenschaftler zum Mikro skop, so wird ein Beitrag dazu erwartet, etwas als falsch oder als wahr zu erkennen. Für sie gilt daher: Codedifferenzierte Systeme können ihre Operationen nur durchführen, indem sie jede Kommunikation immer in Richtung einer Oszillation zwischen den Seiten des Codes drängen, wobei sie (am entsprechenden Punkt angelangt) eine Seite des Codes bezeichnen und damit die andere negieren: »A ist wahr (und nicht falsch).« »X ist unrechtmäßig (und nicht rechtmäßig).« Daraus, dass also in der Kommunikation immer die gesamte Trias von »Information, Mitteilung und Verstehen« realisiert (»positiviert«) sein muss, Codes hingegen aber immer eine ihrer Seiten negieren müssen, ergibt sich, dass Information nicht als Codeseite in Frage kommen kann, denn das hieße: Information (und damit Kommunikation) negierbar zu gestal ten. Das System würde damit also nicht etwa seine Kommunikation spezifizieren (welche Leistung nach systemtheoreti scher Vorstellung ja gerade vom Code gesteuert wird), sondern entweder kommunizieren oder nicht kommunizieren, also operieren oder nicht operieren. Also existieren oder nicht existieren. Das aber hat ungeahnte Konsequenzen, z.B. für Luh manns Bestimmung des Codes der Massenmedien, denn Luhmann nahm an, dieser liege ausgerechnet in der Unterschei dung informieren/nicht informieren. Wie dargelegt, kann aber kein Grundbestandteil der Kommunikation (also weder In formation, noch Mitteilung, noch Verstehen) zugleich als Codeseite einer binären Codierung in Frage kommen, was aber im Fall er Unterscheidung informieren/nicht informieren nun mal der Fall wäre. Kommunikation hatte Luhmann ja defi niert als Kreuzdifferenzierung von Information/Mitteilung/Verstehen. (Kreuzdifferenzierungen nenne ich dreiteilige Dif ferenzierung, bei denen die Differenz von je zwei Bestandteilen das jeweils Dritte ergeben: Miteiklung/Information = Verstehen; Verstehen/Information = Mitteilung, Verstehen/Mitteiolung = Information. Kreudifferenzierungen funktionie

ren als nicht nach dem Spencer Bronwschen Muster zweiseitiger Unterschediungen, von denen eine ­ und alsi keine Drit te ­ bezeichnet wird.) Wenn ein binärer Code die Differenz von informieren/nicht-informieren verwenden würde, so würde er in logischer Folge (auf beiden Seiten der Unterscheidung) eines der drei basalen Elemente jeder Kommunikation nutzen müssen, nämlich das Element »Information«. Weil aber »Information« zu den Grundoperationen jeder Kommunikation gehört, kann sie in nerhalb der Kommunikation nicht negiert werden, denn, würde sie negiert, so würde es sich a definitione schlicht nicht mehr um Kommunikation handeln. Angewandt auf inform./nicht inform. würde dies bedeuten, dass der Fall des Nichtin formierens systemtheoretisch gesehen identisch wäre mit nicht zu kommunizieren. Für ein Kommunikationssystem be deutet nicht zu kommunizieren so gesehen immer zugleich, nicht mehr zu existieren. Zwei Optionen (A und B) , meinem Argument zu entgehen, könnten lauten: A: Man versteht "nicht-informieren" im Sinne einer bereits laufende Kommunikationen nur spezifizierenden Selektions leistung, sprich: als Entscheidung, worüber informiert werden soll und worüber nicht informiert werden soll. - Mein Gegenargument: Da aber alle Kommunikationssysteme ununterbrochen und unermüdlich diese Selektionsleistung vollziehen, könnte sich mit Hilfe diese Unterscheidung kein System von einem anderen unterscheiden. Also ist es ausge schlossen, sich ein System vorzustellen, dass diese Unterscheidung als Code etabliert. B: Andere Systeme vollziehen zwar in der Tat eine derartige Kommunikationsspezifizierung, aber nur im Sinne einer Leitunterscheidung (und nicht eines Codes!). Diesen Ausweg aus der Problematik hat Luhmann (der den hier vorgetrage nen Einwand durchaus anerkannt hat) in "Die Realität der Massenmedien" in einer Fußnote kurz angesprochen. - Mein Gegenargument: Wenn Kommunikation die Basisoperation aller sozialen Systeme darstellt und Kommunikation Information immer schon beinhaltet, so kann kein Kommunikationssystem diese Unterscheidung reflexiv und exkludie rend im Sinne Luhmanns verwenden. Wenn das Rechtssystem etwas als "unrecht" (statt als rechtmäßig) deklariert, die Wissenschaft etwas als "falsch" (statt als wahr) bezeichnet oder die Wirtschaft "Geld auszahlt" (statt Geld einzunehmen), so wurde in allen diesen Fällen codekonform kommuniziert, gerade, weil in allen diesen Fällen informiert wurde. Kein Kommunikationssystem kann aber (a definitione) kommunizieren, indem es mal eben: nicht informiert. Jede kommunikative Selektion muss im Horizont eines potentiell unendlichen Angebots an Möglichkeiten auswählen, was aktualisiert werden soll und was nicht. Es würde entsprechend nicht weiterführen, wenn man "Informieren oder nicht-informieren" im Sinne der Auswahl dessen, worüber informiert und worüber nicht informiert wird, deuten wollte: Denn genau die Antwort auf diese Frage, über was informiert werden soll und über was nicht, hat ja der jeweilige Code vorzubereiten. Direkt entlang des Codes müssen also die Selektionskriterien generiert werden, ohne die jedes System sei ne Grenze verlieren und sich in seiner Umwelt aufzulösen würde. Die Entscheidung, worüber informiert werden soll (und worüber nicht), kann also sicher keine Kriterien entlang der Frage entwickeln. "Informieren oder nicht-informieren" gibt als Unterscheidung aber nicht die geringsten Hinweis auf eine mögliche Gewinnung von Selektionskriterien. An dieser Stelle lässt sich noch nicht erahnen, welche alternative Unterscheidung als Code benannt werden könnte. Es sollen zunächst noch einige andere aufschlussreiche Argumente gegen den von Luhmann benannten Kandidaten angesetzt werden, bevor wir weiter unten einen Alternativvorschlag unterbreiten.

4.2 Zur Revision des Informationsbegriffs

Nun sind wir also schon mitten in einer Klärung des systemtheoretischen Informationsbegriffs gelandet. Und in der Tat gibt es hier weiteren Klärungsbedarf. Denn trotz aller hier aufgeführten Gründe gegen Luhmanns Auslegung, dürfte Ei nigkeit darüber herrschen, dass Information tatsächlich in einer noch näher zu klärenden, besonderen Weise mit den Mas senmedien zu tun hat. Daher werden wir uns jetzt dem Begriff der Information bei Luhmann in einer generalisierten Wei se nähern müssen, um seine Einigung und Leistungsfähigkeit für eine Theorie der Massenmedien prüfen zu können. Wie also hat Luhmann den Informationsbegriff für eine Theorie autopoietischer Systeme aufbereitet? Wie müsst er aussehen, um befriedigend in einer Medientheorie, speziell, einer Theorie der Massenmedien greifen zu können? Zunächst einmal hat Luhmann abweichend von beinahe allen gängigen Informationstheorien betont, dass Information et was sei, das keine Wiederholung zulasse. Eine Information, die sinngemäß wiederholt werde, sei keine Information mehr. Sie behalte zwar in der Wiederholung ihren Sinn, verliere aber ihren Informationswert. Wenn man genau hinschaut, so passt diese Darstellung kaum zu Luhmanns Kommunikationsmodell, das ja aus der Trias von Information, Mitteilung und Verstehen gebildet wird. Keines dieser drei kann Elemente entfallen, ohne dass die Kom munikation als Ganze entfällt. Alle drei genannten Selektionen müssen aus Sicht eines Beobachters zweiter Ordnung syn chron auf mindestens zwei Seiten vorgenommen werden, die sich jeweils aufeinander beziehen. Schon daher bedarf es zur Beobachtung von Kommunikation eines Beobachters zweiter Ordnung, denn nur so kann man in die Lage versetzt werden, nicht nur eine Seite bei ihrer Selektion zu beobachten, sondern die Synchronisation der Selektionen auf zwei Sei ten. Würde auch auf nur einer Seite keine (Gegen)Selektion stattfinden, so würde die Synchronisation also gar nicht erst anlaufen. Es käme nicht zur Kommunikation. Brisant ist, dass sich aus Luhmanns Informationsbegriff ergibt, dass das schon dann der Fall wäre, wenn alter eine Information selegieren würde, über die ego schon verfügt. Luhmanns Beispiel: Ego liest in der Zeitung: »Der Papst ist tot.« Wenn später alter die gleiche Information selegiert und mitzuteilen sucht, so kann laut Luhmann ego nicht gegenselegieren, da er ja bereits über diese Information verfügt. In der Folge käme es auch nicht zum Verstehen, da dieses natürlich Information voraussetzt. Alter redet also ins Leere. Es kommt keine Kommuni kation zustande. Ohne Information keine Mitteilung und kein Verstehen. Ohne Information keine Kommunikation. Und: Ohne Informati on, ohne Kommunikation auch kein (kommunikativer) Sinn. Ist Information nicht gegeben, wird ein Beobachter zweiter Ordnung auch keinen Sinn entnehmen, kein Verstehen beobachten können. Sehr wohl wird er dieses aber beobachten können, wenn eine Information »nur« wiederholt wurde. Eventuell wird er dabei z.B. sehen können, dass die bloße Wie derholung sinnhaft aufgewertet wird, etwa, indem sie als »Nachdruck« verstanden wird. Luhmanns Informationstheorie steht also weder im Einklang mit seinem eigenen Kommunikationsmodell noch mit seinem Sinnbegriff. Luhmanns These, Information sei unwiederholbar, ist also nicht haltbar. Wenn man diese Erkenntnis nun auf die Systemtheorie der Massenmedien bezieht, dann kann man bemerken, dass die Unhaltbarkeit der These von der »Unwiederholbarkeit von Information« bzw. der »Unverzichtbarkeit des Neuen, Unbe kannten in jeder Information« direkt relevant wird für Luhmanns Theorie der Codierung der Massenmedien. Denn in der Folge entsteht ein weiterer Widerspruch, diesmal zwischen der Unwiederholbarkeitsthese und der Annahme Luhmanns, der Code der Massenmedien laute »informieren/nicht-informieren«. Dieser Widerspruch ist allerdings nicht »logischer«, sondern sozusagen »empirischer« Natur und er ergibt sich daraus, dass unbestritten ein sehr großer Teil massenmedialer

Kommunikation gerade aus Wiederholungen besteht. Selbst auf aktuelle Beiträge (etwa auf »News«) bezogen wird man nach kurzer Beobachtung feststellen können, dass diese sich im Tagesverlauf (und darüber hinaus!) weit weniger ändern, weit häufiger wiederholt werden als zumeist angenommen: Der Außenminister hatte sich gestern schon bereit erklärt, die Verantwortung zu übernehmen, ohne es freilich zu tun. Auf der heutigen Pressekonferenz hat er sich erneut dazu bereit erklärt (und es natürlich immer noch nicht getan). Die Meldung ist nahezu identisch mit Ausnahme ihres »Zeitstempels«. Wenn solche Fortschreibungsmeldungen wenigstens den vermuteten Erwartungen der Rezipienten entgegenliefen und also zumindest einen schwachen Überraschungswert hätten - aber die Redaktion weiß, dass die Mehrzahl der Rezipienten weiß, dass der Außenminister natürlich nicht die Verantwortung übernehmen wird. Niemand wird also überrascht sein. Besonders aufschlussreich aber ist, dass die Massenmedien gezielt diese Tatsache zu nutzen wissen. Sie wissen, dass »die Masse« (der Rezipienten) sich weit lieber bestätigt sieht als sich überraschen zu lassen. Und also bevorzugen die Massen medien in aller Regel Informationen, die etwas bestätigen, sich wiederholen und also nicht neu sind und auch nicht über raschen. So erzählen Reality-Soaps von dem, was man gestern selbst im Supermarkt oder am Taxistand oder bei der Arbeit oder beim Hausputz erlebt hat bzw. haben könnte. Sie präsentieren die Wiederholung des Alltags im Fernsehen. Das kommu nikative Plus dabei lautet: (fiktiver) Voyeurismus. Man schaut beim Nachbarn (fiktiv) in die Wohnung, ins Bad und ins Bett. Es geht nicht um »Neuigkeitswerte«, um »informierende Überraschungen«, sondern um die zuverlässige Einhaltung sich wiederholender, immer ähnlicher werdender Schemen: Um eine Art erwartungserfüllenden (und also sehr befriedi genden) Voyeurismus. (Ganz wie von McLuhan ­ seinerzeit noch prophetisch ­ beschrieben.) Der Zuschauer möchte im Bad des Protagonisten nicht wie bei Hitchcock von etwas überrascht werden. Man möchte All tägliches, um dabei »zu lauschen«, dabei sein dürfen. Auf dem gleichen Prinzip beruhen (»Frauen«)Zeitschriften. Viele Leserinnen wissen, dass Kolportage immer zu einem Großteil der Phantasie der Journalisten entspringt, angedichtet, kon struiert und erfunden wurde. Es geht beim »Tratsch« nicht um Realität, Wahrheit und Neuigkeit. Es geht um einen lega len (legitimen?) Einbruch in die Privatsphäre, um das sonst verbotene Belauschen, das Ausspionieren, also um die Ein nahme der Position des Paparazzi ­ den man dankbar und ohne Beschämung »die Schmutzarbeit« machen lässt, und den man nach dem Zuschlagen der Zeitung mit Empörung verurteilen kann. Es geht also gerade nicht um wirklich überra schende, unvermutete Neuigkeiten. Man wusste es schon vorher: Der Prinz geht sowieso immer fremd. Und das Super modell badet sowieso immer oben ohne. Und die Schauspielerin treibt es natürlich mit einem Neuen. Zuverlässig und ohne jeden Überraschungswert wird man in der Yellow Press immer eine Arzthelferin »oben ohne« finden, die Ingrid heißt und ganz unschuldig die ersten Sonnenstrahlen des Frühjahrs genießt, weil sie bald studieren möchte. Der unübertroffene Erfolg dieser Art massenmedialer Kommunikation verrät, dass dergleichen ­ obwohl informativ defi zitär und sich ständig wiederholend ­ keineswegs als langweilig eingestuft, ja, sogar oft als besonders informativ (z.B. im Sinne von »realitätsnahen Einblicken in verborgene Welten«) bezeichnet wird. Seit Jahrzehnten verkaufen bekannterma ßen Boulevardblätter das völlig unerhebliche Missgeschick einer 52-jährigen Hausfrau aus Mainz einfach, indem sie die se als »Blondine« bezeichnen. Schon diese Aufzählung macht deutlich (was ebenfalls jeder weiß), nämlich, dass die Massenmedien zu redundanter Kommunikation neigen, weil sie genau damit »Quote« erzielen können, also »Masse erreichen«. Redundante Information wird also nicht nur sehr wohl als Informationen verarbeitet (und verstanden); sie scheint bezogen auf (orale) Alltags- wie

massenmediale Kommunikation sogar direkt an korrespondierenden Selektionskriterien anzudocken. Aber welcher Art sind diese Selektionsprozesse, die Redundanzen so wahrscheinlich werden lassen?

