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O. Univ. Prof. Dr. Richard POTZ A.o. Univ. Prof. MMag. Dr. Stefan SCHIMA, MAS LV-Unterlage zu 030151 VO Der ,,Da Vinci Code": Ein rechtshistorisches Sakrileg? WS 2006/07

1. Zur Lehrveranstaltung

Zur Erlangung eines Zeugnisses in dieser Lehrveranstaltung ist die positive Ablegung des Abschlusskolloquiums erforderlich. Für dieses Kolloquium enthalten ausschließlich die bis Weihnachten 2006 ausgegebenen Textunterlagen den Prüfungsstoff, soweit dieser bis zum Termin des Kolloquiums durchgenommen werden kann. Nichts desto trotz werden Sie in der Lehrveranstaltungsunterlage auf grundsätzliche und weiterführende Literatur und Internetadressen aufmerksam gemacht. Das Kolloquium wird am Donnerstag, 25. Januar 2007 in schriftlicher Form abgehalten. Sie haben dabei während des Zeitraums von einer Stunde vier von sechs gestellte Fragen zu beantworten. Eine Fragengruppe zu je drei der Fragen weist einen eher rechtswissenschaftlichen Schwerpunkt auf, eine Fragengruppe zu je drei Fragen einen eher geistesgeschichtlichen bzw. theologiegeschichtlichen Hintergrund. Sie haben je zwei Fragen aus jeder Gruppe auszuwählen. Es können auch alternativ mündliche oder schriftliche Termine für die Zeit nach dem Haupttermin vereinbart werden. Lediglich diejenigen Studierenden, die wegen eines Auslandsaufenthaltes noch vor dem 25. Januar Wien verlassen müssen, können ihr Kolloquium vor dem Haupttermin ablegen. Zum Organisatorischen ist weiters festzuhalten: Die Lehrveranstaltung muss am 30. November entfallen, da uns nicht das Dachgeschoß zur Verfügung steht. Darüber hinaus ist folgendes festzuhalten: Am 23. November und am 18. Januar wird erst um 19 Uhr begonnen (wie immer im Dachgeschoß). Im Folgenden sind die wichtigsten Werke aufgelistet, deren begleitende Lektüre durchaus angebracht, keineswegs aber zwingend ist. In den Unterlagen zu den weiteren Lehrveranstaltungseinheiten werden diese Werke nicht mehr mit ihrem Langtitel angeführt. Bitte beachten Sie: Bei der Auswahl der hier empfohlenen Literatur wurde nicht nur auf die Bedeutung der Werke, sondern häufig auch auf deren preisliche Erschwinglichkeit geachtet. Die im Zuge der Lehrveranstaltungsanmeldung oftmals gestellte Frage, ob die Lektüre von Dan Browns Roman Voraussetzung für den Besuch der Lehrveranstaltung sei, kann verneint werden. Dem Verständnis dessen, was im Rahmen der Vorlesung vorgetragen wird, steht die Lektüre allerdings nicht entgegen. D. Burstein (Hrsg.), Die Wahrheit über den Da-Vinci-Code. Das Sakrileg entschlüsselt, München 2004 (Übers.) (Taschenbuch; der Herausgeber gibt sich ausdrücklich als Laie in Belangen der rechtshistorischen Hintergründe des ,,Da-Vinci-Code" zu erkennen und liefert ausgewählte Quellentexte und Texte der Sekundärliteratur. Damit wird eine breite Palette von Ansichten präsentiert, die ein gewisses Maß an Meinungspluralität vermittelt.)

2 A. Cattaneo (Hrsg.), Der Betrug des ,,Da Vinci Code". Geschichtsfälschung auf Kosten der Kirche in Dan Browns Bestseller ,,Sakrileg", Kisslegg 2006 (Übers.) (Taschenbuch. Unter der Herausgeberschaft eines Opus-Dei-Priesters kommen zahlreiche Autoren zu Wort, ohne mit ihrem Verdikt über den ,,Da-Vinci-Code" hinter den Berg zu halten. Der zuweilen energisch gehaltene Stil der einzelnen Beiträge steht einer objektiven Betrachtungsweise nicht unbedingt entgegen.) M.-F. Etchegoin & F. Lenoir, Das Geheimnis des Da-Vinci-Code. Geheimbünde, Verschwörungen, codierte Gemälde und die wahren Schauplätze in Dan Browns ,,Sakrileg", München 52006 (Übers.) (Taschenbuch, dessen Autoren in sehr freundlicher Form auf zahlreiche grobe Irrtümer in Dan Browns Werk hinweisen. Sehr anschaulich sind die Schilderungen der einzelnen Schauplätze der ,,Da-Vinci"-Handlung.) S. Newman, Der Schlüssel zum Da-Vinci-Code. Die wahren Hintergründe von ,,Sakrileg", Berlin 22005 (Übers.) (Taschenbuch, das den Background zum ,,Da-VinciCode" in Form eines Glossars verarbeitet. Daher gute Übersichtlichkeit. Humorvoller Stil, äußerst bestechend sind auch die zu den einzelnen Artikeln präsentierten Literaturempfehlungen) A. Schick, Das wahre Sakrileg. Die verborgenen Hintergründe des Da-Vinci-Codes, München 42006 (Taschenbuch. Der wissenschaftliche Schwerpunkt dieses prononcierten Kritikers von Dan Brown liegt in der Befassung mit den Schriftrollen von Qumran und vom Toten Meer. In Interviews kommen zahlreiche Experten ­ Neutestamentler, Kunsthistoriker, Archäologen ­ zu Wort).

In der vorliegenden Lehrveranstaltungsunterlage werden ferner folgende fachrelevante Abkürzungen verwendet, die in weiterer Folge nicht mehr aufgelöst werden: HRG LMA LThK TRE ZRGgA ZRGkA ZRGrA Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Berlin 1971 ff. (Seit 2004 erscheinen auch erste Lieferungen der zweiten Auflage) Lexikon des Mittelalters, München 1980 ff. Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg i. Br. 31993 ff. Theologische Realenzyklopädie, Berlin-New York 1976 ff. Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung, Weimar 1863 ff. Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung, Weimar 1911 ff. Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Romanistische Abteilung, Weimar 1880 ff.

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2. Einmal kopiert und sofort übertroffen? ,,Der Heilige Gral und seine Erben"

Im Jahr 1982 erschien das Buch ,,The Holy Blood and the Holy Grail" (Übers.: ,,Der Heilige Gral und seine Erben") von Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh1. Es wird von Dan Brown in seinem ,,Da-Vinci-Code" ausdrücklich erwähnt. Da Baigent und Leigh Dan Brown vorwarfen, in unzulässiger Weise ihr Buch als Vorlage benutzt zu haben, kam es zu einem Plagiatsprozess. Auch auf historisch gebildete Personen kann dieses Werk große Faszination ausüben, obgleich sich erhebliche Zweifel an den dort präsentierten Inhalten anmelden lassen. Die Autoren von ,,The Holy Blood ..." erheben den Anspruch, ein wissenschaftliches Werk verfasst zu haben. Das unterscheidet sie von Dan Brown, der einen derartigen Anspruch für ,,Sakrileg" abgestritten hat. Wiederholt behauptet Brown in seinem Werk allerdings die historische Richtigkeit einzelner dort getätigter Angaben. Die Autoren von ,,The Holy Blood ..." beschreiben die oftmals erstaunlichen Vorgänge in sachlich distanzierter Form. Dies verleiht in gewisser Hinsicht dem Werk eine Aura an Seriosität. In dramaturgisch gekonnter Weise werden Mythen um einen gehobenen Schatz, Geschichten über den Heiligen Gral, Verschwörungstheorien und Berichte über (angebliche?) Nachkommen Jesu miteinander zu einem Bestseller verwoben. Obgleich die Autoren den Plagiatsprozess verloren haben, lässt sich feststellen, dass ihr Werk unstrittig als Orientierungshilfe für Dan Brown gedient hat. (Rechts-)historisch interessante Themen, die bei Brown oft nur kursorisch angedeutet werden, unterliegen in ,,The Holy Blood and the Holy Grail" in der Regel eingehender Behandlung. Allerdings haben Lincoln, Baigent und Leigh selbst im Wesentlichen auf bereits vorhandene Literatur zurückgegriffen diese ­ soweit nachprüfbar ­ allerdings die jeweiligen Fundstellenbelege ausgewiesen. Im spannend zu lesenden Beginn wird von einem Schatz gesprochen, den ein monarchistisch eingestellter Pfarrer um die Wende vom 19. zum 20. Jh. im südfranzösischen Rennes-leChâteau in seiner Kirche ­ deren Namenspatronin ist Maria Magdalena ­ angehäuft haben soll. In der Tat dürfte es sich bei dem Pfarrer Béranger Saunière um eine zwielichtige Persönlichkeit gehandelt haben, die durch ,,europaweit erbettelte Spenden für Seelenmessen von Angehörigen ein Vermögen erwirtschaftet" hatte2. Entsprechende Dokumente (,,Dossier Secrets"), die mit dem Schatz einerseits und mit einem Geheimorden andererseits in

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Siehe dazu die einleitenden Worte zu einem Ausschnitt aus dem Werk von D. Burstein in Derselbe (Hrsg.), Wahrheit, 312 f.; Newman, Schlüssel, 59 ff., 386 ff., 432; Schick, Sakrileg, 30 ff. Die aktuelle Übersetzungsausgabe von ,,The Holy Grail [...]" ist in 17. Auflage in Bergisch Gladbach im Jahr 2006 erschienen. 2 Schick, Sakrileg, 30 f. Ebda., 31 weist der Autor auf erhaltene Haushaltsbücher und Unterlagen zu jenem Prozess hin, den der Bischof gegen den Pfarrer geführt hat. Sehr ausführlich wird der ,,Schatz" behandelt in Etchegoin & Lenoir, Geheimnis, 15 ff., behandelt. Zum Konnex mit den Messstiftungen siehe ebda., 22. Die auch heute noch kirchenrechtlich geregelte Messstiftung ermöglicht es einem Priester, bis zu einer geringen Höhe Geldbeträge oder Naturalien für eine gehaltene Messe zu beziehen. Der entsprechende Wert darf nur sehr gering sein, und keinesfalls ist es gestattet, für nie zelebrierte Messen Einkünfte zu beziehen. Gegen Saunière wurden wegen der Anschuldigung des maßlos überhöhten Messgeldbezugs jahrelang Prozesse geführt. In Abwesenheit wurde er seines Pfarramts enthoben. (Nach damaligem wie geltendem Kirchenrecht ist eine Enthebung vom Pfarramt nur sehr schwer möglich!). Zu den Messstiftungen bzw. Messstipendien, die heute in den Canones 945 ff. des Codex Iuris Canonici von 1983 in restriktiver Weise geregelt sind, siehe A. Mayer, Die Eucharistie, in: J. Listl & H. Schmitz (Hrsg.), Handbuch des katholischen Kirchenrechts, Regensburg 21999, 824-840 (837 ff.).

4 Verbindung gebracht wurden, sind schon lange vor Erscheinen von ,,The Holy Blood ..." als Fälschung entlarvt worden.3 Der in Rede stehende Geheimorden ­ die heutige Prieuré de Sion ­ wurde von einem der Fälscher ­ Pierre Plantard ­ erst im Jahr 1956 gegründet. Plantard präsentierte sich selbst als direkten Nachkommen der Merowinger. In den ,,Dossiers Secrets" wird davon gesprochen, dass die im Jahr 481 begründete Dynastie der Merowinger gewaltsam um ihren Thron gebracht wurde. Allerdings sei es gelungen, Sigisbert IV., den Sohn des im Jahr 679 ermordeten Merowingerkönigs Dagobert II., nach Rennes-le-Château zu bringen. Später habe Sigisbert die Tochter des westgotischen Königs geheiratet. Das nunmehr begründete Geschlecht sei bis heute nicht ausgestorben, und die den Merowingern nachfolgenden Königsgeschlechter der Karolinger und Kapetinger sind demnach als Usurpatoren zu betrachten. Dies alles wäre nun aus religionsgeschichtlicher Sicht unerheblich, wenn nicht die Merowinger ihrerseits mit prominenter Ahnenschaft ausgestattet wären. An der Spitze ihrer Ahnenreihe stünden nämlich Jesus und Maria Magdalena! Demnach wäre Plantard ein Nachkomme Jesu! Der Ehe zwischen Maria Magdalena und Jesus, der den Autoren von ,,The Holy Blood ..." übrigens die Kreuzigung überlebt haben soll, wird eine Stelle des apokryphen Philippusevangeliums zugrunde gelegt, in der davon die Rede ist, dass Jesus Maria Magdalena mehr als alle anderen Jünger liebte und sie auf den Mund küsste. Daraufhin hätten diese Jünger Jesus zur Rede gestellt und ihn gefragt, warum er Maria Magdalena mehr als sie liebte. Für die Lehrveranstaltung sind aufgrund der Magdalena-Gral-Behauptung eine Reihe von Fragen angesprochen: Was ist ein apokryphes Evangelium? Was könnte diese Stelle des Philippusevangeliums konkret bedeuten? Mit der Thematik der Apokryphen (Schriften, die kirchlicherseits nicht als biblisch anerkannt sind) verbindet sich die bei Dan Brown oftmals angeschnittene Frage nach der Genese der Kanonbildung (Kanon ist das Verzeichnis der biblischen Bücher, im Speziellen geht es uns um das Verzeichnis der Bücher des Neuen Testaments). In engen Zusammenhang mit diesen Themen steht die Fragestellung nach der Ausbildung einer ortsübergreifenden ,,Großkirche" und der Ausbildung kirchlichen Rechts. Welche Rolle spielte der römische Kaiser Konstantin für die weitere Rechtsentwicklung? Dieser letzten Frage muss insofern einiger Raum gewidmet werden, als auch die Rahmenbedingungen kaiserlichen Handelns untersucht werden müsse. Handelt es sich bei den Umbrüchen in seiner Regierungszeit tatsächlich um eine Wende? Welche Maßnahmen setzte das berühmte von Konstantin einberufene Konzil von Nizäa? Doch zurück zu Maria Magdalena: Sie soll im heutigen Südfrankreich gestorben sein. Dieser ,,französische" Aufenthalt ist Gegenstand Jahrhunderte alter Legenden. Bei Lincoln, Baigent und Leigh finden wir nun folgenden ,,Ausbau" der Maria-Magdalena-Erzählung: Die mit Jesus verheiratete Maria Magdalena habe mit diesem ein oder mehrere Kinder gehabt. Gemeinsam mit ihren Nachkommen sei sie nach Jesu Kreuzigung nach Gallien geflohen, wo sie bei jüdischen Gemeinden Unterschlupf gefunden haben könnte. Mit dem Bericht über die Nachkommen Jesu befinden wir uns bereits mitten in der Thematik des Heiligen Gral. Die französische Bezeichnung ,,sang real" [Heiliges Blut] wird gleichgesetzt mit ,,San Greal", eben dem Gral). Das altfranzösische Wort ,,Graal" bezeichnete eine Schüssel bzw. ein Gefäß und hat im Lauf von Jahrhunderten zu entsprechenden Berichten bzw. Legendenbildungen geführt. Im Kontext mit ,,The Holy Grail ...", kann an die Nachkommenschaft Jesu aber auch Maria Magdalena selbst als Gral betrachtet werden (letzte Deutung hat Dan Brown für seinen Da-Vinci-Code nutzbar gemacht). Lincoln, Baigent und

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Siehe dazu u.a. Newman, Schlüssel, 59 ff.

5 Leigh lassen nun keine Gelegenheit aus, in europäischen Ortsnamen Anspielungen auf die Nachkommen Christi zu sehen. Offenbar nur das kärntnerische ,,Heiligenblut" bleibt von ihren Erwägungen verschont. Die Angaben zur Nachkommenschaft Jesu seien geheim gehalten worden, und im Gefolge des Ersten Kreuzzugs habe die durch Gottfried von Bouillon gegründete Geheimgesellschaft Prieuré de Sion nach entsprechenden Dokumenten ­ den ,,Dossier Secrets" ­ in Jerusalem suchen lassen. Eine Gemeinschaft unter diesem Namen hat möglicherweise tatsächlich existiert. Die Suche sei vor allem durch den Templerorden bewerkstelligt worden, dessen innere Führungsschicht die Prieuré de Sion gewesen sei. Sämtliche Großmeister des Templerordens seien Mitglieder der Prieuré gewesen. Der von der Geschichtsschreibung kolportierte Zweck des Templerordens, die Sicherheit der Jerusalempilger zu gewährleisten, sei in Wahrheit nur sekundär gewesen. In der Tat hätten sie sich um das Geheimnis der Abstammung Jesu kümmern sollen. Die Templer werden als den Katharern nahe stehend beschrieben. Bei diesen handelt es sich um eine religiöse Sondergruppe, die sich in Westeuropa Mitte des 12. Jh. zum ersten Mal belegen lässt und vor allem wegen ihres ausgeprägten Dualismus (Teufel und Gott werden als gleich mächtig betrachtet) in Gegensatz zur Katholischen Kirche stand. Im Jahr 1244 erlitten die Katharer eine schwere Niederlage, von der sie sich nie erholten: Die Festung Montségur ­ ihr damals wichtigstes Hauptquartier ­ wurde durch Truppen eines katholischen Adeligen eingenommen. ,,Montségur" steht ethymologisch betrachtet nicht allzu weit von ,,Munsalvatsch" entfernt, jener Burg der Parzival-Erzählung, die mit dem Gral in engem Zusammenhang gestanden sein soll. Waren die Katharer somit für einige Zeit die Hüter des Gral gewesen? Lincoln, Baigent und Leigh sind jedenfalls Meister der Spannung und halten mit einschlägigen Vermutungen nicht hinter den Berg. Nach Auffindung der ,,Dossier Secrets" hätten die Templer das Papsttum erpresst und seien so zu immensem Reichtum gelangt. Es liegt auf der Hand, dass sich die damaligen europäischen Ordnungsmächte durch den Inhalt der Dokumente hätten bedroht fühlen müssen, und damit ist auch schon die Motivation für die im frühen 14. Jh. durchgeführten Templerprozesse geklärt. Die Prieuré de Sion habe nach Aufhebung des Templerordens die Schätze und somit wohl auch den ,,Heiligen Gral" in Obhut gehabt und besteht ­ da sie nicht gestorben ist ­ den Autoren zufolge noch heute. Einer ihrer Großmeister soll Leonardo da Vinci gewesen sein. Schließlich sei der zu Beginn erwähnte Pfarrer Saunière an den Schatz gelangt. Keinerlei Rolle im ,,Handlungsstrang" von ,,The Holy Blood" spielt das ,,Opus Dei". Die ,,Opus-Dei"-Schicht wurde durch Dan Brown dem vorhandenen Darstellungsreigen hinzugefügt. Gleichgültig wie intensiv ,,The Holy Blood ..." als Vorlage für Dan Brown gedient hat: Immerhin kann man ihm ­ zumindest für diesen Fall ­ kreativen Erfindungsreichtum zuschreiben. Im Rahmen der Lehrveranstaltung wird der ,,Rechtsstellung" von ,,Opus Dei" nachgegangen und schließlich die Frage gestellt, warum diese Gemeinschaft vor allem innerhalb der Katholischen Kirche nicht unumstritten ist. Überblicksweise kann festgestellt werden, dass sich ,,Der Heilige Gral und seine Erben" vom ,,Da-Vinci-Code" vor allem in folgenden inhaltlichen Punkten unterscheidet: ,,Der Heilige Gral und seine Erben" Anspruch eines wissenschaftlichen Werkes ,,Da-Vinci-Code" Kein Anspruch eines wissenschaftlichen Werkes, aber: oftmals werden historische Tatsachenbehauptungen aufgestellt. Jesus überlebt die Kreuzigung nicht

Jesus überlebt die Kreuzigung

6 Leonardo da Vinci sei Großmeister der Leonardo da Vinci ,,Prieuré de Sion" Sonst keine Nachrichten Handlungsstrang. über ihn. zentral für den

Der ,,Schatz" von Rennes-le-Château ist Der ,,Schatz" von Rennes-le-Château wird Ausgangspunkt der Darstellung lediglich in verschlüsselter Form erwähnt. Keine Verwicklungen des ,,Opus Dei" Verwicklungen des ,,Opus Dei"

Auf das Werk von Lincoln, Baigent und Leigh ­ und damit auch Dan Browns ,,Da-VinciCode" ­ könnte der Witz von den Elefanten mit den roten Augen gleichnishaft anzuwenden sein: A: ,,Weißt Du, warum so viele Elefanten rote Augen haben?" B: ,,Nein." A: ,,Damit Sie sich besser im Kirschbaum verstecken können." B äußert begründete Zweifel. A: ,,Hast Du schon einmal einen Elefanten im Kirschbaum entdeckt?" B: ,,Nein." A: ,,Dann siehst Du, wie gut es den Elefanten gelingt, sich im Kirschbaum zu verstecken." Die Leserschaft (B) wird an mehreren Passagen vor überraschende Aussagen gestellt, und Zweifel sind durchwegs begründet. Doch in den präsentierten Theorien findet sich oft so etwas wie ein ,,wahrer Kern", der dazu Anlass gibt, an mehr zu glauben, als man zuvor für möglich gehalten hätte. Die Erzählung, der zufolge Jesus die Kreuzigung überlebt habe, wurde schon im ersten Jahrtausend kolportiert, und trotzdem besteht kein zwingender Grund, deswegen all das für wahr zu halten, das in ,,The Holy Blood ..." präsentiert wird. Die Legende vom Frankreichaufenthalt Maria Magdalenas ist ebenfalls schon für das erste Jahrtausend belegt. Verbunden mit den Nachrichten aus dem so genannten ,,Philippusevangelium" wird man dazu angehalten, an die Gründung eines königlichen Geschlechts tatsächlich zu glauben. Die Merowinger wurden von ihren Zeitgenossen als wundertätige Könige betrachtet, und die Kenntnis um diesen Ruf soll dazu motivieren, sie für Nachkommen Jesu Christi zu halten (Gegenfrage: welches mittelalterliche Herrschergeschlecht wurde nicht für wundertätig gehalten?). Im Zuge der Templerprozesse wurde tatsächlich ein Nahverhältnis zwischen Katharern und Templern angesprochen. Heißt dies, dass wir deswegen alle Vermutungen für zutreffend halten müssen, die aus dieser Beziehung abgeleitet werden? Niemand von uns hat je einen Elefanten mit roten Augen gesehen ­ geschweige denn im Kirschbaum (das ist der ,,wahre Kern" dieses Witzes). Bedeutet dies wirklich, dass sie sich dort so gut tarnen können?

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3. Die Ausbildung des biblischen Kanons4

3.1 Allgemeines Die im ,,Neuen Testament" zusammengefassten Schriften des Christentums sind das Ergebnis eines über mehrere Jahrhunderte sich hinziehenden Vorganges (,,Kanonbildung", ,,Kanonisierung" der Hl. Schrift). Die Darstellung dieses Prozesses bei Dan Brown widerspricht in wesentlichen Punkten dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaften. 3.2 Kanonbegriff Der Begriff ,,Kanon" ist vorderasiatischen Ursprungs mit der Bedeutung ,,(Schilf)Rohr" und dem Bedeutungsfeld Geradheit, Messgenauigkeit, wiederkehrende Regelmäßigkeit. Im Griechischen kamen die Bedeutungen Regel, Vorschrift, Liste hinzu; in der Sprache der frühen Christenheit schließlich die Verwendung für verbindliche Glaubenswahrheiten. In der Folge wurden unter Kanon die anerkannten (,,kanonisierten") Schriften des Alten und Neuen Testamentes bezeichnet, ein Begriff der dann ab dem 4. Jh. auf das kirchliche Recht übertragen wurde. Das Konzil von Nizäa (325) versteht unter kanon ekklesiastikos die Gesamtheit disziplinärer kirchlicher Bestimmungen. Ab dem 5. Jh. findet sich der Begriff ,,Kirchliche Kanones" in der kaiserlichen Gesetzgebung, um sich in den Novellen Justinians voll durchzusetzen. Es kommt seit dieser Zeit zur Gegenüberstellung von kirchlichen kanones und kaiserlichen nomoi. Die kanones erhielten durch Kaisergesetze Rechtskraft für den staatlichen Bereich. In der westlichen Rechtsgeschichte wird das aus der Bearbeitung der alten kirchlichen Rechtsquellen und der im 12. Jh. einsetzenden päpstlichen Rechtsetzung bestehende Kanonische Recht als eines der beiden gelehrten Rechte Teil des europäischen Ius commune. Bis heute wird kirchliches Recht als Kanonisches Recht bezeichnet, wobei meist das Recht der Katholischen Kirche gemeint ist, der Begriff wird aber regelmäßig auch für das Recht anderer Kirchen verwendet: Canon Law of the Church of England, das Recht der Orthodoxen Kirche (kanonikón díkaion). 3.3 Die ursprüngliche Vielfalt des Christentums In einem wird Dan Brown zu Recht von allen Seiten zugestimmt: Das ist der Hinweis auf die ursprüngliche Vielfalt des Christentums. Die von den großen christlichen Konfessionen postulierte ursprüngliche Einheit hat es in der Ur- und Frühkirche nicht gegeben, mag auch die idealisierend-verklärende Sicht der Apostelgeschichte angesichts der Endzeiterwartung in der frühen Jerusalemer Gemeinde einen wahren Kern haben: Sie verkauften ,,Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten

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Siehe W. Schneemelcher, Bibel III, in: TRE 6, Berlin 1980, 22-48; Ders. (Hrsg.), Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Bd. 1, Evangelien, Tübingen 61999; Bd. 2, , Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, Tübingen 51989; K. Koschorke, Kanonbildung und kirchliche Autorität, in: G. Rau, H.-R. Reuter & K. Schlaich (Hrsg.), Das Recht der Kirche, Bd. 2, Gütersloh 1995, 17-35; Burstein, Wahrheit, 167 ff.; Cattaneo (Hrsg.), Betrug, 124 ff.

8 miteinander Mahl in Freud und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt" (Apostelgeschichte 2,45-46). Angesichts der fundamentalen theologischen Entscheidungen der ersten Jahrhunderte, die den christlichen mainstream bis in die Gegenwart bestimmen, stehen vor allem die großen christlichen Konfessionen ­ Orthodoxie, Katholizismus und die großen Evangelischen Kirchen ­ heute einander näher als die Christentümer der ersten Jahrhunderte. Die großen theologischen Entscheidungen vom 2. bis 6. Jh. werden jedenfalls von allen großen Konfessionen bis heute getragen. Dan Brown nimmt hier eine historisch nicht haltbare einseitige Beurteilung vor: Wenn er die Ausbildung der Großkirche in den ersten Jahrhunderten als Fehlentwicklung kritisiert, dann schiebt er die Verantwortung dafür nahezu ausschließlich auf die Katholische Kirche mit ihrem römischen Zentrum. Er übersieht dabei, dass diese theologischen Entscheidungen fast ausschließlich im östlich-byzantinischen Umfeld fielen und dass die orthodoxen Kirchen im Allgemeinen die von Dan Brown kritisierten Positionen viel zäher verteidigen als die Katholische Kirche. Es ist jedoch nicht nur die Vielfalt der frühen Christentümer, sondern es ist auch die Vielfalt der Judentümer zur Zeit des Wirkens Jesu zu beachten. Die einzelnen jüdischen Gruppen kennen wir einerseits aus dem Neuen Testament (Pharisäer, Sadduzäer), andererseits finden sich Nachrichten über sie bei Flavius Josephus (Pharisäer, Sadduzäer, Essener und die Widerstandsgruppen der Zeloten und Sikarier). Nach 70 bleiben nur die sich zum rabbinischen Judentum weiterentwickelnden Pharisäer und das Christentum übrig. Die wichtigsten jüdischen Gruppen zur Zeit Jesu: Die Sadduzäer (wahrscheinlich abgeleitet vom Hohenpriester Sadduk) beherrschten den Tempel und den Tempelkult. Sie dominierten das Synhedrium (,,Hoher Rat"). Die Sadduzäer gehörten vor allem den römerfreundlichen höheren Gesellschaftsschichten an (traditionelle Priestergeschlechter und neue Aristokratie). Die Pharisäer (hebräisch für die Abgesonderten) entstanden nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil und stellten den Ausgangspunkt für das rabbinische Judentum dar, die später zum jüdischen mainstream gewordene jüdische Gruppierung. Sie befolgten nicht nur die Tora, sondern auch die mündliche Überlieferung durch die Gesetzeslehrer. Seit dem 2. vorchristlichen Jh. wurden diese Quellen gesammelt und kommentiert (Mischna) und im 5. und 8. Jh. in den Talmudim zusammengefasst. Die Essener werden von Josephus Flavius5 und Philo von Alexandrien6, jedoch nicht im Neuen Testament und in den talmudischen Schriften erwähnt. Gemäß den genannten Quellen

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Josephus Flavius war ein jüdischer Geschichtsschreiber, geb. 37/38 in Jerusalem und gest. um 100 in Rom. Er schloss sich den Pharisäern an, nachdem er sich mit den Lehren der Essener befasst und bei einem Einsiedler in der Wüste gelebt hatte. Als ein jüdischer Befehlshaber geriet er im jüdisch-römischen Krieg in römische Kriegsgefangenschaft, wurde später freigelassen und lebte seit 71 als Schriftsteller in Rom. Neben seiner Geschichte des Jüdischen Krieges (Bellum Judaicum) ist vor allem sein Werk Antiquitates Judaicae eine wichtige Quelle über das Judentum seiner Zeit. Die Erwähnung von Jesus im letztgenannten Werk gilt heute als spätere christliche Interpolation.

9 lebten sie klösterlich getrennt vom offiziellen Tempeljudentum der Sadduzäer. Askese und Gütergemeinschaft war für sie charakteristisch. Diskutiert wird auch eine Nähe der Gruppe um Johannes dem Täufer zu den Essenern. Erst seit den Funden der Schriftrollen vom Toten Meer ist die Qumran-Gemeinschaft bekannt. Die Qumran-Schriftrollen stammen aus der Zeit des 1. vorchristlichen bzw des 1. nachchristlichen Jh. Wegen vieler Gemeinsamkeiten mit Qumran-Texten wurde vielfach angenommen, dass es sich bei der Qumran-Gemeinschaft um eine Untergruppe der Essener handelt. Dies wird in der Forschung derzeit eher in Frage gestellt. Genau genommen wissen wir von kaum einer jüdischen Richtung der damaligen Zeit soviel wie von der Jesusbewegung, die in diese Vielfalt eingebunden und vielfach mit den anderen Judentümern vernetzt war. Die Sadduzäer sind die prinzipiellen Gegner der Jesusbewegung. Das ,,Neue Testament" enthält auch eine verzerrte Darstellung der Pharisäer, die zur Zeit Jesu die führende jüdische Richtung war. Im Allgemeinen wird darauf hingewiesen, dass Jesus häufig pharisäische Positionen vertreten hat (Nächstenliebe, Ehescheidung). Seine Auffassung von einem Leben nach dem Tod ist ebenfalls bei den Pharisäern zu finden Und die Anrede Rabbuni (= Meister) für Jesus steht in der pharisäischen Tradition. Pharisäer war ursprünglich auch Paulus. Bezüglich der Essener wird immer wieder eine Nähe zur Jesus-Bewegung diskutiert. Vor allem die Tatsache, dass die Essener als eine offenbar wichtige Gruppierung der Zeit im Neuen Testament keine Erwähnung findet, hat zur These geführt, dass sie mit der JesusBewegung so eng verbunden war, das sie als ,,Andere" nicht wahrgenommen wurden. Ihre Gemeindebildung erinnert jedenfalls stark an die Beschreibung der Urgemeinde in Jerusalem. Es gibt aber auch entscheidende Differenzen, so ein auf die Einhaltung der Reinheitsgebote gerichteter elitärer Fundamentalismus, der im starken Gegensatz zu der Offenheit des frühen Christentums gegenüber Nichtjuden steht. Auch die Qumran-Leute hatten entgegen vielen Spekulationen offensichtlich nichts mit der Jesusbewegung zu tun. Es muss besonders darauf hingewiesen werden, dass Jesus bzw. seine Anhänger in den Schriftrollen nicht erwähnt werden, was immer daraus abzuleiten ist. Ungeachtet dessen gibt es beachtliche Parallelen zwischen der Jesusbewegung und der Qumrangemeinde. Wenn etwa Dan Brown im Zusammenhang mit Jesus darauf hinweist, dass es undenkbar gewesen sein soll, dass ein Jude damals nicht verheiratet war, dann ist dieses Argument gerade im Hinblick auf die beiden letztgenannten Gruppen zu relativeren. Eine ehekritischen Position nehmen zumindest ein Teil der Essener und Teile der Qumran-Gemeinde ein, sodass in diesen Gruppen sowie in der Anhängerschaft Johannes des Täufers auch mit zölibatär lebenden Mitgliedern zu rechnen ist.

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Philo von Alexandrien, jüdisch-hellenistischer Religionsphilosoph, geb. 13 v. Chr., gest. 45/50 n. Chr., war ein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde von Alexandrien, und als solcher der Leiter einer Delegation am römischen Kaiserhof unter Kaiser Caligula. Philo war besonders um einen Ausgleich zwischen Judentum und griechischer Philosophie bemüht. Von ihm ist eine Fülle von Schriften überliefert. Da sich die rabbinischen Autoren kaum mit dem hellenistischen Judentum befassten ist Philo fast ausschließlich in der christlichen Tradition präsent, auf die seine Theologie großen Einfluss genommen hat, er galt im Mittelalter geradezu als der jüdische Vorbereiter des christlichen Glaubens und christlicher Theologie.

10 Festzuhalten ist daher, dass am Beginn der christlichen Kanonbildung ein langsames Herauswachsen der ,,Christentümer" aus den ,,Judentümern" mit Hilfe eigener Hl. Schriften steht. Dabei gehörten die zentralen Teile des späteren ,,Neuen Testamentes" im Allgemeinen zu den am frühesten akzeptierten Schriften. Die Frage nach der Bedeutung der jüdischen Hl. Schrift (des ,,Alten Testamentes") für die christlichen Gemeinden wurde in dieser Situation zur ersten Herausforderung. 3.4 Kanonentstehung Die Entstehung des biblischen Kanons war ein Prozess, der sich über fast drei Jahrhunderte hinzog. Ursprünglich wurden in den christlichen Gemeinden das Schrifttum Israels als Hl. Schrift bezeichnet und verwendet. Ab der Mitte des 2. Jh. wurde diese Bezeichnung auch für christliche Texte verwendet. Ab dem 3. Jh. taucht der Begriff ,,Diatheke" auf, der über die lateinische Übersetzung testamentum auch an die europäischen Sprachen weiter gegeben wurde und zu dem Begriffspaar Altes und Neues Testament führte. Das Schrifttum Israels war also für die zunächst noch ganz im Judentum verwurzelte Jesusbewegung nicht das ,,Alte Testament". Es ist schlicht ihre Heilige Schrift, der sich erst mit der Zeit im Licht des Jesusereignisses geschriebene literarische Produktion zugesellte. Auch nachdem längst solch neues Schrifttum entstanden und z.T. als verbindlich angesehen worden war, wurde das kanonische Schrifttum Israels von den späteren, aus dem Judentum mehr und mehr herausgewachsenen und sich von diesem abgrenzenden, Generationen von Christen weiter tradiert. Es wurde sowohl im Gottesdienst als auch privat gelesen. Es gehört wohl zu den massivsten Fehlern bei Dan Brown, dass er dieses In-einanderVerwobensein der kanonisierten biblischen Texte des Alten und Neuen Testamentes übersieht und später entstandene (gnostische) Texte zu weit rückdatiert. Diese Fehleinschätzung hat nicht nur theologiegeschichtlich, sondern auch rechtsgeschichtlich beachtliche Konsequenzen. Die vier kanonisch gewordenen Evangelien wurden jedenfalls sehr bald anerkannt. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass die im Regelfall später entstandenen ,,apokryphen Texte [...] z.T. ohne ein ausgesprochenes Konkurrenzverhältnis zum (werdenden) Neuen Testament geschrieben worden [sind]; ihr Anspruch, den neutestamentlichen Schriften gleichwertig zu sein, ist implizit da, einfach deshalb, weil sie religiöse Grundlagentexte sind (wie die neutestamentlichen Schriften). [...] sie gaben für ganze Gemeinschaften an, wie zu leben und zu glauben ist."7 Was die zeitliche Entstehung der christlichen Schriften betrifft, so sind die Paulusbriefe aus den 50er Jahren die ältesten. Das Markusevangelium ist vermutlich um 70 entstanden, das Matthäusevangelium entstand in einem betont judenchristlichen Umfeld, wahrscheinlich um 80, sicher jedoch vor 90, das Lukasevangelium nach 80, wahrscheinlich in der zweiten Regierungshälfte von Kaiser Domitian (81-96), etwa zur gleichen Zeit wurde von Lukas die Apostelgeschichte verfasst. Als Entstehungszeit des Johannes-Evangeliums wird heute die Zeit um 100 angenommen. Den Anlass für die Kanonisierung der Schriften des Neuen Testamentes bot wahrscheinlich die Auseinandersetzung mit dem Markionismus, der in der Mitte des 2. Jhts. Markion war der große ,,Häretiker" des 2. Jhdts. Er war der Sohn eines Bischofs von Sinope.

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Koschorke, Kanonbildung, 19.

11 Wenn wir den Schriften gegen Markion trauen dürfen, so war sein Ausgangspunkt, dass es ihm unmöglich erschien, den Gott des Alten Testaments, den "Gott der Schöpfung und des jüdischen Gesetzes" mit dem "Gott der Erlösung und Vater Jesu Christi gleichzusetzen". Die Aufgabe des Alten (Ersten) Testaments erscheint als logischer Schluss aus dem Gottesbild. Markion erhebt also ,,den gnostischen Einspruch gegen den Demiurgen-Gott"8, pointiert könnte man Markion als den profiliertesten Vertreter einer völligen Aufgabe des Alten (Ersten) Testaments im zweiten Jahrhundert zugleich als den "Vater" der großkirchlichen Dogmatik und insbesondere des Kanons nennen. Seine Provokation setzte die große theologische Reflexion über die Einheit Gottes ­ gegen gnostische Dualismen ­ in Gang. Mit seinem extrem restriktiven Kanon (er akzeptiert nur die Paulus-Briefe und ein purifiziertes Lukasevangelium) erhielt der Vorgang der großkirchlichen Kanonbildung seinen entscheidenden Impuls. Markion schließt damit die jüdisch geprägten Evangelien, und damit vor allem das Matthäus-Evangelium explizit aus. Das Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Markionismus war also erstens, dass die Bibel Israels vom Christentum beibehalten wurde und zweitens, dass man darüber nachzudenken begann, was zur Hl. Schrift der Christen gehört. Das heißt Markion setzte die entscheidende Kanonisierung der Schriften des NT in Gange. Um 180 formuliert Bischof Irenäus von Lyon im Rahmen seiner Schriften gegen die gnostischen Häresien die Standards für die Kanonisierung des NT. Die vier kanonischen Evangelien werden von ihm mit den vier Himmelsrichtungen verglichen. Ein weiterer Hinweis auf die frühe Durchsetzung der vier ,,kanonischen" Evangelien bietet Tatian, ein christlicher Apologet vom Ende des 2. Jh., der wegen seines asketischen Konzeptes selbst in den Ruf ist, Gnostiker gewesen zu sein. Sein bekanntestes Werk ist das Diatessaron, in dem er unter Zusammenfassung der vier kanonischen Evangelien eine einheitliche Lebens- und Wirkungsgeschichte von Jesus Christus erzählt. Ein Schlaglicht auf die zu Ende des 2./Beginn des 3. Jh. allgemein akzeptierten Hl. Schriften wirft der so genannte Canon Muratori, eine im 18. Jh. entdeckte Handschrift, welche als kanonisch angesehene, aber auch als verdächtig geltende und verworfene Schriften auflistet. Sie macht deutlich, dass damals zwar der Prozess der Kanonisierung noch nicht abgeschlossen war, dass aber die vier kanonischen Evangelien ebenso wie eine Reihe der kanonisierten Briefe bereits unangefochten waren. Für das Ende des 3. Jh. stoßen wir beim Kirchenhistoriker Eusebius auf vier Kategorien der Bewertung einzelner Schriften9. Bei Eusebius zeigt sich ebenfalls sehr deutlich, dass der Prozess einer großkirchlich verbindlichen Kanonentwicklung noch nicht abgeschlossen war. Im Zusammenhang mit der christlichen Kanonbildung muss auch darauf hingewiesen werden, dass zur gleichen Zeit auch die jüdische Kanonbildung noch nicht abgeschlossen war. Aus diesem Grund sind etwa die von den Christen übernommenen Schriften des Alten Testaments nicht völlig identisch mit den vom rabbinischen Judentum rezipierten. Über die Dynamik der verschiedenen Kanonisierungen im jüdischen Bereich sind wir vor allem auch seit den Qumran-Funden besser informiert.

8 9

Koschorke, Kanonbildung, 19. Eusebius, Historia Ecclesiastica III,3 und 25.

12

4. Apokryphen

4.1 Definition Apokryphen (griech.: kryptos, geheim, verborgen) sind Schriften, die wegen ihrer Kostbarkeit oder der Verwerflichkeit ihres Inhalts verborgen bleiben müssen. Als Näherbezeichnung für Schriften taucht der Begriff in der Gnosis wohl auch als Selbstbezeichnung auf, Klemens von Alexandrien zufolge benutzten die Gnostiker ,,bibloi apokryphoi" (Geheimbücher). Als ,,Neutestamentliche Apokryphen" werden Schriften bezeichnet, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden. Sie entsprechen im Allgemeinen den im Neuen Testament kanonisierten Literaturgattungen (Evangelien, Briefe, Apokalypsen ...), wenn auch die apokryphen ,,Evangelien" eher Spruchsammlungen darstellen, als die Geschichte Jesu. Durch Titel und sonstige Aussagen erheben sie jedenfalls den Anspruch, den Schriften des Kanons gleichwertig zu sein. Sie stellen in ihrer theologischen Ausrichtung aber genauso wenig eine Einheit dar, wie ursprünglich die in den Kanon aufgenommenen Schriften. Es ist auch immer noch mit neuen Funden zu rechnen, die oft Schriften zu Tage fördern können, von deren Existenz wir nur aus Bemerkungen kirchlicher Schriftsteller wissen. Ein medial besonders beachtetes Beispiel dafür ist das so genannte ,,JudasEvangelium". Im Jahr 1978 wurde in Mittelägypten ein Papyrus-Kodex aus dem 4. oder 5. Jh. gefunden, der das gesamte Judas-Evangelium enthält und nach einer abenteuerlichen Irrfahrt erst 2002 von einer Schweizer Stiftung erworben wurde. Der Text ist seit 2006 in einer Übersetzung zugänglich gemacht.10 Bis dahin musste man von seiner Existenz nut durch Irenäus von Lyon, der es in seiner Schrift gegen die Häresien erwähnt hat (Adversus Haereses, I, 30). Das Judasevangelium dürfte im 2. Jh. im Umfeld einer gnostischen Sekte (den so genannten Kainiten) entstanden sein. Diese Gruppe soll Kain und Judas verehrt haben. Judas hat nach ihrer Auffassung als bester Freund von Jesus als einziger die richtige Erkenntnis (,,gnosis") gehabt und ihn deshalb und mit seinem Wissen ,,verraten". Apokryphen bedeutet nicht, dass diese Schriften automatisch verworfen wurden. Viele sind durchaus in die christliche Tradition eingegangen: · Die Geschichte vom Schweißtuch der Veronika: enthalten im NikodemusEvangelium (Pilatusakten); nicht gnostisch und stark von den vier kanonischen Evangelien abhängig; ergänzt den Bericht über den Prozess Jesu in betont römerfreundlicher Weise. Nach der christlichen Überlieferung hat Veronika ihr Tuch Jesus auf dem Weg nach Golgatha gereicht, um Schweiß und Blut von dessen Gesicht abzuwischen. Dabei soll sich das Gesicht Jesu auf dem Schweißtuch eingeprägt haben. Das Schweißtuch der Veronika war lange die wohl meistverehrte Reliquie der Christenheit. Heute befindet es sich in einem Tresor im Veronikapfeiler des Peterdomes. · Die Quo vadis? ­ Episode. Sie ist in den Petrusakten enthalten. Petrus soll auf seiner Flucht aus Rom wegen der Neronischen Verfolgungen Christus auf der Via Appia begegnet sein und ihn gefragt haben: ,,Quo vadis, Domine?" (,,Wohin gehst du, Herr?"). Als er zur Antwort erhielt: Venio Romam iterum crucifigi. (,,Nach Rom, um mich erneut kreuzigen zu

10

Vgl. dazu R. Kasser, M. Meyer & G. Wurst (Hrsg.), Das Evangelium des Judas, Wiesbaden 2006, 8.

13 lassen"), kehrte er um, wurde in Rom gefangen genommen und gekreuzigt. Diese Situation wird in einer anderen apokryphen Schrift, den Akten des Paulus und der Thekla beschrieben. Diese Legende ist die Grundlage für den mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Roman Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz sowie den darauf basierenden gleichnamigen Film aus dem Jahr 1951. · Das vermutlich aus dem 2. Jh. stammende Kindheitsevangelium des Thomas enthält im zweiten Kapitel die Geschichte, wonach Jesus am Sabbat aus Lehm 12 Sperlinge formt; der von einem empörten Nachbar informierte Joseph rügt Jesus, dieser klatscht in die Hände und die Sperlinge fliegen fort. Die Geschichte wurde nicht nur in katholischen Kinderfibeln bis ins 20. Jh. erzählt, sondern hat auch in den Koran Eingang gefunden (vgl. Sure 5, 110) und wurde in der islamischen Tradition in den Zusammenhang mit dem Verbot, Lebewesen darzustellen, gebracht. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die vielen Jesus und Maria betreffenden Erwähnungen und Zitate im Koran überwiegend auf apokryphe Schriften und die in diesen vertretenen Theologien verweisen, der Prophet Mohammad hatte offensichtlich kaum Kontakt mit dem orthodoxen christlichen mainstream, sondern mit anderen im Osten verbreiteten christlichen Richtungen. Als besonders wichtige Quelle für die koranische Sicht des Christentums gilt das apokryphe ,,Jakobus-Evangelium", aber auch die judenchristliche Theologie des Hebräer-Evangeliums11 findet im Koran ihren Niederschlag.

4.2 Der Schriftfund von Nag Hammadi In Nag Hammadi wurde 1945 eine Bibliothek von Codices gefunden, die Texte waren in Leder-Einbände gebunden und keine Schriftrollen, wie Dan Brown meint. Sie sind koptisch verfasst und weisen hauptsächlich, aber nicht nur christlich-gnostische Texte auf, die im Großen und Ganzen den gleichen Literaturgattungen entsprechen, die wir aus dem Neuen Testament kennen. Besonders herauszuheben unter den Nag-Hammadi-Texten sind das Thomasevangelium und das Philippusevangelium. Das Thomasevangelium ist eine durch den Fund von Nag Hammadi vollständig bekannt gewordene Sammlung von Jesusworten. Vom Literaturgenus ist es kein Evangelium, da es keine Lebensgeschichte Jesu (weder Kindheitsgeschichte, noch Passion oder Auferstehung), sondern eine reine Spruchsammlung ist. Es wird erst im 3. Jh. von kirchlichen Schriftstellern erwähnt, die es als gnostische Schrift ablehnten. Es enthält sowohl aus dem Neuen Testament bekannte Jesusworte als auch sonst unbekannte Sprüche. Es wird von vielen Autoren in die Nähe einer von der Wissenschaft seit einiger Zeit vermuteten frühen Spruchsammlung, der so genannten ,,Logienquelle" (,,Q-Dokument") gestellt. Eine spätere (?) gnostische Überformung ist jedenfalls auch erkennbar. Seit dem Ende des 18. Jh. wird von der Forschung eine Sammlung von Aussprüchen (,,Logien") Jesu postuliert und rekonstruiert, die Matthäus und Lukas

11

Siehe dazu unten 5.

14 vorgelegen und ihnen neben dem Markusevangelium, zu dem die Logienquelle keine literarischen Beziehungen aufweist, als Quelle gedient haben soll. Man geht heute davon aus, dass die Überlieferung der ,,Logien" durch judenchristliche Wanderprediger in Galiläa erfolgte und schließlich zu einer Endredaktion in einer Gemeinde im syrischen Raum führte. Das Philippusevangelium ist eine Spruchsammlung, die unterschiedliche Themen behandelt, begonnen mit Adam und dem Paradies. Besondere Bedeutung erlangt es auch im Kontext des Da Vinci-Codes dadurch, dass Maria Magdalena die als Lieblingsjüngerin erscheint, eine Stellung, die die in den kanonischen Evangelien Johannes zukommt. Das Philippusevangelium stammt von der gnostischen Valentinianer-Sekte und wurde wahrscheinlich Ende des 2. oder Anfang des 3. Jh. verfasst. Es vertritt eine stark weltabgewandte Haltung, die sich insbesondere auch gegen Sexualität und Fortpflanzung richtet. Dass dieser Text andeuten möchte, Jesus hätte mit Maria Magdalena ein intimes Verhältnis oder gar Kinder gehabt, ist daher recht unwahrscheinlich.

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5. Exkurs: Die Verwandtschaft Jesu

Bei Religionen, an deren Anfang eine hervorragende Gründergestalt (Jesus, Mohammad, Buddha) steht, tritt grundsätzlich das Problem der Nachfolge auf. Typischerweise kommen dafür Begleiter und Schüler bzw. Verwandte in Frage. Im Islam hat die Frage der Nachfolge des Propheten (,,Kalifat" bzw. ,,Imamat") zu der großen Spaltung in drei Richtungen geführt: auf die direkte Nachkommenschaft des Propheten stellen die verschiedenen schiitischen Richtungen ab; auf die Abstammung vom mekkanischen Klan der Koraisch, dem sowohl die Kalifen der UmayyadenDynastie als auch der Abbasiden-Dynastie angehörten, beruft sich die sunnitische Tradition; die radikalste Antwort fanden die Charidschiten (heute eine kleine Gruppe, die als Ibaditen bezeichnet wird), wonach es für die Führung der Gemeinschaft der Gläubigen nicht auf die Abstammung, sondern auf die Stärke des Glaubens ankommt. Auch im Christentum hat diese Frage offenbar eine gewisse Rolle gespielt: Neben den in der Tradition nach dem Vorbild der zwölf Stämme Israels als Zwölferkollegium auftretenden Aposteln bzw. der Heraushebung des Petrus aus ihrer Mitte ist im Neuen Testament und anderen Quellen mehrfach von der Verwandtschaft Jesu die Rede. Dabei ist vor allem die Erwähnung von Brüdern und Schwestern bemerkenswert, wobei der ,,Herrenbruder" Jakobus im Mittelpunkt steht. ,,Das vermeintliche Kalifat in der Dynastie Jesu gründet sich auf die Kombination dreier Nachrichten oder Nachrichtengruppen, die der Prüfung bedürfen. Es handelt sich 1. um das Ansehen, dessen sich die Familienangehörigen Jesu als desposunoi in der Urkirche und bis ins zweite (oder gar dritte) Jahrhundert hinein erfreut haben; 2. um die ,,monarchische", führende Stellung, die Jakobus, der Bruder Jesu, in der späteren Urgemeinde errungen hatte, und 3. um die Nachfolger, die ihm aus seiner Verwandtschaft und um dieser Verwandtschaft willen nachgefolgt sein sollen."12 Die älteste Information begegnet uns bei Paulus, der einmal ganz allgemein von den Brüdern des Herrn spricht und an einer anderen Stelle den Jakobus hervorhebt. Bemerkenswert dabei ist, dass er die Brüder neben den Aposteln erwähnt. Die drei synoptischen Evangelien (Mk, Mt, Lk) enthalten in Bezug auf die Geschwister Jesu zwei Texttraditionen. Im Schrifttum wird dazu hervorgehoben, dass die jeweiligen Textvarianten eine gewisse Entwicklung aufweisen. Das älteste Evangelium des Markus liefert einerseits Details über die Familie Jesu, verrät aber andererseits eine deutliche Distanz.

12

H. v. Campenhausen, Die Nachfolge des Jakobus. Zur Frage eines urchristlichen ,,Kalifats", in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 63 (1950-51) 133-144 (134).

16 Mk 3, 31-35: ,,Und es kamen seine Mutter und seine Brüder, und standen draußen, schickten zu ihm, und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, Deine Mutter und Deine Brüder und Schwestern draußen fragen nach Dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder. Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter." Mk 6, 3: ,,Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und seiner Familie." Matthäus und Lukas zeigen bei der Übernahme dieser Texttradition die Tendenz, den ungünstigen Eindruck, den man aus Markus über die Familie Jesu gewinnt, durch Auslassungen und Abänderungen abzuschwächen. Dabei zeigt sich insofern ein Unterschied, als vor allem Matthäus auf die angesehene Stellung der Herrenbrüder zu seiner Zeit Rücksicht zu nehmen scheint, während Lukas, der Paulus in den Vordergrund seines Evangeliums und seiner Apostelgeschichte stellt, die Bedeutung der Verwandten Jesu in der Jerusalemer Gemeinde tendenziell herunterspielt. Das Johannesevangelium (7, 3-5) beschreibt ein ähnliches Szenarium: ,,Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier fort, und zieh nach Judäa, damit deine Jünger die Werke sehen, die du vollbringst. Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte. Wenn du dies tust, zeig dich der Welt; auch seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn." Bemerkenswert ist eine frühe Variante, wo im letzten Satzteil ,,damals" eingefügt wurde! Auch in Apokryphen wird die Familie Jesu erwähnt. Hervorzuheben ist hier besonders das so genannte Hebräer-Evangelium, die bedeutendste judenchristliche13 Schrift, in der die Stellung des Herrenbruders Jakobus hervorgehoben und der Heilige Geist mit Maria identifiziert wird. In jüngster Zeit wurde die Frage nach der Familie Jesu nicht nur durch den ,,Da-VinciCode" wieder in die Öffentlichkeit getragen, sondern auch durch das jüngst erschienene Werk von James Tabor, ,,Die Jesus-Dynastie".14 Darin wird ­ allerdings nicht zum ersten Mal ­ die These vertreten, dass Jesus nicht nur keine Kirche gründen wollte, sondern den Anspruch auf das davidische Königtum erhoben hat und deshalb hingerichtet wurde und dass ihm nach seinem Tod seine später ebenfalls hingerichteten Brüder Jakobus und Simon in diesem Anspruch folgten. Paulus hätte die Jesusbewegung als gescheiterten Versuch der Begründung einer königlichen jüdischen Dynastie umgedeutet und damit das Christentum begründet.