4.3 Redundanz und Information

Bevor auf diese Fragen näher eingegangen wird, sollte es sich lohnen, das Verhältnis von Redundanz und Information noch ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Bekanntermaßen kritisiert die sich selbst als »Medienkritik« bezeichnende Gruppe von »Kulturkritikern« Tag ein, Tag aus den geringen (immerzu abnehmenden) Informationswert massenmedialer Angebote. Die wissenschaftliche Medien theorie neigt dem ungeachtet umgekehrt dazu, diesen Punkt zu übersehen. Nicht, dass es die Aufgabe der Medientheorie wäre, einen Mangel an Information oder Bildung zu beklagen. Aber in einer Hinsicht könnte es zumindest für Sys temtheoretiker sehr aufschlussrein sein, auf den in der Tat ausgesprochen geringen Informationsgehalt massenmedialer Kommunikation zu achten, denn daraus lassen sich - wie bereits angedeutet wurde - direkte Rückschlüsse auf die Sys temcodierung ableiten. Wenn wir uns also (a) nochmals kurz vergegenwärtigen, dass Luhmann Information auf Differenzen mit Überraschungs wert (Bateson: »a difference that makes a difference«) einengt, was er so auslegt, dass sogar die Möglichkeit der Wieder holungen einer Information logisch ausgeschlossen wird; und wenn wir dann (b) berücksichtigen, dass Luhmann den sys temdifferenzierenden, binären Code der Massenmedien in der Unterscheidung informieren/nicht informieren meint erken nen zu können - so wird Luhmann wohl den Großteil massenmedialer Kommunikation ausblenden müssen. (Das dies so war, dafür spricht, dass Luhmann sich mehrfach offen dazu bekannt hat - z.B. in einem Interview mit Radio Bremen 1997 -, dass er mit Ausnahme von Zeitungen die Inhalte der Massenmedien kaum kenne, so gut wie nie fernsehe und auch keinen Fernseher besitze. Denn sonst hätte ihm kaum entgehen können, in welchem Ausmaß Wiederholungen statt finden. Obwohl er das sicher auch den Tageszeitungen (also den Massenmedien selbst) hätte entnehmen können. Schließ lich ist die selbstreferentielle Operationsweise der Massenmedien kaum zu überbieten.) Die Theorie der Massenmedien erscheint nicht selten, als sei sie von vorneherein angelegt auf die Verwendung des Ras ters »Unterhaltung, Information und Bildung« (vgl. hierzu nochmals oben S. 21.) Die Zuordnung und vor allem die Ge wichtung von Themen geschieht dann häufig entlang dieses Rasters. Diese Zuordnungstendenz ist sicherlich eine Ursache dafür, dass bestimmte Auffälligkeiten innerhalb der Theorie der Massenmedien kaum für Auswertungen genutzt werden. Als Beispiel einer solchen Unterbewertung kann etwa mit Blick auf das Radio das Phänomen »Musik« genannt werden. Ein klares Unterhaltungselement, dem als Pop- und Schlagerphänomen sehr viel, als Element der Radiounterhaltung aber sehr wenig analytische Aufmerksamkeit geschenkt wird. Hingegen wandert das Augenmerk der Analysen schnell auf jede Art von Wortbeiträgen (und natürlich auf Werbung). Musik wird vom unmittelbar massenmedialen Geschehen abgespal ten und analytisch unter dem Phänomenbereich »Schlager« oder »Pop« behandelt. Dadurch gerät ein entscheidender Ge sichtspunkt aus dem Fokus, nämlich der: Musik als massenmediales Phänomen zu beobachten, sei es als dominantes »Ra diophänomen« oder als mosaikhaften »Videoclip«. Pop und Schlager können unter wirtschaftlichen, künstlerischen, ge schichtlichen etc. Gesichtspunkten behandelt werden, und auch dort sind sie Massenphänomen. Doch einer großen Zahl von Untersuchungen (gerade innerhalb der »empirischen Forschung«) entgleitet das Phänomen »Musik« als (Unterhal

tungs)Element von Radio und Fernsehen (und zunehmend: Internet) unter der Hand, weil sie es als »Kumulationseffekt« behandeln: Man untersucht dann, wie es zur Kumulation einer derartigen Masse von Musik-Rezipienten und Musik-Kon sumenten kommen kann, ohne zu bemerken, dass man das »System der Massenmedien« verwechselt mit der »Masse der Rezipienten«. Die »Massenmedien« lassen sich aber nicht in »Rezipientenmassen« auflösen. Die Massenmedien sollten als dasjenige System verstanden, dass Massenkommunikation produziert und nicht einfach nur: rezipiert. Gerade auf Sys temtheorie bezogen kann man aus dem Phänomen »Musik« daher eine Menge Lehrreiches ableiten, gerade bezüglich des Informationsbegriffs. Aber auch im Vergleich Musik/Aktuelles lässt sich z.B. die Bedeutung ihres Unterhaltungseffekts ablesen, sowie die Bedeutung von Störungen seitens der Umwelt (vor allem seitens des Rechts, der Politik und der Wirt schaft).

4.4 Mediale und strukturelle Kopplung

Um zu verstehen, was es damit auf sich hat, sollten wir einen kurzen, exemplarischen Blick wenigstens in den deutschen Radiomarkt werfen. Auf den privaten Radiomarkt bezogen wird man mit einer Schätzung von im Schnitt 60-80% Musi kanteil pro Sendestunde ganz gut liegen. Wenn das in der Abendschiene dann anders aussieht, so kommen hier vermehrt Umwelteffekte zum Tragen, denn ein bedeutender Grund für das veränderte Sendeverhalten stellt z.B. der rechtlich abge sicherte so genannte »Bürgerfunk« dar. Nicht, dass dort keine Musik gespielt würde, aber der Anteil kann deutlich ver schoben sein. Es kann aber auch sein, dass Radiosender anderen Verpflichtungen in den Abendstunden nachkommen, etwa um ihr Tagesprogramm von »unliebsamen Quotensenkern« (Maß: mittlere Verweildauer, Reichweite etc.) frei zu halten. Gerade solche Verschiebungen sind also analytisch sehr aufschlussreich und sie widerlegen nicht, sondern bestäti gen vielmehr die Bedeutung, die Musik für das Radio hat. Denn wenn das Radio sozusagen mit seinen eigenen Erfolgsre zepten bricht, so liegt es nahe, den Grund dafür in Störungen seitens der Umwelt der Massenmedien zu vermutet, etwa in Form von Effekten einer strukturellen Kopplung der Massenmedien mit der Politik und dem Recht. »Bürgerfunk« z.B. ist gewissermaßen »Pflichtfunk«, politisch gewollt und rechtlich entsprechend abgesichert. Immer, wenn sich wirksame strukturelle Kopplungen finden lassen, kann man mit ihrer Hilfe unterscheiden, welche Tendenzen sozusagen direkt dem Medium entspringen und welche der Umwelt zugerechnet werden müssen. Schließlich würden Politik und Recht nicht versuchen müssen, Einfluss zu nehmen, wenn das Medium schon von sich aus in ihre Richtung tendierte. Natürlich zielt die Formulierung »direkte Tendenzen der Massenmedien« nicht auf so etwas Konkretes wie Musik. Aber »der Fall Mu sik« lässt direkte Ziele sichtbar werden: Das entscheidende, niemanden wirklich überraschende Ziel lautet offensichtlich, eine möglichst große Masse zu erreichen., eben weil dieses Ziel im Radio mit wenigem so sehr wie Musik entsprochen werden kann. Unübersehbar spielt die strukturelle Kopplung von Massenmedien und Werbung (Wirtschaft) eine verzerrende Rolle, wenn es um die Unterscheidung mediale Wirkung/Fremdwirkung geht. Schließlich erfordern Werbeaufträge den Nach weis entsprechender Mediadaten. Und in diesen stellt natürlich die »Quote« eine beinahe alles entscheidende Größe dar. Da hier das Ziel »Masse erreichen«, dass die Massenmedien sich selbst setzen, als gemeinsamen Ziel von Massenmedien und Werbewirtschaft sichtbar wird, lässt sich ein Verstärkungseffekt per Codeverschränkung postulieren: Gemeint ist da mit, dass die Orientierung am Ziel, Masse zu erreichen, im Falle der strukturellen Kopplung Richtung Wirtschaft iden

tisch wird mit den durch das Kommunikationsmediums »Geld« angestoßenen Selektionen. Kurzum: Mit ihrer Werbung möchte auch die Wirtschaft »die Massen« erreichen. Um aber Medium und Kopplungseffekte sauberer trennen zu können, sollten wir uns das Phänomen »Musik« noch etwas gründlicher anschauen. Musik bzw. Musikvideos werden im Radio wie im Fernsehen also in einer eng geschnittenen Ro tation gefahren, teilweise sogar in einer so genannten »hot rotation« (also in einer besonders engen Musikrotation, die nur Chartshits aufnimmt, ca. 400-800 Titel). Auffallend: Der Erfolg (Quote/Hörerreichweite) derartiger Sender steigt nicht etwa an, wenn man sich »mehr Mühe gibt« und seine Musik-Rotation breiter anlegt. Im Gegenteil: Er steigt in aller Re gel, wenn man noch enger fährt. Musiktitel und -videos wiederholen sich also oft nach nur wenigen Stunden - und sind gerade dann besonders erfolgreich. Da lässt sich auch nichts mehr optimieren, indem man möglichst viele »Überra schungswerte« einschiebt (also Nachrichten, aktuelle Berichte etc.). Im Gegenteil, auch diese senken tendenziell gleicher maßen Quote (im Fernsehen) wie Hörerreichweite (im Hörfunk). Redaktionen gehen davon aus, dass beinahe alles, was Musik unterbricht, von einer großen Zahl von Rezipienten als »Ärgernis« bewertet wird. Das wird dann auch zur Erklä rung des ipod-Effekts herangezogen: Einfacher Mitschnitt - keine Musikunterbrechungen. Und weil gerade im Bereich des privaten Radios die Tendenz zunimmt, sich auf Musik festzulegen, sieht sich hier unter anderem die Politik gefordert und versucht, mit Vorschriften und über Regulierungsbehörden kanalisierend einzugreifen (Vollprogramme, Frequenzvergabeverfahren etc.). Aber, wenn ein System, also etwa die Massenmedien, auf derartiges reagieren, so zeigt dies nur: Dass sie auf dergleichen als auf eine »von außen«, also aus der Umwelt, auf sie eindringende »Störung« reagieren. Solche Störungen entspringen regelmäßig strukturellen Kopplungen. Dies wird besonders gut sichtbar bei öffentlich rechtlichen Sendern. Dort sieht die Situation zwar etwas anders aus, aber gerade hier wird leicht erkennbar, welche kaum zu überschätzende Rolle strukturelle Kopplungen, vor allem als Kreuz kopplungen (Politik/Recht/Wirtschaft) spielen. Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten befinden sich in einem besonders engmaschigen Netz aus rechtlichen Bestimmungen als erwünschte Rahmenbedingungen und Kontrolle. So paradox es aber klingen mag: Was zunächst als Einschränkungen erfahren wird, stellt zugleich eine ermöglichende Bedingung dar. Ob aus Gebühren oder aus Steuergeldern finanziert: Ihren wirtschaftlichen wie rechtlichen Rahmenbedingungen stehen vor allem politischen Erwartungen gegenüber, denen es Rechnung zu tragen gilt. Öffentlich-rechtliche Unternehmen wis sen, dass gerade diese Restriktionen es sind, die überhaupt erst die Möglichkeit schaffen, massenmedial tätig werden zu können. Hier verbinden sich also besonders gut sichtbar aus strukturellen Kopplungen hervorgehende Einschränkung mit (vor allem: wirtschaftlicher) Ermöglichung.

4.4.1 Mediale und strukturelle Verschmierungen

Zusammenfassend kann man sagen, dass populäre Musik ­ als informationsschwache, momentbezogene, rhythmisierende Kommunikation ­ gerade für re-oralisierende Medien (wie das Radio im Sinne McLuhans eines darstellt) außerordentlich geeignet ist. Es ist daher auf Grund der medialen Eigenschaften der Musik hochwahrscheinlich, dass Radiokommunikati on dazu tendieren wird, Musik zu kommunizieren. Wie sich die soziale ­ vor allem wirtschaftliche und massenmediale ­ Bedeutung von Musik in einer Zeit verändert hat bzw. noch verändern wird, in der Musikredaktionen »digital bemustert« werden, werden wir in einem weiteren, in Kürze erscheinenden Essay, analysieren. Die Podcaster jedenfalls haben ihr Ge schäft längst begonnen.

Im und für das Fernsehen spielt Musik natürlich eine andere Rolle. Immerhin gilt auch hier, dass dies keine Folge von Be schlüssen, Meinungen, Einstellungen oder Handlungen ist, sondern zunächst durch eine ganz banale mediale Eigenschaft ausgelöst wird: Nämlich durch die Tatsache, dass das Fernsehen der Bilder bedarf. Dabei ist das Fernsehen nur sehr ent fernt mit der Fotokamera und dem Diaprojektor medial verschachtelt, sehr direkt dagegen natürlich mit der Filmkamera und dem Kino. Und eben weil dies so ist, kommen dem Medium Fernsehen die extrem schnellen Schnitte der Videoclips sehr entgegen: auflösungsbezogen (in McLuhans Worten: bezogen auf seinen immer noch mosaikhaften, weniger flächi gen Aufbau) ebenso wie bezogen auf die Betrachtungsperspektive. Auch oder gerade an diesen Punkten unterscheidet sich das Fernsehen von den mit ihm verschachtelten Medien, etwa dem Kino. Die »mediale Verschachtelung« führt aber auch immer zu Gemeinsamkeiten, was sich exemplarisch darin zeigt, dass, weil schon der »Film« als Medium nach dem Schnitt als (Co-)Medium »verlangt«, das Fernsehen nicht umhinkommt, sich des Mediums »Schnitt« zu bedienen. Die gleiche Verschachtelung führt aber auch zu Verschmierungen, so dass im Endeffekt ein geschnittener Film im Kino na türlich etwas ganz anderes ist als »derselbe« Film im Fernsehen. Wäre dem nicht so, so würde die Geräteindustrie nicht seit Jahrzehnten an der Auflösung der Fernseher »schrauben« und am Breitbildformat (16:9) arbeiten. Das ist gemeint, wenn man davon spricht, dass bestimmten Medien Eigenschaften »inhärieren«, die man von Verschachtelungseffekten wegen besagter »Verschmierungen« nie ganz sauber wird trennen können. Zu einen Verständnis der Evolution der Medi en kann allerdings die Theorie medialer Verschmierung mehr beitragen als die der Verschachtelung. Diese Aussage stimmt zumindest insofern, als einjedes Medium in seinem Zustandekommen von medialen Verschachtelungen (also letztlich dem Bestehen anderer Medien) abhängt; aber wenn man nun fragt, was ein neues Medium »ist«, also, wie es sich letztlich ausbildet bzw. entsteht, so kann die Antwort nur lauten: als Verschmierung. Neue Medien sind nicht einfach nur Folge von Verschmierungen von Medien ­ Medien entstehen vielmehr als Verschmierungen medialer Verschachtelungen. Diese Aussage bildet beinahe so etwas wie den Inbegriff dessen, was an anderer Stelle mit »McLuhan-Medien« bezeich net wurde. Nur dann, wenn man das, was McLuhan die Botschaft des Mediums nannte, also diese medien-inhärenten Tendenzen, griffig darstellen kann, lassen sich unter Umständen mediale Dispositionen sauber von den durch »externe Störungen« verursachten Eigenarten medialer Operationen unterscheiden. Terminologisch gesehen muss dabei alles, was aus der Um welt eines Systems auf dieses eindringt, als »Störung« beschrieben werden. Der Begriff der »Störung« ist also keineswegs auf »negative Einwirkungen« festgelegt. Eine von der Wirtschaft freudigst begrüßte Steuerreform seitens der Politik wird also genauso als Störung der Wirtschaft zu beschreiben sein wie eine von der Wirtschaft auf das Heftigste abgelehnte. Wenn man so ansetzt, dann kann man auch »strukturelle Kopplung« als Störfall begreifen. Das hat große Vorteile hin sichtlich einer Theorievereinheitlichung, da sich strukturelle Kopplung so doch griffig definieren lässt als jener Sonderfall einer Störung, bei der Systeme interne Störungen als aus der Umwelt) bezogene »(Stör-)Leistungen« verrechnen. »Leis tungsverrechnung« meint, dass immer dann, wenn Systeme einander strukturell koppeln, die daraus hervorgehenden Stö rungen vom fokalen System (A) als Inputs seitens des gekoppelten Systems (B) behandelt werden, so als würde System B Kommunikationen produzieren und System A würde diese als »fertige« Leistungen nur importieren. Gekoppelte Systeme behandeln sich also als gegenseitige Leistungserbringer, die Informationen austauschen, indem sie sie von jeweils einem System in das andere kopieren. Bei dieser Darstellung sollte beachtet werden, dass es nicht die Systemtheorie ist, die da von ausgeht, dass ein solcher Leistungsbezug per Übertragung/Import real stattfindet. Die Theorie behauptet nur, dass gekoppelte Systeme sich so behandeln, als ob dies so wäre. Die Systeme »sehen« das so ­ und die Systemtheorie stellt