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Als Judenchristen bezeichnet man Gemeinschaften in der alten Kirche, die weiter streng an den jüdischen Gesetzen festhielten. Vor allem nach den Katastrophen des Jüdischen Krieges (70) und nach der Niederschlagung des Bar Kochba-Aufstandes (132-135) durch die Römer führte die geistige und ethische Erneuerung durch das rabbinische Judentum zu einer immer deutlicher werdenden Abgrenzung zwischen Judentum und Christentum, sodass die judenchristlichen Gemeinden zunehmende die Verbindung zu beiden Seiten verloren. 14 J. Tabor, Die Jesus-Dynastie. Das verborgene Leben von Jesus und seiner Familie und der Ursprung des Christentums, München 2006 (Übers.). Der Autor ist Professor für ,,Religious Studies" an der Universität von North Carolina, befasst sich vor allem mit dem antiken Judentum bzw. dem Frühchristentum und ist an archäologischen Ausgrabungen in Israel beteiligt.

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Die Bedeutung des ,,Herrenbruders" Jakobus: Wie immer die Stellung des Jakobus zu Jesus zu dessen Lebzeiten war, unbestritten ist, dass er nach dem Tode Jesu in der Jerusalemer Gemeinde eine Führungsrolle hatte, die ihn auch über Petrus stellte (Gal 1, 19; 2, 9; Apg 12, 17; 15, 13-29; 21, 18-25). Dies ist nicht nur in der Hl. Schrift mehrfach bezeugt, sondern Jakobus wird als einer von wenigen im Neuen Testament genannten Personen auch von einem nichtchristlichen Autor (Josephus Flavius) erwähnt. Von besonderer Bedeutung für die Mission unter Nichtjuden ist seine Stellungnahme auf dem so genannten ,,Apostelkonzil" (Apg 15, 19 ff.). Da er die jüdischen Gesetze und Vorschriften streng einhielt, erhielt er den Beinamen 'der Gerechte'. Er wurde um 62 auf Veranlassung des Hohepriesters Ananos gesteinigt. Der kanonische Jakobusbrief, der deutliche Spitzen gegen Paulus enthält, ist wahrscheinlich erst nach 100 verfasst worden. In apokryphen Schriften finden sich häufig Hinweise auf Jakobus. Besonders zu erwähnen ist das apokryphe ,,Jakobus-Evangelium" (auch ,,Protoevangelium des Jakobus" genannt), das im 2. Jh. entstanden ist und die Kindheit Jesu behandelt. In unserem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass der Verfasser den Namen des Jakobus heranzog, um seinem Werk entsprechendes Ansehen und Glaubwürdigkeit zu verschaffen. .

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6. Der biblische Kanon und das Kanonische Recht ­ Das entstehende Kirchenrecht als Fortschreibung der Tora

Die Ausbildung des biblischen Kanons steht auch im Zusammenhang mit der Frage nach der Entstehung eines kirchlichen Rechts. Rudolf Sohm hat zu Beginn des 20. Jh. eine Grundsatzdiskussion ausgelöst, ob bereits die junge Christenheit ein ,,Recht" hatte oder die Ausbildung rechtlicher Strukturen als der erste große ,,Sündenfall" der Kirche um 100 zu werten sei. Das langsame Herauswachsens des Christentums (der frühen Christentümer) aus dem zeitgenössischen Judentum (den Judentümern) hat natürlich wesentliche Implikationen für die Entstehung des christlichen Rechts: Die Tora war das Jesu und der Jesusbewegung vorgegebene ,,Kirchenrecht". In den Schriften des Neuen (Zweiten) Testaments und in der weiteren jüdischen wie christlichen Literatur werden die fünf Bücher Mose oft als das ,,Gesetz" schlechthin (tora, griechisch nomos) oder als ,,Gesetz des Mose" bezeichnet. Des Weiteren kann auch abgekürzt nur von Mose die Rede sein; ein beliebte Zitationsformel ist z.B. ,,wie bei Mose geschrieben steht". ,,Tora" bzw. ,,nomos" kann andererseits auch weniger und mehr meinen: eine einzelne Weisung, das im Alten (Ersten) Testament zusammengewachsene kanonische Schrifttum Israels insgesamt, schließlich die daran mehr oder weniger anknüpfende ,,mündliche Tora", die in den Talmudim15 verschriftlicht wurde und die in Auseinandersetzung mit der hellenistischen Philosophie entwickelte Vorstellung von einem Weltgesetz, einem Naturgesetz, dessen Ausdruck die schriftliche Tora darstellt. Die Tora galt den Christen weiterhin als ,,heilig" und blieb bei im Detail wechselnder Bewertung in der Großkirche immer auch normativ. Es ist daher genauso unangemessen, die Ansätze zu einer eigenen Rechtsentwicklung in den nachösterlichen christlichen Gemeinden in Ablösung von der Tora positiv herauszustellen, wie sie als legalistischen ,,Sündenfall" zu interpretieren. Im Grunde fand also nichts anderes als Fortschreibung der Tora statt, was allerdings von katholischer und jüdischer Seite nicht immer akzeptiert wird. Insgesamt löst sich auch die neuere protestantische Exegese immer mehr von der im evangelischen Raum traditionell vertretenen Vorstellung einer grundsätzlichen ,,Derogation" der Tora durch Jesus. Auch die grundsätzliche Frage, ob bzw. inwiefern Jesus im Umgang mit der Tora im Einzelfall eine ,,originelle" Auffassung vertrat (vielleicht in der Scheidungsfrage) oder ,,nur" aus auch anderswo vertretenen Ansätzen (etwa in Fragen der Sabbatbeobachtung) schöpfte, ist auf Grund unseres nur mangelhaften Wissens über das zeitgenössische Judentum nur schwer zu entscheiden. Jedenfalls bekommt die Frage, ob der historische Jesus mit einzelnen Torageboten gebrochen hätte, auf dem Boden der Vielfalt zeitgenössischer Toraschulen, eine völlig neue Ausrichtung. Auch die von Jesus entfachte Bewegung kann als eine Tora-Schule (unter vielen anderen, mit denen sie mehr oder weniger gemeinsam hat) interpretiert werden, aus der sehr bald zahlreiche ,,Unterschulen" entstehen. Was die zahlreichen offenkundigen Brüche zwischen Tora und jüngerer kirchenrechtlicher Entwicklung angeht, ist der Vergleich mit den jüngeren ,,kanonischen"

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Zu den Talmudim siehe bereits oben 3.3.

19 Corpora des Judentums von Nutzen: Er hilft zu sehen, dass Widersprüche zur geschriebenen Tora in Einzelheiten nicht als prinzipielles Gegenargument gegen die Grundthese vom Kirchenrecht als Fortschreibung der Tora taugen. Immer schon war das Recht Israels Neuformulierungen unterworfen. Das regelmäßige ,,Neuüberdenken" hat im Übrigen nicht nur in den kanonisch gewordenen Schriftencorpora zu Buche geschlagen. Auch sind die meist ,,alttestamentliche Apokryphen" genannten und besser als Literatur der jüdischen Übergangszeit bezeichneten Schriften in diesem Zusammenhang in Betracht zu ziehen. Es wurde in Hinblick auf das ,,Neue Testament" in letzter Zeit vornehmlich von Klaus Berger ausgewertet. Ebenso relevant sind essenische und quumranische Traditionen. Abraham Wasserstein, der sich mit Hellenismen im rabbinischen Judentum ­ mit regelmäßigen Querverweisen auf das sich parallel aus einem gemeinsamen Substrat entwickelnde Christentum ­ auseinandergesetzt hat, illustriert den ,,unbekümmerten Anspruch auf Autorität, den die Weisen stellen", mit für sich sprechenden Talmudzitaten, wie etwa: ,,Die Worte der Schriftgelehrten sind höher gewertet als die Worte der Thora (!)"16. Wir sind hier mit einer hermeneutischen Tradition konfrontiert, die manchen jüdischen und christlichen Richtungen, aber auch dem mainstream des später entstandenen Islam wieder abgeht. Entscheidend ist also nicht so sehr der Wortlaut von Normierungen. Wesentlich wichtiger erscheint die Fortführung einer theologischen Grundentscheidung, die definitiv im kanonischen Schrifttum Israels verankert wurde. Dabei werden normative Strukturen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit weitergeführt. Bereits ,,mit der Entstehung des Bundesbuches wohl am Ende des achten Jahrhunderts hat die 'Theologie', die um das erste Gebot kreist und die Alleinverehrung und schließlich die Einzigkeit des biblischen Gottes immer deutlicher ausformuliert, sich ein bestimmtes Recht als notwendigen Teil ihrer selbst integriert. Genauso wie das 1. und 2. Gebot, wie Sabbat und Erstlinge prägen damit das Verhalten zu Fremden und Armen, Zinsverbot und Pfandregeln, prägen aber auch gerechte Verhalten (sic) im Gericht und freundlicher Umgang mit Tieren selbst des Feindes die Zugehörigkeit zu JHWH. Und ebenso gehört ein konkretes 'positives Recht' dazu, das allerdings durch die ihm inhaltlich vorgeordneten Regeln der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit eingegrenzt wird. Was sich hier vollzieht, ist für den biblischen Gottesbegriff fundamental. Recht wird derart Teil von 'Theologie', daß keine Theologie, die von diesem Gott handelt, ohne solches Recht denkbar beziehungsweise sachgerecht vollziehbar ist"17. Diese Erkenntnis neuester bibelwissenschaftlicher Forschung bedeutet jedenfalls, dass vom Selbstverständnis her ,,christliche" (theoretisch auch ,,jüdische") Gruppierungen gegeben haben mag, die auf Recht ganz verzichten wollen, für den jeweiligen mainstream von Christentum (Kirche) und Judentum stimmt es jedenfalls von Anfang an nicht. Wie dieses Recht dargeboten wird, ist dann eine nochmals andere, im Laufe der Geschichte unterschiedlich gelöste Frage. In den Kirchenordnungen der Spätantike wird die charakteristische alttestamentliche Vernetzung von Recht und Theologie, von normativen und narrativen Texten, jedenfalls genauso weitergeführt wie in den rabbinischen Quellen.

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Mischna Sanhedrin XI.3; Midrasch Schir Haschirim zu Cant. 1.2., zitiert nach A. Wasserstein, Die Hellenisierung des Frühjudentums. Die Rabbinen und die griechische Philosophie, in: W. Schluchter (Hrsg.), Max Webers Sicht des antiken Christentums. Interpretation und Kritik, Frankfurt 1985, 281-315 (293). 17 F. Crüsemann, Recht und Theologie im Alten Testament, in: G. Rau, H.R. Reuter & K. Schlaich (Hrsg.), Das Recht der Kirche, Bd. 1, Zur Theorie des Kirchenrechts, Gütersloh 1997, 289-336 (329).

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7. Die Gnosis

Aus dem Griechischen stammend bedeutet Gnosis ,,Erkenntnis", ,,Kenntnis", ,,Urteil". ,,Für die stark an Rationalität orientierte griechische Kultur stellte sichere und von bloßer Wahrnehmung abgegrenzte Erkenntnis einen hohen Wert dar."18 Vor allem das platonische Denken stimmte darauf ein, dass es notwendig sei, das hinter der Welt der Erscheinungen liegende wahre Sein der Dinge zu erkennen. Dabei geht Platon davon aus, dass dieses Erkennen immer ein Wiedererkennen ist, ein Wiedererinnern an eine ursprüngliche aber verloren gegangene Erkenntnis. Dieser philosophische Ausgangspunkt dürfte zwar eine notwendig Voraussetzung für das Entstehen der spätantiken Gnosis gewesen sein, man muss aber von einer Reihe weiterer Wurzeln ausgehen. Welche dabei in Frage kommen, ist umstritten. Einen wesentlichen Impuls dürfte der hellenistische Synkretismus geliefert haben, durch den der iranische Dualismus, die babylonische Astrologie und die ägyptische Mythologie in das Denkgebäude integriert werden konnten. In Frage kommen alle diese Faktoren, denn ,,die Gnosis kann sich babylonisch, iranisch oder ägyptisch geben, sie kann in jüdische und christliche Sprachgewänder schlüpfen, sie kann mit Philosophie, Mythos und kultischer Mystik kollaborieren, sie kann sich vielfältig artikulieren und bleibt immer doch dieselbe."19 Diese Gemeinsamkeit besteht in den jede Gnostik bewegenden Fragen, die wir aus einem Zitat des Gnostikers Theodotos bei Klemens von Alexandrien20 kennen: ,,Wer waren wir, was sind wir geworden; wo waren wir, wohin sind wir geworfen; wohin eilen wir, wohin sind wir geworfen; was ist Geburt, was ist Wiedergeburt?" Die Gnostiker besaßen grundsätzlich ein negatives Welt- und Daseinsverständnis und betrachteten sich als im Dunkel des Leibes und der Materie wie in einem Wahn oder Traum gefangen. Das Grunderlebnis der Gnostiker ist als die Fremdheit in dieser Welt; er sehnt sich nach Erlösung, die er nur durch die Erkenntnis (Gnosis) seiner wahren Herkunft und Bestimmung möglich ist21. Die christliche Gnosis entstand Christoph Markschies zufolge ,,in den Bildungsmetropolen der Antike beim Versuch von halbwegs gebildeten Menschen, ihr Christentum auf dem Niveau der Zeit zu erklären [...] Man trennte streng zwischen dem obersten Gott und den an der Schöpfung beteiligten göttlichen Kräften und wendete diese Unterscheidung auch auf die Christus-Gestalt an"22. Gegenüber Frauen ist die Haltung der Gnosis ambivalent. Einerseits wird die Frau mit der Leiblichkeit des Menschseins identifiziert und damit mit dem des Bösen in der Welt. Andererseits sind Frauen Offenbarungsempfängerinnen. In den Texten der christlichen Gnosis spielen immer wieder auch Jüngerinnen eine große Rolle. Vor allem Maria Magdalena wird als Empfängerin von Offenbarungen herausgestellt. Die Gnosis geht zwar durchaus von einem weiblichen Element im göttlichen Äon aus, manchmal

18 19

C. Markschies, Die Gnosis, München 2001, 9. E. Dassmann, Kirchengeschichte, Bd. 1, Ausbreitung, Leben und Lehre der Kirche in den ersten drei Jahrhunderten, Stuttgart 1991, 136. Zu Klemens von Alexandrien siehe oben 4.1. Vgl Dassmann, Kirchengeschichte I, 135 ff. Markschies, Gnosis, 84.

20 21 22

21 versucht man andererseits, das das weibliche Element ins ursprünglich Männliche zurückzuführen. So heißt es im Thomasevangelium: "Es sprach zu ihnen Simon Petrus so: Maria soll von uns weggehen! Denn Frauen sind des Lebens nicht wert. Es sprach Jesus so: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendes Pneuma wird, ähnlich euch Männlichen. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird eintreten in die Herrschaft der Himmel."

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8. Resümee aus vorangehenden Kapiteln

1. Das was sich später zum Christentum entwickelte, war zunächst eine von mehreren jüdischen Richtungen, wobei es unterschiedliche Querverbindungen zu diesen gab (Pharisäer, Essener, Qumran-Gemeinde). 2. Es gibt von allem Anfang aber auch eine Mehrzahl von christlichen Traditionen, aber auch einen christlichen mainstream, der sich sehr schnell vor allem an jenen Überlieferungen orientierte, die später im Zentrum des christlichen Schriftkanons standen. 3. Dieses Herauswachsen aus dem jüdischen Kontext widerspiegelt sich auch in der rechtlichen Organisation der frühen christlichen Gemeinden. 4. Das sich zunehmend verfestigende, aber noch nicht ,,kanonisierte" Christentum wird seit der Mitte des 2. Jh. mit der gnostischen Herausforderung konfrontiert. 5. Das Ergebnis dieser Herausforderung war sowohl die Herausbildung eines offiziell anerkannten Schriftkanons als auch die rechtlich-institutionelle Verfestigung der christlichen Gemeindeverfassung. Letzteres geschah vor allem durch die allgemeine Einführung des Bischofsamtes zur Sicherung des rechten Glaubens und der richtigen religiösen Praxis.

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9. Maria Magdalena (Handout zum Gastvortrag von Ass. Prof. Dr. Eva Synek)

9.1 Die biblische Maria v. Magdala Maria v. Magdala wird zwar in den ältesten erhaltenen, christlich geprägten Texten, den Paulusbriefen nicht namentlich erwähnt, ist aber in allen vier kirchlich rezipierten Evangelien bezeugt und zwar v.a. im Kontext der Passions- und der Ostererzählungen. D.h., sowohl die unterschiedlich datierten, jedenfalls aber noch im 1. Jh. n. Chr. verfassten drei zusammenhängenden synoptischen Evangelien nach Mk, Mt und Lk als auch das von diesen unabhängige, wahrscheinlich um 100 oder etwas später anzusetzende Johannes-Evangelium und schließlich auch der sekundäre Mk-Schluss rekurrieren auf eine aus dem galiläischen Magdala stammende Frau namens Maria, die dem historischen Jesus nachfolgte und ­ so die einhellige Überlieferung ­ nachdem sie Zeugin seines Todes am Kreuz und seines Begräbnisses geworden war, eine spezifische Erfahrung machte, die sie zur Verkünderin des Auferstandenen bevollmächtigte. ExegetInnen schließen aus all dem, dass Maria von Magdala eine von mehreren bedeutenden Frauen war, die in der Urgemeinde als Zeuginnen der Auferstehung bekannt waren, allem Anschein nach eine alleinstehende Frau, da sie von gleichnamigen Frauen nach dem Herkunftsort unterschieden und nicht, wie damals generell üblich, von einem männlichen Angehörigen her definiert wird. Ihre regelmäßige Erstnennung in variierenden Frauenlisten korreliert der parallelen Erstnennung des Petrus in den Namenslisten der männlichen Jünger. Dies deutet sowohl auf einen hohen Bekanntheitsgrad als auch auf eine spezifische Autorität hin: Obwohl wir keinerlei Details kennen, so ist hier doch jedenfalls eine Frau bezeugt, die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits Ohren- und Augenzeugin des historischen Jesus war und nach seinem Tod aktiv daran beteiligt, dass ,,die Sache Jesu" weiterging. 9.2 Neutestamentliche Apokryphen Nach den kanonisch rezipierten frühen Quellen entstanden im 2. Jh. oder später weitere sog. apokryphe, d.h. nicht kanonisch gewordene Evangelien, in denen Maria v. Magdala ebenfalls eine wichtige Rolle als Traditionszeugin spielt bzw. mit einiger Wahrscheinlichkeit mit der dort einfachhin als ,,Maria" bezeichneten Traditionszeugin in eins zu sehen ist. Beispiele: · PetrusEv: Maria v. Magdala wird in dem überlieferten Fragment ausdrücklich als ,,Jüngerin des Herrn" bezeichnet · Epistula Apostolorum: Evangelienharmonie in Briefform, die sich explizit an Frauen und Männer wendet

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· PhilippusEv: ein wenig kohärentes Florilegium aus Lehrtexten, das mit den kanonischen Evangelien nicht nur inhaltlich, sondern auch formal wenig gemeinsam hat; in Abschn. 31 wird Maria Magdalena als ,,Gefährtin" Jesu bezeichnet: Nach PhilippusEv Abschn. 55b entspricht Maria Magdalena dem Lieblingsjünger im kanonischen JohEv: Jesus liebte sie demnach mehr als die anderen Jünger und küsste sie. · Pistis Sophia: eine als geheime Jüngerbelehrung stilisierte Sammlung gnostischer Lehren; Maria Magdalena gehört nach dieser Schrift zu jenem erlauchten Kreis, der angeblich von Jesus ins geheime Wissen der Gnostiker eingeweiht wurde. Auffällig ist die große Zahl von Fragen, mit denen sie Jesus in den konstruierten Dialogen die Stichworte für seine Ausführungen liefert. 9.3 Kirchenordnungen Maria v. Magdala spielt hier angesichts ihrer hervorragenden Bezeugung in den Evangelien einerseits und des bis in die Anfänge der Christenheit zurückreichenden Ringens um Frauenrollen andererseits eine auffällig geringe Rolle. Bei den sog. Apostolischen Konstitutionen, einer einschlägigen Kompilation vom ausgehenden 4. Jh., ist man sogar versucht, von einer regelrechten ,,damnatio memoriae" zu sprechen. Die Magdalenenüberlieferung war für die Autoren der Kirchenordnungen, die allesamt ein konventionelles Frauenbild favorisierten, eine Herausforderung, der sie sich nach Möglichkeit nicht stellten. 9.4 Westliche Rezeptionsgeschichte Die Identifikation von Maria v. Magdala, der ,,anderen Maria" und v. a. auch einer im Neuen/Zweiten Testament erwähnten namenlosen ,,Sünderin" durchzieht die westliche Rezeptionsgeschichte seit Papst Gregor d. Großen, also dem 6. Jh. Durch die Kombination mit Elementen aus der Vita einer anderen Hl. Maria, Maria v. Ägypten, wurde später aus der Frau aus Magdala eine bekehrte Prostituierte. 9.5 Bildende Kunst und Literatur versus Theologische Forschung des 20. Jh. Bereits im 19. Jh. verstärkte sich die Tendenz zur schon vorher vorhandenen erotischen Ausbeutung des Magdalenenmythos; bildende Kunst und Belletristik ,,spielen" mit der Vorstellung einer erotischen Beziehung zwischen Jesus und Maria v. Magdala; bereits in ,,Der Heilige Gral und seine Erben" (von R. Leigh, M. Baigent und H. Lincoln) wird die Abstammung der Merowinger aus einer Beziehung von Jesus und Maria Magdalena behauptet. Dagegen steht die Dekonstruktion des Magdalenenmythos in der historisch-kritischen Exegese und das Bemühen um die Rekonstruktion der biblischen Maria v. Magdala als ,,apostola apostolorum" v. a. in der Theologischen Frauenforschung.

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10. Konstantin und seine ,,Wende"23

10.1 Allgemeines Die im ,,Da-Vinci-Code" getätigten Aussagen zu Konstantin lassen sich im Kern so zusammenfassen: Das Neue Testament gehe auf Konstantin den Großen zurück. Dass diese Aussage jeglicher Grundlage entbehrt, geht bereits aus dem Abschnitt zur Kanonbildung hervor. Konstantin der Große sei Heide gewesen. / / Tatsächlich ist die Frage zu stellen, inwieweit ihn das Christentum für sich ,,beanspruchen" kann. Zur Zeit Konstantins sei ,,der Sonnenkult des Sol Invictus [...] die offizielle römische Religion" gewesen und Konstantin selbst ,,Hohepriester dieser Staatsreligion". / / Tatsächlich neigte Konstantin auch dem Sonnenkult zu, was allerdings ein Naheverhältnis zum Christentum keinesfalls ausschließt. Tatsächlich gibt es viele Parallelen zwischen Christentum und Sonnenkult. Nachdem Konstantin gesehen habe, dass ohne die Christen kein Staat mehr zu machen sei, habe er im Jahr 325 ,,die Einigung des Reichs unter dem Banner einer einzigen Religion ­ des Christentums" vollzogen, das damals zur Staatsreligion erklärt worden sei. Mit dem Schlüsseldatum 325 ist offensichtlich das Konzil von Nizäa gemeint. Das Konzil von Nizäa hatte weder mit einer Erklärung des Christentums zur Staatsreligion, noch mit der Kanonbildung des Neuen Testaments etwas zu tun. Ursprünglich hätten die Christen den jüdischen Sabbat geheiligt, Konstantin habe aber den Wochenfeiertag ,,um einen Tag verschoben, damit er mit jenem Tag zusammenfiel, an dem die Heiden die Sonne verehrten." Mannigfaltig sind die Belege, die für den Sonntag als christlichen Feiertag (wöchentliche Begehung der Auferstehung Christi!) sprechen. Bis zum Konzil von Nizäa sei Jesus ,,von seinen Anhängern als sterblicher Prophet" betrachtet worden. Demnach hätte ihm vor dem nizänischen Konzil auch niemand die göttliche Natur zugesprochen. Mannigfaltig sind die Belege für Streitigkeiten über die göttliche Natur Christi noch lange vor der Regierungszeit Konstantins. Besonders in diesem Punkt wird die Pluralität christlicher Strömungen in den ersten Jahrhunderten geleugnet. Die Bezeichnung ,,Häretiker" existiere Dan Brown zufolge erst seit Konstantin. Hier könnte der Eindruck erweckt werden, als ob es erst seit Konstantin eine Ausgrenzung von Vertretern von Lehren gibt, die von der ,,rechtgläubigen" Lehre abweichen. Doch bereits in neutestamentlichen Schriften bezieht sich das Wort Airesis (Auswahl) auf Vorgänge, die gegen die Anhängerschaft Jesu und ihre Einheit gerichtet sind. Airesis ist Gegnerschaft zur ekklesia (Gemeinde, Kirche).

23

Zu Konstantin siehe J. Straub, Konstantins Verzicht auf den Gang zum Kapitol, in: Ders., Regeneratio Imperii, Bd. 1, Darmstadt 1976, 100-118; J. Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches, Bd. 2, Paderborn 31994, 156 ff.; M. Clauss, Konstantin der Große und seine Zeit, München 1996 (leicht erschwingliches Taschenbuch aus der Beck'schen Reihe).

26 Diese Theorien werden im ,,Da-Vinci-Code" dazu benötigt, um die Sicht einer Kirche zu stützen, die Christus zur göttlichen Person erhoben habe, die keine menschliche Nachkommenschaft hinterlassen kann. Die Kirche habe unter Konstantins Anleitung über den Menschen Jesus Christus ,,den undurchdringlichen Mantel einer jenseitigen Göttlichkeit" gebreitet, ,,um auf diese Weise ungestört ihren weltlichen Machenschaften nachgehen zu können." Dies ist nun insofern irreführend, als die großen christlichen Kirchen durchwegs Jesus sowohl eine menschliche als auch eine göttliche Natur zuschreiben.

10.2 Biographie Konstantins des Großen Konstantin I. (auch ,,Konstantin der Große") war von 306 bis 337 Kaiser (Alleinherrscher ab 324). Er war der erste römische Kaiser, der sich nachweislich dauerhaft dem Christentum zuwandte. Die so genannte ,,Konstantinische Wende" wurde im Jahr 312 eingeleitet, als er in der Schlacht an der Milvischen Brücke (im Norden Roms) über seinen Konkurrenten Maxentius siegte. Diesen Sieg führte er auf die Vision eines am Himmel erscheinenden Kreuzes zurück, im Zuge derer ihm verkündet worden sei, er würde in diesem Zeichen siegen. Tatsächlich hat es sich wohl um kein plötzliches ,,Bekehrungserlebnis" gehandelt. Schon lange vor diesem Ereignis dürfte er zum Monotheismus ­ genau genommen zur Verehrung des Sonnengottes (Sol invictus) ­ geneigt haben. Jedenfalls war ihm das Christentum von Jugend an bekannt. Die Attraktion monotheistisch akzentuierter Kulte lag in deren Vereinheitlichungsfunktion. Sie schienen am besten zur Konsolidierung des Reiches geeignet zu sein. Bereits im dritten Jahrhundert hatte die Kaiser Eliogabal (auch: Elagabal, Heliogabal; 218-222) und Aurelian (270-275) versucht, durch Förderung des Sonnenkultes eine verstärkte Integration des Reichsverbandes zu bewirken. Im Kontext mit dem Buch von Dan Brown erhebt sich nun die Frage, ob es sich bei Konstantin tatsächlich um einen ,,heidnischen" Kaiser gehandelt hat. Aus mehreren Gründen ist Vorsicht geboten: Wie im Folgenden gezeigt wird, können aus der Sicht damaliger Zeitgenossen Sonnenkult und christlicher Kult nicht so ohne weiteres voneinander getrennt werden. Dass Konstantin am Totenbett die Taufe empfing, kann als sicher angenommen werden. In den Jahrzehnten vor seinem Tod, hatte er sich eindeutig dem Christentum zugewandt. Dass er sich nicht schon im Jahr 312 ­ oder gar davor ­ hatte taufen lassen, dürfte alternativ oder kumulativ durch zwei Gründe bedingt sein: eine damals allenfalls gängige Praxis, sich erst am Totenbett taufen zu lassen (zweifelsohne war die Kindertaufe allerdings schon in früheren Zeiten üblich), aber auch politische Opportunitätserwägungen. Unter diesen Prämissen wird die bei Dan Brown getätigte Aussage, dass sich Konstantin auf dem Totenbett gegen seine Taufe gewehrt habe, völlig unglaubwürdig. Ebenso wenig, wie man Konstantin als ,,heidnischen" Kaiser bezeichnen darf, kann man ihn allerdings vorbehaltlos für das Christentum in Anspruch nehmen.

27 10.3 Exkurs: Der Sonnenkult24 Eliogabal war ein Kaiser, der sich den Christen gegenüber als tolerant erwies25. Der von ihm unternommene Versuch, den Sonnenkult zum Staatskult zu erheben, stand nur in Ansätzen im Zeichen eines monotheistischen Religionsverständnisses. Der Kaiser ließ einen Meteorstein, der für die Verehrung des Hauptgottes seiner Heimatstadt Emesa (Syrien) stand, nach Rom bringen und ließ diesen Hauptgott nun in eine höchste Trias einfügen. D.h., dass der Sonnengott Emesas nun gemeinsam mit zwei anderen Göttern höchste Bedeutung vor allen übrigen Göttern genießen sollte. Die neue war der herkömmlichen ,,Kapitolinischen Trias" ­ ursprünglich bestehend aus Jupiter, Juno und Minerva ­ nachgebildet. In der so genannten Historia Augusta26 wird davon gesprochen, dass Eliogabal in den neu erbauten Tempel des Sonnengottes die Zeichen so gut wie aller bedeutenden im Reich verehrten Gottheiten unterbringen ließ. Selbst Gegenstände, die für das Judentum, aber auch für den christlichen Kult eine wichtige Rolle spielten, sollen in diesen Tempel gebracht worden sein. Die Nahebeziehung Eliogabals zu seinem Hauptgott dürfte vom erstgenannten so eng gedacht gewesen sein, dass er möglicherweise ,,Majestätsbeleidigung" und ,,Gotteslästerung" miteinander gleichzusetzen begann. Man darf diesen Versuch der Erhebung des Sonnenkultes zum Staatskult nicht als kindischen Einfall des ansonsten sich recht infantil gerierenden Kaisers abtun. Vielmehr dürfte es sich um eine wohldurchdachte Reform zur verstärkten Integration des Reichsverbandes gehandelt haben, die allerdings durch den frühen Tod des Kaisers vereitelt wurde. Fünfzig Jahre später trat mit Aurelian erneut ein Kaiser als Förderer eines Sonnenkultes auf. Die Frage nach dem Vorbildcharakter des eliogabalischen Kultes wird in der Forschung nicht einhellig beantwortet. Das Neue am aurelianischen Sonnenkult lag nun darin, dass es sich um eine von Theologen und Philosophen entwickelte Konzeption handelte. Außerdem war es nun das Standbild des Gottes eines besiegten Reichsfeindes ­ der Königin Zenobia von Palmyra ­, das nun nach Rom gebracht wurde. Das Standbild wurde in Rom aufgestellt und das entsprechende Heiligtum am 25. Dezember 274 eingeweiht. Damit wurde das Jahresfest des Sonnengottes bzw. der Stiftungstag des Tempels zu jenem Datum begangen, das im 4. Jh. erstmals als Datum des christlichen Weihnachtsfestes nachweisbar ist. Möglicherweise ist der Termin des christlichen Weihnachtsfestes (erstmals belegt im 4. Jh.) direkt von Aurelians Kult übernommen worden. Die Konzeption des Sonnenkultes sollte den Römern eine möglichst einheitliche Religion vermitteln. Um den Sonnenkult sollten sich dabei möglichst alle anderen heidnischen Kulte in einer Art zusammenlaufender Kanäle sammeln. Diese sollten auf ein religiöses Zentrum ­ die Reichshauptstadt Rom ­ hin orientiert sein27. Noch lange nach der Anerkennung des Christentums Ende des 4. Jh. konnte das römische Volk christliche Kulthandlungen und dem Sonnengott gewidmete Akte offensichtlich nicht sauber voneinander scheiden: So beklagte sich Bischof Leo I. von Rom

24

Siehe dazu G. La Piana, Foreign Groups in Rome during the first Centuries of the Empire, in: Harvard Theological Review (1927), 183-403; K. Gross, Elagabal, in: Realenzyklopädie für Antike und Christentum, Bd. 4, Stuttgart 1959, 987-1000; K. Latte, Römische Religionsgeschichte, München 1960 (Handbuch der Altertumswissenschaften V.4), 350; M. Pietrzykowski, Die Religionspolitik des Kaisers Elagabal, in H. Temporini & W. Haase (Hrsg.), Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.3, Berlin 1986, 18061825. 25 Siehe dazu Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte I, 170: "In Syrien [...] waren die Christen naturgemäß auch besonders gut bekannt." 26 Sammlung von Kaiserbiographien, die vermutlich um 360 verfasst wurde und möglicherweise ­ entgegen früherer Annahmen ­ nur von einem Autor stammt.

27

Vgl. La Piana, Foreign Groups, 319.

28 (440-461) über die zahlreichen Kirchgänger, die sich vor Eintritt in das Gotteshaus andächtig vor der Sonne verbeugten. In der Tat hatte der Osten als Himmelsrichtung Leben der Christen eine herausragende Bedeutung: Die Wortfolge ex oriente lux bezeichnet niemand anderen als Jesus Christus, und bis ins 20. Jh. hinein wurden christliche Kirchen des Westens zumeist in der Weise gebaut, dass sich der Altar auf der Ostseite (Richtung Jerusalem) befand.

10.4 Christliche Kaiser vor Konstantin? Nicht nur die ,,monotheistische" Parallele zwischen Sonnenkult und Christentum sorgten für ein teils entspanntes Verhältnis zwischen den Christen und der weltlichen Obrigkeit des römischen Reichs. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass das polytheistische römische ,,Heidentum" im Vergleich mit dem Christentum von einer religiösen Duldsamkeit geprägt war. Dagegen spricht zwar zunächst der Umstand, dass es 186 v. Chr. zu einer regelrechten Verfolgung von Anhängern des Bacchus-Kultes kam. Es muss allerdings beachtet werden, dass es bei dieser Verfolgung weniger um die Unterdrückung einer fremden Religion, als um die Sicherung des römischen Staates ging. Dies wird daran deutlich, dass die Ausübung des Bacchus-Kultes nach dem Ende der Verfolgungen ausdrücklich gestattet wurde, wobei diese Kultausübung nur unter staatlicher Aufsicht vor sich gehen durfte. Auch die Christenverfolgungen waren eher vom Verdacht der Illoyalität gegenüber dem Kaiser geprägt, als vom Willen, andersartige religiöse Haltungen zu unterdrücken (in diesem Zusammenhang sind vor allem die decianischen Christenverfolgungen aus der Mitte des 3. Jh. zu nennen. Es wurden all jene verfolgt, die sich weigerten, dem Kaiserstandbild ein Opfer darzubringen). Die ersten Jahrhunderte des Christentums waren jedenfalls in weit geringerem Maße von staatlichen Verfolgungsmaßnahmen geprägt, als dies lange Zeit hindurch angenommen wurde. Darüber hinaus sprechen Quellen des 4. und 5. Jh. davon, dass Kaiser Alexander Severus (222-235) mit dem Christentum sympathisiert habe. Diese Nachrichten werden in der Forschung allerdings für eher unglaubwürdig gehalten. Der durch den Kirchenhistoriker Eusebius Ende des 3. Jh. überlieferte Information, der zufolge Kaiser Philippus Arabs (244-249) ,,als Christ" an kirchlichen Gebeten habe teilnehmen wollen28, wird in der Literatur größere Glaubwürdigkeit eingeräumt, jedoch gibt es auch hier gut begründete Gegenansichten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Philippus Arabs ein privates Bekenntnis zum Christentum ablegte, und sein Bekenntnis im öffentlichen Leben keinerlei Wirkung entfaltete. Bemerkenswert ist die Rezeption der Eusebiusnotiz im Mittelalter: Philipp von Schwaben (gest. 1208), der nach der deutschen Herrscher- bzw. Kaiserwürde strebte, wurde von seinen Anhängern als ,,Philipp II." betrachtet. Zu Recht suchen Uneingeweihte nach einem Vorgänger mit der Ordnungszahl ,,I". Den wird man im ,,deutschen" Reich schwerlich finden. Dieser ,,Vorgänger" ist nämlich niemand anderer als der römische Kaiser Philippus Arabs... Dies zeigt, dass man sich selbst im Mittelalter die Herrschaft Konstantins nicht als absoluten Wendepunkt gedacht hat.

28

Eusebius, Historia ecclesiastica VI, 34.

29

10.5 Eine denkwürdige Entscheidung Kaiser Aurelians Im Zuge eines schweren Kirchenkonflikts im syrischen Antiochien wurde von den (christlichen!) Streitparteien Kaiser Aurelian angerufen. Der Kirchenhistoriker Eusebius erwähnt diese Entscheidung in so beiläufiger Art und Weise, dass man davon ausgehen kann, dass die Anrufung eines römischen Kaisers durch christliche Streitparteien nicht ungewöhnlich war29. In deutscher Übersetzung heißt es hier: ,,Als [der abgesetzte Bischof] Paulus um keinen Preis das Haus der Kirche räumen wollte, wandte man sich an Kaiser Aurelianus, der durchaus billig in der Sache entschied, indem er befahl, denjenigen das Haus zu übergeben, mit welchen die christlichen Bischofe Italiens und Roms in schriftlichem Verkehre stünden. Somit wurde der erwähnte Mann zu seiner größten Schande von der weltlichen Macht aus der Kirche vertrieben."30 Dies zeigt sehr deutlich, in welchem Maße das Christentum in der vorkonstantinischen Zeit toleriert werden konnte, wenn auch die näheren Hintergründe der Entscheidung im Dunkeln liegen31.

10.6 Konstantins Sieg: Wende oder Neuakzentuierung? 10.6.1 Das Toleranzedikt des Kaisers Galerius aus dem Jahr 311 Bereits die vorangegangenen Ausführungen sollten zeigen, dass der Ausdruck ,,Wende" im Zusammenhang mit Konstantin nicht im Sinne einer radikalen Umpolung des Reiches verstanden werden darf. Dies ist schon deswegen unzutreffend, weil das Christentum seit dem Toleranzedikt des Kaisers Galerius aus dem Jahr 311 den Status der religio licita genoss. Die Rechtsstellung der Ortskirchen lässt sich gemäß dem erwähnten Toleranzedikt von 311 demnach am ehesten mit der eines Vereins vergleichen und beinhaltete insbesondere das Recht auf Zusammenschluss unter einem verantwortlichen Leiter; Zusammenkünfte in vereinseigenen Lokalen; Anlegung vereinseigener Friedhöfe; Einhebung von Beiträgen.

10.6.2 Die ,,Wende" und ihre Relativierung Als erstes Eckdatum der ,,Wende" gilt das Jahr 312, in dem Konstantin an der nördlich von Rom gelegenen milvischen Brücke über einen heidnischen Konkurrenten siegte.

29 30

Vgl. Eusebius, Historia ecclesiastica VII, 30, 19. Die Übersetzung wurde von der von H. Kraft eingeleiteten und herausgegebenen Ausgabe der Werkübersetzung von P. Haeuser (Eusebius. Kirchengeschichte, Darmstadt 1984) übernommen. 31 Der eigentliche Entscheidungsinhalt ist hier nicht näher zu erörtern und damit auch nicht die Frage, warum Aurelian von mehreren römischen Bischöfen sprach.

30 Es kann nicht näher bestimmt werden, inwieweit sich Konstantin nach der Einleitung der ,,Wende" im Jahr 312 selbst als Christ fühlte. Dem Christentum zollte er jedenfalls nicht nur Respekt, sondern ,,sein persönliches Bekenntnis galt dem Christengott"32. Möglicherweise empfing er ­ wie bereits erwähnt ­ am Totenbett die Taufe. Der späte Taufempfang lässt sich wohl am ehesten damit erklären, dass nach damaligem weit verbreitetem christlichen Verständnis ein Weg zum Heil nur dann möglich war, wenn nach dem Taufempfang nicht mehr schwer gesündigt wurde. Dies war am besten dann gewährleistet, wenn die Taufspendung erst auf dem Totenbett erfolgte. Allerdings könnte der Grund für die späte Taufe darin gelegen haben, dass der Kaiser seiner Umwelt nicht zuviel ,,zumuten" wollte, bzw. im Fall einer gleich vollzogenen Taufe die heidnische Opposition fürchten musste. Ein weiterer Schritt im Rahmen der ,,Konstantinischen Wende" bestand in der so genannten ,,Mailänder Vereinbarung" (nicht ganz zutreffend zumeist als ,,Mailänder Edikt" bezeichnet) von 313, die sich im Gedächtnis der Nachwelt festgesetzt hat, obgleich sie genau genommen nicht über das Edikt des Galerius hinausging. Allerdings wurde eine deutliche Bevorzugung des Monotheismus vorgenommen, als alle Götter als Erscheinungsformen einer einzigen höchsten Gottheit betrachtet wurden. Die ,,Wende" Konstantins stellte somit unter vielerlei Aspekten lediglich eine ,,Neuakzentuierung" dar: In den ersten drei Jahrhunderten waren die Christen keineswegs permanent staatlichen Verfolgungshandlungen ausgesetzt. Die Gestattung im 4. Jh. bedeutete somit lediglich einen Bruch mit den vorangegangenen Jahrzehnten, nicht aber mit der bisherigen Kaiserzeit schlechthin. Galerius hatte den Inhalt der Mailänder Vereinbarung so gut wie zur Gänze vorweggenommen. Parallelen zwischen Christentum und Sonnenkult ließen erstes in den Augen zahlreicher Zeitgenossen als keinen Bruch zu den Entwicklungen des 3. Jh. erscheinen.

10.6.3 Christ oder doch nicht?33 Auch nach 313 wurde der Sonnekult durch Konstantin gefördert. Auf dem Hauptplatz von Konstantinopel ­ dorthin hatte er in den Zwanziger Jahren seine Residenz verlegt ­ wurde sein Standbild mit dem Strahlenkranz des Sonnengottes aufgestellt. Trotzdem setzte er deutliche Akzente, die tendenziell in Richtung Zurückweisung heidnischer Kulte wiesen. Dies zeigt sich vor allem darin, dass diese Kulte von offizieller Seite der christlichen Religion in der Weise gegenübergestellt wurden, als ob es sich dabei um eine Einheit handelte. Darüber hinaus verzichtete Konstantin bereits zur Einjahresfeier der Einnahme Roms auf das traditionelle Dankopfer für den kapitolinischen Jupiter. Dass der Kaiser den Sonntag zum allgemeinen Ruhetag ausrief, kann wohl eher als eine Respektierung des Christentums als des Sonnenkultes gewertet werden. Jedenfalls war das Christentum zu jener Religion, die von der kaiserlichen Familie begünstigt ist. Sehr bald nach der Schlacht von 312 erließ Konstantin Anordnungen betreffend

32 33

Straub, Verzicht, 115. Siehe Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte, 204 ff.

31 die Rückgabe von Kirchengebäuden an die Christen. Die Kirche profitiert von zahlreichen Schenkungen, und bereits kurz nach der Schlacht an der Milvischen Brücke wurde ihr der Lateran ­ der Palast der Kaiserin ­ übertragen. Die Errichtung der Grabeskirche in Jerusalem erfolgte ebenfalls zur Zeit Konstantins, und zwar auf Initiative seiner Mutter Helena. Konstantins Hinwendung zum Christentum kommt aber auch darin zum Ausdruck, dass sein engster Beraterkreis durchwegs aus Christen bestand. 10.6.4 Episcopalis audientia34 Konstantins Naheverhältnis zum Christentum kommt auch darin zum Ausdruck, dass er die so genannte episcopalis audientia einführte, d.h., die für den staatlichen Bereich relevante bischöfliche Zivilgerichtsbarkeit. Bereits in den ersten Regierungsjahren konnten bischöfliche Gerichtsurteile regelmäßig für das staatliche Recht die Funktion von Schiedssprüchen erfüllen. D.h., wenn sich die Parteien auf den Bischof als Schiedsrichter geeinigt hatten, kam dessen Urteil staatliche Rechtswirksamkeit zu. Diese bischöfliche Schiedsgerichtsbarkeit wurde vermutlich im Jahr 318 von Konstantin in eine staatlich anerkannte Zivilgerichtsbarkeit umgewandelt, indem auf Verlangen bloß einer der beiden christlichen Streitparteien ein Verfahren jederzeit vor das bischöfliche Gericht gebracht werden konnte. Die Ausbildung der audientia episcopalis ist vor allem durch das Verbot des Paulus, Konflikte vor heidnischen Gerichten auszutragen (Erster Korintherbrief 6,5-7), motiviert. Nun hätten bis weit ins 4. Jh. hinein Christen damit zu rechnen gehabt, ihre Streitigkeiten vor einem zuständigen heidnischen Richter austragen zu müssen. Dies wäre ihnen gemäß der Paulusstelle verboten gewesen. Als Ausweg wurde durch Konstantin die oben erwähnte Zuständigkeit der episcopalis audientia für das staatliche Recht eingeführt. Da im weiteren Verlauf des 4. Jh. sich nur mehr ein Kaiser zum Heidentum bekannte und dieser nur zwei Jahre lang regierte (Julian; 361-363), wird es verständlich, wenn das staatlich-öffentliche Leben mehr und mehr von Christen geprägt war. Der Vormarsch des Christentums führte nun zu einem Bedeutungsschwund der audientia episcopalis in der hier dargestellten Form. Nachdem das Christentum zur Staatsreligion erklärt worden war35, wurde die episcopalis audientia ­ ebenso wie kurz davor die autonome Gerichtsbarkeit der jüdischen Patriarchen ­ wieder auf die Schiedsgerichtsbarkeit beschränkt (398). Trotzdem enthält noch der Codex Justinians aus dem 6. Jh. 33 Kaiserkonstitutionen, die sich der Materie widmen. Im christlich gewordenen Reich hatte somit das paulinische Verbot der Anrufung heidnischer Gerichte offenbar seine praktische Anwendung verloren, da die staatlichen Gerichte ohnehin mit Christen besetzt waren. Trotzdem ist die episcopalis audientia für die europäische Rechtsgeschichte von fundamentaler Bedeutung. In den Novellae Justinians findet sich das privilegium fori, dem zufolge in Zivilsachen für Kleriker grundsätzlich das bischöfliche Gericht zuständig war. Dem privilegium fori sollte auch im mittelalterlichen Strafrecht grundlegender Stellenwert zukommen. Erinnert sei in

34

Siehe dazu W. Selb, Episcopalis audientia von der Zeit Konstantins bis zur Novelle XXXV Valentinians III., in: ZRG RA 84 (1967), 162-217. Siehe dazu unten 10.6.6.

35

32 diesem Zusammenhang an den Streit des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Becket, mit König Heinrich II. von England (12. Jh.)

10.6.5 Konstantin und das Konzil von Nizäa36 10.6.5.1 Einführung Von großer Bedeutung ist das Eingreifen des Kaisers in kirchliche Angelegenheiten. Zu dieser Zeit versuchte Konstantin auch, Ordnung in die afrikanische Kirche zu bringen. Dort war eine Spaltung entstanden, weil der karthagische Bischof Cäcilian beschuldigt wurde, in der Verfolgungszeit kirchliche Bücher an die staatlichen Behörden ausgeliefert zu haben. Der nach dem ,,Gegenbischof" Donatus benannte Bewegung der Donatisten gelang es, sich regional weithin durchzusetzen. Erst hundert Jahre später verschwanden die Donatisten von der Bildfläche. Die Frage nach dem rechtmäßigen Bischof wurde schließlich prozessual insofern virulent, als man nun staatlicherseits vor der Entscheidung stand, welcher kirchlichen Partei die in der Verfolgungszeit konfiszierten Güter restituiert werden sollten. Konstantin berief zunächst ein Gremium nach Rom ein, das aus vier Bischöfen bestehen sollte und im Jahr 313 tagte37. Der mit der äußeren Leitung beauftragte römische Bischof (Papst) Miltiades (311-314) rief aber wesentlich mehr Bischöfe nach Rom. Schon dieses Ereignis zeigt, dass man sich auf kirchlicher Seite nicht immer an das halten wollte, was Konstantin vorgesehen hatte. Letztlich handelt es sich bei der römischen Versammlung von 313 um ein Ereignis, das je nach staatlicher oder kirchlicher Sichtweise differenziert zu betrachten ist. Kirchlich gesehen handelt es sich um eine Synode (Versammlung mit zumindest teilweiser bischöflicher Beteiligung), staatsrechtlich betrachtet bildeten ­ zumindest die vier von Konstantin vorgesehenen ­ Bischöfe ein consilium, das den Kaiser beratschlagte. Obgleich abwesend war der Kaiser formell der Vorsitzende des Gerichts, genau genommen sogar der einzige iudex. Die in Rom gefällte und gegen die Donatisten gerichtete Entscheidung erweckte den Widerstand der Donatisten, die nun beim Kaiser als iudex aus verfahrensrechtlichen Gründen Protest einlegten. Der Kaiser gab dem Protest statt und berief für das Jahr 314 eine Bischofsversammlung nach Arles ein, auf die hier nicht mehr näher einzugehen ist. Der wohl bedeutsamste kirchenpolitische Auftritt Konstantins erfolgte im Zusammenhang mit dem so genannten ,,Ersten Konzil von Nizäa" (325). Konzilien (bzw. Synoden) sind Kirchenversammlungen mit bischöflicher Beteiligung. Beim Konzil von Nizäa handelte es sich darüber hinaus um das erste ökumenische Konzil38. Dieser Begriff war damals vermutlich noch nicht gebräuchlich, doch hob sich das

Siehe H. C. Brennecke, Bischofsversammlung und Reichssynode ­ Das Synodalwesen im Umbruch der konstantinischen Zeit, in: F. v. Lilienfeld & A. M. Ritter (Hrsg.), Einheit der Kirche in vorkonstantinischer Zeit (Vorträge, gehalten bei der Patristischen Arbeitsgemeinschaft, 2.-4. Januar 1985 in Bern; Oikonomia 25), erlangen 1989, 35-53 und 140-147; K. M. Girardet, Der Vorsitzende des Konzils von Nicaea (325) ­ Kaiser Konstantin der Große, in: K. Dietz, D. Hennig & H. Kaletsch (Hrsg.), Klassisches Altertum, Spätantike und frühes Christentum (Adolf Lippold zum 65. Geburtstag gewidmet), Würzburg 1993, 331-360; H. C. Brennecke, Nicäa I. Ökumenische Synode von 325, in: TRE 24, Berlin 1994, 429-441. 37 Siehe dazu etwa K. M. Girardet, Das Reichskonzil von Rom (313) ­ Urteil, Einspruch, Folgen, in: Historia 41 (1992), 104-116. 38 Der Begriff ,,Ökumene" bezeichnete den damals bekannten Erdkreis, häufig erfolgte allerdings eine Gleichsetzung mit dem Imperium Romanum. Tatsächlich haben am Konzil auch Bischöfe von außerhalb des Reiches teilgenommen! Der Begriff ,,Ökumenisches Konzil" bezeichnet heute ,,eine unter bestimmten rechtlichen Bedingungen erfolgende Vollversammlung des Bischofskollegiums [...], bei der das Kollegium mit seinem primatialen

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33 Konzil von Nizäa schon im Vorfeld seiner Einberufung in ihrer herausragenden Bedeutung von anderen Synoden ab. Diese Besonderheit kommt dadurch zum Ausdruck, dass sich nun so etwas wie eine ,,Rangfolge" von Synoden bemerkbar machte, und dies gegen die kirchliche Tradition, die alle Synodalbeschlüsse ohne Unterschied als vom Heiligen Geist eingegeben sah. So kam es etwa zu einer vorläufigen und widerruflichen Bannung des Arius (zu ihm gleich unten!) und seiner Anhänger auf einer antiochenischen Synode (324/325). Definitive Maßnahmen wurden einer künftigen Bischofsversammlung vorbehalten ­ und damit war keine andere gemeint als jene, die schließlich im Jahr 325 in Nizäa stattfand. Unmittelbarer Anlass dieses Konzils waren die vom alexandrinischen Presbyter Arius39 vertretenen Lehren und die Glaubensstreitigkeiten, die diese nach sich zogen. Darüber hinaus ist auch die Frage der einheitlichen Begehung des Ostertermins in ihrer damaligen Bedeutung nicht zu unterschätzen. Darüber hinaus traf das Konzil Entscheidungen, die die kirchliche Organisation betrafen. Entgegen den Behauptungen Dan Browns gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass sich das Konzil mit dem Schriftenkanon befasst hat. Bereits ein Jahr nach Erringung der Alleinherrschaft im römischen Reich nutzte Konstantin somit die Gelegenheit, um im Rahmen einer großen Kirchenversammlung das Christentum zu konsolidieren. Zu beachten ist freilich, dass das Konzil von Nizäa etwa von der Katholischen Kirche als ökumenisch betrachtet wird, aber in keiner Weise den vom geltenden katholischen Kirchenrecht an eine derartige Versammlung angelegten Maßstäben entspricht. So hat der Kaiser das Konzil einberufen ­ nicht der Papst. Dem Kaiser oblag auch der formelle Vorsitz der Versammlung ­ und dafür findet sich keine Spur einer päpstlichen Ermächtigung. Auf dem nizänischen Konzil war der römische Bischof lediglich durch Gesandte in Presbyterrang vertreten.