dies nur fest. Beispielsweise verrechnet das Rechtssystem Gesetzgebungen als Leistungen seitens der Politik; die Wirt schaft verrechnet ihre rechtlichten Rahmenbedingungen jeweils als Leistung des politischen bzw. des Rechtssystems, während die Politik das Zurverfügungstellen von Geld als wirtschaftliche Leistung verrechnet etc. Gerade, wenn man sich wissenschaftlich neutral verhalten möchte, so wird man nicht umhin kommen, jede Leistungsver rechnung als durch Störung zustande gekommen zu betrachten. Leistungen sind also keine objektiv in der Welt vorzufin denden Tatsachen, sondern Produkte gegenseitiger Zurechnungen. Auf analoge Weise kommt es dazu, dass Systeme Kommunikationen als Mitteilungen, Äußerungen, sprachliche Darstellungen etc., sprich: als eine Leistung verrechnen, die in weiteren Zurechnungen als von Individuen, Menschen, Personen oder Bewusstseinen erbracht verrechnet wird. Das Besondere an diesen Fällen ist ja nur, dass es hierbei nicht mehr um auf Code-Ebene, sondern schon auf basaler Ebene unterschiedene Systeme geht (Kommunikation/Erleben/Leben). Menschen, Personen und Individuen werden erzeugt, in dem man den Wechsel der Basisoperation mit zusätzlichen Adressierungsoperationen verschleift. Im Falle von »Men schen« kommt dann noch hinzu, das Systemgrenzen mit Latenz versehen werden müssen, so dass sich in der Beobach tung Einheiten aus biologischem System (Körper) und psychischem System (Erleben) bilden lassen. Selbstverständlich gibt es auch Personenbegrifflichkeiten ­ etwa im Recht ­ die umgekehrt und von Anfang an mit Bezügen auf »den Men schen« verschliffen wurden. Stichworte wären hier Würde und Unversehrtheit. Die oben nur kurz angesprochenen »inhärierenden Eigenschaften« der Medien wurden an anderer Stelle ausführlich erör tert. Dort wurde zugleich auch von der Terminologie »inhärierende Eigenschaften« Abstand genommen und als Ersatz der wissenschaftlich sehr viel besser handhabbare Begriff des Formats vorgeschlagen. (Siehe hierzu auch »Luhmann, McLuhan und der Graf von Monte Christo«, download auf hauptsache-philosophie.de.) Wir können Bezug nehmend darauf jetzt also ohne Umschweife davon sprechen, dass Medien im Falle sozialer Systeme »die Kommunikation«, im Falle psy chischer Systeme »das Erleben« formatieren. Zu den erörterten Verschmierungseffekten kommen natürlich noch andere, verkomplizierende hinzu. So sind viele Versu che, mittels struktureller Kopplung Einfluss zu nehmen, Versuche, bereits bestehende Kopplungen »zu korrigieren«. Es ist ja nicht so, dass ein System eine Kopplung von allen anderen isoliert »abarbeitet«. Selbst die seit dem Buchdruck ver stärkt nachweisbare Serialisierung von Wahrnehmung und Kommunikation konnte dies nicht bewirken. Im elektroni schen Zeitalter, dem Zeitalter sekundärer Oralisierung und undurchdringlicher Vernetzung, kann dann schon gar keine Rede mehr davon sein. Strukturelle Kopplungen lassen sich also nur analytisch voneinander isolieren. Auf operativer Ebene mögen Systeme versucht sein, Kopplungen artifiziell »nach-zu-serialisieren«. Faktisch handelt es sich dabei aber bei dieser Post-Serialisierung um Artefakte von Rationalisierungsoperationen. De facto haben sich die Massenmedien den über (Kreuz)Kopplungen auf sie eindringenden, völlig ineinander verwobe nen, widersprüchlichen Tendenzen aus Wirtschaft, Religion, Kunst, Recht und Politik etc. zu stellen. Man kann dennoch begrenzt zwischen medialer Tendenz und Kopplungseffekten unterscheiden, denn ­ wie verschmiert auch immer Medien verschachtelungen und Kopplungen sein mögen ­ in einem analytisch durchaus relevanten Umfang lassen sie sich gegen mediale Formate filtern. Die Verschmierung aufzuzeigen und zugleich Formate zu filtern (wo immer dies möglich sein könnte), war eines der Hauptanliegen McLuhans. Auf diesen Punkt bezogen kann jede Medientheorie noch heute von ihm lernen. Es wurde bereits angedeutet, das rechtliche Verpflichtungen, politische Steuerungsversuche und wirtschaftliche Nebenmotive erkennbar werden lassen, dass im Medium der »Massenmedien« gegeneinander gerichtete Tendenzen auf

einander treffen. Beispielsweise findet sich in Europa wie oben angesprochen neben den privaten Sendeanstalten auch ein sehr starkes öffentlich-rechtliches Profil, das mit klaren politisch-rechtlichen Zielvorgaben ausgestattet wurde und deren Einhaltung man als derartig gefährdet ansieht, dass man ihnen flankierend eine ganze Schar von beratenden, prüfenden und genehmigenden Kontrollmechanismen zur Seite gestellt hat, vor allem in Form von Gremien, Kommissionen und Rä ten. Dabei wird versucht, zwei fast schon entgegengesetzte Ziele zugleich zu erreichen: Öffentlich-rechtliche Sender (die sich in der EBU zusammengeschlossen haben), sollen einerseits die nötige Rückendeckung erhalten, um in ihrer Pro grammgestaltung vor allem von den Folgen wirtschaftlicher und politischer Kopplungen möglichst frei gehalten zu wer den; andererseits aber wird die Parole ausgegeben, umgekehrt müsse die Wirtschaft vor Wettbewerbsnachteilen gegen über den teils mit Gebühren, teils mit Staatsmitteln geförderten Sendern geschützt werden (Wettbewerbsrecht). Ein diffi ziles Unterfangen also, da Systeme derartige Widersprüche als Paradoxien (paradoxe Anforderungen) verarbeiten und versuchen werden, sie mit einer hochrhetorischen (statt sachhaltigen) Kommunikation abzufedern. Dringen derartig wi dersprüchliche Anforderungen auf die Massenmedien ein, so kann die Programmgestaltungen in das Dilemma geraten, die vorgegebenen Zielvorgaben erreichen zu müssen, ohne dabei bestimmte, besonders zweckgerechte Segmente nutzen zu dürfen, weil diese der Konkurrenz aus wettbewerbsrechrechtlichen Gründen vorbehalten bleiben sollen. Faszinierend ist dabei aber vor allem, dass auch paradox erscheinende Kopplungsresultate erzielt werden können: So kann die Ein schränkung des Umfangs struktureller Kopplungen des politischen Systems mit den Massenmedien ausgerechnet vom po litischen System gewollt sein (Politisch gewollte politische Unabhängigkeit). Ein nur scheinbares Paradoxon, das sicher lich besonders aufschlussreich für jede Theorie struktureller Kopplung ist, hier aber leider nicht weiter verfolgt werden kann.

4.4.2 Information, Schleifen und Kommunikation

Zurück zu dem von Luhmanns Informationsbegriff hervorgerufenen Dilemma von Information und Redundanz. Es wurde bereits auf die große Bedeutung der Musik für die Massenmedien hingewiesen und darauf, dass Musik zu senden heißt, Wiederholungen und Schleifen zu senden. Viele Musiktitel laufen mehrfach am Tag und morgen sowieso wieder. Zudem ist ein beachtlicher Teil der Musik schon als Schleife komponiert worden, ist sozusagen Wiederholung-in-sich, z.B. in Form verschleifter Strophen und Refrains. Volksmusik, Popmusik aber auch große Teile der so genannten E-Musik beste hen geradezu aus einer Verkettung derartiger Wiederholungen ­ lyrisch wie instrumentell. Es gibt natürlich auch hoch komplexe Schleifen, etwa die Fuge. Wenn Luhmanns Informationsbegriff aber Wiederholbarkeit ausschließt, so wird man zu dem Schluss gelangen müssen, dass überaus bedeutende Teile der Massenkommunikation aus der Sicht Luhmanns kei ne Informationen beinhalten und somit gar keine Kommunikation wären. Wenn Luhmanns Informationsbegriff auf der einen Seite keine Wiederholungen zulässt, Kommunikation auf der anderen Seite aber Information voraussetzt, so muss dieser prominente Bereich der Massenkommunikation »aus der Theorie herausfallen«. Sollen wir also annehmen, dass die erste Strophe bzw. der erste Refrain eines Musikstücks kommuniziert werden kann, die zweite Strophe und der zweite Refrain aber nicht, weil es sich bei ihnen nur um Wiederholungen handelt? Gerade im Fall der Massenmedien führt ein derartiges Theoriedesign in eine Theoriekatastrophe, sobald wir es konsequent auf die Massenmedien rückbeziehen und uns die z.B. Musikschleifen vor Augen führen, die (in Form von Programmschleifen) einzelne Musikstücke tagtäglich ro tieren. Schließlich jagt hier eine Wiederholungen die andere. Eine mögliche Konsequenz daraus lautet: Luhmanns Infor

mationsbegriff bedarf einer Revision, da er sich nicht für ein Verständnis von Musik, Floskeln und Routinen eignet oder ­ allgemeiner formuliert ­ weil er den Phänomenbereich »kommunikativer Redundanz« nicht unterstützt. Es ist erwartbar, dass ein systemtheoretisch angemessenerer Informationsbegriff Redundanzen - zu denen eben auch Floskeln, Rituale, Smalltalk, Tratsch und Klatsch gehören - eher eine Zentralstellung würde einräumen müssen, statt um gekehrt Wiederholungen als Ausschlusskriterien zu positionieren. Innerhalb der Medientheorie, gerade bezogen auf elek tronische Medien und die damit verbundenen Oralisierungs- und Tribalisierungseffekte, hatte McLuhan Möglichkeiten ei ner Zentralstellung von Redundanz aufgezeigt: Der Papst ist auch nach fünf Stunden immer noch tot und der Kanzler im mer noch in Washington und die Hochzeit von Camilla und Charles steht schon seit drei Tagen bevor. Dennoch wird dies in den Nachrichten verkündet. An Neuem erfahren wir also selbst in den Nachrichten wohlmöglich nicht viel mehr, als dass für Camillas und Charles' Hochzeit inzwischen die Bestuhlung vorgenommen wurde, was aber auch von jedermann so erwartet wurde und daher niemanden überrascht. Wenn man dennoch nicht bereit ist, den systemtheoretischen Infor mationsbegriff von den Vorstellungen zu lösen, Information sei unwiederholbar und müsse überraschen, so wird man ne ben Musik unzählige der bedeutendsten massenmedialen Inhalte nicht mehr als Kommunikation behandeln können. Ein Desaster für jede Medientheorie. Wenn Luhmann davon spricht, dass Wiederholung und Information einander ausschließen, so kann die Konsequenz nur lauten, dass Wiederholungen einen sofortigen Informationsstopp darstellen müssten und sich nicht bloß graduell auswir ken. Somit bleibt sogar der Ausweg verschlossen, Wiederholungen als bloße Informationsreduktionen einzustufen. Mit Luhmanns Diktum verbunden ist aber noch ein weiteres logisches Problem, nämlich die Frage: Wie soll man überhaupt erkennen können, dass es sich um die Wiederholung einer Information handelt, wenn ihre Wiederholung gar nicht als In formation auftritt? Wie kann eine Information mit ihrer Wiederholung überhaupt abgeglichen werden, ohne dass dazu die Wiederholung zunächst als Information verarbeitet werden müsste? Um InformationA mit InformationB vergleichen und als identisch (sprich: als Wiederholung) bezeichnen zu können, müssten ja beide zunächst einmal unvermeidlich als Infor mation verarbeitet werden. Identität ist systemtheoretisch gesehen ja keine vorliegende Eigenschaft, keine gegebene Qua lität, sondern Resultat eines (Vergleichs)Prozesses. Das hieße dann wiederum in logischer Konsequenz, dass kommunika tionstheoretisch Wiederholungen, um als solche beobachtet werden zu können, immer zunächst als Information auftreten müssen. Wenn man Informationen mit Bateson als Differenzen, die einen Unterschied machen, verstanden wissen möch te, systemtheoretisch ausgedrückt also als »Operationen, die Struktureffekte hinterlassen und damit Systemzustände nach haltig ändern« (wodurch z.B. ein Gedächtnis ermöglicht wird), dann hieße das, dass im Falle einer Wiederholung eine Kommunikation, die bereits stattgefunden hat, in einem Nachtrag revidiert und so behandelt werden müsste, als hätte sie nie stattgefunden (natürlich nur, sofern man Luhmanns Wiederholungsdiktum akzeptiert). Eine sehr zweifelhafte, ressour cenfressende Lösung, die mit Klatsch & Tratsch, mit geselliger Kommunikation (Konversation), mit Floskeln und Ritua len etc. schwerlich in Einklang zu bringen sein dürfte. Da oben aber bereits dafür plädiert wurde, Luhmanns Kommunika tionsbegriff (also die Trias: Information, Mitteilung und Verstehen) unangetastet zu lassen, bleibt als Alternative nur noch die Möglichkeit, seinen Informationsbegriff für revisionsbedürftig zu erklären und Information im Folgenden als etwas aufzufassen, das auch Wiederholungen zulässt (wenn nicht forciert!).

4.5 Der Code der Massenmedien

Aus den bisherigen Überlegungen sollte deutlich geworden sein, dass, solange soziale Systeme aus der Umwelt der Mas senmedien diese nicht entsprechend »stören«, letztere offensichtlich dazu tendieren werden, Überraschungswerte gegen über Wiederholungswerten abzusenken: Es überwiegen nun Mal Wiederholungen, minimale Informationsvarianten, Klatsch & Tratsch, Musik etc. Das widerspricht zweifelsfrei der von Luhmann angenommenen Systemcodierung. Für die hier vorgenommenen Überlegungen sollte es also an der Zeit sein, darüber nachzudenken, inwiefern die Tendenz der Massenmedien, den Informationsgehalt zu senken statt zu erhöhen, als Hinweis auf die Erfüllung basaler Selektionsanfor derungen gedeutet werden kann. Lassen sich basale Selektionsanforderungen formulieren, die mit der Hypothese konve nieren, derzufolge Redundanzen (Wiederholungen/Reduktionen von Überraschungswerten) bevorzugte Kommunikations werte des Systems der Massenmedien darstellen? Mit Hilfe einer Zusatzhypothese kann man einer Antwort sicherlich schnell näher kommen: Nehmen wir also zusätzlich an, dass sich dieses Wiederholungen favorisierende Systemverhalten als unmittelbare Folge des Versuchs einer Erfüllung codierungsnaher Funktionen ergibt. Binäre Codes stellen ja logische Gegensatzpaare dar, denen sämtliche Sinnselektionen jeweils eines (und nur eines) bestimmten Systems untergeordnet sind: Was immer im Rechtssystem kommuniziert wird - es muss einen sehr engen Bezug zum basalen Code recht/unrecht als Dachdifferenz nahe legen. Was immer in der Wissenschaft kommuniziert werden mag - es muss einen sehr engen Be zug zur Dachdifferenz wahr/falsch sichtbar werden lassen. Drehen wir den Spieß also um, und fragen: Wie könnte die Codierung der Massenmedien gefasst werden, so dass seine Tendenz zur Wiederholung, Trivialisierung sowie zur Absen kung des Informationsgehalts daraus ableitbar bzw. verständliche würde? Die Frage beantwortet sich eigentlich von selbst und die im Folgenden gegebene Antwort darauf wird durchaus von einem Großteil der Medientheorie unterstützt: Ein mit geringen Überraschungswerten und Wiederholungen besonders leicht zu erreichendes Ziel besteht darin, eine möglichst große (Rezipienten)Masse zu erreichen. Systemtheoretisch gewendet kann man dann sagen: Das symbolisch generalisier te Kommunikationsmedium der Massenmedien lautet: Masse (erreichen). Der dazugehörige binäre Systemcode lautet folglich: Masse erreichen/Masse nicht erreichen. Wir können diese Idee jetzt durchspielen und annehmen, dass Massenmedien ihre Operationen danach unterscheiden, ob es mit ihnen gelingen könnte, Masse zu erreichen oder eher nicht zu erreichen. Systemtheoretisch lassen sich somit Mas senmedien als dasjenige System definieren, das erstens »Masse« zu erreichen sucht (nomen est omen). Das sich zweitens dadurch auszeichnet, dass es zugleich als System und als Medium (der Kommunikation) wahrgenommen wird und das drittens enger als jedes andere soziale System mit Verbreitungsmedien verschachtelt ist (um Masse erreichen zu können). Beobachtungslogisch gewendet kann man auch davon sprechen, dass mit »die Massenmedien« dasjenige System bezeich net wird, das sich auf die Beobachtung seiner Beobachter (also der Rezipienten) spezialisiert hat sowie auf die Steige rung der Quantität dieser Beobachter. Für alle anderen sozialen Systeme gilt zwar ebenfalls, dass sie ihre Beobachter be obachten. Sie sind aber weder darauf spezialisiert, noch lässt sich annehmen, dass soziale Systeme grundsätzlich an einer Steigerung der Anzahl ihrer Beobachter interessiert sind. Übrigens wird hier ersichtlich, dass und warum Massenmedien in eine systemspezifische Paradoxie geraten müssen: Wenn man generell von möglichst vielen Beobachtern beobachtet werden möchte, ohne jemanden von vorne herein ausschließen zu können, so wird es schnell brenzlig, weil die Verbrei tung bestimmter Informationen bei manchen Beobachtern den Versuch auslösen könnte, das System aus seiner Umwelt heraus nachhaltig zu stören: Die Tageszeitungen informieren über die miserable Lage der Zeitungsverlage, obwohl sie wissen, dass diese Meldung die Annoncen schaltende Werbewirtschaft zusätzlich negativ beeinflussen könnte. Oder man