10.6.5.2 Die Lehren des Arius Es fällt schwer, den Inhalt der Lehren des Arius genau zu bestimmen, da diese hauptsächlich aus den Schriften seiner Gegner bekannt sind. Jedenfalls hat er die Wesensgleichheit von Gott-Vater und Gott-Sohn in Frage gestellt. Dass er die Gottheit Christi in Frage stellte, wird zwar von Gegnern überliefert, kann aber in dieser Form nicht aufrecht erhalten werden. Das Konzil verurteilte Arius und seine Lehren und bejahte ausdrücklich die Wesenseinheit von Gott-Vater und Gott-Sohn. Keinesfalls handelt es sich um den ersten Glaubenskonflikt, der innerhalb der Kirche um die Individualität Christi ausgetragen wurde. Daher ist die bei Dan Brown

Haupt [= dem Papst] die höchste und volle Gewalt über die ganze Kirche in feierlicher Weise ausübt, indem es über Angelegenheiten des Glaubens und der Disziplin der Universalkirche berät und beschließt" (K. Hartelt, Das Ökumenische Konzil, in: J. Listl & H. Schmitz [Hrsg.], Handbuch des katholischen Kirchenrechts, Regensburg 21999, 347-353 (347). Ebda., 348: Die ,,vom geltenden Kirchenrecht geforderten Kriterien" treffen ,,auf keines der Ökumenischen Konzile des 1. Jahrtausends" in adäquater Weise zu.

39

Der ,,Presbyter" der frühen Kirche entspricht in vielerlei Hinsicht dem ,,Priester" von heute.

34 getätigte Darstellung, als sei erst im 4. Jh. die Idee entstanden, Jesus zum Gott zu erklären, als völlig verfehlt zu betrachten. So sei zunächst auf Gruppierungen früherer Jahrhunderte verwiesen, die sich in diesem Meinungsstreit während des 3. Jh. bemerkbar machten. Dazu der namhafte Althistoriker Jochen Bleicken: ,,Zum Verständnis des Ganzen ist davon auszugehen, daß viele Menschen zunächst einmal von der ganz unreflektierten Vorstellung der Einheit von Christus mit Gott ausgegangen waren, insofern Christus als Mensch von Gott adoptiert und dadurch Gott geworden (Adoptianer) oder Christus einfach eine besondere Erscheinungsform (modus, daher Modalisten) Gottes sei und also Gott in verschiedener Weise (Vater, Christus, Heiliger Geist) wirke. Diese Anschauung ging von der Einheit des christlichen Gottes aus, weshalb deren Anhänger Monarchianer genannt wurden [...]"40 . Darüber hinaus ist beispielsweise die Trinitätstheologie Tertullians (gest. um 220) zu nennen, wo von einer Substanz und drei (göttlichen) Personen gesprochen wird. In Kenntnis der Diskussionen des 3. Jh. wird niemand ernsthaft zu dem Schluss kommen, dass die göttliche Natur Christi eine Erfindung der konstantinischen Zeit sei. Konstantin selbst dürfte es kaum um Glaubensinhalte gegangen sein. Ihm war vermutlich völlig gleichgültig, ob Arius oder seine Gegner auf dem Konzil den Sieg davontragen sollten. Für ihn war ,,lediglich" wichtig, dass die Christenheit nicht gespalten war. Wie vielleicht die meisten anderen Konzilsteilnehmer auch, war er durch die dogmatischen Feinheiten des arianischen Streites völlig ,,unbelastet". Dies zeigt sich auch daran, dass Konstantin gegen Ende seiner Regierung sichtbar mit jenen Bischöfen sympathisierte, die sich in Nizäa für Arius stark gemacht hatten. Hier ist vor allem Bischof Eusebius von Nikomedien zu nennen, der nicht mit dem Kirchenhistoriker, Bischof Eusebius von Cäsarea, verwechselt werden darf. Eusebius von Nikomedien wurde zum bedeutendsten Ratgeber des Kaisers in kirchlichen Belangen41. Andererseits wurden noch unter Konstantin bedeutende Anhänger des nizänischen Glaubensbekenntnisses diskreditiert. Eine auf kaiserliche Anordnung hin einberufene Synode, die 335 in Tyrus tagte offensichtlich noch stärker besucht war als das Konzil von Nizäa, sprach die Wiederaufnahme des Arius in die Kirchengemeinschaft aus.

10.6.5.3 Einige ergänzende Bemerkungen zum Konzil von Nizäa Von großer Bedeutung ist vor allem Kanon 6, der ausdrücklich auf Zuständigkeitsbereiche der damals bedeutendsten Kirchen ­ der römischen, der alexandrinischen und der antiochenischen ­ einging. Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, dass man damals nach Möglichkeit versuchte, kirchliche Regionalzuständigkeiten der geographischen staatlich-politischen Einteilung des römischen Reichs anzupassen. Ferner wurde auf dem Konzil ausgesprochen, dass bei der Festsetzung der künftigen Ostertermine die römische und die alexandrinische Kirche eine herausragende Rolle spielen sollten. Zweifelsohne stellte die damals anzutreffende Begehung des Osterfestes zu verschiedenen Daten ein Ärgernis für den Kaiser dar. In diesem Sinn hat H.-C. Brennecke

40 41

Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte I, 194. H. C. Brennecke, Eusebios von Nikomedien, in LThK III, Freiburg. i. Br. 31995, 1011.

35 gemeint: ,,Vielmehr als in theologischen Differenzen, die für ihn im Grund kein wirkliches Problem darstellten, sah Konstantin in den Differenzen in der Osterberechnung die Einheit der Kirche gefährdet"42. Lange Zeit hindurch dürfte das Osterfest das einzige allgemein begangene christliche Fest überhaupt gewesen sein. Jedenfalls ist das Weihnachtsfest für die Zeit Konstantins noch nicht belegt. Dies mag die Bedeutung dieser Frage ins rechte Licht zu rücken. Für den auf Reichsintegrität bedachten Konstantin musste die Frage der einheitlichen Begehung des Ostertermins daher von größter Wichtigkeit sein.

10.6.6 Wann wurde das Christentum Staatsreligion im römischen Reich? Dan Brown unterliegt jedenfalls einem groben Irrtum, wenn er meint, das Christentum sei unter Konstantin Staatsreligion geworden. Vor Beantwortung der Frage, wann das Christentum überhaupt Staatsreligion geworden sei, muss dieser Begriff näher definiert werden: Es handelt sich nach heute gängiger Typologie um die in einem Staatswesen bevorzugte Religion bzw. um ein bevorzugtes Bekenntnis, dessen Dominanz sich typischerweise darin äußert, dass höchste Staatsämter nur von Angehörigen der entsprechenden religiösen Richtung bekleidet werden können (heute: England [hier ist die Monarchin sogar geistliches Oberhaupt der anglikanischen Kirche], Norwegen, Dänemark). In der Regel werden kirchliche bzw. religionsgemeinschaftliche Gesetze von staatlicher Mitwirkung abhängig gemacht43. Diese Unterscheidungskriterien sind aber auf das spätantike römische Reich nur beschränkt anwendbar: Die kaiserliche Gesetzgebung machte keineswegs beim Christentum halt, wenn es um die Erlassung innerreligionsgemeinschaftlichen Rechts ging. Darüber hinaus war zwar Julian Apostata (361363) der letzte ,,heidnische" römische Kaiser, aber die Frage, seit wann Christentum und Kaisertum miteinander notwendigerweise in Verbindung stehen mussten, lässt sich nicht leicht beantworten. Für die Geburt des Christentums als Staatsreligion im römischen Reich wird im Allgemeinen das Jahr 380 als Eckdatum angegeben. Im Edikt Cunctos Populos44 des Kaisers Theodosius' des Großen wurde das Christentum in der Form, in der die Römer es einst vom Heiligen Petrus empfangen hatten und zu der sich die Bischöfe Damasus von Rom und Petrus von Alexandrien bekannten, insofern als maßgeblich betrachtet, als sich alle Christen an diese Glaubensrichtung zu halten hatten. Damit wurde erneut allen ,,arianischen" Strömungen eine Absage erteilt. Entgegen einer etwas oberflächlichen ­ aber leider gängigen ­ Auslegung wurde das Christentum nicht für alle Untertanen des Reiches zur vorgeschriebenen Religion. Juden und Anhänger paganer Kulte waren vom Edikt nicht betroffen. Die allgemein gängige Auslegung, zufolge derer das nizänische Christentum für das ganze Reichsvolk als verbindlich vorgeschrieben wurde, hat zwar vorderhand die Wendung cunctos populos für sich, andererseits werden diejenigen, die sich nicht an das Edikt halten, als haeretici bezeichnet, und damit können unmöglich Heiden oder Juden gemeint sein45. Im Übrigen hatte Theodosius

42 43

Brennecke, Nicäa I, 434. Zu Begriff der Staatsreligion bzw. des Staatskirchentums in seiner heutigen Bedeutung siehe H. Kalb, R. Potz & B. Schinkele, Religionsrecht, Wien 2003, 12 und 16. 44 Siehe dazu P. Barceló & G. Gottlieb, Das Glaubensedikt des Kaisers Theodosius vom 27. Februar 380: Adressaten und Zielsetzung, in: K. Dietz, D. Hennig & H. Kaletsch (Hrsg.), Klassisches Altertum, Spätantike und frühes Christentum, Würzburg 1993, 409-423. 45 Vgl. Barcelo & Gottlieb, Glaubensedikt, 418: ,,Theodosius wollte seine christlichen Untertanen durch die autoritative Festlegung eines mehrheitsfähigen Glaubensbekenntnisses zur Einheit verpflichten." Ebda., 420:

36 die Bevölkerung der Stadt Konstantinopel und nicht das Reichsvolk vor Augen. Trotzdem kann das Edikt insofern als wesentlicher Markstein auf dem Weg des Christentums zur Staatsreligion gelten, als hier besonders deutlich zum Ausdruck kommt, welch bedeutender Stellenwert dieser Religion in den Augen des Kaisertums zukam. Dem Edikt Cunctos populos fehlt jegliche Bezugnahme auf heidnische Kulte, und für die damalige Zeit lässt sich ,,eine gelassene Haltung des Kaisers" gegenüber heidnischen Kulten feststellen46. So wurde im Jahr 379 die Erlaubtheit der nach heidnischen Riten abgehaltenen olympischen Spiele in Antiochien bestätigt, ein eben erst geschlossenes heidnisches Heiligtum in Edessa wurde im Jahr 382 wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Übrigen walteten unter Theodosius Präfekten und Konsuln ihres Amtes, die eindeutig dem Heidentum zuzuordnen waren. Ein kurz nachher eskalierter Konflikt verdient es möglicherweise eher als das Edikt Cunctos populos, im Sinne der Genese des Christentums zur Staatsreligion namhaft gemacht zu werden: Es handelt sich um den ,,Streit um den Victoriaaltar" (384). Protagonist auf ,,heidnischer" Seite war der Stadtpräfekt Symmachus, der die Statue der Siegesgöttin im Senat aufstellen ließ. Dabei ging es im vordringlich nicht um die Fixierung von Glaubensinhalten, sondern eher um die Sicherung der Kontinuität dieses paganen Kultes. Die Statue musste schließlich entfernt werden. Bereits im Jahr 391 wurden heidnische Opferhandlungen und Tempelbesuche untersagt, und spätestens seit diesem Zeitpunkt kann das Christentum als Staatsreligion betrachtet werden.

10.7 Die ,,Rezeption" Konstantins durch die Nachwelt Dan Brown bzw. die Autoren des von ihm so verehrten Buchs ,,The Holy Grail ..." waren keineswegs die ersten, die Konstantin in Zusammenhänge rückten, die eher fehl am Platze sind. Allen Mythen voran ist die so genannte ,,Konstantinische Schenkung" (Donatio Constantini) zu erwähnen. Diese Fälschung ist vermutlich in der zweiten Hälfte des 8. Jh. entstanden. In dieser wird dem Papst nicht nur der Vorrang über alle anderen Kirchen garantiert, sondern auch die weltliche Herrschaft über den Westen des Römischen Reiches bzw. des Erdkreises zugestanden. Während Anspruch des geistlichen Vorrangs über die anderen Kirchen an sich nichts Neues darstellte, so kam der Zuschreibung weltlicher Jurisdiktion über den Westen große praktische Bedeutung zu: Unter den Päpsten, die sich an der Donatio Constantini orientierten, ist Alexander VI. zu nennen, der im Vertrag von Tordesillas (1494) eine Art Schiedsspruch zwischen den spanischen Reichen einerseits und Portugal anderseits fällte: Deren überseeischer Besitz wurde in einer Weise aufgeteilt, der noch heute Relevanz zukommt (siehe die Grenze zwischen portugiesischem und spanischem Sprachraum in Südamerika). Diese Orientierung an der Donatio Constantini ist umso bemerkenswerter, als schon Mitte des 15. Jh. der Fälschungscharakter der ,,Konstantinischen Schenkung" durch Nikolaus von Kues und Lorenzo Valla (hier vor allem sprachliche Kriterien) nachgewiesen worden war.

,,Der Text der Verordnung bietet keine Anhaltspunkte dafür, daß heidnische Kulte eingeschränkt, behindert oder gar verboten worden wären. Theodosius wollte keinen Generalangriff gegen das Heidentum einläuten, sondern das nötige juristische Instrumentarium schaffen für die Verwirklichung seines primären Zieles: die Durchsetzung der Rechtgläubigkeit innerhalb der christlichen Kirche."

46

Siehe Barcelo & Gottlieb, Glaubensedikt, 420 ff.

37 Von großem Interesse ist auch die im Hochmittelalter geäußerte Kritik an Konstantin. Insbesondere religiöse Sondergruppierungen, die von Seiten der Amtskirche in das Abseits der Exkommunikation befördert worden waren, sahen in Konstantin den Verderber der christlichen Kirche. In diesem Zusammenhang sind etwa die so genannten ,,Pseudo-Apostel" (,,Apostoliker") zu nennen: Bei ihnen handelte es sich um eine Bußbrüderschaft, die seit den 1260er Jahren in Norditalien auftrat. Ihr wichtigster Führer war Fra Dolcino, der in der Gegend des Gardasees großen Anhang gewann. Mit zahlreichen anderen Apostolikern wurde er im Jahr 1307 verbrannt. Im Mittelpunkt ihrer Lehren standen der Glaube an das unmittelbar bevorstehende Ende und der Appell zur Rückkehr zu einer ohne Reichtümer wirkenden Urkirche. Durch Vermögenszuwendungen habe er die Kirche ihrem ursprünglichen Auftrag entfremdet. Doch auch der italienische Dichter Dante Alighieri (gest. 1321), der keiner religiösen Sondergruppierung angehörte, kritisierte das konstantinische Regiment. Dabei nahm er ausdrücklich auf die Donatio Constantini Bezug, die er offensichtlich für echt hielt.

10.8 Ein unerwartetes Resümee? Dan Browns Tendenz, fundamentale kirchliche Entwicklungen auf eine einzige Person ­ nämlich Konstantin ­ zurückzuführen, ist nicht nur völlig unhaltbar, sondern wirft auch die Frage auf, ob es nicht doch ein wenig riskant ist, komplexe Sachverhalte in derart simplifizierter Form darzustellen. Eine Welt, in der historische Entwicklungen völlig monokausal ­ in diesem, wie in vielen anderen Fällen auch monopersonal ­ dargestellt werden, gerät möglicherweise in Gefahr, in Einzelpersonen überdimensionale Autoritäten zu sehen. Die insbesondere im 20. Jh. gemachten politischen Erfahrungen lassen die Vorgangsweise des Autors als besonders kritikwürdig erscheinen. Doch damit nicht genug der Probleme: Wer die Ausbildung des biblischen Kanons, aber auch die Anerkennung der Gottheit Jesu auf eine (bzw. ein und dieselbe) Person zurückführt, verkennt den Pluralismus des großkirchlichen Gefüges in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Möglicherweise arbeitet Dan Brown damit jenen in die Hände, die eine intensive zentrale Lenkung ihrer Kirche befürworten, und damit einen Führungsstil propagieren, den es in dieser Form nicht gegeben hat.

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11. Die Merowinger und was sie nicht sind ­ Anmerkungen zu Mythen um eine totale Familie und ihr Geblütsrecht (Gastvortrag von Dr. Helmut Reimitz, Österreichische Akademie der Wissenschaften47)

11.1 Die Frage der Wahrheit in der Geschichte und die Wahrheitslogik im ,,Da Vinci Code" bzw. den ,,Erben des Heiligen Gral" Geschichte ist eine Form der menschlichen Wahrnehmung und Erkenntnis unter anderen, eines der ,,Wahrheitsprogramme" unserer Gesellschaft (Paul Veyne48), in denen nach unterschiedlichen Kriterien die Grenzziehung zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch, zwischen historisch und unhistorisch, gezogen werden kann. Dabei wird der Gegenstand der Geschichte, was wie zu Geschichte wird, in vielen und vielfältigen gesellschaftlichen Zusammenhängen verhandelt. Geht man von einer solchen Auffassung von Geschichte aus, besteht sie nicht aus einer fest definierbaren Menge vergangener Daten und Fakten, sondern entsteht aus den Fragen, die eine Gemeinschaft oder ein Individuum an ihre oder seine Vergangenheit richten (Paul Veyne49). Danach sollte man also Geschichte vor allem als einen vielgestaltigen Dialog mit der Vergangenheit verstehen, und eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe der Historiker besteht eben darin, diesen Dialog in breiteren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu begleiten, Instrumente dafür zu entwickeln und bereitzustellen, aber auch die Spielräume dafür zu definieren. Auszugehen ist dabei jedenfalls von der Vielfalt der Geschichte ­ von der Vielfalt der Interessen an ihr, sowie von vielfältigen Möglichkeiten ihrer Interpretation. Wie in anderen historischen Zusammenhängen ist auch im Fall der merowingischen Geschichte ihre Vielfalt aber nicht nur durch die nachmerowingischen Aneignungen ihrer Geschichte bis zur Gegenwart ­ bis zu Dan Browns Da Vinci Code ­ begründet. Sie ist, wie ich versuchen werde zu illustrieren, schon in der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der zeitgenössischen Betrachtungen der eigenen Geschichte zur Merowingerzeit angelegt. Genau in diesem Zusammenhang liegt das grundsätzliche Problem des Romans von Dan Brown. Dabei geht es zunächst weniger darum, was Dan Brown über die merowingische Geschichte erzählt, sondern welches Bild er von historischer Wahrheit dabei vermittelt und verbreitet. Zum ersten wird davon ausgegangen, dass es irgendwo da draußen eine Wahrheit gibt, die zweitens, wenn man sich nur bemüht oder jeweils die richtigen Experten zur Hand hat, erfasst werden kann, und die drittens vor allem dadurch als wahr erkannt werden kann, weil sie in irgendeiner Form unterdrückt wird. Vor allem das Erkennen der Wahrheit durch ihre Unterdrückung charakterisiert jene Wahrheitslogik, auf die vor allem Verschwörungstheorien aufbauen, das ­ in einem etwas heitereren Zusammenhang ausführlich von Stefan Schima anhand der Wahrheitslogik der rotäugigen Elefanten im Kirschbaum diskutiert wurde.

47

Zu den Verweisen auf drei Anhänge in den folgenden Fußnoten: Diese Anhänge werden möglicherweise noch in die LV-Unterlage integriert, bilden aber als solche keinen Bestandteil des Kolloquienstoffes.

48 49

Vgl. dazu P. Veyne, Glaubten die Griechen an ihre Mythen (Frankfurt a.M. 1987). P. Veyne, Geschichtsschreibung und was sie nicht ist (Frankfurt a.M. 1990); Ders., Die Originalität des Unbekannten. Für eine andere Geschichtsschreibung (Frankfurt am Main 1988).

39

11.2 Dagobert II. und der Beweis seiner Nachkommenschaft in der ,,Wahrheitslogik der rotäugigen Elefanten im Kirschbaum" Das Problem, das der Historiker mit dieser Form der Wahrheitslogik hat, ist allerdings nicht nur ein grundsätzliches, sondern auch ein inhaltliches, da mit solchen Strategien immer auch die Unterdrückung historischer Vielfalt einhergeht. Um eine bestimmte historische Wahrheit zu beweisen, werden sowohl bei Dan Brown wie bei den Autoren des Buches ,,Der Heilige Gral und seine Erben" bewusst die Spielräume für den Dialog mit merowingischer Geschichte eingeengt. Entscheidende Elemente der Argumentation, die in Dan Brown nur kurz gestreift, aber ausführlich in: Der Heilige Gral und seine Erben diskutiert werden50: - die merowingischen Könige stammen von Jesus und Maria Magdalena ab; - die Merowinger wurden durch ein Bündnis der Kirche mit den Karolingern 751 entmachtet und weggesperrt. Eine der wichtigsten Grundlagen für die Entfaltung karolingischer Herrschaft und Entmachtung der Merowinger war die Ermordung Dagoberts II. durch den Karolinger Pippin im Jahr 679; - gegen die Versuche der Auslöschung des Geschlechts und der Erinnerung an sie konnten sich die Merowinger im Geheimen erfolgreich fortpflanzen. Wie bei vielen anderen Elementen des Romans von Dan Brown beruht diese Sicht auf die Geschichte der Merowinger auf einem Buch, auf das im Da Vinci Code auch ausdrücklich verwiesen wird: auf das Werk von Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh über die Erben des heiligen Gral. Verfolgt man die dort etwas längere Argumentation so kann deutlich werden, wie viel für die Begründung dieser besonderen Geschichte an anderer Geschichte ausgeblendet wurde und werden musste. Das zeigt sich schon im Vergleich der merowingischen Genealogie im Buch von Lincoln, Baigent und Leigh mit der von Eugen Ewig, dem erst dieses Jahr verstorbenen Doyen der Merowingerforschung51. Verwirrend mögen sie beide wirken. Doch können die beiden Genealogien schon optisch vermitteln, dass sich Ewig bemühte, so breit wie möglich die verschiedenen Zweige der merowingischen Genealogie zu erfassen, während Lincoln, Baigent und Leigh bei der Auswahl der merowingischen Familien-Mitglieder deutlich selektiver vorgingen. Während hier einige Namen weggelassen wurden, ist aber doch der Platz für zusätzliche Informationen zu westgotischen und römischen Vorfahren genutzt worden, die letztlich ebenso selektive Bestandteile des Geschichtsbildes sind und nur dazu aufgenommen wurden, um die Argumentation der Autoren zu unterstützen soll. Bei der zunächst nur etwas eingeschränkten merowingischen Genealogie wird durch Fettdruck allerdings ein ganz bestimmter Weg durch die Geschichte der merowingischen Könige gezeichnet, der wohl die wichtigsten Stationen der merowingischen Genealogie vermitteln soll. Am Ende dieser Genealogie sind die Unterschiede mit der von Eugen Ewig am deutlichsten. Vor allem hier wird im Vergleich klar, dass es hier nicht um eine Darstellung der

50

H. Lincoln, M. Baigent & R. Leigh, Der heilige Gral und seine Erben. Ursprung und Gegenwart eines geheimen Ordens. Sein Wissen und seine Macht (Bergisch Gladbach 16. Aufl. 2006) 193ff. (Kap. 9: Die Könige mit den langen Haaren). 51 Siehe dazu Anhang 1: Genealogien; die beiden Genealogien stammen aus: E. Ewig, Die Merowinger und das Frankenreich (Stuttgart, 4. erg. Aufl. 2001) 245-248; Die Genealogie von Lincoln, Baigent &Leigh, Gral, 401 f., die Tafel mit dem Titel ,,Die Dynastie der Merowinger: (Die Könige)".

40 Verwandtschaftsverhältnisse der merowingischen Könige gehen soll, sondern um eine Illustration der im Buch gebrachten Argumente. Ebenso wie die Diskussion davor52 läuft die Genealogie auf Dagobert II. und seinen Sohn Sigibert IV. zu, während die Geschichte der merowingischen Könige von 675 bis 751 weitgehend ausgeblendet bleibt. Das liegt vor allem daran, dass von den drei Autoren die genealogische Linie Dagoberts II. zur Hauptlinie in der merowingischen Genealogie erklärt wird. Als letzter Merowingerkönig, der versucht habe, sich gegen die Großen seines Reiches durchzusetzen, wäre er von Pippin dem Mittleren ermordet worden53. Diese Geschichte übernimmt auch Dan Brown und als echter Schriftsteller dramatisiert er sie noch ein wenig (im Da Vinci Code ermordet Pippin den König, indem er ihm die Lanze durch das Auge rammt). Die Ermordung Dagoberts im Jahr 679 durch einen fränkischen Großen ist jedenfalls aus frühmittelalterlichen Quellen belegt54. Nirgends aber findet sich dazu eine Behauptung, dass Pippin der Mörder oder Auftraggeber war. Dabei ist es nicht ausgeschlossen, dass die Familie Pippins an dem Attentat beteiligt war. Als einer der einflussreichsten Adelsclans im Frankenreich befanden sie sich in ständigen politischen Auseinandersetzungen mit anderen Interessensgruppen. An der Ausschaltung Dagoberts waren allerdings eine Reihe dieser Gruppen interessiert und die Familie Pippins war nur eine Gruppe davon, die keineswegs das größte Interesse an der Beseitigung des aktiven Königs hatte55. Auch in diesem Zusammenhang kann das Beispiel zeigen, dass die Grundlage solcher Darstellungen die Reduktion ist. Zunächst scheint es zwar so, als würde mehr Information geboten. Dagobert ist von dem mit der Kirche im Bund stehenden Pippin, dem Vorfahr der später regierenden Karolinger ermordet worden. Ausgeblendet werden dabei die komplexen historischen Zusammenhänge der politischen Konflikte im Merowingerreich zwischen verschiedenen aristokratischen Netzwerken, die in der Darstellung auf einen Konflikt Dagoberts mit den erst viel später regierenden Karolingern und der Kirche reduziert werden. Diese ,,neuen" Informationen zu Pippin und Dagobert sind, so behaupten die Autoren, deshalb auch nicht so bekannt, da sie lange unterdrückt wurden. Bis ins siebzehnte Jahrhundert waren die Quellen über Dagobert nicht allgemein zugänglich und erst ab diesem Zeitpunkt wäre nach und nach mehr über den unterdrückten König zu erfahren gewesen. Tatsächlich war der Spielraum, etwas über Dagobert II. zu erfahren, auch vor dem 17. Jh. deutlich größer, als er hier vermittelt wird. Schon im frühen Mittelalter konnte man in Texten über Dagoberts Herrschaft lesen ­ vermutlich in der zweiten Hälfte des 9., sicher aber noch vor dem Beginn des 12. Jh. wurde sogar eine Vita, eine Lebensbeschreibung Dagoberts verfasst56. Während also Dagobert gar nicht so schlecht auch in der mittelalterlichen Überlieferung bezeugt ist, gibt es von seinem in der Genealogie von Lincoln, Baigent und Leigh angeführten Sohn ­ Sigibert IV ­ tatsächlich keine Spur in den Quellen. Nach der Wahrheitslogik der Erben des heiligen Grals bzw. der der rotäugigen Elefanten im Kirschbaum wäre das ein Beweis nicht nur für seine Existenz, sondern auch seine große Bedeutung. Sicherlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass Dagobert vielleicht wirklich noch Nachkommen hatte, als

52 53

Lincoln, Baigent &Leigh, Gral, 204 ff. Pippin II. war von 687/88 als Hausmeier im Merowingerreich die bestimmende politische Persönlichkeit, nachdem er in der Schlacht von Tertry seine Konkurrenten besiegt hatte. Nach seinem Tod 714 setzte sich als sein Nachfolger Karl Martell durch, der Vater des ersten Karolingerkönigs Pippin III. 54 Die Geschichte ist ausführlich in einer Lebensbeschreibung Dagoberts erzählt, in der die historische Figur Dagoberts II. und Dagoberts III. vermischt werden, vgl. Vita Dagoberti III., ed. B. Krusch, MGH SS rerum Merovingicarum 2, Hannover 1888, 507-524 (519f.).

55 56

Kurze Diskussion Dagoberts in Ewig, Merowinger 170. Siehe die vorvorige Anm.

41 er starb. Allerdings gibt es keinen Hinweis, dass diese eine Rolle gespielt hätten, obwohl die Merowinger immerhin noch mehr als siebzig Jahre nach dem Tod Dagoberts als fränkische Könige regierten. Dabei scheint die Bemühung, eine unterdrückte Erinnerung an einen ,,ungeliebten König" zu konstruieren, angesichts der Überlieferungslage auch etwas absurd. Will man nicht eine bestimmte Geschichte enthüllen, sondern nimmt man die Vielfalt der historischen Überlieferung ernst, dann lassen sich eine Reihe von merowingischen Nachkommen auch nach dem Ende ihrer Regierungszeit zu finden ­ für viele, die es später sein wollten, gab es davon sogar zu viele statt zu wenige.

11.3 Die Merowinger als Mythomoteur So gab es im hohen Mittelalter, vor allem westlich des Rheins, eine Reihe von Familien, die ihre Abstammung nicht nur von den Karolingern, sondern auch von den Merowingern betonten. In recht zahlreich überlieferten genealogischen Texten wurde dabei versucht, über die hervorragende Abstammung von Merowingern und Karolingern, auch eine bestimmte Position in der Gegenwart zu begründen. Selbst für die Karolinger, die Mitte des 8. Jh. die Merowinger als Könige abgesetzt hatten, um selbst ihre Nachfolge anzutreten, sind genealogische Texte überliefert, in denen sie als biologische Nachfahren der Merowinger dargestellt sind, und am Ende des Mittelalters wollte auch noch der Habsburgerkaiser Maximilian I. ein Nachfahre der Merowinger sein. Mit viel Aufwand konstruierte einer seiner Genealogen, Jakob Mennel, eine Abstammung von den austrasischen Merowingerkönigen. In diesen teilweise auch miteinander konkurrierenden Bemühungen, sich als merowingische Nachkommen darzustellen, dürften die Merowinger in Mythen und Geschichten einer gemeinsamen Herkunft eine wichtige Rolle bekommen haben. Sie wurde Teil von Mythen und Herkunftsgeschichten, mit deren Hilfe verschiedene soziale Gruppen wie Herrscherfamilien, aber auch Völker, sich als Gemeinschaft vermitteln konnten (was A. D. Smith als ,,Mythomoteur" bezeichnet hat57). Dass die Merowinger diese Funktion entwickelten, liegt sicherlich auch daran, dass der Merowingerkönig Chlodwig I. (482-511) als der christliche König des Mittelalters galt, der sich zur römisch-orthodoxen Lehre bekannte. Dazu kam, dass die fränkische Reichsbildung unter den Merowingern seit Chlodwig bei all ihren Brüchen durchaus als politische Erfolgsgeschichte gelesen werden konnte. Nachdem es schon um 500 gelungen war, das fränkische Herrschaftsgebiet über den größten Teil des heutigen Frankreich auszudehnen, bauten seine Nachkommen die hegemoniale Stellung der Franken weiter aus. Schon unter den Söhnen Chlodwigs umfasste das Merowingerreich weite Teile Westeuropas von den Pyrenäen und Norditalien bis an die Nordsee und in den mittleren Donauraum. Allerdings hängt die Funktion, die die Merowinger dadurch erreichten, nicht allein mit einem späteren Blick auf ihre Zeit zusammen ­ mit den verschiedenen späteren Aneignungen ihrer Geschichte. Sie ist auch in der Zeit selbst begründet, die ihrer Nachwelt recht unterschiedliche Versionen ihrer eigenen Geschichte überlieferte. Die verschiedenen überlieferten Erzählungen boten auch mehr Ansatzpunkte zum Anschluss, was ihre Aneignung in verschiedenen Kontexten erleichterte. Zur Ausbildung solch verschiedener und teilweise sogar widersprüchlicher Vergangenheitsressourcen muss man sich die Besonderheit der Zeit vergegenwärtigen, in der sie entstanden. In den Jahrhunderten vom Ende des

57

A.D. Smith, The Ethnic Origins of Nations, London 1986, 25.

42 weströmischen Imperiums, am Ende des 5. Jh, bis zur Herrschaft der Karolinger erfuhr Europa eine tiefgreifende politische und soziale Umgestaltung58. Die Merowingerzeit war eine Phase der politischen Experimente ­ des raschen Wandels, in der politische Legitimation sich unter ständig wechselnden Bedingungen immer wieder neu bewähren musste59. Dementsprechend mussten auch die Strategien der Legitimation immer wieder angepasst werden und immer wieder neu formuliert werden. Das zeigt sich vor allem auch in den verschiedenen historiographischen Texten, die aus der Merowingerzeit erhalten sind. In ihnen lassen sich jeweils verschiedene Versuche beobachten, über eine gemeinsame Geschichte jeweils neue Formen des politischen und sozialen Zusammenlebens zu legitimieren. So sind uns drei größere historiographische Werke aus der Merowingerzeit erhalten und in jedem davon ist sogar die Erzählung der Herkunft der Franken und ihrer Könige jeweils unterschiedlich gestaltet (wobei allerdings in keiner eine Abstammung von Jesus und Maria Magdalena behauptet): Der älteste Geschichtstext aus der Merowingerzeit sind die Zehn Bücher Geschichten, die von Gregors von Tours am Ende des 6. Jh. verfasst wurden60. Darin die politische und soziale Integration der fränkischen Reiche von Beginn an in engem Zusammenhang mit den Traditionen und Strukturen des spätantiken und senatorischen Galliens dargestellt. Es ist die Integration in diese Strukturen und Traditionen, die in dieser Erzählung über die Annahme des katholischen Glaubens gelingt, die als Grundlage für den politischen Erfolg Chlodwigs und seiner Nachfolger beschrieben wird. Dementsprechend berichtet Gregor von der Etablierung fränkischer Könige nur auf ehemals römischen Boden in Gallien erst nach der Überschreitung des Rheins. Für die Zeit davor, so behauptet er, habe er nichts zu Königen der Franken finden können. De Francorum vero regibus quis fuerit primus a multis ignoratur (Wer aber von den fränkischen Königen der erste gewesen ist, ist vielen unbekannt). Mit diesem Satz beginnt Gregor eine langwierige Suche nach frühen fränkischen Königen. Danach bringt er lange Zitate aus berühmten spätantiken historici, wie Orosius, Sulpicius Alexander oder Renatus Profuturus Frigeridus, die schließlich zeigen können, dass es zwar darin viele Nachrichten über die Franken gibt, aber Könige dabei nicht erwähnt werden. Dieser Behauptung in den Historiae Gregors wurde schon etwa siebzig Jahre nach der Fertigstellung des Textes in einer Chroniksammlung widersprochen: in der um 660 entstandenen Fredegar-Chronik61, in der erstmals die Abstammung der Franken von den trojanischen Helden überliefert ist. Für die Erzählung der fränkischen Geschichte bis zum Ende des 6. Jh. besteht die Chronik größtenteils aus Exzerpten aus den Historiae Gregors von Tours. Wie subtil dabei aber die Vorlage Gregors umgearbeitet wurde zeigt die Einarbeitung der fränkischen Herkunftssage in seinen Text. Wörtlich wird der Satz Gregors zitiert, mit dem dieser seine Diskussion über die ersten Könige begann: De Francorum vero regibus ­ aber nur um ihm mit großen literarischen und spirituellen Autoritäten zu widersprechen. De vero Francorum regibus beatus Hieronymus scripsit, quod prius Virgilii poetae narrat storia:

58

W. Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart 22005). Sehr kurzer Überblick: Anhang 2: Völkerwanderungszeit (H. Reimitz), aus: Lexikon für Theologie und Kirche, Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage (Freiburg 2000) 855 ff. 59 Siehe dazu Anhang 3: Merowingerzeit (I.N. Wood), aus: Reallexikon für Germanische Altertumskunde, Bd. 19, Berlin 2 2001, 587-593. 60 Gregor von Tours, Decem libri historiarum (ed. B. Krusch & W. Levison, MGH SS rer. Merov. 1, 1, Hannover 1951); Übers. von R. Buchner, Gregor von Tours. Zehn Bücher Geschichten, Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters, Bd. 2 u. 3, Darmstadt 82000 und 92000). 61 Fredegar, Chronicae cum continuationibus (ed. B. Krusch, MGH SS rer. Merov. 2, Hannover 1888, unv. Nachdruck 1956, 1­193); Übers. von A. Kusternig, Quellen zur Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters, Bd. 4a, Darmstadt 1982, 3­325.

43 Priamum primum habuisse regi (Über die ersten Frankenkönige schrieb schon Hieronymus, was davor die Geschichte des Dichters Vergil erzählte: Priamus war ihr erster König). Mit Hilfe von Vergil und Hieronymus konnte also in der Chronik gegen Gregors Behauptung gezeigt werden, dass man sehr wohl einen ersten König der Franken namhaft machen kann, eben den trojanischen Herrscher Priamus. Doch weniger um die Herkunft der fränkischen Könige, sondern vor allem um die prestigeträchtige Abstammung der Franken von den Trojanern ging es den Gestaltern der Chronik. Ebenfalls gegen Gregors Darstellung wollte man damit vor allem eine von Anfang an privilegierte Stellung der fränkischen Großen in den merowingischen Königreichen begründen. Massiv widersprochen wird Gregor auch in dem dritten merowingerzeitlichen Geschichtswerk: dem um 730 entstandenen Liber historiae Francorum62. Dabei wird der Text in einer Reihe von recht frühen Handschriften im Titel sogar als Text Gregors von Tours ausgegeben. Tatsächlich baut auch der Liber historiae Francorum in seiner Erzählung der fränkischen Geschichte bis gegen Ende des 6. Jh. auf den Berichten Gregors auf. Wie sehr dabei aber auch hier die Darstellung Gregors verändert wurde, zeigt schon der Satz am Beginn des Textes, der wohl deutlich machen sollte, dass keine Fragen zur Herkunft der Franken und ihrer Könige offen gelassen werden sollen: Principium regum Francorum eorumque origine vel gentium illarum ac gesta proferamus (Den Anfang, die Herkunft und die Taten der Frankenkönige und ihrer Völker will ich erzählen). Danach wird gleich zu Beginn des Textes die Herkunft der fränkischen Könige von den trojanischen Helden erzählt. In ihrer klar strukturierten Genealogie bis zu den merowingischen Königen sollte sie vor allem auch ein gesichertes Wissen darüber vermitteln. Das passt gut zu einem Text, dessen Autor auch eine klare Vorstellung davon hatte, wer die entscheidenden Franken seiner Gegenwart sein sollten. So werden im Liber historiae Francorum mit den Franci vor allem die Eliten des westlichen Reichszentrums an Seine und Oise bezeichnet, während im Unterschied zu diesen ,,eigentlichen Franken" die Bewohner des östlichen merowingischen Teilreichs zumeist Austrasii vel Franci superiores genannt werden. In all den drei Texten werden kürzere oder längere Genealogien der fränkischen Könige überliefert, die vor dem König Chlodio allerdings recht unterschiedliche genealogische Reihen überliefern. Gregor lässt die Genealogie beim Vater Chlodios Rikimer beginnen, während sie bei Fredegar mit Priamus, dem König der Trojaner anfängt und der Liber historiae Francorum die Wahl eines Königs ebenfalls in die mythische Vorzeit der fränkischen Geschichte in Gallien mit einem gewissen Faramund als ersten König verlegt. Mit diesen recht unterschiedlichen Blicken in die ferne und mythische Vergangenheit verbinden aber alle drei Texte auch verschiedene Konzepte für eine Ordnung der politischen Machtverhältnisse für die Gegenwart und Zukunft. Verhandelt wird dabei vor allem auch die Rolle des Königtums, das in den einzelnen Texten mit verschiedenen Legitimationskonzepten verbunden wird. Bei Gregor von Tours ist es vor allem ein christliches. Die Fredegar-Chronik dagegen hebt vor allem die soziale Balance mit den Franken hervor. Im Liber historiae Francorum ist die soziale Hierarchie ­ die Könige und ihre Franken ­ auch durch eine ethnische Abstufung legitimiert: richtige Franken, andere Franken und übrige Völker.

62

Liber historiae Francorum (ed. B. Krusch, MGH SS rer. Merov. 2, Hannover 1888); übers. von H. Haupt, Quellen zur Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts, Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters, Bd. 4a, Darmstadt 1982, 329­379.

44

11.4 Die Merowinger und was sie nicht sind ­ eine totale Familie und ihre Geblütsheiligkeit Auffallen kann dabei aber auch, was die Merowinger allerdings in keinem dieser Vorschläge sind. In keinem der Texte setzte man sich bei der Erstellung der Vorschläge mit einer sakralen Legitimation der merowingischen Könige auseinander ­ mit ihrer Geblütsheiligkeit, die die Historiker lange Zeit vor allem vor 1945 sehr beschäftigte und faszinierte63. Sie wird auch bei Dan Brown kurz gestreift, aber vor allem von Lincoln, Baigent und Leigh aufgegriffen. Mit einem knalligen Zitat wird ein historischer Experte bemüht ­ ,,Die Geschicke der Dynastie beruhten auf ihrem Blut und wurden von allen geteilt, in deren Adern dieses Blut floß"64. Für die ,,Erben des heiligen Gral" ist die Geblütsheiligkeit der Merowinger ein willkommenes Motiv. Das Geheimnis ihres Blutes ist in ihrer Darstellung natürlich in ihrer Abstammung von Jesus und Maria Magdalena begründet, was aber ­ der Wahrheitslogik der rotäugigen Elefanten im Kirschbaum folgend ­ unausgesprochenes bzw. geheimes Wissen der damaligen Gesellschaft war. Man muss allerdings zugeben, dass manche Vertreter der Theorie der merowingischen Geblütsheiligkeit oft einer nicht unähnlichen Wahrheitslogik folgten. Doch spielte die Abstammung von Jesus und Maria Magdalena dabei keine Rolle. Im Vordergrund stand dabei zumeist, dass die Merowinger mit ihrem Sakralkönigtum eine originär germanische Tradition dem christlichen Mittelalter überlieferten. Als Kronzeuge dafür wurde häufig gerade eine Passage gerade aus der Chronik verwendet, in der die Legitimation der merowingischen Könige keineswegs außer Frage gestellt wurde ­ die Fredegar-Chronik. Gleich zu Chlodio, über den sich als merowingischen Ahnherrn ja alle drei Versionen der fränkischen Herkunft einig sind, wird eine von mythischen Motiven durchsetzte Geschichte erzählt. Zur Zeit der Herrschaft Chlodio, berichtet die Chronik, haben die Franken die Römer in Norden Galliens besiegt und Cambrai und das Gebiet bis zur Somme erobert. Darauf erzählt die Chronik eine Geschichte zur Geburt seines Sohnes, Merowech. Es würde erzählt, dass ,,Chlodio sich einmal im Sommer mit seiner Gattin zum Baden an den Meeresstrand begeben habe; als seine Gemahlin mittags zum Baden ins Meer hinauswatete, habe sie eine bistea neptunis Quinotauris similis angefallen. Ob sie nun daraufhin von dem Untier oder von ihrem Mann empfing ­ sie gebar jedenfalls einen Sohn mit Namen Meroveus, nach dem später die Könige der Franken Merowinger genannt wurden"65. Diese Geschichte wurde in der Forschung viel diskutiert und vor allem in der älteren Geschichtsforschung auch als Beweis angesehen, dass man noch im siebenten Jahrhundert an eine göttliche Abstammung der merowingischen Könige glaubte. Allerdings kann diese Geschichte bei näherer Betrachtung nicht gerade eine sakrale Legitimierung des merowingischen Königtums belegen. Immerhin ist dadurch in Frage gestellt, wer eigentlich

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Zu einem Forschungsüberblick vgl. das Stichwort: Sakralkönigtum, im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 26 , Berlin 22004, 207ff. Lincoln, Baigent & Leigh, Gral, 201. Fertur, super litore maris aestatis tempore Chlodeo cum uxore resedens, meridiae uxor ad mare labandum vadens, bistea Neptuni Quinotauri similis eam adpetisset. Cumque in continuo aut a bistea aut a viro fuisset concepta, peperit filium nomen Meroveum, per quo regis Francorum post vocantur Merohinigii. (Fredegar, Chronicae III, 9, ed. Krusch, 95; übers. nach A. Kusternig, Quellen zur Geschichte des 7. und 8. Jahrhunderts, Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 4a, Darmstadt 21994, 91.

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45 der Vater Merowechs ­ des heros eponymos der Merowinger ­ war: Chlodio oder eine bistea Neptunis Quinotauris similis. Die ironische Dimension der Geschichte verstärkt sich noch, wenn man sie im Zusammenhang mit anderen Erzählungen aus der Merowingerzeit, nicht zuletzt der Chronik selbst, liest. Hier zeigt sich, dass man sich in dieser Stelle offensichtlich über ein heikles Thema lustig machte ­ über die Sicherheit oder Unsicherheit der biologischen Zugehörigkeit zur merowingischen Familie. In einer Reihe von Geschichten in den Texten aus der Merowingerzeit sind die Mitglieder der merowingischen Familie als sexuell recht aktiv beschrieben. Viele Könige hatten zumeist mehrere Frauen gleichzeitig oder/und neben ihren Frauen auch Konkubinen. Solche Verhältnisse führten zu einer Reihe von Skandalen, die keineswegs allein Vertreter der Kirche störte. Diese griffen die Könige weniger wegen ihrer polygamen Beziehungen an, sondern prangerten vor allem die damit häufige Verletzung von Inzestgeboten an. Von einer Reihe von Affären schienen die fränkischen Untertanten der Könige weit mehr betroffen zu sein. Zu den Geschichten über den ersten König der Merowinger, über den die Quellen etwas mehr berichten, den Enkel Chlodios Childerich I., gehört auch eine über sein Sexualverhalten. Weil er in hemmungsloser Weise Unzucht mit den Töchtern der Franken trieb, wurde Childerich von seinen Leuten abgesetzt und eine Zeitlang ins Exil geschickt. Allerdings sind in den überlieferten Skandalen Königinnen und Frauen nicht nur als Objekte erwähnt, sondern auch über Verhältnisse der merowingischen Königinnen gibt es Hinweise. Ein gutes Beispiel dafür sind die Skandale um Fredegunde, die Frau Chilperichs I. (Kg. 561-584), in die auch der von mir erwähnte Geschichtsschreiber Gregor von Tours verwickelt war. Er bekam in den Achtziger Jahren des 6. Jh. Schwierigkeiten, weil ihm vorgeworfen wurde, verbreitet zu haben, die Königin Fredegunde hätte ein Verhältnis mit dem Bischof von Bordeaux, Bertram. Er musste sich vor einem Königsgericht verantworten, wobei ihm nicht nur der Verlust seines Bistums drohte, sondern auch die Todesstrafe. Legitime Nachkommen waren sowohl für die Mutter, wie auch den Vater wichtig. Der Mutter sicherten sie eine einflussreiche Position am Hof, während für den Vater legitime Nachkommen in der politischen Konkurrenz mit anderen Merowingerkönigen oder solchen, die es noch werden wollten, wichtig waren. Über weite Strecken der Merowingerzeit herrschten mehrere Könige gleichzeitig, was immer wieder auch zu Konflikten zwischen den Teilreichen führte. In diesen Konflikten spielte es natürlich eine wichtige Rolle, durch einen legitimen Erben sowohl im eigenen Reich wie auch nach außen die Perspektive politischer Kontinuität zu vermitteln. Dabei waren es nicht nur regierende Könige, mit denen man sich politisch auseinandersetzen musste, sondern auch solche, die behaupteten merowingischer Abstammung zu sein und ihre daraus resultierenden Ansprüche geltend machen wollten. Tatsächlich war an den merowingischen Königshöfen der Überblick, wer nun Sohn eines Merowingerkönigs war und wer nicht, nicht leicht zu bewahren. Im Falle Gundowalds (gest. 585) waren sich nicht einmal die anderen Mitglieder der Merowingerfamilie einig. Während Childebert I. (gest. 558) ihn als Neffen anerkannte, verweigerte ihm Chlothar I. (gest. 561) die Anerkennung als Sohn und ließ ihm die langen Haare, das Zeichen der merowingischen Könige, abschneiden. Dasselbe wiederholte sich in der nächsten Generation, wo nun die Söhne Chlothars, Gundwalds angebliche Brüder herrschten. Einer davon, Charibert I. (gest. 567), erkannte ihn an, der andere jedoch, Sigibert I. (gest. 575), wieder nicht. Darauf suchte Gundowald die Anerkennung fränkischer Großer. findet sie auch und lässt sich in Aquitanien zum König ausrufen, wo er kurze Zeit auch herrscht. In den darauf folgenden Auseinandersetzungen verliert er aber eine Reihe von Anhängern und schließlich auch sein Leben. Gregor von Tours, der die Geschichte Gundowalds ausführlich berichtet, scheint die Abstammung Gundowalds von den Merowingern für möglich gehalten zu haben und seine Ansprüche auch eine Zeitlang für durchaus berechtigt. Doch in seiner Erzählung verliert

46 Gundowald den Anspruch als Merowinger zu herrschen, weil es ihm eben nicht gelingt genug Konsens zu finden, um gegen seine Konkurrenten bestehen zu können. Als komplementäres Beispiel könnte man die Geschichte Chlothars II. (gest. 623) erwähnen. Er war der Sohn Fredegundes, der von Gregor von Tours offenbar Ehebruch vorgeworfen wurde. Geboren wurde Chlothar 584, in dem Jahr, in dem der Mann Fredegundes, Chilperich I., starb. An einigen Stellen spielt Gregor noch auf die zweifelhafte Legitimität Chlothars als Sohne Chilperichs an. Er berichtet, dass auch der Bruder Chilperichs, König Gunthram (gest. 592) Zweifel hatte, ob Chlothar wirklich der Sohn Chilperichs war. Letztlich gelingt es aber Fredegund die fränkischen Großen im Reich ihres verstorbenen Gatten zu überzeugen, Chothar als König anzunehmen. Gunthrams Zweifel kann sie zerstreuen, in dem sie alle Großen, Bischöfe und Fürsten ihres Reiches schwören lässt, dass Chlothar der Sohn Chilperichs ist. Der Konsens über die Legitimität Chlothars reichte jedenfalls aus, um Gunthram zu überzeugen, der daraufhin sogar Taufpate seines Neffen wurde. Man könnte noch eine Reihe solcher Beispiel anführen, doch hoffe, ich, dass auch der kurze Vergleich der Geschichten über Chlothar I. und über Gundowald illustrieren können, dass der Glaube an die Geblütsheiligkeit nicht der Schlüssel zum Verständnis der Legitimation des merowingischen Königtums ist. Eine Sache war, merowingischer Abstammung zu sein und eine andere, genug Leute zu finden, die daran glaubten und den damit verbundenen Anspruch auf das Königtum unterstützten. Entscheidender Faktor war die soziale Konstruktion und Durchsetzung biologischer Abstammung.

11.5 Zusammenfassung oder Was hat das Problem der merowingischen Geblütsheiligkeit mit dem ,,Da Vinci Code" zu tun? Zum einen spielt natürlich die Vorstellung von der Geblütsheiligkeit der Merowinger eine wichtige Rolle in der Argumentation für Rolle der Merowinger als direkte Nachkommen von Jesus und Maria Magdalena und für die Kontinuität dieser ,,geheiligten Genealogie." Allerdings spielten die Merowinger auch in der Konstruktion des germanischen Sakralkönigtums in der Geschichtsforschung eine ähnliche Rolle spielen. Auch hier wird durch sie eine ältere ­ in diesem Fall genuin germanische Tradition des Königsheils ­ dem christlichen Mittelalter und damit der europäischen Welt überliefert. Häufig wurden auch hier aus der Vielfalt der Berichte und Erzählungen vereinzelte, zeitlich oft weit auseinander liegende Quellenstellen durch mühsame Konstruktionen als Glieder langlebiger Traditionsketten zur Konstruktion einer wahren Geschichte verwendet. Die jeweilige Eingliederung dieser Stellen in weite diachrone Traditionsstränge scheint dabei nur über die Isolierung der Episoden aus den Kontexten, in denen sie überliefert sind, und über die Annahme eines letztlich ahistorischen Bewusstseins sakraler oder mythischer Herrschaftsvorstellungen möglich. Ihre Integration in einen gemeinsamen Motivationshorizont war in der älteren Geschichtsforschung nur durch die moderne Vorstellung ,,wahrer alter Sinnzusammenhänge" möglich, deren Existenz man nicht in den Texten suchte, sondern im Ungesagten, irgendwo zwischen den Texten, voraussetzte66. So

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Zu einer ausführlichen Diskussion über das germanische Sakralkönigtum, das kaum die Grundlage der Legitimation des merowingischen Königtums gewesen sein kann, vgl. M. Diesenberger & H. Reimitz, Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Momente des Königtums in der merowingischen Historiographie, in:

47 konnte dem germanischen Geist für die Entwicklung des Königtums und damit in der geschichtlichen Entwicklung der europäischen Gesellschaft eine wichtige Rolle zugewiesen werden. In seiner extremen Form bediente man sich auch bei der Konstruktion der germanischen Geblütsheiligkeit durchaus ähnlicher Wahrheitsstrategien, wie sie auch durch die Erben des heiligen Gral und indirekt auch im Da Vinci Code vermittelt werden. Aus der Vielfalt der historischen Wirklichkeiten und Bedeutungen, wird dabei eine bestimmte wahre Geschichte herausgefiltert. Anhand des Umgangs mit König Dagobert II., der von 675 bis 679 als König regierte, sollten jedenfalls auch grundsätzlich diese Strategien diskutiert und ihre Problematik vermittelt werden. Gegen diesen Umgang mit Geschichte sollten unter dem Titel: Die Merowinger und was sie nicht sind" nicht nur Beobachtungen und Bemerkungen eines Historikers zur merowingischen Geblütsheiligkeit vorgestellt werden. Dabei sollte auch versucht werden, ein paar Eindrücke der Vielfalt der merowingischen Geschichte zu vermitteln. Die Merowinger und was sie nicht sind soll auch heißen, dass sie nicht als eine einzige wahre Geschichte zu erfassen sind, sondern ihre Geschichte aus einer Vielzahl verschiedener, manchmal sogar widersprüchlicher Erzählungen, Darstellungen und Aneignungen besteht. Für den Dialog mit der Zeit, aus der sie stammen, gibt es jedenfalls weit mehr Spielraum, als es die Suche nach dem heiligen Gral in der Merowingerzeit vermitteln kann und möchte.