berichtet über das grausame Massaker im eigenen Land, ruft aber damit die Pressezensur auf den Plan. Die Massenmedi en verfügen also nicht über ausreichende Exklusionsmechanismen: Es gibt z.B. keine Möglichkeit, alle zu informieren ­ nur nicht die Politik. Es lässt sich nicht vermeiden, dass, was alle anderen erfahren, auch die Wirtschaft erfährt. Aber selbst, wenn es Exklusionsmechanismen gäbe, so stünden sie im Widerspruch zu dem basal codierten Anspruch, die Zahl der Beobachter zu maximieren. Bei dieser Gelegenheit sei am Rande vermerkt, dass die Kommerzialisierung vor allem des Rundfunks (Fernsehen/Radio) sowie des Internets durchaus Exklusionsmechanismen aufweist und zur Zeit sogar ver stärkt. Wenn Zugänge zugleich digital verschlüsselt und für viele finanziell unerschwinglich werden (Pay TV), so kommt es natürlich in einem anderen Sinn zu Exklusionen. Um Missverständnissen zuvor zu kommen, sollte die Aussage, die Massenmedien verfügten nicht über Exklusionsmecha nismen eingeschränkt werden. Es existieren nämlich sehr wohl Exklusionsmechanismen ­ aber eben keine spezifizieren den, also keine, die es zulassen würden, gezielt einzelne soziale Systeme temporär von der Kommunikation auszuschlie ßen: Man kann das Religionssystem nicht auffordern, jetzt nicht hinzuhören und man kann ihm Kommunikation auch nicht auf Dauer mit einem »Trick« vorenthalten. Gleichzeitig scheint die (post)moderne Gesellschaft insgesamt eher zur Verstärkung von Exklusionen zu neigen: Der eine Teil der Gesellschaft verfügt z.B. über hervorragende Sozialnetze und Gesundheitssysteme; der andere Teil verhungert in der Wüste oder verelendet in den Favelas Lateinamerikas. Diese aus der Geschichte allzu bekannten extremen Gegensätze (reich/arm; mächtig/ohnmächtig) scheinen global gesehen wieder auf dem Vormarsch, aber gerade, wer sie ernst nimmt, der wird darauf stoßen, dass sich der Grad dieser Exklusionen ge gen jede Form wissenschaftlicher Erklärungen spreizt. (Luhmann hat Ansätze zu einer Erklärung zwar bereits in »Jenseits von Barbarei« sichtbar werden lassen, schränkt aber selbst ein: »Zur Überraschung aller Wohlgesinnten muß man feststel len, daß es doch Exklusionen gibt, und zwar massenhaft und in einer Art von Elend, die sich der Beschreibung entzieht. Jeder, der einen Besuch in den Favelas südamerikanischer Großstädte wagt und lebend wieder herauskommt, kann davon berichten. Aber schon ein Besuch in den Siedlungen, die die Stillegung des Kohlebergbaus in Wales hinterlassen hat, kann davon überzeugen. Es bedarf dazu keiner empirischen Untersuchungen. Wer seinen Augen traut, kann es sehen, und zwar in einer Eindrücklichkeit, an der die verfügbaren Erklärungen scheitern.«) Zu guter Letzt dürfte die aktuelle »Kapitalismusdebatte« (2005) in Deutschland ebenfalls ein Reflex auf die Zunahme von Exklusionstendenzen sein. Politische Parteien, deren Weltbild noch vom Liberalismus des 18. Jahrhunderts geprägt zu sein scheint, haben hier natürlich einen unvermeidlichen blinden Fleck. Liberal bzw. Liberalismus zielt hier ja beinahe ausschließlich auf die »Freiheit der Wirtschaft« und den daran geknüpften naiven Glauben, wenn man die Wirtschaft nur ausreichend in Ruhe lasse, werde sich alles andere von alleine zum Besten wenden. Auf der anderen Seite stehen Partei en, die diesen Märchenglauben, wenn nicht abgelegt, so doch längst mit massiven Einschränkungen versehen haben, z.B. weil sie erkannt haben, dass es neben der Wirtschaft noch andere bedeutende soziale Systeme gibt und dass diese sich so wieso und unvermeidlich gegenseitig mit Störungen versorgen. Die angesprochenen »spätkapitalistischen Tendenzen« lassen sich aber mit den der Politik zur Zeit zur Verfügung stehenden Mitteln weder zureichend analysieren noch irgend wie »mildern«: Man kann die Wirtschaft zwar »pieksen«; man kann ihr aber nicht vorgeben, wie sie darauf reagieren soll. Man kann sie also zwar stören ­ aber mit Störungen kann man nicht steuern. Die Politik verfügt zur Zeit - wenn die Überspitzung erlaubt ist - kaum über mehr, denn diejenigen Instrumente, die noch im Hinblick auf Nationalökonomien geschaffen wurden (Gewerkschaften, Zins- und Abgabenpolitik und dergleichen mehr). Im globalen Dorf können diese aber zunehmend nicht mehr greifen: Jede politische Forderung versteht die globalisierte Wirtschaft als Aufforderung, sich

umzusehen, wo weniger gefordert wird. Jeder Streik wird mit dem Versuch beantwortet, an Standorte zu wechseln, wo weniger schnell gestreikt wird. Dies zeigt aber nicht nur die Hilflosigkeit, mit der politische Steuerungsversuche inner halb der global village geschlagen sind. Dies zeigt mindestens ebenso deutlich die Naivität des liberalen Glaubens, die Wirtschaft sorge am Besten für die Beförderung des Gemeinwohls, wenn man sie weitestgehend in Ruhe lasse. Das Me dium der modernen Wirtschaft ist nun mal das »Geld«. Und bisher ist es noch niemandem gelungen, im Steuerungsme chanismus »Geld« ein verstecktes Telos nachzuweisen, das von sich aus sozialpolitische Tendenzen aufweisen würde, und man sollte glauben, dass allenfalls einige Ökonomen und Philosophen des 18. Jahrhunderts das anders hätten sehen können. Wirtschaft wie Wirtschaftspolitik kommen heute nun Mal nur noch als Weltwirtschaft und Weltpolitik in Be tracht. Kein Land kann heute noch seinen eigenen Weg gehen. Das war ­ vor allem auf Grund der schon sehr früh globa lisierten Finanzmärkte ­ teilweise zu Stalins Zeiten schon so. Systemtheoretisch gesehen kommt es also zu diesem Desaster u.a., weil Exklusion die Kehrseite der Globalisierung ist: Mechanismen, die komprimierend wirken (allen voran also die elektronischen Medien), können offensichtlich nur alles mit allem verbinden, wenn sie vieles dabei ausschließen: Wenn Hollywood überall ist, so wird man auch kaum um Coca Cola herumkommen können. Wenn Gesellschaft Weltgesellschaft ist, so kann sich kein Weltteil mehr einfach zurückzie hen. Niemand kann sich ausschließen - aber große Teile können umso leichter ausgeschlossen werden. Wenn das Ge sundheitssystem zu teuer wird, dann werden eben immer weniger von ihm profitieren können. Ist das die Kehrseite der vielbeschworenen Postmoderne? Zurück zur Analyse der Art und Weise, in der die Massenmedien ihre Beobachter beobachten. Die von den Massenmedi en fortlaufend durchgeführte Quantifizierung ihrer Rezipienten entspricht also einer Quantifizierung von Beobachtern, wobei die Massenmedien ihre Beobachter nicht als operative oder funktionelle Einheiten bzw. als Systeme einstufen, son dern rein aspektiv dem gewählten Verbreitungsmedium zuordnen, also etwa als Leser, Zuschauer, Hörer oder Surfer etc. Rezeption wird dabei nach einem viele Jahrhunderte alten Verständnis zunächst und vordergründig als sinnliche oder tak tile Wahrnehmung gedeutet. Die Quantität der Beobachter wird aber nicht interessenlos, sondern mit dem Bestreben ge messen, die Zahl der Rezipienten zu erhöhen oder zumindest bestimmte Grenzwerte nicht zu unterschreiten. Diese »Inter essensorientierung« ist auch daran erkennbar, dass die Massenmedien mit spürbarer Unruhe reagieren, wenn eine Kom munikation kaum noch quantifizierbar ist, weil sie sich in der Nähe der Messbarkeitsgrenze befindet. Auch diese Tatsache gibt einen deutlichen Hinweis darauf, dass sich die Massenmedien nicht an einer angeblich hinter der Messung befindli chen Realität (die gemessen wird) orientieren, sondern am Messverfahren selbst. Die Messung ist die Realität, an der sich die Massenmedien messen. Bei der Beobachtung, die die Massenmedien auf diese Weise durchführen, handelt es sich also nicht einfach um irgendei ne Beobachtung von Beobachtern, sondern um eine Beobachtung, die eine spezifische Selektion innerhalb der Gruppe möglicher Fremdbeobachter vornimmt: Hörer, Leser, Zuschauer etc. Dabei steht zunächst nur die Quantität im Vorder grund. Ziel ist es, von möglichst vielen beobachtet zu werden. Trotzdem kommt es letztendlich zu einem sehr anspruchsvollen Sonderfall von Beobachtung, nämlich zur Reflexion: Das System reflektiert auf sich, indem es auf die Art und Weise reflektiert, wie es von anderen Beobachtern beobachtet wird: massenhaft oder nicht massenhaft. In einer Metapher: Wenn die Massenmedien in den Spiegel schauen, sehen sie nicht sich, sondern ihr Negativ: den Rezipienten. Und in der Tat sind Rezipienten nichts, was unabhängig von den Massenme

dien existieren könnten. Sie sind ganz umgekehrt etwas, dass der Beobachtung der Massenmedien bedarf, um überhaupt real werden zu können. Keine Massenmedien ­ keine Rezipienten (jedenfalls nicht im Sinne der Medienforschung). Auf eben diese Weise gelingt es den Massenmedien, Kommunikation aufzuteilen in solche, die Masse erreicht (Designa tionswert) und solche, die Masse nicht erreicht. Kommunikation, die regelmäßig (aber nicht immer!) Masse erreicht, rechnet das System sich selbst als Erfolg zu. Beispiel: Heute war die von der Tagesschau erzielte Quote zwar schlecht ­ im letzten Monat aber ausgezeichnet. Kommunikation, die »Masse« nicht erreicht, verrechnen die Massenmedien entwe der als Hilfskommunikation (also als Kommunikation, die erfolgreiche Massenkommunikation nur unterstützt) oder als Misserfolg oder als etwas, das fremdverrechnet werden muss: Erfolglose Kommunikation fremd zu verrechnen, heißt, dass das System diese Kommunikation (in einem Nachtrag) als aus der Umwelt stammend beobachtet: Die neue InternetZeitschrift »gartenland-und-wiesenkräuter.de« (Name frei erfunden) stellt ihre Produktion ein, weil es zu keiner Zeit aus reichende page views gab. Wurde diese Zeitschrift vorab in Pressemeldungen zunächst als massenattraktives Angebot be wertet, so bewirkt ihr Verschwinden, dass ihr einstmaliges Angebot rückblickend gar nicht mehr als massenmediales An gebot dargestellt wird. Gehörte dies Zeitschrift aber als »Ableger« zu einem bedeutenden Unternehmen der Massenmedi en, so wird sie nachträglich etwas anders, nämlich als Hilfskommunikation (kommunikative Diversifizierungsstrategie) bewertet. Als Massenkommunikation verrechnen die Massenmedien jedenfalls nur diejenige Kommunikation, der min destens Aussicht auf Erfolg unterstellt wird oder die zum Erfolg (und sei es durch Verstärkung von Aufmerksamkeit) an anderer Stelle sollte beitragen können (Hilfskommunikation). Analog verfahren alle codedifferenzierten Systeme: Nur, wenn es faktisch und vorrangig um Recht oder Unrecht geht, be handelt das Rechtssystem eine Kommunikation als zu ihm gehörig. Nur, wenn es faktisch und vorrangig um Zahlungen geht, verrechnet die Wirtschaft Kommunikation als eigene Kommunikation. Nur, wenn es faktisch und vorrangig um das Erreichen von Masse geht, verbucht das System der Massenmedien diese Kommunikation als massenmediale Kommuni kation. Alle Systeme werden in diesem Sinne also durch Erfolgsorientierung geschlossen: Sie können sich auf Dauer Kommunikation nur zurechnen und also ihre Systemgrenze nur wahren, wenn die durch sie codierte Kommunikation als faktisch erfolgreich oberhalb eines bestimmten Grenzwertes und in direkter Codenähe bewertet wurde. Wenn beispiels weise die Wissenschaften sehr viel Wert auf den Nachweis von Irrtümern legen (Codeseite: falsch), so nur, um damit ih ren Anspruch auf Wahrheit prozessieren zu können. Und weil sich Systeme nur durch (ausreichenden) Erfolg schließen können, bedarf es der (von Luhmann so genannten) »Erfolgsmedien«. Die Codeseite »Masse nicht erreicht« gehört entsprechend ebenso zum System der Massenmedien wie die Codeseite »Masse erreicht«. Aber der Reflektionswert »Masse nicht erreicht« darf dabei entweder nur als relativer oder als temporä rer Wert auftauchen (relativ heißt: »weniger Masse erreicht«; temporär heißt: »Masse heute nicht erreicht«) und nicht als Permanentwert. Nur dann, wenn der Designationswert kontinuierlich erfüllt wird, betrachten sich soziale Systeme als er folgreich - das müssen sie auch, weil ihre Autopoiesis zugleich mit ihrem völligen »Misserfolg« beendet wäre: Die Wirt schaft muss zahlen können, das Recht muss Recht sprechen, die Wissenschaft muss (revidierbare) Wahrheiten finden und die Massenmedien verfügen nicht über einen ausreichend »langen Atem«, um längere Zeit in ein »Rezipientenloch« zu senden. Das System »lebt« also (wie jedes andere soziale System) von der Differenz der beiden Werte, kann nur daran seinen Erfolg bewerten und ohne ihn hört es auf zu existieren, verliert seine Grenze zur Umwelt, löst sich in ihr auf. Als »das System der Massenmedien« bezeichnen wir demgemäß dasjenige System, das erfolgreich massenmedial kom muniziert:

Als Soziologen können wir beobachten, dass irgendwann Zeitungen verschwinden, die keine Auflage erzielen, Radiosen der keine Frequenzen mehr zugeteilt bekommen, wenn Sie kein »Publikum finden«, Fernsehsendungen durch andere er setzt werden, wenn sie keine »Quote machen«, Google bestimmte Internetseiten schlecht ranked, weil sich erfolgreicher querverlinkte Seiten auffinden lassen etc. Oben wurde bereits davon gesprochen, welche Kommunikation sich Systeme selbst zurechnen und welche nicht. Das heißt im Umkehrschluss, dass andere soziale Systeme zu anderen Zurechnungen kommen werden: Das politische System meint, die Massenmedien hätten die Finanzmisere nur erfunden, während die Massenmedien darauf bestehen, dass man lediglich die Äußerungen des Finanzministers verbreitet habe. Die Wirtschaft meint, das Rechtssystem habe ein Ende der Flexibilisierung von Arbeitszeiten kommuniziert, während das Rechtsystem die Ansicht vertritt, es habe lediglich bestehende Gesetze ausgelegt und kommentiert. Und die Politik überfordert sich selbst mit der Behauptung, für alle Probleme eine Lösung zu haben (wenn man doch nur erst einmal an die Macht käme!). Das Religionssystem kritisiert, die Kommunikation des politischen Systems stimme die Menschen politikfeindlich, wäh rend die Regierung sich nur daran erinnern kann, dass die Opposition dergleichen heraufbeschwöre und alles übrige seien ohnehin andere schuld. Die Art von Beobachtern, auf deren Beobachtung die Massenmedien spezialisiert sind, sind im Alltag bekannt als Hörer, Leser, Zuschauer, Surfer oder generalisiert: als Rezipienten. Rezipienten werden gemeinhin als Beobachter beschrieben, die (massenmediale) Kommunikation beobachten. Die Konsequenz dieser Betrachtung ist, dass die Massenmedien zu ei ner Konstruktion erklärt werden, die vom Rezipienten (der hier und dort seinerseits als »kognitives System«, als »Mensch« oder als »Bewusstsein« gedacht wird) konstruiert werde. Im Gegensatz dazu ergibt sich für uns nach allen Er örterungen die Notwendigkeit, diese Konstruktion kopernikanisch zu wenden: »Rezipienten« (der Massenmedien) sind Beobachter, die codegesteuert von den Massenmedien konstruiert werden als eben diejenigen Beobachter, von denen sie sich als beobachtet betrachten. In anderen Worten: Rezipienten sind eine Konstruktion, die innerhalb der Selbstbeobach tung (Selbstreferenz) der Massenmedien entsteht, insofern die Massenmedien sich selbst über die Beobachtung ihrer Be obachter beobachten. Eine Besonderheit des sozialen Systems der Massenmedien besteht also darin, welche Rolle für die sie die Beobachtung von Beobachtern, also die Beobachtung zweiter Ordnung spielt. Denn nur an Beobachtern, von de nen sie selbst beobachtet werden, können die Massenmedien den für ihre Operationen notwendigen (Miss)Erfolg messen, um ihre Kommunikation daran zu orientieren. Das System der Massenmedien kann hier also gegen alle Konvention als dasjenige System charakterisiert werden, das den Rezipienten »erfunden« hat, um sich selbst über die Beobachtung dieses seines Beobachters zu beobachten und damit als System zu generieren. Damit entfällt die Annahme, Rezipienten seien etwas, das sich unabhängig von den Massenme dien bereits in der Welt befinde, aus Individuen bestehe und auf dessen reale Existenz die Massenmedien existentiell an gewiesen seien. Es verhält sich gerade umgekehrt: Rezipienten sind Konstruktionen, die erst in und durch die Beobach tung der Massenmedien entstehen. Rezipienten sind also nicht identisch mit Menschen, Subjekten oder sonstigen unab hängig von den Massenmedien in der Welt vorfindlichen Phänomenen. Sie sind absolut systemdependent. Bekanntlich gab es vor der Erfindung des Autos auch keine Autofahrer. (Nur sind Autofahrer keine Konstruktionen, die von Autos ausgeheckt wurden.) Indem man also diametral entgegengesetzt zu konventionellen Konstruktionen ansetzt, kann man vermeiden, die Massen medien aus der externen Position ihrer Beobachtung seitens der Rezipienten konstruieren zu müssen. Der Rezipient kann

so als eine codebezogene Konstruktion der Massenmedien begriffen werden. Die Massenmedien zeigen sich folglich hier bei als ein streng selbstreferentielles System, insofern das System sich selbst über die eigene Beobachtung seiner von ihm selbst konstruierten Beobachter zu steuern sucht. Rezipienten werden dabei von den Massenmedien auf verschiedene Weise beobachtet. Die in Deutschland bekannteste Beobachtungsweise ist die so genannte »(Einschalt)Quote«. Sie wird in Form kompakter Werte geliefert und abgearbeitet. Es geht dabei nicht um Individuen, sondern letztlich um einen in anteilige Prozentwerte aufgelösten Gesamtwert, der eine Rückführung in individuelle Einzeladressen (Individuen, Personen, Einzelsubjekte) sogar gezielt ausschließt. Vielleicht kann man darüber streiten, ob es die Erhebungsinstitute bei ihren Erhebungen mit Individuen zu tun haben: Man wird aber schwerlich darüber streiten können, dass in »der Quote«, mit der sich die Massenmedien beschäftigen, alle individu ellen Spuren bereits getilgt werden. Obwohl Luhmann die Massenmedien nicht aus ihrer Fokussierung des Rezipienten (verstanden als »Masse«) gesehen hat te, hatte er darauf hingewiesen, dass sich die Massenmedien an »vermuteten Interessen« orientieren. Von da wäre der Schritt zu der Annahme, dass die Massenmedien ihre zentrale Steuerung an dem Versuch ausrichten, Masse zu erreichen, eigentlich nicht mehr sehr weit gewesen. Stattdessen hat Luhmann versucht, die von ihm selbst formulierte Interessens orientierung über das Schema informieren/nicht informieren zu erklären. Das ist in der Tat ein schwacher Ansatz, inso fern die Differenz von informieren/nicht informieren ja gerade offen lässt, nach welchem Schema informiert wird und nach welchem nicht. Statt einer Antwort auf die Frage: Wie unterscheiden die Massenmedien zwischen dem, über das sie informieren werden und dem, worüber sie nicht informieren werden, entsteht hier nur die weitere Frage: Warum orientie ren sie sich ausgerechnet an Rezipienteninteressen (obwohl es so viele alternative Möglichkeiten gäbe)? Hätte sich Luhmann die Frage gestellt, warum Rezipienteninteressen diese zentrale Rolle spielen und hätte er andererseits stärker beachtet, dass sich die Massenmedien keineswegs mit »Vermutungen« zufrieden geben, weil sie Vermutungen umgehend durch Messungen ersetzen (die ja unter anderem einer Ermittlung von Interessen dienen), so wäre es mögli cherweise dazu gekommen, das Luhmann eine Revision des Codes in ins Auge gefasst hätte. Interessensvermutungen spielen unberührt davon natürlich durchaus eine Rolle im Alltagsgeschäft. Jeder Redakteur muss von Beitrag zu Beitrag, von Artikel zu Artikel und von Sendung zu Sendung Vermutungen über Rezipienten-Interessen anstellen. Aber von der Ideenfindung bis zur Verbreitung helfen dabei Schemen (etwa das »journalistische Handwerks zeug« mit seinen vielen Regeln, die journalistischen Formen etc.), weshalb letztlich sehr wenig Spekulation, dafür aber sehr viel Routine im Spiel ist. Die Ergebnisse dieser Routinen werden dann permanent abgeglichen mit Messergebnissen: Wie viele Folgen einer Serie werden nach der Pilotsendungen gesendet, an die hohe Erfolgserwartungen angeschlossen wurden? Evtl. gar keine, wenn die Quote »grottenschlecht« war.

5 Codedifferenzierung versus funktionale Differenzierung

Die Annahme, der Code der Massenmedien laute »Masse erreichen/nicht erreichen«, lässt aber auch Konsequenzen sicht bar werden, die weit über eine Theorie der Massenmedien hinausgehen. Denn während Luhmann offenbar der Ansicht war, dass Codierung sozusagen funktionale Differenzierung garantiere, wird am Beispiel der Massenmedien deutlich, dass beide Differenzierungsweisen gelegentlich zwar korrespondieren mögen ­ allerdings geschieht dies dann eher zufäl lig. Es besteht keine funktionale (oder kausale) Verbindung zwischen Code und Funktion und zugleich damit auch keine Garantie dafür, dass sich Codes an Funktionen binden (vice versa). Die Massenmedien lassen sich funktional am ehesten als ein System beschreiben, das Realität »verräumlicht« und somit als »Welt-Realität« verrechnet. Die Verräumlichung der Realität als Welt-Realität entsteht also nicht, weil es so etwas wie eine »räumliche Welt« gibt. Das wäre eine kon struktivistisch unhaltbare Annahme. Die »Welt« als »Raum« ist also vielmehr ihrerseits ein kommunikativer Effekt bzw. Folge der Kommunikation. Die Kommunikation selbst setzt sich als etwas »in Raum und Zeit« Stattfindendes. Und auch die »Zeit« kann nicht vorausbestehen, denn Zeit ermöglicht Operationen nur in jenen Sinne, in dem Operatio nen »Zeit« konstruieren und sich selbst damit verzeitlichen. Raum und Zeit als Koordinaten jeder Operation bzw. Kom munikation sind also ihrerseits Produkte spezifischer Operationen bzw. Kommunikationen. Das meinte Luhmann, wenn er davon sprach, dass autopoietische Systeme ihre eigenen Bedingungen erst einmal selbst »erschaffen« müssen. Analog dazu kann selbst das Gehirn, wenn man es ­ wie es im Materialismus geschieht ­ zur Grundlage aller geistigen Prozesse erklären möchte, nicht zu einer solchen Grundlage erklärt werden, wenn es nicht zuvor als Gehirn »gedacht« (d.h.: kon struiert) wurde. Ein nicht gedachtes (besser: nicht-konstruiertes) Hirn kann nun mal nicht Grund von irgend etwas ande rem sein. Solange kein Hirn konstruiert wurde, existiert es nicht. Und wenn es konstruiert wurde, dann existiert es als nichts anderes, denn als: Konstruktion. Solange Kommunikation und Erleben sich selbst nicht als räumliche und zeitliche Geschehnisse konstruieren, kann man weder der Operativität die Eigenschaft der »Zeitlichkeit«, noch der Kommunikation die der »Räumlichkeit« zusprechen. Es wäre also verfehlt, zu fragen, ob Kommunikation etwas Räumliches »ist« oder ob Operationen etwas Zeitliches dar stellen. Von einem konstruktivistischen Standpunkt aus gilt es stattdessen zu fragen, ob die Kommunikation sich selbst als etwas behandelt, das in einem Raum stattfindet und Zeit in Anspruch nimmt. Heute liest man innerhalb systemtheore tischer Theorie immer wieder, Operationen setzten Zeit immer schon voraus; sie seien etwas »Zeitliches«. Ja. Ganz so wie Kommunikation (durch ihren Bezug auf Welt) und Denken (durch seinen Bezug aufs Gehirn) »Raum« in Anspruch nehmen. Systemtheoretikern aber, die Zeit als jede Operationen bedingenden und ihr vorausgehenden Faktor ansetzen, übersehen, dass auch »Zeit« nicht anders, denn als Konstruktion (bestimmter Operationen) gedacht werden kann. Die Massenmedien dürfen auch in diesem Gefüge den ihnen offenbar gebührenden Sonderstatus einnehmen, denn: Ers tens konstruieren sie »Welt« inhaltlich, also etwa, indem Sie über »die Welt« informieren. Zweitens konstruieren sie, in dem sie dies tun, »Welt als Phänomen«, also als etwas, das »jeder kennt« und in das fortan jede Kommunikation als ein gebettet erscheint. Kommunikation wird so zu etwas, das »in der Welt« stattfindet. Und drittens, weil sie in der Lage ist, den so konstruierten räumlichen Bezug operabel zu gestalten: Die Massenmedien sind es vor allem, die mühelos diesen Raum »durchschreiten«, ihn aufteilen und synchronisieren. Wir sehen in Köln zeitgleich mit New York den Einsturz des Towers. Wir hören in Deutschland live das Interview der Kanzlerin in Washington. Kinder kennen, lesen und schätzen in England, Japan und Kanada Harry Potters Abenteuer und alle sehen beinahe überall den neusten Hollywood blockbuster.

Aber alle trinken auch Coca Cola, essen Hamburger oder nutzen ein Sonygerät. Die Finanzmärkte lassen sich nicht mehr über eingelagertes Gold stabilisieren, sondern orientieren sich an allen Währungen und Bruttosozialprodukten zur glei chen Zeit. Kurzum: Natürlich ist die Wirtschaft globalisiert. Natürlich ist das unumkehrbar. Und natürlich bildet die Wirt schaft dabei einen entscheidenden Faktor im »Globalisierungsspiel«. Aber: Wer immer auch Coca Cola trinkt, wer immer auch Hamburger isst oder Sonygeräte nutzt oder Yen in Euro wechseln möchte: niemand wüsste, dass alle Hamburger es sen etc. ­ gäbe es nicht die Massenmedien, die dies »verkünden«. Sie machen Sony bekannt und berichten über die Lage der Finanzmärkte. Und ein entscheidendes Kriterium hat die Wirtschaft ohnehin mit allen anderen sozialen Systemen und somit auch den Massenmedien gemeinsam: Kaufen, verkaufen, Geld haben und verlieren sind längst von allen materiel len Vorgängen losgelöste Prozesse: Geld zu haben bedeutet, anderen die Information glaubhaft machen zu können, man habe Geld. Geld auszugeben bedeutet, den Informationsstand hinsichtlich der Finanzlage zu verändern. In »Sneakers« (Filmkomödie, USA 1992) weist ein ehemaliger Hacker mit Recht darauf hin, dass Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht nichts anderes darstellen als Informationen ­ die meisten davon auf Rechnern. Weist der Rechner der Bank auf dem eigenen Konto eine Million Euro aus, so verfügt man über eine Million Euro. Überweist man davon 500.000 Euro auf ein »Fremdkonto« ­ so ändert sich die Information. That's it. Ob in Afghanistan Krieg herrscht und männliche von weiblichen Gehirnen doch sehr verschieden zu sein scheinen, ob Wirtschaft oder Massenmedien ­ es geht letztlich immer und nur um Informationen. Und wenn sie »falsch« waren, so sind sie es laut einer Information. Und wenn es gelingt, die se weltweit zu synchronisieren, Raum mit Hilfe von Zeit (Geschwindigkeit) schrumpfen zu lassen (global village), so tritt unwiderruflich der Effekt der Globalisierung auf. Und wenn dies nicht mehr gelingen sollte, so werden auch sämtliche Globalisierungseffekte verschwinden. Wenn es keine mehr weiß, dass man auf der ganzen Welt Coca Cola trinkt, so macht es auch keinen Sinn mehr, davon zu sprechen, dass auf der ganzen Welt Coca Cola getrunken wird. Insofern wird man Globalisierung als medialen Effekt des elektronischen Zeitalters verstehen müssen, während Kolonialisierung ein Effekt des mechanistischen Zeitalters sein dürfte. Weil die Massenmedien »Welt« auf eine Weise für unterschiedliche Sys teme verbindlich werden lassen, die von nichts und niemandem mehr unterlaufen werden kann sind sie längst zum ent scheidenden Faktor der sogenannten Globalisierung avanciert. Auch und gerade hier gilt also der »gramophone-filmtypewriter-effect« (Kittler). Analytisch von Bedeutung hinsichtlich einer Theorie der Systemdifferenzierung ist, dass dieser Effekt ganz offenbar ge rade nicht per funktionaler Differenzierung (oder die systeminterne Beobachtung externer Erwartungen) erklärt werden kann: Die Massenmedien übernehmen zwar die genannte »Globalisierungsfunktion«, aber, wie sichtbar wurde, nicht, weil sie sich an dieser Funktion irgendwie orientieren würden ­ zumindest nicht mehr als an ganz anderen. Die Funktion wird von ihnen nur en passant übernommen, sie gehört zur Kontingenz des Systems, ist also verfügbar (und könnte insofern auch ausfallen), denn sie entsteht schlicht »als Abfallprodukt« der Orientierung seiner Kommunikation an der Codierung seiner Informationsverbreitung (Masse erreichen/Masse nicht erreichen). SAber Vorsicht! Hier lauert ein Missverstädd nis: Die Aussage gilt nur, insofern sie auf die Funktion der Verbindlichmachung einer Welt-Realität abzielt. Die Übernah me dieser Funktion erfüllt sich nicht, weil diese Funktion zur Einheitbildung des Systems beitragen würde (was im Falle funktionaler Differenzierung ja zu erwarten wäre). Nur in diesem Sinne liegt sie in der Kontingenz des Systems Die über den Code also nur »angetriggerten« funktionalen Kommunikationserfolge der Erzeugung einer für alle Sinnsys teme verbindlichen, unhintergehbaren Realität ergibt sich also ganz schlicht aus dem Umstand, dass die Massenmedien Codierungserfolge ausgesprochen gut über die Erfüllung der Funktion einer Realitätskonstruktion erreichen können:

Wenn man kommunikativ »Masse« erreichen möchte, so muss man diese »Masse« auf eine Weise informieren, die sie so zusagen zur Gegenselektion »zwingt«. Der für andere Systeme dabei entstehende Anreiz zur Gegenselektion lässt sich dann dadurch noch einmal steigern, dass die Massenmedien Gegensätze wie Fiktion und Realität (mit allen ihren Zwi schenwerten) bedienen können, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Die Kunst einer Vermeidung von Widersprü chen ist schon deswegen keineswegs trivial, weil jede Fiktion natürlich immer zugleich Realitäten erzeugt: Man mag Darth Vader für eine erfundene Figur halten und Star Wars für Fiktion. Aber eben diese Umstände sind es, die zur Reali tät werden lassen, dass es diesen Film und seine Protagonisten gibt. Man kann sich im Kino oder auf DVD jederzeit von der Realität der Fiktion überzeugen. Es ist keineswegs einfach, Fiktionen einerseits so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen und andererseits in ausreichendem Maße die Fiktionalität der Fiktion zu symbolisieren, so dass Realität und Fik tion immer noch trennscharf erscheinen und blockierende Paradoxierungen vermieden werden können. Wer würde den Nachrichten noch Glauben schenken, wenn er Raumschiff Enterprise für eine Dokumentation hielte, in der ihm die Mas senmedien einzureden versuchten, es gäbe wirklich einen Captain Kirk , der all dies erlebt habe? Gerade diese ansatzlose Zuständigkeit für Realität und Fiktion lässt es möglich werden, dass die Massenmedien eine universalisierbare und den noch nur konstruierte Realität verbindlich werden lassen können. Das heißt allerdings nicht, dass nicht jedes System seine eigene Realität zeichnen und seine eigene Unterscheidung von real und fiktiv etablieren wird. Das heißt aber sehr wohl, dass alle diese verschiedenartigen Realitäten bzw. Fiktionen unhintergehbar entlang einer jeweils systemspezifischen Beobachtung der von den Massenmedien verbreiteten Kommuni kation evoziert werden. Einjedes System muss also unbestritten seine Realität selbst erzeugen ­ aber es wird dies nicht tun (können), ohne sich dabei maßgeblich auf die Kommunikation der Massenmedien zu beziehen. Dieser Umstand macht es der Systemtheorie möglich, nicht annehmen zu müssen, dass die Kommunikation der Massenmedien aus Sicht einzelner Systeme jeweils identisch sei (und mal richtig, mal falsch verstanden werde bzw. mal vollständig und korrekt, mal unvollständig und in korrekt sei). Die Systemtheorie wird lediglich behaupten müssen, dass allen Realitätskonstruktionen gemeinsam ist, dass sie sich auf der Grundlage einer jeweils eigenständigen (systemrelativen) Beobachtungen der Massenmedien entwickeln ­ sogar, wenn es um die Frage geht, was real ist und was fiktiv (oder auch: was an Fiktionen real ist). Gerade im Zeitalter elektronischer (digitaler) Medien kann die Differenz von Realität und Fiktion ohne entsprechende Bezugnahme auf die Massenmedien weder verstanden, noch universalisiert werden. Auch Luhmann hat diesen Bezug auf die Unterscheidung Realität/Fiktion gesehen, aber vielleicht - abgesehen von Kunst- und Unterhaltungsaspekten - nicht ausreichend herausgearbeitet, welche generelle Bedeutung den Massenmedien in diesem Zusammenhang zukommt. Nur die Massenmedien selbst konnten seinerzeit zureichend darüber »aufklären«, dass ein »Krieg der Welten« im Augenblick nicht real stattfand, sondern nur inszeniert wurde. Zugleich konnte Orson Welles Inszenierung nur durch Wahl der journalistischen Form »Live-Reportage« so unerhört real wirken. Es bedurfte der Gegenreportagen, also der massenmedialen Dementis, um sein Hörspiel wieder in eine Fiktion umkippen zu lassen. Und wer kennt nicht die Spekulationen darüber, ob der Anschlag auf die Twin Towers nicht ebenfalls nur inszeniert wurde? Wer an eine solche Inszenierung nicht glauben will, der wird dies auf der Grundlage seiner aus den Massenmedien bezo genen Informationen tun. Und wer es glauben möchte, dem wird es nicht anders gehen. Man mag in New York gewesen sein oder einen Freund kennen, der dort zum Zeitpunkt des Anschlags war. Man mag gesehen haben, dass die Twin

Towers zerstört wurden. Aber selbst dann gilt: warum und von wem? Eine Antwort darauf lässt sich nicht ohne die Infor mationen der Massenmedien abwägen. Auch diese Sachverhalte stützen die hier vorgetragene These, dass eine Spezialisierung auf die Funktion der Erzeugung von Realität heute nicht mehr systemdifferenzierend wirkt. Die Erfüllung von Funktionen, auf die andere Systeme ihre Erwartungen richten bzw. die von gesellschaftlich großer Bedeutung sind, kann nicht mehr garantiert werden und wird von nichts und niemandem mehr garantiert. Gerichte sorgen für Recht, nicht für Gerechtigkeit. (Ein Kölner Amtsrichter antwortete einem Journalisten einmal: »Fragen Sie mich nicht nach Gerechtigkeit. Ich spreche nur Urteile.«) Die Wirt schaft interessiert sich weder für eine gerechte Verteilung von Geld und Gütern, noch für nachhaltige Ressourcen- oder Umweltpolitik. Wenn es zur ökonomischen Versorgung kommt, dann nur, weil »Geld« sich so passabel als Kommunika tionsmedium prozessieren lässt. Und wenn ökologische oder soziale Rücksichtnahmen stattfinden, dann nur, weil die Wirtschaft aus ihrer politischen und rechtlichen Umwelt heraus entsprechend irritiert wurde. Aber auch, wenn Gerichte Gerechtigkeit walten lassen, dann nur, weil, was als Recht gilt, nach Meinung von Beobachtern gelegentlich auch der Ge rechtigkeit entgegenkommt. Und so gilt denn auch, dass die Massenmedien nicht informieren, um ihrer Funktion nachzu kommen. Wenn die Massenmedien informieren, dann nur, weil sie »Masse« nicht anders erreichen können. Und wenn diese Informationen zunehmend als redundant oder als im Konflikt mit bestimmten Vorstellungen von Demokratie bzw. mündigen Bürgern stehen, dann, weil man bei »Big Brother« nicht an Weltliteratur, sondern an auf Sofas herumhängende Menschen denkt und das: weil man damit umso leichter Masse erreichen kann. Codedifferenzierung ist also keine Unterstützungs- oder Bleigleitform funktionaler Differenzierung, sondern ­ im Gegen teil ­ eine Differenzierungsalternative, die Systeme stärker als segmentäre, hierarchische oder funktionale Differenzie rung gegen eine Orientierung an Fremderwartungen (eben: Funktionserwartung) abriegelt. Codedifferenzierung vermin dert Systembelastungen, die auf externen Erwartungen beruhen. Soziale Systeme sind zwar stets operational geschlossen, aber gerade dieses codebedingte, extreme Abprallenlassen der an ein System von außen herangetragenen Erwartungen kann den Schutz der Geschlossenheit ähnlich verstärken, wie die Schädelknochen der Abschottung des Gehirns gegen über äußeren Einwirkungen »den letzten Schliff« geben. Gesellschaftlich bleibt eine solche Verstärkung natürlich nicht unbemerkt und also auch nicht unkommentiert. Die extre me Abschottung sozialer Systeme gegeneinander wirkt befremdlich, so dass »kafkaeske Züge« entstehen: Das System er scheint dann aus Sicht anderer Beobachter als von einer gemeinsamen Realität abgekoppelt, als völlig unzugänglich, un beeinflussbar, für psychische Systemen oftmals sogar »beängstigend«, »außer Kontrolle«. Denn in der Tat fordert Code differenzierung nur eins: Die kommunikative Erfüllung der Codewerte. Alle anderen Ziele werden entweder zufällig oder gar nicht erreicht. Künstlerisch mag sich das dann als eine immer surrealistischer anmutenden »Welt der hängenden Uh ren« (Dalí) ausdrücken. Um so wichtiger ist es, zu wissen, dass nur Eines Systeme dazu verleiten kann, im Umsichselbst kreisen Rücksichten auf externe Erwartungen zu nehmen: Eine Störung durch externe Systeme, die unmittelbar am Code ansetzt: Wenn z.B. Recht und Politik Streiks billigen, dann wird die Wirtschaft direkt durch Zahlungen betroffen. Die Störung greift, weil sie direkt am Code ansetzt. Aber hier wird auch wieder nur deutlich, dass geschlossene Systeme stets selbst den Umfang festlegen, in dem sie bereit sind, sich stören zu lassen. Vor allem aber lassen sie sich nicht vorgeben, wie sie auf Störungen zu reagieren haben: Mit Sozialplänen oder mit Produktionsverlagerungen.

Die Massenmedien können sich jedenfalls heute nicht mehr einfach dadurch von ihrer Umwelt absetzen, dass sie die Funktion der Erzeugung von Realität übernehmen. Die Konstruktion von Realität leisten die Massenmedien vielmehr nur noch en passant, sozusagen bei Gelegenheit des Versuchs, mit ihrer Kommunikation »Masse« zu erreichen, also bei dem Versuch, ihre Codewerte zu befriedigen. Es liegt die Vermutung nahe, dass Systeme entweder codedifferenziert sind oder funktional differenziert ­ nicht aber beides zugleich. Damit liegt aber zugleich die Vermutung nahe, dass in einer evoluti onstheoretischen Perspektive Codedifferenzierung auf funktionaler Differenzierung aufsetzen muss, um sich etablieren zu können. Vielleicht bietet Codedifferenzierung aus systemtheoretischer Sicht sogar den Schlüssel zum Verständnis dessen, was von anderer Seite als »Postmoderne« bezeichnet wurde. Immerhin stellt dieser Wechsel des Differenzierungsmechanismuses, diese Umstellung von funktionaler auf Codedifferenzierung, zweifellos das Resultat einer Steigerung von Selbstreferen tialität dar. Denn während sich über die Wahrnehmung von Funktionen das System in weiten Bereichen auf die Erwar tungen der in seiner Umwelt befindlichen Systeme hin orientiert, orientieren Codes das System radikal und ausschließ lich an sich selbst. Zumindest, wenn man den soziologischen wie ethnologischen Funktionalismus als ein Paradigma ver stehen möchte, das die Re-Integration der satellitenhaft getrennten Systeme über die gegenseitige Erbringung von Leis tungen zu erklären versucht. Wenn Leistungen erst einmal an funktionale Systeme delegiert sind, so steigert dies zwangs läufig die gegenseitige Abhängigkeit. Funktionaler Autonomie und operativer Geschlossenheit erzeugt dann sozusagen »existentielle gegenseitige Abhängigkeit«: Es gäbe zum Beispiel kein System der Wissenschaften und auch kein System des Rechts, ohne ein System der Wirtschaft. Funktionserfüllungen stehen also immer (Fremd)Erwartungen gegenüber, mit denen sich die einzelnen Systeme zugleich gegenseitig ­ auch: legitimatorisch ­ anbinden. »Legitimatorisch« meint: Wenn man eine Leistung beziehen möchte, so fällt es schwer, den abzulehnen, der sie erbringen soll. Genau an dem Punkt aber kommt es mit der Umstellung von Funktion auf Code zur postmodernen Katastrophe: Wenn Systeme ihre Selbstreferentialität steigern und also anfangen, sich völlig gegen ihre Umwelt abzuschließen und nur noch um sich selbst »zu kreisen«, weil sie sich ausschließlich an ihren Codes und nicht mehr an auch für andere Systeme be deutsamen Funktionen orientieren, kommt es zu einer »kafkaesken Abkühlung«: Der Verlust der legitimatorischen Anbin dung über Funktionen erzeugt innerhalb der Kommunikation wie des Erlebens die Wahrnehmung »kafkaesker Schlösser«. Code-orientierte Systeme und die an sie angeschlossenen Organisationen erscheinen dann als unbeeinflussba re, uneinsichtbare black boxes, die tun was sie tun und die nicht tun was sie nicht tun, und die scheinbar »von außen« nicht mehr auf berechenbare Weise beeinflusst werden können. In der Umwelt reagiert die Kommunikation beunruhigt und fragt sich, welches Glasperlenspiel im Inneren stattfindet. Dass aus systemtheoretisch-kybernetischer Sicht alle in Frage stehenden Systeme unbeeinflussbare black boxes sind, ändert an der Korrektheit dieser Feststellung nichts, da die genannte Effekte nicht auf das zurückgeführt werden können, was Systeme »sind«, sondern auf eine eigenständige Beob achtung der Systeme durch diverse externe Beobachter zurückgeführt werden muss. Was Kybernetiker trivial finden, kann aber von anderen dadurch als beunruhigend, abweichend und ungewöhnlich beurteilt werden. Die in den 80ger Jahren immer wieder zu hörende Kritik, Luhmann baue »Kafkaeske Schlösser«, trifft also insofern zu, als die »Postmoderne« tatsächlich die entsprechenden Züge kafkaesker Welten trägt. Hegelianer und Marxisten würden also nicht zu unrecht von »Entfremdungseffekten« sprechen. Das kann man folglich durchaus machen, sofern man die Ge sellschaft über (idealistische/materialistische) Konzepte einer absoluten Rationalität zu verstehen sucht und nicht über ein funktionalistisches Kommunikationskonzept. Vielleicht war also die Systemtheorie einfach eine der ersten Theorien, die

diese so surreal erscheinende Welt angemessen beschreiben und in ihrem Zustandekommen erklären konnte? Jedenfalls hat sie die von ihr beschriebenen Schlösser nicht erschaffen. In dieser »Abkühlung«, die aus systemtheoretischer Sicht der Ablösung funktionaler Differenzierung durch Codedifferen zierung entspricht, geht es endgültig nicht mehr um »gottgewollte Herrschaft« und auch nicht um das respektierbare »Vor recht der Ältesten«. Es gibt ­ Habermas zum Trotz ­ sicherlich auch kein in der Kommunikation selbst angelegtes Telos, das »in the long run« sicherstellt, dass letztlich alles in Richtung eines gesellschaftlichen Konsensus driftet. Ein solches Naivkonzept scheitert schon daran, dass es den zentralen Beobachter nicht benennen kann, der irgendwann für alle ver bindlich festlegen könnte, welches Maß an Konsens inzwischen erreicht wurde. Das kann schon deswegen nicht funktio nieren, weil (paradoxerweise) schon die bloße Behauptung, es liege Konsens vor, sofort wieder zu Dissens führen würde: »Konsensteilnehmer« fühlen sich in aller Regel von anderem in Ihrem Zustimmungsbereich falsch verstanden. (»Das hab ich nicht gesagt. Ich habe lediglich gesagt ... «) Die Systemtheorie steht hier sicherlich den weit weniger naiven (weil dif ferenzierteren) so genannten »dialektischen Frühformen« der Frankfurter Schule näher, die mit ihrer Annahme, die Ge sellschaft habe sich in einander entfremdete, in Widersprüchen sich ausdrückende und aus diesen Widersprüchen heraus sich weiterentwickelnde Interessenslagen ohne eine Garantie der Weiterentwicklung in Richtung »marxistischer Fernzie le« entfaltet. Zwar teilt die Systemtheorie nicht die Annahme, dass diese isolierten, nicht re-integrierbaren technokrati schen und instrumentellen Einzelinteressen alle anderen gesellschaftlichen Bereiche überlagern, um sich so unsichtbar zu machen (Ideologien, oder mit Luhmanns Worten: blinde Flecken). Sie löst dennoch den damit verbundenen theoretischen Anspruch auf ihre Weise ein, indem sie insbesondere mit Hilfe der Hypothese einer codedifferenzierten Gesellschaft die in den frühen Ansätzen der Frankfurter Schule zu findenden »Entfremdungs- und Isolationseffekte« in die Theorie isolier ter gesellschaftlicher Teilsysteme und ihre Geschlossenheit verlagert und also aufnimmt und zugleich erklärt. Wer sagt ei gentlich, dass die Systemtheorie die Welt, so, wie sie sie beschreibt, auch »gut« findet? Codedifferenzierung führt also zu einer Art von l'art pour l'art der Systemoperationen, insofern es den Subsystemen nur noch um die operationale Anwen dung des Codes um seiner selbst Willen geht. Gerade die Beobachtung »des Anderen« (also der Umwelt) geschieht dann ausnahmslos aus der Perspektive einer Optimierung eigener, codebasierter, über keinerlei gesamtgesellschaftlichen Sinn bezug kontrollierter bzw. kontrollierbarer Operationen. Theorien, die anders als die Systemtheorie nicht über ausgearbeitete eigene, von der Subjektivitätsphilosophie völlig los gelöste Modelle verfügen, haben diese Verwerfungen bisher weit deutlicher angesprochen als die Systemtheorie dies ge tan hat. Besonders zu erwähnen wäre hier sicherlich der französische Neostrukturalismus, allen voran wohl Foucault und Derrida. Ihnen blieb aber nichts anderes übrig, als diese Auflösungstendenzen in eine Art negativer Subjektphilosophie münden zu lassen. Aus dem eindeutigen Standpunkt eines Subjekts wird dann Polykontextualität, aus der (Kantschen) Einheit der Vorstellungen eines »Ich denke« (cogitans) die Vielstimmigkeit, aus der Vorliebe der Subjektphilosophie für »Einheit« die »différance« und wer sucht, der findet heute sogar »Unjekte« auf der Position des verloren geglaubten Ob jekts. Dergleichen Beschreibungen verbleiben also weitgehend im Rahmen der Subjektphilosophie, die sie lediglich ins Negative wenden. Doch obwohl sie sich nicht wirklich von subjektphilosophischen Vorstellungen zu lösen vermochten, wird man anerkennen müssen, dass die Folgen dessen, was wir hier als Codedifferenzierung beschrieben haben, sehr ge nau erkannt und benannt wurden, was sich unter anderem in der Schöpfung des Begriffs »Postmoderne« kundgetan hat. Luhmann hat uns mit der Unterscheidung von Funktion und Code konfrontiert, hielt dagegen aber am Konzept der Mo

derne fest. Vielleicht ließe sich funktionale Differenzierung aber tatsächlich zutreffend als »modern«, Codedifferenzie rung hingegen als »postmodern« beschreiben? Ein Gedanke, der hier nicht weiter verfolgt werden kann.