F.-R. Erkens (Hrsg.), Das frühmittelalterliche Königtum Ideelle und religiöse Grundlagen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergbd. 49 (Berlin2005), 214­269.

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12. ,, ... war die Geschichte des Templerordens ein schwieriges Kapitel" 67

12.1 Allgemeines Unfehlbar auf den Spuren seiner ,,Vormänner" Lincoln, Baigent und Leigh wandelnd, huldigt Dan Brown einem lang gepflegten Mythos, der insbesondere seit dem 18. Jh. zu großer Beliebtheit kam. Der Templerorden sei zu einem völlig anderen Zweck gegründet worden, als zum Schutz der Pilger im Heiligen Land. In diesem Zusammenhang wird die Prieuré de Sion namhaft gemacht. Diese habe den Templerorden ins Leben gerufen, ,,um eine Sammlung von Geheimdokumenten zu bergen". Der Schutz der Pilger habe nur als Tarnung gedient. Tatsächlich lassen sich keine Angaben über die Gründung des Ordens (um 1120) machen. Allerdings ist dies für die Quellenlage der damaligen Zeit keineswegs ungewöhnlich68. Der unermessliche Reichtum des Ordens sei Resultat dessen, ,,dass die Templer irgendetwas gefunden haben müssen ... etwas, das sie so reich und mächtig werden ließ, dass es die Vorstellungskraft übersteigt." Der Reichtum der Templer hat zahlreiche erklärbare Ursachen: Sie können als Erfinder des überseeischen Giroverkehrs gelten, darüber hinaus entstammten die Tempelritter selbst grundsätzlich einem reichen Milieu. Dan Brown spricht von ,,falschen Anschuldigungen" und ,,Bemühungen" des Papstes Klemens V., die Templer ,,völlig zu vernichten" und erweckt dabei den Eindruck, als ob die eigentliche Initiative für diese Schritte von diesem Papst ausgegangen ist. Tatsächlich war der eigentliche Motor für die Auflösung des Ordens König Philipp der Schöne von Frankreich (1285-1314). Klemens ­ in seiner nahen Verwandtschaft hatte es prominente Templer gegeben ­ stand in völliger Abhängigkeit vom französischen König (Beginn des so genannten ,,avignonesischen Exils"). Der Templerorden ­ 1312 durch päpstliche Entscheidung aufgelöst ­ ist damit nicht endgültig von der politischen Bühne verschwunden. Tatsächlich bildeten sich damals neue Orden, die bereitwillig ehemalige Tempelherren aufnahmen. Darüber hinaus ist es auch kaum vorstellbar, dass eine militärisch derartig wichtige Institution, deren ,,Abschaffung" in vielen Ländern Europas nur halbherzig durchgeführt wurde, sich einfach ins Nichts auflösen konnte. Der Mythos der Templer speist sich auch aus zahlreichen Anklagepunkten, die im Zuge der Templerprozesse des beginnenden 14. Jh. zur Sprache kamen.

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Zu den Templern siehe u.a. M. Hauf, Der Mythos der Templer, Solothurn 1995; A. Demurger, Die Templer. Aufstieg und Untergang (1120-1314), München 1997 (Übers.); A. Demurger, Die Ritter des Herrn. Geschichte der geistlichen Ritterorden, München 2003 (Übers.); B. Frale Il papato e il processo dei templari. L'inedita assoluzione di Chinon alla luce della diplomatica pontificia (La corte dei papi 12), Rom 2003; A. Demurger, Der letzte Templer. Leben und Sterben des Großmeisters Jacques de Molay, München 2004 (Übers.); M. Barber, Die Templer. Geschichte und Mythos, Düsseldorf 2005 (Übers.); A. Beck, Der Untergang der Templer. Größter Justizmord des Mittelalters?, Freiburg i. Br. 2005 (Überarbeitete Neuausgabe); Newman, Schlüssel, 433 ff. 68 Eine Prieuré de Sion existierte tatsächlich von etwa 1100 bis 1627. Es handelt sich um ein Kloster in der französischen Stadt Orléans, in dem Maria Magdalena verehrt wurde. Zusammenhänge zu der Prieuré de Sion des Pierre Plantard bestehen nicht (siehe oben 2.).

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12.2 Der erste Kreuzzug, die Eroberung des ,,Heiligen Landes" und die Gründung der Templer Der Templerorden zählt neben dem 1099 gegründeten Johanniterorden (später als ,,Malteserorden" bezeichnet) und dem 1190 gegründeten Deutschen Orden zu den drei berühmtesten geistlichen Ritterorden in der Geschichte der Christenheit. Alle drei waren zunächst im ,,Heiligen Land" engagiert, das im Zuge des Ersten Kreuzzuges von christlichen Heeren eingenommen wurde. Dieser hatte im Jahr 1096 begonnen und endete mit der Einnahme Jerusalems im Jahr 1099 bzw. mit der Gründung mehrerer christlicher Königreiche, die in der Folgezeit zueinander in Konkurrenz traten. Diese Königreiche befanden sich auf dem Gebiet des heutigen Israel, Jordanien, Syrien und der Türkei. Im Gefolge dieser Kreuzzüge war es zu schweren Judenpogromen gekommen, die Kämpfe in Palästina mögen für den Islam integrative Funktion gehabt haben. Einerseits zeichnet sich hier eine Frontstellung ab, andererseits kommt es zu inspirativem kulturellen und religiösen Austausch. Die Erfahrungen im Orient brachten letztlich entscheidende Impulse für die Weiterentwicklung der abendländischen Kultur. Wer immer ins ,,Heilige Land" zieht, um gegen die Anhänger anderer Religionen zu kämpfen, ist bei seiner Rückkehr potentieller ,,Überträger" orientalischer Impulse. Bei so manchem Kreuzfahrer mag auf diese Weise ein gewisser Hang zu religiöser Duldsamkeit aufgekommen sein. Diese Entwicklung kann nur auf den ersten Blick erstaunlich anmuten. Doch es liegt beinahe im Lauf der Natur, dass etwa Organisationen, die sich die Bekämpfung Andersgläubiger widmen, in der Tat einen hohen Grad an Ambivalenz aufweist. So verhält es sich beim Templerorden, aber in gewisser Weise auch mit dem zu Beginn des 13. Jh. gegründeten Dominikanerorden. Diese Gemeinschaft wurde zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung für Zwecke der Inquisition eingesetzt. Der Dominikanerorden wurde zwar als Hüter der Rechtgläubigkeit angesehen, doch gerade dort dürfte der Kontakt mit ,,Andersgläubigen" (in diesem Fall ,,Ketzer") dazu geführt haben, dass aus diesem Orden besonders viele ,,Dissidenten" bekannt sind. Grenzgänger und -überschreiter der großkirchlichen ,,Rechtgläubigkeit" waren etwa Meister Eckhart, Girolamo Savonarola. Dasselbe Phänomen dürfte sich bei den Templern bemerkbar machen: Wurde ihnen in den Prozessen des frühen 14. Jh. vorgeworfen, mit dem Islam zu sympathisieren, so könnte eine synkretistische Haltung vieler Tempelritter mit dieser Anschuldigung in Zusammenhang stehen. Nicht viel anders dürfte es sich mit dem sowjetischen Geheimdienst KGB im 20. Jh. verhalten haben: Durch ständigen Kontakt mit den ,,Feinden" bzw. ,,Anderen" gelangte diese Organisation dahin, dass führende Proponenten eine Öffnung zum Westen befürworteten ­ ein Vorgang, der letztlich in Gorbatschows Perestrojka mündete. Wie bereits angedeutet, liegen die Anfänge des Templerordens im Dunkeln. Dieser Mangel steht wohl vor allem mit der Quellenlage der damaligen Zeit in Zusammenhang. Die erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1128 lässt auf die Jahre 1118 oder 1119 schließen. Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, dass das Templerarchiv (erst) im 16. Jh. in Verschollenheit geriet. Drei Chronisten, die allerdings erst in der zweiten Hälfte des 12. Jh. wirkten, liefern Informationen, die nicht immer zuverlässig sein müssen:

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Wilhelm von Tyrus (gest. um 1186): Gebürtig aus Jerusalem; hielt sich fast zwei Jahrzehnte in Westeuropa auf. Benutzt Quellenmaterial (Quellenlektüre, Befragung von Protagonisten). Steht dem Wirken der zeitgenössischen Templer (vor allem deren Privilegien) kritisch gegenüber und idealisiert die Ursprungsgeschehnisse. Michael der Syrer (gest. 1199): Jakobitenpatriarch von Antiochien. Bietet zahlreiche Details, ,,gilt aber als nicht so zuverlässig wie Wilhelm, wenn er Ereignisse außerhalb seines eigenen Erfahrungsbereichs und seiner eigenen Lebenszeit schildert"69. Walter Map (gest. um 1209): Archidiakon von Oxford. Vergleichsweise entfernt vom dargestellten Geschehen. Relativ seriöse Quellenkritik. Wer um eine seriöse Auswertung der Schriften dieser Autoren bemüht ist, muss es als Manko empfinden, dass ausgerechnet der ,,sachlichste" von ihnen sich in weiter geographischer Distanz von den Geschehnissen aufhielt. Hugue de Payens war der erste Großmeister. Er bat König Balduin II. von Jerusalem um die Gestattung der Gründung einer Gemeinschaft. Sehr bald machte sich das Anliegen bemerkbar, zur Sicherung der Jerusalempilger auch militärische Züge annehmen und damit über das Ziel der herkömmlichen Ordensgemeinschaften hinausgehen zu können. Sie stellten den Bedürfnissen der Zeit gemäß eine willkommene Ergänzung zu den Johannitern dar, die vor allem für die Versorgung der Pilger zuständig waren (insb. die Aufrechterhaltung der medizinischen Infrastruktur spielte hier eine Rolle. Die Templer waren im Kampf gegen muslimische Heere nicht nur im ,,Heiligen Land", sondern auch auf der iberischen Halbinsel im Einsatz. Balduin überließ den Angehörigen des neuen Ordens einen Bau, der sich auf dem Gelände des früheren Tempels des alttestamentlichen Königs Salomon befunden haben soll. Von daher stammt der offizielle Name ,,Arme Ritter Christi und des Tempels von Salomon zu Jerusalem". Für das 13. Jh. werden folgende Mitgliederzahlen geschätzt: Ca. ,,7000 Ritter, Sergeanten (sergents), dienende Brüder und Priester"; darüber hinaus assoziierte Mitglieder, zu denen ,,Rentenempfänger, Amtsleute, Hilfskräfte" gerechnet werden70. Für das Jahr 1300 sind etwa ,,870 Burgen, Komtureien und Zweigniederlassungen" zu zählen71. Zu den vom Templerorden besonders verehrten Heiligen zählte Maria Magdalena. Dies hat naturgemäß reichlich Anlass für Spekulationen gegeben. Doch berücksichtigt man die Legenden, die von einem Aufenthalt dieser aus dem ,,Heiligen Land" stammenden Frau in Gallien berichten, so ist offenkundig, dass gerade sie sich als eine Art Schutzheilige eines Ordens eignete, dessen Haupttätigkeitsfelder gerade in diesen beiden Ländern lagen. Erst Ende der Zwanziger Jahre des 12. Jh. setzte für den Templerorden der richtige Aufschwung ein. Der Orden fand in Bernhard von Clairvaux, der seinerseits den Zisterziensern in ihrer Bedeutung zum Durchbruch verholfen hatte, einen mächtigen Fürsprecher. 1129 erhielt der Orden eine Regel. An deren Konzeption war Bernhard maßgeblich beteiligt. In seinem Werk ,,Über das Lob der Templer" (De laude novae militiae) sang Bernhard den Ruhm des Ordens, dem auch einige seiner Verwandten angehörten.

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Barber, Templer, 13. Barber, Templer, 8. Barber, Templer, 8.

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12.3 Die weiteren Jahrzehnte: Reichtum und Privilegien des Templerordens Einen wesentlichen Bedeutungsschub erlebte der Orden vor allem dadurch, dass er sich im Zuge zweier Papstschismen (1130-1138 und 1159-1181) hinter jene Anwärter stellte, die sich letztlich als ,,rechtmäßige" Päpste durchsetzen konnten. Vor allem die erste dieser Spaltungen, in deren Gefolge Bernhard von Clairvaux für den später als legitim geltenden Papst eingetreten war, verhalf den Templern auf der Appeninhalbinsel zum Durchbruch. In diesem Kontext ist es leicht erklärbar, dass schon im Jahr 1139 in einer Bulle Innozenz' II. die Templer reichlich mit Privilegien bedacht wurden72, die im Laufe der nächsten Jahren Bestätigung und Ergänzungen erfuhren. In den entsprechenden Bullen waren besondere Vorrechte verbrieft, doch darf man nicht davon ausgehen, dass diese durchwegs dem Templerorden allein zugekommen wären. Auch Zisterzienser und Johanniter erhielten im Wesentlichen derartige Vorrechte. Diese ,,Privilegienwelle" beinhaltete vor allem folgende Rechte: Die Templer wurden der bischöflichen Weisungsgewalt entzogen. Dies betraf in erster Linie eine Autonomie gegenüber dem Patriarchen von Jerusalem. Dadurch war eine unmittelbare Unterstellung unter den päpstlichen Stuhl gewährt. Dies bedingte das Recht auf Wahl des Großmeisters allein durch Ordensmitglieder. Weiters bedingte dies das Recht auf Anstellung eigener Kleriker ohne Zustimmung des Bischofs. Freistellung vom Zehent. Darunter sind Abgaben an den Weltklerus zu verstehen, die insb. von Grundholden und Obereigentümern zu entrichten waren. Offene Rechtsfragen waren dann zu klären, wenn ein Gut dem Templerorden testamentarisch vermacht wurde. Die jeweiligen Bischöfe vertraten die Ansicht, dass diesfalls der entsprechende Zehent ihnen zustünde, während die Templer derartige Zehentzahlungen verweigerten. Die die Templer privilegierenden Zehentbestimmungen waren die am meisten umstrittenen aus dieser Serie von Rechtsgewährungen. Den Ordenskaplänen wurde einmal im Jahr gestattet, in Gegenden, die mit dem Interdikt belegt waren, Gottesdienste zu feinern. Das Interdikt ist eine Kirchenstrafe, die sich im Umfeld der Exkommunikation73 ausgebildet hat. Seit dem 10. Jh. ist das so genannte ,,Lokalinterdikt" nachweisbar, das das Verbot des Sakramentempfangs und der Sakramentspendung und die Einstellung der gottesdienstlichen Handlungen, aber auch die Verweigerung kirchlicher Begräbnisse in bestimmten Gebieten beinhalten konnte. Die den Templern gewährte Ausnahmebestimmung musste sichtbare Folgen nach sich ziehen. Dazu A. Demurger: Die Kirche habe sehr häufig Interdikte verhängt. Dies habe darauf gezielt, ,,jede religiöse Aktivität (Messen, Sakramente) in einer Ortschaft, einer Gegend, ja einem

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Zum Folgenden siehe ausführlich Demurger, Templer, 69 ff. Die Exkommunikation ist mit dem Kirchenbann gleichzusetzen. In früher Bedeutung konnte es sich um den Ausschluss vom kirchlichen Leben handeln. Seit dem 4. Jh. ist darunter ,,der Verlust kirchlicher Rechte ohne gleichzeitige Entbindung von Verpflichtungen" zu verstehen (S. Schima, Kirchenbann, in: T. Olechowski & R. Gamauf [Hrsg.], Rechtsgeschichte. Römisches Recht. Studienwörterbuch, Wien 2006, 248). Seit dieser Zeit konnten mit der Exkommunikation auch Sanktionen seitens der weltlichen Gewalt verknüpft sein, später war damit regelmäßig die weltliche Acht verknüpft. Nach geltendem katholischen Kirchenrecht gibt es keinen Verlust der Kirchenmitgliedschaft.

52 Königreich zeitweilig zu verbieten, um die Sünden eines Herrn, einer Gemeinde oder eines Königs zu bestrafen. Natürlich zog ein Gottesdienst unter solchen Bedingungen eine große Menge von Gläubigen an und brachte folglich viele Almosen und Opfergaben, allein zum Vorteil der Templer und unter den erzürnten Blicken der Weltgeistlichen des Orts, die oft für die Situation nicht die geringste Verantwortung trugen." Die das Interdikt betreffenden Bestimmungen erfuhren bald darauf Ergänzungen. Auch wenn es scheint, dass die Templer damit in einzigartiger Weise privilegiert wurden, so ist dies nicht zutreffend. Die Johanniter hatten schon wesentlich früher ein derartiges Privileg erhalten. In weiterer Folge wurden die Templer grundsätzlich von jenen Gebühren befreit, die dem Papst von Seiten des Klerus zuflossen. Diese mit den Erfordernissen der Kreuzzüge verbundene Befreiung betraf ebenfalls keineswegs nur die Templer allein, sondern alle geistlichen Ritterorden.

Zwei der hier genannten Privilegien beinhalten unmittelbare Implikationen für die Vermögenslage des Templerordens. Wenn irgendetwas im Zusammenhang mit den Templern leicht erklärbar ist, dann ist es der unermessliche Reichtum des Ordens. Was die direkten Vermögenszuwendungen betrifft, so ist vor allem auf die reichlichen Schenkungen (Geldspenden, Güter, Pferde, Waffen) zu verweisen. Diese wurden zunächst von den Ordensmitgliedern selbst eingebracht, doch v.a. von der Familie Gottfrieds von Bouillon erhielt der Orden in seiner ersten Phase Zuwendungen. In dessen Familie blieb auch vorerst die Herrschaft über das lateinische Königreich von Jerusalem. Im Lauf der Zeit wurden vergleichsweise große Summen unter der Eigentümerschaft des Ordens angesammelt.

12.4 Das Wirken des Ordens bis zum Ende des 13. Jh. Die Verfügungsgewalt des Ordens über ein umfassendes Vermögen führte schließlich dazu, dass aus ihm die größten Finanzgenies ihrer Zeit hervorgingen. Die ,,globalisierende" Funktion des Ordens lässt es nicht als erstaunlich erscheinen, dass sie als ,,Erfinder des Girokontos"74 gelten können. Abgesehen davon findet man Templer gegen Ende des 14. Jh. als Schatzmeister an zahlreichen Höfen Europas. Auch König Philipp der Schöne von Frankreich, der den Untergang des Ordens in die Wege leiten sollte, stützte sich auf einen Schatzmeister, der dem Orden angehörte. Einigen Profit zogen die Templer auch aus der Umgehung des kanonischen Zinsverbotes, das durch das Decretum Gratiani (um 1140) in der Kirche des Westens allgemein bekannt geworden war. Ein weiteres ,,autarkes" Element für den Orden ergab sich aus dem Umstand, dass er relativ wenige Priester zu seinen Mitgliedern zählte. Der während der Prozesse des 14. Jh. immer wieder zu hörende Vorwurf, Laienbrüder hätten Beichten abgenommen bzw. die Lossprechung erteilt, klingt schon deswegen glaubwürdig, weil die Templer häufig Aufgaben zu erfüllen hatten, die die regelmäßige Anwesenheit von Priestern verunmöglichte. Die Templer stießen auf erhebliche Kritik seitens einflussreicher Kirchenmänner, wie etwa Johannes von Salisbury (1115-1180). Ihr Lebensstil wurde weithin als etwas

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Hauf, Mythos, 241.

53 zwiespältig empfunden, aber auch die Verpflichtung zum Kriegsdienst und die Art ihrer Erfüllung erregten in weiten Teilen Europas Kritik. Wie so viele Fragen ist das Thema der geheimen Teile der Regel bis heute nicht restlos geklärt. Jedenfalls war es ,,den Templern verboten, eine Abschrift der Regel in Händen zu haben, damit diese nicht versehentlich von den Knappen gelesen werden konnte"75. Ein im Zuge der Templerprozesse erhobener Vorwurf bezog sich auf anstößige Rituale, wie etwa das Bespucken des Kreuzes. Tatsächlich liegt der Gedanke nahe, dass bei der Aufnahme geheime Rituale einzuhalten waren, die möglicherweise eine Art ,,Mutprobe" beinhalteten. Auch tauchte der Vorwurf auf, die aufnahmewilligen Templer würden dazu verhalten, den aufnehmenden Vorgesetzten am Anus küssen zu müssen. Dieser Verdacht nährte den Vorwurf der Sodomie (nach damaligem Verständnis Homosexualität). In diesem Zusammenhang spielte auch der Brauch der Templer eine Rolle, zu zweit ein Pferd zu benutzen, bzw. auf den Ordenssiegeln die Darstellung eines Pferdes mit zwei Reitern aus dem Templerorden zu verwenden76. Dieser Vorgang steht unter dem Vorzeichen eines Bescheidenheitsgestus. Vermutlich wollte man damit die Genügsamkeit der Tempelritter demonstrieren und einen Kontrast zu den oft ,,protzig" auftretenden Kämpfern der feindlichen Heere aufzeigen. Darüber hinaus sollte hier die Solidarität der Tempelritter aufgezeigt werden. Im 13. Jh. dürften einige Tempelritter Anlass zum Häresieverdacht gegeben haben, weil möglicherweise in Südfrankreich eine gewisse Nähe zu katharischen Gruppierungen bestanden haben dürfte. Diese Nähe ist schon dadurch erklärbar, dass die Templer ihren Ordensnachwuchs in großer Zahl aus einer Region rekrutieren konnten, in der auch die Katharer stark vertreten waren. Betroffen war vor allem das Gebiet Okzitaniens, das damals nicht unter unmittelbarer Oberhoheit des französischen Monarchen stand77. Die Katharer78 stellen eine bedeutende religiöse Gruppierung dar, die von Seiten der Amtskirche recht bald nach ihrem Auftreten in Westeuropa als häretisch eingestuft wurde. Nach ihrem Hauptverbreitungsgebiet werden sie auch ,,Albigenser" genannt (nach der südfranzösischen Stadt Albi). Die gleich zu besprechende Lehre der Katharer lässt sich für die Mitte des 12. Jh. in Westeuropa erstmals belegen. Inwieweit Ursprünge im byzantinischen Herrschaftsbereich nachgewiesen werden können (vgl. die bosnischen ,,Bogumilen"), ist eine strittige Frage. Die Katharer sind vor allem durch ihren Dualismus gekennzeichnet79. Das bringt sie inhaltlich in eine starke Nähe zu den antiken Gnostikern. Sie betrachteten sich als ,,Ecclesia Dei" und verfügten über hierarchieähnliche Strukturen. Zeitweise soll es sogar in Oberitalien ­ dem weiteren Hauptverbreitungsgebiet der Katharer ­ einen katharischen Papst gegeben haben. Die zu Beginn des 13. Jh. stattfindenden ,,Albigenserkreuzzüge" ließen den

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Hauf, Mythos, 239.

Siehe Hauf, Mythos, 122. Vgl. Hauf, Mythos, 240: ,,In den Reihen der Templer befanden sich zahlreiche Okzitanier, speziell unter den Großmeistern." 78 Zu den Katharern siehe u.a. A. Borst, Die Katharer, Freiburg i. Br. 21991 (Klassiker, der erstmals 1953 erschienen ist); U. Bejick, Die Katharerinnen, Freiburg i. Br. 1993; D. Müller, Frauen vor der Inquisition ­ Lebensform, Glaubenszeugnis und Aburteilung der deutschen und französischen Katharerinnen, Mainz 1996; M. Lambert, Geschichte der Katharer ­ Aufstieg und Fall der großen Ketzerbewegung, Darmstadt 2001 (Übers.); D. Müller, ,,Ketzerinnen" Frauen ­ Frauen gehen ihren eigenen Weg. Vom Leben und Sterben der Katharerinnen im 13. und 14. Jahrhundert, Würzburg 2004.

79

Siehe dazu oben 2. Zu dualistischen Lehren siehe oben 3.4 und 7.

54 Glaubenskonflikt militärisch eskalieren. Das Ende der Katharer war im März 1244 mit ihrer Niederlage am Montsegur besiegelt, auch wenn es zu Beginn des 14. Jh. noch zu einer Art Renaissance kam. Es ist zweifelsohne nicht unbegründet, den Montsegur ethymologisch mit dem parzivalischen ,,Munsalvätsch" in Verbindung zu bringen. Dabei handelt es sich um nichts anderes als die so genannte ,,Gralsburg". So betrachtet stellt es vor allem für Lincoln, Baigent und Leigh ein Leichtes dar, die Katharer mit dem Gral bzw. einem geheimen Schatz in Verbindung zu bringen. Die möglicherweise vorhandene personelle und geographische Nähe zwischen Katharern und Templern gibt für diese Autoren somit einen Nährboden für eine relativ solide historische Gerüchteküche ab. Vor allem nach der Vernichtung der Katharer eignen sich die Templer als Hüter des Grals ­ was auch immer man unter diesem verstehen mag. Der Vorwurf der Aufgeschlossenheit gegenüber dem Islam findet insofern ein Substrat, als christliche Herrscher des Orients den mit ihnen verbündeten Templern vorwarfen, bei verlorenen Schlachten die falsche Taktik gewählt zu haben. Aus militärischstrategischer Sichtweise ist den Templern allerdings nichts zu unterstellen. Ganz im Gegenteil: Ihre oftmals brutale Behandlung, die ihnen in Gefangenschaft islamischer Gegner zuteil wurde, spricht gegen die Annahme, sie seien Kollaborateure ,,feindlicher" Mächte gewesen. Darüber hinaus darf darauf hingewiesen werden, dass etwa die Hälfte der Großmeister im Kampf gefallen ist. Im Zusammenhang mit der Frage nach Verbindungen zum Islam ist auch auf eine eher unrühmliche Episode hinzuweisen. Der Großmeister Gérard de Ridefort, der nachweislich Geldsummen, die auch den Johannitern zugedacht waren, zweckentfremdet hatte, geriet im Zuge der Schlacht von Hattin (1187) in Gefangenschaft und kam nur gegen Zahlung hoher Lösegeldsummen an Saladin, den Herrscher Ägyptens, frei80. Die hohe Lösegeldsumme erweckte Anstoß in der christlichen Welt, zumal man von einem Templergroßmeister mehr Courage erwartet hätte (viele sahen auch diese Gelder, die man eher für den Freikauf von Sklaven hätte verwenden sollen, als zweckentfremdet an). Gegen Gérard wurde der Verdacht gehegt, dass er insgeheim zum Islam übergetreten sei. Gegen diese ,,schlechte Nachrede" kann man auch nicht mit der Tatsache argumentieren, dass Gérard zwei Jahre später die Schlacht von Akkon (1189) nicht überlebte. Schon Jahre bevor die Templer das ,,Heilige Land" verlassen mussten, wurde der Plan einer Zusammenlegung mit dem Johanniterorden angesprochen. Dieser wäre aus unterschiedlichen Gründen sinnvoll gewesen, stieß aber begreiflicherweise auf Widerstand bei den Würdenträgern der betroffenen Orden. Zahlreiche europäische Monarchen dürften diesem Plan ebenfalls mit Skepsis begegnet sein, da ein fusionierter Orden ein unberechenbares militärisches Machtpotential dargestellt hätte. Philipp der Schöne, der französische König, konnte dem Vorhaben allerdings einiges abgewinnen: Als Großmeister des neuen Gebildes hatte er nämlich keinen Geringeren als sich selbst im Auge ...