6 Was heißt »Masse«?

Die Wirtschaft mag Einnahmen allen Ausgaben vorziehen, doch um Einnahmen zu erhalten, muss sie immer auch Ausga ben in Kauf nehmen. Daher ist sie über ihren Code gehalten, ständig zwischen Operationen, die zu Zahlungen führen und Operationen, die nicht zu Zahlungen führen, zu unterscheiden. Auch für die Massenmedien ist die Beobachtung der Ne gation des Falls, Masse zu erreichen, unabdingbar, um den Fall provozieren und erkennen zu können, in dem oder durch den Masse erreicht werden könnte (Designationswert der Massenmedien). Schließlich geht es in der Unterscheidung von Masse erreichen/Masse nicht erreichen letztlich um relative bzw. graduelle Bewertungen: kleinere/größere Masse er reicht. Wirklich riskant sind nur die Grenzwerte, also für die Wirtschaft etwa die galoppierende Inflation bzw. die Hype rinflation. Aber auch die Beobachtung der Praktiken zur Erreichung eines Massenpublikums (etwa die Bedienung der Sensations lust, Kolportage, Einsatz von Sex etc.) geben uns wichtige Hinweise auf die Codierung des Systems, denn auch hier wer den ganz unmittelbar die Kriterien der Selektion von Kommunikation berührt. Es liegt somit auf der Hand: Das System orientiert sich zentral am Ziel, eine möglichst große Masse zu erreichen, also Quote (Fernsehen) zu machen, (Hörer)Reichweiten (Radio) zu steigern, hohe Auflagen (Print) bzw. außerordentliche Besucherzahlen (Kino) zu erzielen oder die page impressions nach IVW (Onlinemedien) zu maximieren etc. Von hier aus lässt sich die Frage beantworten, wie sich systemtheoretisch »Masse« verstehen lassen könnte. Hier soll vorgeschlagen werden, »Masse« rein operational zu definieren, und zwar als eben denjenigen Mess- bzw. Schätzwert, an dem sich die Massenmedien codebezogen orientieren. Auf diese Weise können überflüssige weitere Annahmen vermie den werden, die nicht nur das Theoriedesign unnötig belasten würden, sondern auch zu Theorieverwaschungen führen können. So muss beispielsweise nicht mehr angenommen werden, es gebe so etwas (kompaktes) wie eine »reale Masse«, die aus einer Vielzahl ebenso real existierender Menschen, Subjekte, kognitiver Systeme oder lebender Rezipienten be stünde. Wir stellen nur ganz schlicht fest, dass es quantitative Schätz- und Messverfahren gibt, an deren Resultaten sich die Massenmedien orientieren. Empiristische Forschungsrichtungen mögen ihre eigenen Konstrukte für Beschreibungen real existierender Gegebenheiten halten und annehmen, den durch ihre eigenen Messverfahren erzeugten Konstruktionen lägen so etwas wie vom Messverfahren unabhängig existierende Rezipienten zu Grunde, die entsprechend von diversen Verfahren mal besser, mal schlechter abgebildet würden. Hier unterscheiden sich Teile der empirischen Sozialforschung und vor allem der angewandten Sozialforschung je nach »Schulrichtung« also deutlich von der Systemtheorie: Die Sys temtheorie muss derartigen Konstrukten keine konstruktionsunabhängige Realität unterstellen. Sie wird aber stets mit In teresse zur Kenntnis nehmen, dass andere dies tun. Schließlich fallen in das Forschungsgebiet von Supertheorien a defini tione immer auch andere Forschungsrichtungen. Daher muss die Systemtheorie auch die eigene wie die Operationsweise anderer Theorien jederzeit ganz nüchtern mitbeschreiben können, ohne dabei die Tatsachenbehauptungen oder Sachver haltsbeschreibungen dieser Theorien zu übernehmen. (Man könnte in Anspielung auf Husserl von einer Art »systemtheo retischer Epoché« sprechen.) Für die Systemtheorie sind sämtliche anderen wissenschaftlichen Theorien soziale Phäno mene in der Welt der Kommunikation, die keinen besonderen Status beanspruchen können. Das Spannende an dieser Herangehensweise aber ist, dass man auf diese Weise deutlich erkennen kann, dass die Rolle, die diese Messverfahren bzw. Zahlenwerke für die Massenmedien spielen, in ihrer Bedeutung letztlich stets unabhängig von »der Realität« funktionieren: Wann immer sich ein System entscheidet, sich an Messwerten zu orientieren, so funk

tioniert dies unabhängig von der Frage danach, ob diese Messwerte eine ihnen vorgeordnete Realität (korrekt) abbilden oder nicht. Die Messung ist die Realität bzw. die Realität ist die der Messung. Einer dahinter liegenden Realität gegen über verschließen sich die Massenmedien, verhalten sich weitestgehend indifferent (wenn auch hin und wieder beunru higt). Fernsehen, Radio, Internet und Print etc. können die Frage nach der »Realität der Massen« zwar sporadisch oder temporär aufgreifen. Sie lassen sie dann aber notgedrungen ebenso rasch weil »zu akademisch« wieder fallen. Metaphy sik und Epistemologie gehören nicht zu ihren Funktionen. Die Massenmedien kennen etwas für sie weit Relevanteres: Sie kennen ihre Quote. Wissenschaft und Erkenntnistheorie kann in ihnen dagegen nur als (journalistisches) Thema vorkom men, nicht aber als Forschung betrieben werden. Und der Systemtheorie genügt es zu wissen, dass dies so ist. Mit wenigen Ausnahmen fragen aus den genannten Gründen die Massenmedien nicht nach »dem realen, wirklichen, indi viduellen Surfer/Hörer/Zuschauer/Leser«. Sie konzentrieren sich stattdessen stets auf eine Optimierung von Messergeb nissen, weil sie nicht nur codebezogen, sondern auch auf Grund ihrer strukturellen Kopplung mit der Wirtschaft und der Politik auf gute bis hervorragende Messergebnisse angewiesen sind. Wie es um das Verhältnis von Realität (real existie renden Rezipienten) und Messung bestellt ist, lässt sich exemplarisch am Verhalten einzelner Sender ablesen: So würden sich, wenn nächste Woche eine MA (also so eine Art »Quotenmessung des Hörfunks«) durchgeführt würde, viele Radio stationen nicht einfach fragen, womit man den »realen Hörer« ins Programm locken könnte. Sie würden sich viel mehr fragen, was sich aus den bekannten Messwerten der Vergangenheit an möglichen Aktivitäten ableiten lässt, um die anste henden Messergebnisse zu verbessern (oder wenigstens zu halten). Wie gesagt: Man optimiert Messergebnisse - und lässt »das Sein« Sein sein. Ein typisches Mittel der Wahl besteht hinsichtlich der Hörfunkmedien dann z.B. darin, kurz vor der Erhebung weit öfter als sonst die Station ID (also die »Senderkennung«) zu senden. Niemand erwartet, dass einem das jemals mehr Hörer bringen könnte. Im Gegenteil: So etwas wird Hörer eher nerven. Aber es beeinflusst nachweislich die Messergebnisse ausgesprochen positiv. Das wird jeder sofort nachvollziehen können, der sich das Erhebungsverfah ren einmal genauer anschaut. Analoges gilt für das Internet: Wenn eine Internetseite mehr »Clicks« (Page Impressions) benötigt ­ dann kann es sinn voll sein, (per so genantem Meta-Tag) automatische Refreshes zu erzwingen, um die Messwerte zu verbessern. Oder man versteckt gezielt Seiten, die der Surfer nach allgemeinem Dafürhalten unbedingt finden möchte, statt sie leicht auffindbar zu machen. Dieser Trick führt dann zur Suche per Surfen und als Konsequenz zum »abgrasen« unnötig vieler Seiten und in der Folge zu erhöhtem »traffic« und zu weit besseren Messergebnissen. So lassen sich eben die Messergebnisse opti mieren. Und um die geht es. Für den, der sich an einer Messung orientiert, zählt nur die gemessene Zahl. Und selbst die Vorstellungen vieler Millionen real existierender, einzigartiger Menschen (und hunderter von Suchmaschinen), die im In ternet surfen, wird in den Massenmedien immer nur dann eine größere Rolle spielen, wenn man glaubt, die Orientierung an der Annahme »real existierender Rezipienten« könne zu Maßnahmen führen, die: die Messwerte verbessern. Beobachtet man systemtheoretisch dagegen Teile der empirischen Medienforschung, so wird man sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass diese sich epistemologisch tatsächlich an ein Residuum abbildtheoretischer Vorstellungen »klammern«, um sich zur Vereinfachung ihrer Modellbilddung auf »real existierende Rezipienten« berufen zu können. Dabei wird also letztlich ein Modell (Messverfahren) an einem anderen Modell (dem »Modell real existierender Rezipi enten«) orientiert, aber letzteres so behandelt, als sei es eben kein Modell, sondern die schlichte Anerkennung der Wirk lichkeit. Genau an diesem Punkt wird die Theorie also notgedrungen naiv. Immerhin hat diese epistemologisch fragwür dige Vorgehensweise dann innerhalb der empirischen Forschung den praktischen Vorteil, Messverfahren der Kritik aus

setzen zu können, indem man die Frage stellt, ob sie ausreichend genau die Realität abzubilden vermögen. Eine Frage, mit der sich vor allem die konkurrierenden Erhebungsinstitute einander das Leben schwer zu machen suchen. Gelegent lich finden sich Debatten dieser Art aber auch in der internen Kommunikation der Massenmedien, natürlich hier aus nahmslos bezogen auf die Frage der Möglichkeit, Reichweiten zu steigern. Sie folgen dabei ihrem Code. Sie können nicht anders. Und wo sie scheinbar davon abweichen, da wurde aus ihrer Umwelt heraus entsprechend gestört.

6.1 Massenmedien, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft: Systemcode und strukturelle Kopplung

Luhmann hat die Virtualität der Orientierung der Massenmedien am Begriff der Masse zwar angesprochen, aber seine Be deutung fürs System offensichtlich unterschätzt, weshalb er in ihm auch nicht den Code des Systems sehen konnte. Die Virtualität massenmedialer Orientierungen kommt seiner Ansicht nach aber schon darin zum Ausdruck, dass diese sich an »vermuteten Interessen« (wie Luhmann es nennt) ausrichten, die sie dann zu bedienen streben. Weil er das entscheidende Selektionskriterium übersah, durch das sich die Massenmedien von anderen Systemen unterscheiden, musste Luhmann die Frage unbeantwortet lassen, warum Massenmedien keineswegs anders zu informieren streben als andere Kommunika tionssysteme: Die Massenmedien selegieren Information und betreiben Kommunikation stets auf das Erreichen einer Messgröße bezogen. Die gesamte Kommunikation, von der Selektion der Information bis zur Wahl der Mitteilung (per Verbreitungsmedium), ist ausgerichtet auf die »Vermassung des Drittwertes«, also auf »massenhaftes Verstehen«, was ei ner (messbaren) Annahme von Kommunikation entspricht. Verstehen kann aber nur zustande kommen, wenn man zwi schen Mitteilung und Information zu unterscheiden weiß. Den Kontrollwert bildet aber nicht wie sonst üblich (und auch von der Kommunikationstheorie angenommen) die Fortsetzung der Kommunikation (Anschlusskommunikation), sondern alleine die Messgröße. Dabei wird der Grenzwert einer solchen Messung schlicht über die Messbarkeitsgrenze definiert. Aber auch die lässt sich im Notfall überspringen durch die Anwendung plausibilisierter Schätzungen (technische Reich weite, Hörerfeedback etc.). Nur an diesen Merkmalen lässt sich das System der Massenmedien von anderen sozialen Systemen unterscheiden. Und nur mit Hilfe dieser codebedingten Merkmale gelingt es dem System, sich selbst von allem anderen zu unterscheiden. Mit Luhmann am Informationsbegriff die Differenz zu anderen Systemen festmachen zu wollen ist schon deswegen proble matisch, weil auch alle anderen sozialen Systeme ununterbrochen informieren. Sie tun dies, weil sie ununterbrochen kom munizieren. Um hier eine Besonderheit der Massenmedien finden zu können, bedarf es vieler zusätzlicher Annahmen, die jede für sich problematisch und nicht binarisierbar sein dürften. Denn wer informieren will, muss damit nicht unbedingt den Anspruch auf massenhafte Annahme der Kommunikation verbinden, geschweige, sich zentral und immer an einem solchen Ziel orientieren. Jedenfalls entwickeln die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Religion und das Recht Ziele dieser Art nur auf bestimmte Kommunikationssektoren bezogen. Und immer, wenn soziale Systeme dieses Ziel präferieren (z.B. im Bereich der Werbung), werden sie es über eine Kopplung der Massenmedien zu realisieren suchen (müssen). Sie ak zeptieren damit deren exklusive Zuständigkeit für Massenkommunikation und nehmen sie als Leistung in Anspruch. Wenn Luhmann also von »vermuteten Interessen« spricht, so übersieht er offensichtlich, dass die Massenmedien keines wegs auf Vermutungen angewiesen sind. Quotenmessungen und andere hier bereits genannten Messverfahren ersetzen längst bloße Vermutungen. Aus einer historischen Perspektive betrachtet waren die Massenmedien in ihrer Entstehungs

phase natürlich auf operationalisierbare Vermutungen (Schätzwerte, z.B. der technischen Reichweite des genutzten Ver breitungsmediums etc.) angewiesen, insbesondere weil empirische Reichweitenmessungen noch nicht in ausreichendem Maß etabliert waren (von der »Auflage« abgesehen, die daher den Prototyp aller Messungen darstellt). Ohne irgendeine Orientierung an »Masse« hätten sie sich aber genauso wenig ausdifferenzieren können wie die Wirtschaft ohne Geld. Es gibt natürlich immer noch massenmediale Bereiche, die nicht von Messungen unterstützt werden (etwa DAB). Doch diese verzichten keineswegs auf die Ermittlung ihrer Reichweite und berufen sich deswegen auch heute noch auf Schätzungen und Vergleiche, die dann aber nicht ohne Plausibilisierungsaufwand auskommen. Die Plausibilisierung von Messergeb nissen regelt sich dagegen sehr einfach über den Fingerzeig in Richtung der Wissenschaften. Sie ist also ein Nebenpro dukt der Kopplung der Systeme »Massenmedien/Wissenschaft«. Die Kopplung erhöht die Wahrscheinlichkeit ihres eige nen Zustandekommens durch gegenseitige Leistungsverrechnung: Die Wissenschaft bietet nicht einfach Orientierungs werte (Messergebnisse). Sie liefert deren Plausibilisierung gleich mit. Da muss außerhalb der Wissenschaft niemand mehr etwas prüfen. Es reicht der Hinweis darauf, dass die Ergebnisse wissenschaftlich geprüft seien. Die »Münze«, mit der die Wissenschaft andere Systeme zur strukturellen Kopplung reizt, heißt »Wahrheit«. Die wichtigste Münze, die sie im Ge genzug dafür zu erhalten hofft, heißt: »Geld«. Soweit man aber nicht die Kommunikation, sondern die Routine der Redaktionen vor Augen hat, kommt natürlich so et was wie »vermutetes Interesse« ins Spiel, denn man kann ja bei keinem Verbreitungsversuch vorher sicher wissen, was die Messung später ergeben wird. Aber wenn dann doch die Fernsehquote täglich kommt, so zeigt sich sehr schnell, dass Sendungen, denen ein »vermutetes Interesse« unterstellt wurde, rasch wieder abgesetzt werden müssen, weil die Messung gegen diese Vermutung spricht. Das System hat keine epistemologischen Interessen und vertritt daher (wie die Wirt schaft) einen naiven, abbildtheoretischen Realismus, dem die relativ veralteten, abbildtheoretischen Modelle der empiri schen Forschung, die diese Messungen vornimmt, sehr entgegenkommen: Aus Sicht des Systems wird daher die Messung die Vermutung objektiv korrigieren (d.h. tatsächliches Zuschauerverhalten bzw. reale Zuschauerinteressen ermitteln), während man aus Sicht der Systemtheorie wird sagen müssen, dass die Messung eine Realität erzeugt statt sie zu messen. Das System der Massenmedien arbeitet also im Trial-and-error-Verfahren: Auf Produktionsebene beruhen Programment scheidungen auf (durch Erfahrungen mit Messergebnissen gestützten) Vermutungen (über den Ausgang von Messungen!) ­ auf der Revisionsebene beruhen Programmentscheidungen auf der Bewertung neuer Messdaten (die das, was sie angeb lich nur messen, selbst erzeugen). Und dann beginnt die Schleife von vorne: Pilot, Messung, Absetzung, neues Konzept, Vermutung, Pilot... Die Sache ändert sich nicht grundsätzlich, wenn die Vermutungsebene per Marktforschung vorweg unterstützt wird. Einen Abgleich aber mit »der Realität« kann es hier so wenig wie dort geben, weil die Realität nicht weniger als Vermu tungen und Messungen nun mal eine Konstruktion ist. Und wenn erstaunlich große Teile der (angewandten) empirischen Sozialforschung noch so etwa swie der Idee einer unabhängigen Realität nachzuhängen scheinen, so nicht zuletzt deswe gen, weil sich dies als außerordentlich praktisch nicht nur zur Entwicklung neuer Messverfahren und -methoden, sondern vor allem als Kopplungsinstrument zur Wirtschaft erweist: demoskopische Daten lassen sich nun mal gut verkaufen. Al ternative Messverfahren lassen sich erst vermarkten, wenn es gelungen ist, den Gebrauchswert eines bestehenden Verfah rens in Zweifel zu ziehen. Schon das setzt voraus, dass man wenigstens in abgeschwächter Form einem naiven Realismus anhängt. Ironischer Weise wird diese Form wissenschaftlicher Naivität gelegentlich sogar als Überlegenheit verbucht: Man arbeite schließlich im direkten Kontakt mit der Realität, lautet dann das Argument. So kann man das auch sehen.

Mit Blick auf die Massenmedien ist der Erfolg dieses simplifizierenden Realismus' aufschlussreich. Offensichtlich wirkt er seinerseits als Medium und zwar im Sinne einer Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von Kopplungen: Messungen sind Kopplungsmedien, denn sie bilden Schnittstellen für Kopplungen gleich in zwei Richtungen: Einerseits koppeln die Mas senmedien über Messungen die Wissenschaft, die sich ja den Messvorgang bezahlen lässt (kommerzielle Marktfor schungsinstitute). Zugleich ermöglichen Messungen die Kopplung in Richtung Wirtschaft auf eine gänzlich andere Wei se, nämlich in Richtung auf Werbung. Für Fälle dieser Art, bei denen über ein und dasselbe Medium gleich mehrere Kopplungen geschnitten werden, soll hier als Titel der Begriff »Kreuzkopplung« vorgeschlagen werden. Im vorliegenden Fall besteht das besonders Interessante darin, dass eine direkte Anbindung von Kopplungsmedium und Systemcode vorliegt: Es ist ja der Systemcode (Masse er eicht/Masse nicht erreicht) selbst, der sich direkt am Kreuzkopplungsmedium »Messung« orientiert, wodurch der ein drucksvolle Fall einer Kopplung von zwei »Großsystemen« (Wirtschaft und Wissenschaft) in unmittelbarer Codenähe ge lingt: ein Sonderfall, der nicht durch Zufall ausgerechnet an den Massenmedien besonders augenfällig wird. Die hier zu findende Kreuzkopplung wirkt zugleich wechselseitig motivierend (also von System zu System) und selbstmotivierend (also systemintern): Sie versorgt zugleich die Massenmedien und die Wissenschaft mit Geld und liefert in eins damit der Werbewirtschaft wie den Massenmedien handhabbare Entscheidungskriterien. Der Werbende kann festlegen, wen er er reichen will und kann. Und die Massenmedien erfahren dabei, ob sie (in ihrer Zielgruppe) angenommen werden. (Ziel gruppen sind ja nichts anderes als Untermengen, also Spezifikationen des Messwertes »Masse«.) Die Kreuzkopplung ermöglicht also, dass der gemessene Erfolg (»Welche Masse wurde erreicht?«) zugleich die Grundla ge von Werbeschaltungen (Wirtschaft) sowie zur Berechnung der Preise etwa von Werbeinseln (Massenmedien) bilden kann. Ein in dieser Deutlichkeit ganz und gar außergewöhnlicher Sachverhalt, an dem man beobachten kann, wie sich Kopplungen bzw. Kopplungsmedien verschachteln und wie es mit Hilfe ein und desselben Mediums gelingen kann, meh rere Kopplungen zugleich herbeizuführen und zu stabilisieren. Und weil es in diesem Fall von Kreuzkopplung kaum zu medialen Verschmierungen kommt, wird eine detailliertere medientheoretische Analyse nicht mit Forschungserschwer nissen zu rechnen haben. Den Streit darüber, ob die angewandte Sozialforschung aus wissenschaftlicher Sicht mit längst veralteten Modellen (vor allem also mit Vorstellungen über privilegierte Beobachter im Realitätskontakt) operiert oder nicht, überlassen die gekop pelten Systeme Wirtschaft und Massenmedien mit Nonchalance der Wissenschaft. Und in ihr mögen die Zweige, die noch in alter, empiristischer Tradition von eigenständigen Realitäten ausgehen, darüber streiten, welches Messverfahren die Realität besser abzubilden in der Lage ist: Ruft man zur Erhebung Haushalte an? Oder macht man Hausbesuche? Oder muss man zusätzlich mit dem Fragebogen auf die Straße? Und was ist »realitätsnäher«: Quote, MA, E.M.A., Auflage, Unique Visitor, Page Impressions oder Hits? Vor allem aber um mit einer solchen Diskussion die an akademischen Fragen eher desinteressierten Massenmedien aus reichend beunruhigen zu können, benötigt man die Konstruktion(!) einer beobachtungsunabhängigen Realität. Das Sys tem der Massenmedien wie die (Werbe)Wirtschaft geraten dann unter Druck und bauen über diese Frage dauerhafte Kopplungen zum System der Wissenschaften auf ­ dauerhaft im Sinne fest installierter, periodischer Erhebungen und Plausibilisierungsbeiträge. Über Diskussionen zum Thema »Realitätsnähe von Messungen« reagieren die Massenmedien also durchaus beunruhigt: Schließlich zahlt die Werbewirtschaft auf der Grundlage solcher Messergebnisse, und Politiker

und diverse Kommissionen entscheiden auch mit Blick darauf über die Höhe zu genehmigender Gelder. Und neue Sende wege, wie etwa das Digitalradio (DAB), bekommen es auf Grund der Annahme, über extrem wenige Hörer zu verfügen, mit massiven Startproblemen zu tun (im Falle von DAB dauern diese schon mehr als zehn Jahre an), was dann weitere Folgen nach sich zieht: Die Privatradios senden entweder gar nicht auf diesem Verbreitungsweg oder sie ziehen sich nach kurzer Zeit wieder daraus zurück (ein Beispiel aus Deutschland: »Powerradio«). Der Grund: Die Wirtschaft erhält zwar (eher demotivierende) Schätzwerte, aber keine Messdaten und schaltet entsprechend keine Werbung. Messverfahren sind ein unverzichtbares Medium der strukturellen Kopplung von Massenmedium und Wirtschaft, Massenmedium und Politik sowie Massenmedium und Wissenschaft. Jede Infragestellung ihrer Ergebnisse muss daher vor allem Wirtschaft wie Mas senmedien mit unliebsamen Unsicherheiten überziehen. So kommt es, dass derartige Diskussionen aus Sicht der Massen medien wie der Werbewirtschaft riskante Unruhe erzeugen, nicht ohne dass sich ein Dritter freuen würde: die angewandte Sozialforschung mit den ihnen angeschlossenen kommerziellen Instituten. Diese Analyse der Massenmedien hat auch Folgen für eine generelle Medientheorie: So wurde hier sichtbar, dass Medien entweder (a) Medien koppeln oder (b) Systeme (nicht aber mediale Elemente, falls sie aus so etwas überhaupt bestehen sollten). Vor allem wurde hierbei erkennbar, dass Systeme einander nur über Medien koppeln können. Einige Medien die nen also sozusagen als »Schnittstellen«. Systeme koppeln niemals das andere System direkt, geschweige als Ganzes. Sys teme können im Gegenteil immer nur Kopplungsmedien (Schnittstellen) koppeln. Eine Verbindung »System-System« ist ausgeschlossen. Diese These bildet einen Beitrag zur Theorie struktureller Kopplung. Evident wurde aber auch, dass sich dergleichen nur denken lässt, wenn man sich von der (Heider)Vorstellung löst, Medi en enthielten Substrate bzw. lose gekoppelte Elemente. Der Substrat-Begriff ist nunmal bedenklich innerhalb einer streng prozesshaft gedachten Theorie autopoietischer Systeme. Und Elemente können im Grunde schwerlich als etwas anderes gedacht werden, denn als flüchtige Ereignisse im System, die das System selbst produziert, indem es sich selbst erzeugt. Luhmanns Heidermedien passen also nur sehr beschränkt in die »Welt der Autopoiesis«.

6.2 Das Medium als Botschaft

Die Schließung des Systems auf der Grundlage des Codes Masse erreichen/Masse nicht erreichen lässt sich also leicht anhand der Reflexionswerte des Systems erkennen: das System reflektiert auf seinen Code eben genau, indem es die Fra ge stellt, ob Masse erreicht wurde oder nicht. Nun lässt sich diese Frage des Erfolgs nicht mit einem »Blick in die Welt« beantworten, sondern nur mit Bezug auf die oben genannten Verfahren. Aber auch Messwerte liegen nicht irgendwo in bereits greifbarer Form vor. Der Reflexionswert muss vom System selbst produziert werden. Wie aber kann das so sein, wenn doch bislang betont wurde, dass die Wissenschaften die entsprechenden Werte zuliefern? Die Antwort lautet, dass »selbst erzeugt« systemtheoretisch nicht bedeutet, dass die Massenmedien selbst Messungen, selbst wissenschaftliche Un tersuchungen durchführen. »Selbst erzeugen« bedeutet lediglich: Niemand kann eine Messung ins System »einspeisen« und niemand kann dem System der Massenmedien vorgeben, ob es sich und wenn ja, an welcher Art von Messung es sich orientiert bzw. zu orientieren hat. Wenn die Massenmedien ihren Erfolg also heute an von den Wissenschaften bereitge stellten Verfahren orientieren, so stellt dies eine Entscheidung der Massenmedien dar, die ihnen kein anderes System ab nehmen kann. Indem die Massenmedien selbst festlegen, woran sie sich orientieren (und woran nicht), was sie als Rezipi enten zulassen wollen (und was nicht), was für sie relevant wird (oder eben nicht), erzeugen sie (in eben diesem Sinn)

ihre Maßstäbe und Orientierungspunkte selbst. Die Massenmedien beschreiben sich dabei freilich so, als würden sie ih ren Erfolg direkt an der Realität ablesen. Für sie hat es den Anschein, reale Menschen erzeugten durch ihr Verhalten Quoten, Quotenmessungen seien also direktes Resultat einer von der Messung unabhängigen Realität. Mit dieser naiven Realitätsverhaftung kann sich das System aber nicht nur stabilisieren, sondern zugleich auch destabili sieren. Die epistemologische Naivität des Standpunktes verschafft »Bodenhaftung« dank maximale Reduktion von Kom plexität. Die davon ausgehende Kommunikation wird dadurch stark vereinfacht und beschleunigt und vor operativen Hemmungsmomenten geschützt (Stabilisierung). Aber gerade dieser Realismus ermöglicht es zugleich der Wirtschaft wie der Forschung, Zweifel an der Zuverlässigkeit der Messverfahren mit der Chance auf eine Beunruhigung der Massenme dien zu kommunizieren (Destabilisierung). Denn wenn ein System nun Mal bestrebt ist, sich an einer von ihm unabhängi gen Realität zu orientieren, dann hört es gewiss nicht gerne, diese sei falsch oder nicht zureichend genau gemessen wor den. Diesen Störfaktor weiß die Medienforschung für sich auszunutzen, wenn konkurrierende Verfahren (bspw. MA/E.M.A) gegeneinander antreten (gut »gepolstert« über ihre Kreuzkopplung mit wirtschaftlichen Interessen). Aber es bleibt dabei: Jede relevante Messung kann letztlich nur von den Massenmedien selbst provoziert, akzeptiert und auch be wertet werden - und in diesem Sinn wird sie von ihnen selbst produziert. Und natürlich entscheiden die Massenmedien selbst, was auf Grund guter oder schlechter Messergebnisse an Maßnahmen getroffen werden muss und was nicht. Dieser Ansatz passt gut zu unserer an McLuhan orientierten Darstellung der Verbreitungsmedien. Verbreitungsmedien geben in der Tat keine sinnhaften Inhalte vor ­ das hatte auch McLuhan mit seinem berühmt gewordenen Ausspruch nie mals behauptet. Aber sie verschachteln sich auf eine Weise ineinander, die das Aufkommen von »Formaten« provoziert. Eines der aufschlussreichsten Beispiele dürfte McLuhans Analyse der Verschachtelung der Medien »Rotationspresse und Telegraph« sein: Die Verschachtelung dieser beiden Medien rief neue Medien auf den Plan: Die Schlagzeile, die klare Unterscheidung von Kommentar und Bericht, das (mosaikförmige) Layout der Zeitungen etc. Journalistische Formen werden hier zu Medien, weil sie auf Formate rekurrieren. Mit Formaten verbunden sind aber stets (Re)Formatierungen an anderen Stellen, etwa im Bereich der Wahrnehmung, was schon W. Benjamin in seiner zukunftsweisenden Analyse der medialen Reproduzierbarkeit betont hatte. Kolportage, Trivialitäten, Sensationslust etc. werden durch die Verbreitungs medien Print, Fernsehen und die bekannten Oralisierungstendenzen des Radios auf je unterschiedliche Weise unterstützt. Und das ist der Punkt, auf den es ankommt: Dies geschieht gerade nicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, aus gehend von den dargebotenen sinnhaften Inhalten; es geschieht ausgelöst über das jeweilige Format des Mediums, also durch das, was McLuhan metaphorisch die Botschaft des Mediums genannt hatte. Verbreitungsmedium können nicht auf »Masse« zielen, denn sie sind nun mal keine Systeme (obwohl umgekehrt jedes System immer zugleich als Medium be trachtet werden kann), und sie kennen somit auch keine Orientierungs- bzw. Reflexionswerte, wie etwa die, Masse zu er reichen. Aber dennoch »rufen« die Massenmedien danach, per Radio, Fernseher, Zeitung, Internet bzw. per UKW, VHF, dvb, TCP/IP etc. verbreitet zu werden, um mit ihrer Hilfe, Masse zu erreichen. Medien motivieren durch ihr bloßes Vor handensein die entsprechenden Systeme, Kopplungen vorzunehmen, und sie ermöglichen im Fall der Massenmedien auf diese Weise eine Realisierung des Codes Masse erreichen/Masse nicht erreichen. Systeme können geeigneten Medien so zusagen »nicht widerstehen«. Wenn der Fernsehen als neuer Kommunikationsweg möglich ist, wird der Fernsehen auch kommen ­ allen vorausgehenden und begleitenden Protesten und Warnungen zum Trotz. (»Wenn alle einen Fernseher ha ben, wer soll denn dann noch lesen?«) Schon die bloße Möglichkeit eines Mediums erhöht die Wahrscheinlichkeit einer

Realisierung ­ ein »Selbstverwirklichungsaspekt«, der einer Theorie autopoietischer Systeme gut anstehen sollte. Ver breitungsmedien lassen sich entsprechend als diejenigen Medien charakterisieren, die die Kommunikation förmlich dazu zwingen, ein System der Massenmedien auszudifferenzieren. Auch das ist eine Sinnvariante des gezielt mehrdeutig ange legten McLuhan-Wahlspruchs »the medium is the message«.

Information

Harald Wasser Die Systemtheorie der Massenmedien Luhmann McLuha

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