12.5 Die Krise der Neunziger Jahre des 13. Jh. und des beginnenden 14. Jh.

80

Siehe Hauf, Mythos, 65 ff.; Demurger, Templer, 119 ff.

55 Nach dem Fall Akkons und weiterer Festungen zu Beginn der Neunziger Jahre mussten sich die Templer aus dem ,,Heiligen Land" zurückziehen. Der Versuch, in Zypern ein territoriales Gebilde unter Hoheit des Ordens aufzubauen, scheiterte. Damit sahen sie sich allerdings ihres eigentlichen Zweckes beraubt. Im Gegensatz zu den beiden anderen berühmten Ritterorden verfügten sie somit über kein staatliches Substrat in Form eines Territoriums, das ihnen den nötigen Schutz im Auftreten gegenüber westlichen Herrschern hätte bieten können. Dieses Schutzes bedurften sie schon deswegen, weil sie im Herrschaftsbereicht des französischen Königs Philipp des Schönen mit Liegenschaften reich ausgestattet waren. Doch nicht nur der Verlust des eigentlichen Ordenszweckes trieb die Gemeinschaft der Templer in die Krise. Der Konflikt zwischen Philipp dem Schönen und Papst Bonifaz VIII. (1294-1303) stellte den Orden in gewissem Sinn vor eine Zerreißprobe. Wohl im Jahr 1292 war Jacques de Molay zum Großmeister gewählt worden. Dieser war aus der Freigrafschaft Burgund gebürtig und damit kein Untertan des französischen Königs, und es ist möglich, dass Philipp die Bestrebungen des französischen Gegenkandidaten unterstützte. Doch nun zum angesprochenen Konflikt zwischen Papst und König: Hier ging es zunächst um finanzielle Angelegenheiten. Im Jahr 1296 untersagte Bonifaz in seiner Bulle Clericis Laicos die staatliche Besteuerung von Kirchengut. Daraufhin ließ Philipp der Schöne die päpstlichen Nuntien und kirchliche Geldeintreiber (bzw. Sammler) ausweisen. Im Ergebnis bedeutete dies, dass der König nun für die Kirche bestimmte Abgaben (Zehnt) für sich behalten wollte. Der Papst gab nun zum Teil nach. Der nächste Konflikt bahnte sich an, als Philipp IV. einem französischen Bischof wegen Hochverrats den Prozess machen wollte. Der Papst erneuerte daraufhin die Untersagung der staatlichen Besteuerung von Kirchengut und lud den König im Jahr 1301 vor eine römische Kirchenversammlung. Zu dieser waren auch zahlreiche französische Prälaten geladen. Philipp verweigerte diesen die Ausreise. Die Synode fand tatsächlich statt. An ihr nahm auch der Großmeister der Templer, Jacques de Molay, teil. Als Gegenreaktion berief nun Philipp zum ersten Mal die französischen Generalstände ein (1302). Der Streit zwischen König und Papst trug damit erheblich zur Strukturierung des französischen Herrschaftsbereichs als Staat bei. Nachdem Bonifaz die berühmte Bulle Unam sanctam (publiziert wohl nicht vor 1303; hier wurde vor allem der Anspruch der Überordnung der geistlichen über die weltliche Gewalt formuliert) erlassen hatte, ging sein Pontifikat dem Höhepunkt der Krise entgegen. In Anagni wurde Bonifaz für einige Wochen gefangen gehalten. Kurz nach seiner Freilassung starb er. Die Auseinandersetzung zwischen Philipp und dem Papst trug nun insofern zu einer existentiellen Krise des Templerordens bei, als die in Italien weilenden Templer Bonifaz unterstützten und ihm gemeinsam mit den Johannitern in den Stunden seiner schlimmsten Demütigung beistanden. Die in Frankreich weilenden Templer unterstützten dagegen mehrheitlich ihren König81. Ein weiterer inhaltlicher Kontext zwischen dem Konflikt Papst-König einerseits und der noch bevorstehenden Auseinandersetzung zwischen König und Templerorden andererseits besteht nun darin, dass unter Anleitung des französischen Rats Guilleaume de Nogaret gegen Bonifaz Vorwürfe erhoben wurden, die aus demselben ,,Arsenal" stammen wie die Vorwürfe in den Templerprozessen. In diesem Sinn wurde gegen Bonifaz etwa der Vorwurf der ,,Idolatrie" (Götzenkult) erhoben. Damit ist die Aufforderung zu verstehen, den Papst

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Siehe Demurger, Templer, 203.

56 gleichsam als Götzen zu verehren. Bonifaz habe Statuen anfertigen lassen, an die Gebete gerichtet werden sollten82. Die Abneigung Philipps gegen die Templer mag vor allem dadurch entfacht worden sein, dass Bonifaz die Privilegien des Ordens ausdrücklich bestätigte. Bedenkt man, dass vor allem finanzielle Motive den Konflikt mit Bonifaz entfachten, hält man sich weiterhin vor Augen, in welchem Maß Philipp lombardische Kaufleute und Juden in seinem Herrschaftsbereich diskriminierte, so kann es nicht verwundern, dass ihm der Reichtum des in einer Sinnkrise befindlichen Templerordens verlockend erscheinen musste. Auch unter Bonifaz' Nachfolger Benedikt XI. (1303-1304) änderte sich am Verhältnis zwischen Papst- und französischem Königtum grundsätzlich nichts. Er ,,konnte auf den Orden zählen, um den Angriffen der französischen Monarchie gegen den Heiligen Stuhl Paroli zu bieten. Die Haltung der französischen Komtureien dagegen war die Ausnahme von jener Regel, daß der Papst zu unterstützen war"83. Die gegen Nogaret verhängte Exkommunikation wurde unter Benedikt nicht aufgehoben. Das Verhältnis zwischen Templerorden und französischem Königtum wurde schließlich durch die so genannte ,,Schatzmeisteraffäre" auf eine harte Probe gestellt84. Der königliche Schatzmeister ­ ein Templer, was für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich war ­ soll Philipp dem Schönen ohne Einwilligung des Großmeisters Gelder des Ordens geliehen haben. Daraufhin zog Jacques de Molay seinen Ordensbruder zur Rechenschaft. Aus der Sicht Philipps dürfte es sich bei der Vorgehensweise des Großmeisters um eine gegen ihn gerichtete Provokation gehandelt haben.

12.6 Die Templerprozesse 12.6.1 Verfahrenseröffnung Im Jahr 1305 dürften erhebliche Weichenstellungen vorgenommen worden sein, die das endgültige Schicksal des Ordens besiegelten. Nach dem Tod Benedikts XI. wurde der französische Erzbischof Bertrand de Got zum Papst gewählt (Klemens V.). Dieser hatte als ,,Nichtkardinal" gar nicht an der Papstwahl teilgenommen und begab sich wegen der unsicheren Verhältnisse in Italien nicht nach Rom. Er blieb in Frankreich, um schließlich (erst) im Jahr 1309 die päpstliche Residenz in Avignon aufzuschlagen. Avignon befand sich damals zwar nicht im unmittelbaren französischen Herrschaftsbereich, doch befand sich Klemens damit weiterhin im Einflussbereich Philipps. Ein vom französischen Monarchen völlig unabhängiges Agieren war ihm von vorne herein nicht möglich. Er war eine Art Marionette des französischen Königs. 1305 war auch dasjenige Jahr, in dem die Gerüchte über den Templerorden immer stärker geäußert wurden. Ketzerei, Götzenkult und Sodomie waren die entscheidenden Tatbestände, deren sich die Templer schuldig gemacht haben sollen. Klemens dürfte sich zunächst geweigert haben, den Gerüchten irgendeinen Glauben zu schenken.

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Dem Vorwurf ist hier nicht näher nachzugehen. Tatsächlich hatte Bonifaz als Kardinal eine Statue von sich selbst anfertigen lassen, die in einer Kirche aufgestellt werden sollte, für die er in einem Schiedsprozess tätig geworden war. Demurger, Templer, 203. Siehe dazu Demurger, Der letzte Templer, 223 ff.

83 84

57 Zu Beginn des Jahres 1307 sammelten einige königliche Räte ­ darunter Nogaret ­ Belastungsmaterial gegen die Templer. Insbesondere wurden Belastungszeugen rekrutiert. Auf Seiten Philipps des Schönen dürfte bereits damals der Entschluss zur Auflösung des Ordens festgestanden sein. Im August 1307 machte der Papst dem König von der Anordnung einer kirchlichen Untersuchung gegen die Templer Mitteilung. Klemens, an dessen Kurie Templer tätig waren, die in der Folgezeit übrigens stets verschont bleiben sollten, und der seinerseits mit hochgestellten Templern verwandt war, dürfte von sich aus kein Interesse an einem Vorgehen gegen die Templer gehabt haben. Tatsächlich allerdings stellten ihn die vom französischen König eingeleiteten Schritte vor ein fait accompli: Um nicht das Gesicht zu verlieren, musste er formell um eine Wahrung des privilegium fori85 bemüht sein und selbst die entscheidende Initiative ergreifen. Das privilegium fori erstreckte sich nach kirchlicher Sicht nicht bloß auf Kleriker, sondern u.a. auf Ordensleute überhaupt. Der bemerkenswerteste gegen die Templer gerichtete Schritt fand im Morgengrauen des 13. Oktober 1307 statt. Es handelte sich um eine der außergewöhnlichsten Polizeiaktionen aller Zeiten. Philipp der Schöne hatte Kommissaren seines ganzen Herrschaftsbereichs versiegelte Briefe samt Begleitschreiben zukommen lassen. In letzteren wurden die Kommissare angewiesen, die Briefe erst in der Früh des 13. Oktober zu öffnen. So konnte in relativer Diskretion ein landesweites Agieren der königlichen Polizei in die Wege geleitet werden. Der Befehl der Verhaftung der Templer konnte auf diese Weise synchron umgesetzt werden. 550 Ordensbrüder wurden festgenommen, schätzungsweise 20 Templern gelang die Flucht. Die Durchführung der Polizeiaktion steht für die Effektivität der Staatsgewalt überhaupt. Rückblickend machte sich hier bemerkbar, dass man unter diesem Aspekt bereits an der Schwelle zur Neuzeit stand. Die Aktion des französischen Königs war offenbar durch den vorgenannten päpstlichen Schritt provoziert: Philipp wollte einen ,,rein" kirchlichen Prozess vermeiden, der zweifelsohne den rechtsstaatlichen Verfahrensgrundsätzen eher entsprochen hätte, als das Vorgehen der weltlichen Behörden.

12.6.2 Eine frühe Etappe des Wettlaufs zwischen Papst und König Das Vorgehen des Königs forderte seinerseits den Papst heraus. Klemens versuchte, das in Gang gekommene Verfahren öffentlich zu machen und dadurch die Kontrolle der Kirche wirksam zu machen. In einer Bulle vom 22. November 1307 verfügte er die Verhaftung aller Templer und die Unterstellung ihres Eigentums unter die Kirche. Obgleich es unter den europäischen Herrschern einige gab, die das Vorgehen Philipps II. kritisiert hatten, unterwarfen sie sich nun den päpstlichen Anordnungen. Relativ rasch ließ der englische König die Templer seines Herrschaftsbereichs verhaften, und dies, obgleich er kurz zuvor an Philipp dem Schönen Kritik geübt hatte. Auf der iberischen Halbinsel ließen sich vor allem Kastilien und Portugal mit den Verhaftungen Zeit. In Italien dürfte den meisten Templern ein Entkommen geglückt sein. Unterschiedlich verhielten sich die deutschen Landesherren. Keine Informationen gibt es über das Schicksal der Templer in Österreich, Polen und Ungarn. Auf Zypern lebten vergleichsweise viele Templer, die noch dazu gut bewaffnet waren, und so kam es dort erst sehr spät zu Verhaftungen. Die Leitung der Verhöre lag hauptsächlich in weltlichen, teils aber auch in kirchlichen Händen. Nachweislich wurde auch häufig die Folter angewandt. Selbst der

85

Siehe dazu oben 10.6.4.

58 Großmeister Jacques de Molay legt ein umfassendes Geständnis ab. Die teils zweifelsohne erzwungenen Geständnisse werden nun seitens der staatlichen Behörden verwertet. Die Anklagepunkte umfassen im Wesentlichen die schon genannten Delikte Ketzerei, Götzenkult und Sodomie. .) Im Zusammenhang mit dem Götzenkultvorwurf spielte das so genannte ,,Baphomet" eine wichtige Rolle. Dabei wurde eine alte Legende offensichtlich erst im Jahr 1307 mit den Templern in Verbindung gebracht. Beim Baphomet handelte es sich um den bärtigen Kopf eines Wesens, das im Zuge der Verhöre in verschiedenartiger Weise beschrieben wurde. Dies kann sich allenfalls auf die Statue des Hauptes Johannes' des Täufers betrachtet werden. Johannes der Täufer genoss bei den Templern hohe Verehrung. Andere brachten das Gebilde mit dem Haupt Mohammeds in Verbindung. Damit wären die Vorwürfe der BaphometVerehrung eindeutig mit Ketzerei und Götzenkult in Zusammenhang zu bringen. .) Konkret wurde den Templern auch vorgeworfen, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. Nach damaligem Verständnis stellte ein derartiges Vergehen, das mit Magie bzw. Hexerei in Zusammenhang stand, eine Spielart der Ketzerei dar. Dem Gedanken des Teufelspaktes kommt gerade im Kontext mit den Templerprozessen große rechtshistorische Bedeutung zu. Denn vor allem diese Geschehnisse trugen dazu bei, dass der ,,Teufelspakt" im Zusammenhang mit den Hexenprozessen der frühen Neuzeit schließlich als wesentliches Deliktsmerkmal für Hexerei bzw. Magie betrachtet wurde. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Teufelspaktgedanke erst im frühen 14. Jh. virulent geworden wäre. Bereits im Alten Testament wird der Teufel ­ ein abtrünniges Geschöpf Gottes ­ als Verführer der Menschen betrachtet. Im Neuen Testament ist vom Versuch des Teufels die Rede, sich Jesus als Objekt der Verehrung anzubieten (Markus 1,12-13; Matthäus 4,1-11; Lukas 4,1-13). Die Vertragsfähigkeit des Teufels ist hier insofern noch eingeschränkt, als er den Menschen nur das anbieten kann, was letztlich Gott selbst zur Verfügung stellt. Der Kirchenvater Augustinus (gest. 430) entwickelte schließlich die Dämonenbundtheorie. Demnach bedient sich jeder, der magische Handlungen ohne christlichen Hintergrund vornimmt, der Dämonen (diese werden von ihnen als die fortlebenden heidnischen Götter betrachtet). Im 13. Jh. wurde der Teufelspaktgedanke zunächst im Zuge der sogenannten ,,Kreuzzüge gegen die Stedinger Bauern" manifest. Ein sozialer Konflikt zwischen dem Erzbischof von Bremen und den Stedinger Bauern wurde im Jahr 1234 gewaltsam beendet. Der Teufelspaktgedanke kam hier insofern zum Durchbruch, als den Bauern vorgeworfen wurde, dem in Form eines Frosches oder Bockes auftretenden Teufel lehensrechtliche Gefolgschaftsdienste zu leisten. Thomas von Aquin (gest. 1274) baute den Teufelspaktgedanken aus: Der Teufelspakt besteht vor allem in der ausdrücklichen Abschwörung von Gott. Durch eine vereinbarte Zeichensprache wird der Mensch an den Teufel gebunden. Im Zuge der Templerprozesse wurde die Theorie vom Teufelspakt wiederholt angesprochen und dies in einer Intensität, dass der Teufelspaktgedanke von nun an rechtlich durchgehend bedeutsam blieb.

59 Auf dem Konzil von Basel (1431-1437) wurde der Teufelspakt dann ,,offiziell" in Verbindung mit dem Hexen- und Zaubereibegriff gebracht. Wie bereits erwähnt, wurde das Eingehen des Teufelspaktes in der frühen Neuzeit als eines von vier wesentlichen Tatbestandsmerkmalen des Hexereidelikts angesehen. .) Während der Prozesse wurde den Templern auch ein Naheverhältnis zu den Katharern vorgeworfen, was wiederum den Ketzereivorwurf nährte. Diese machten sich zu Beginn des 14. Jh. in Okzitanien in Form kleiner Gruppierungen erneut bemerkbar. Den ,,Ermittlern" fiel insofern eine Ähnlichkeit auf, als die Templer ­ wie die Katharer ­ als Erkennungszeichen Schnüre getragen haben sollen. Das reale Substrat dieser Anschuldigung wird wohl darin zu finden sein, dass zumindest in der Vergangenheit enge persönliche Beziehungen zwischen Katharern und Templern besonders im Bereich Okzitaniens anzutreffen waren. .) Darüber hinaus kommt nun zur Sprache, dass oftmals Laien sich priesterliche Amtsfunktion angemaßt und Ordensbrüder von ihren Sünden losgesprochen hätten. Auch dieser Vorwurf wäre mit Ketzerei in Zusammenhang zu bringen. .) Wie bereits erwähnt, bildeten die Aufnahmepraktiken in den Orden Anlass zu Verdacht. Nicht nur das angebliche Bespucken des Kreuzes, sondern auch die ins Treffen geführte Pflicht, den aufnehmenden Meister an anzüglicher Stelle küssen zu müssen, ist hier zu erwähnen. Erster Vorgang wäre nach damaligem Verständnis mit Ketzerei in Verbindung zu bringen, zweiter mit Sodomie. Darüber hinaus wurde den Templern die Errichtung einer Paralleljustiz vorgeworfen: Bei Geheimnisbruch (etwa Ausplaudern von Details der Ordensversammlungen) hätten die Templer zuweilen sogar die Todesstrafe über ihre Ordensbrüder verhängt. Heute lässt sich keineswegs mit Sicherheit sagen, inwieweit die Vorwürfe ein authentisches Substrat beinhalteten. Dass besonders das templerische Ordensleben dazu einladen konnte, homosexuell orientierten Männern eine Art Verwirklichung zu bieten, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Geheime Aufnahmerituale wird man nicht in Abrede stellen können. Dass dabei ,,Mutproben" wie Gotteslästerung von den Aufnahmewilligen zumindest gefordert ­ wenn nicht gar durchgeführt ­ wurden, kann nicht ausgeschlossen werden. Diesbezüglich ist etwa ein so anerkannter Experte wie Alain Demurger den Vorwürfen gegenüber relativ ,,aufgeschlossen". Der Deutung des Baphomet als Haupt Mohammeds könnte eine Offenheit zahlreicher Templer gegenüber islamischen Einflüssen zu Grunde liegen.

12.6.3 Das Rennen geht in die nächsten Runden Die weiteren Verfahrensschritte seien hier nur angedeutet. Die päpstliche Bulle vom 22. November 1307 stellte für Philipp zweifelsohne ein Hemmnis dar. Bitten des Papstes, die Gefangenen auszuliefern, wich er zunächst aus.

60 Der Großmeister und andere Würdenträger widerriefen bereits abgelegte Geständnisse und wiesen in diesem Zusammenhang darauf hin, aus Angst vor der Folter dazu genötigt worden zu sein. Daraufhin wies Klemens die in die Verfahren involvierten kirchlichen Behörden dazu an, diese auszusetzen. Philipp forderte nun die Pariser Universität Sorbonne zur Erstattung eines Gutachtens auf. Dabei sollte die Frage beantwortet werden, ob die weltliche Gewalt bei Offenkundigkeit derartiger Verbrechen, wie sie im Zuge der Verhöre zum Vorschein gekommen seien, allein gegen den Templerorden vorgehen durfte. Somit ging es um eine Durchbrechung des privilegium fori. Die Gutachtenserstatter der Pariser Universität dürfen keineswegs als abhängige Funktionäre des französischen Königs angesehen werden. Die Bedeutung von Universitäten für das Rechtsleben erweist sich schon daran, dass päpstliche Entscheidungen häufig erst dann Rechtskraft erlangten, wenn sie von den Universitäten kundgemacht worden waren. Die Universitäten waren zwar in ihrer Pflicht zur Kundmachung völlig gebunden, doch waren sie es, die den ,,konstitutiven" (rechtsgestaltenden) Akt der Kundmachung zu setzen hatten. Die Gutachtertätigkeit vor allem der Sorbonne hatte grundsätzlich eminent politische Bedeutung. Im Gefolge des 1378 ausbrechenden Papstschismas wird sich die Universität auf Anfrage des französischen Königs über die Rechtmäßigkeit der einzelnen Pontifikate aussprechen müssen, und hier, wie aber auch im Zuge der Templerprozesse des frühen 14. Jh. erweist sich die Unabhängigkeit der handelnden Akteure. Die Sorbonne verhält sich gegenüber den Avancen des Königs tendenziell ablehnend und bekräftigt, dass der Templerorden ein geistlicher Orden sei und daher der kirchlichen Gerichtsbarkeit unterstünde. Allerdings bestehe der starke Verdacht, dass alle Ordensmitglieder sich der Ketzerei bzw. der Anstiftung zur Ketzerei schuldig gemacht hätten. Der König allerdings fasst dies als Freibrief für weiteres Vorgehen gegen die Templer auf. In anonymen Briefen lässt er den Papst wegen dessen Saumseligkeit als Förderer der Ketzerei beschimpfen. Darüber hinaus beruft er abermals die Stände ein. Die im Zuge der ersten Ständeeinberufung gegen Bonifaz VIII. erhobenen Vorwürfe werden hier nahezu wortgleich wiederholt. In der Folgezeit werden die Stände übrigens regelmäßig einberufen werden. Auch hierin zeigt sich sehr deutlich, wie weit die Templerprozesse mit der Ausbildung des Staates im frühneuzeitlichen Sinn bereits in Zusammenhang stehen. Im Sommer 1308 schließlich wird ein Plan des Papstes betreffend die Einbindung kirchlicher Behörden in das Geschehen spruchreif. Diese sollen auf allen denkbaren Ebenen (Bischöfe gemeinsam mit Inquisitoren; Provinzialkonzilien; päpstliche Kommissare für jedes Land bzw. jede Region; allgemeines Konzil; päpstliche Gerichtsbarkeit über die höchsten Würdenträger des Ordens) einbezogen werden. Damit ist ein umfassendes kirchenprozessuales Vorgehen gegen den Orden und seine Mitglieder möglich. Der Plan wird umgesetzt. Im Mai 1310 wurde die Verbrennung von 54 Templern in Paris veranlasst. Diese hatten ihre ,,Verbrechen" gestanden, anschließend widerrufen und wurden nun als rückfällige

61 Ketzer behandelt. ,,Ketzerei" an sich zog nur in seltenen Fällen die Todesstrafe nach sich, doch ,,rückfällige Ketzer" konnten dieser Strafe kaum entrinnen. In diese Geschehnisse waren sowohl kirchliche als auch weltliche Behörden einbezogen. Mit Einverständnis des Königs berief nun Klemens für Mai 1311 ein Allgemeines Konzil nach Vienne. Dieses sollte sich vor allem der Behandlung der Templer widmen. Für März 1312 wurden abermals die Stände von Philipp einberufen. Als Reaktion darauf erlässt Klemens V. wenig später eine Bulle, durch die der Templerorden kraft ,,apostolischer Entscheidung" aufgehoben wird. Dieser kommt nicht der Charakter eines Urteils zu, das von den Templern allenfalls in juristischer Weise hinterfragt werden könnte. .) In der päpstlichen Entscheidung wurde ,,unschuldigen" Templern, aber auch jenen, die sich nach ihrem Geständnis mit der Kirche versöhnt hatten, eine Pension zugestanden. Grundsätzlich waren sie an ihre Ordensgelübde weiterhin gebunden. .) Leugner und jene, die ihr Geständnis widerrufen hatten, sollten mit größter Strenge gerichtet werden. .) Bezüglich der vier höchsten Würdenträger behielt sich der Papst die weitere Vorgangsweise vor. Er ernannte eine Kommission von drei Kardinälen, die die Würdenträger verhören sollte. Das Kardinalskollegium verurteilt die vier Würdenträger zu lebenslänglichem schweren Kerker. Zwei der vier Würdenträger ­ darunter der Großmeister ­ widerrufen ihre Geständnisse ausdrücklich bzw. wiederholen ihren früher getätigten Widerruf. Der König handelt unverzüglich und lässt die beiden Templer verbrennen.

12.7 Teilresümee: Die Templerprozesse und der Prozess spätmittelalterlicher Staatswerdung Zusammenfassend kann nochmals darauf hingewiesen werden, dass der Templerorden bzw. das Vorgehen gegen diesen in mehrerlei Hinsicht Einblick auf den Prozess spätmittelalterlicher Staatswerdung geben. Ein Prozess, der ­ wie ebenfalls angedeutet ­ in der frühen Neuzeit abgeschlossen ist. * Das mangelnde staatliche Substrat des Templerordens belegt die Bedeutung der Staatswerdung in dieser Zeit: Dem Deutschen Orden und den Johannitern, die beide über ein Territorium verfügten, blieb das Templerschicksal erspart. * Der Konflikt zwischen Philipp IV. und Bonifaz VIII. brachte den erstmaligen Zusammentritt der französischen Generalstände mit sich, wiederholt war das im Zusammenhang mit dem Vorgehen gegen die Templer der Fall. * Das rasche und simultane Vorgehen der königlichen Polizei im Zuge der Templerverhaftungen wirft Licht auf eine besonders akkordierte und wirksame Vorgehensweise, wie sie eigentlich nur im Kontext mit effektiver Staatsgewalt möglich ist.

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12.8 Die Templer sind mitten unter uns? Ist eine Person des öffentlichen Lebens in einer nicht restlos geklärten Weise verstorben und ist ihr Leichnam nicht mit völliger Sicherheit zu identifizieren, so wird es Zeit, die Gerüchteküche in Betrieb zu nehmen. Wo lebt heute der russische Zar Alexander I.? Und Friedrich Barbarossa, der das ,,Glück" hatte, auf dem Dritten Kreuzzug in einem reißenden Fluss zum letzten Mal gesehen worden zu sein und sich erst dadurch der Nachwelt ins Gedächtnis grub? Begeben wir uns doch in den Harz, klopfen am Kyffhäuser an und fragen ihn, ob wir ihn bei der Mittagsruhe gestört haben. (Den Nachmittagskaffee wird er uns nicht anbieten, da er diesen trotz hervorragender türkischer Ortskenntnisse möglicherweise noch nicht gekannt hat). Die Zahl derer, die kraft mangelnden Ablebens am Nordpol oder wo auch immer anzutreffen sind, könnte beliebig erweitert werden. Der Templerorden wurde zwar im Jahr 1312 aufgehoben, doch dass einzelne Reste diese Aufhebung überdauerten, ist nicht nur zu vermuten, sondern als erwiesen anzunehmen. Der kurze Zeit später in Portugal gegründete Christusorden rekrutierte sich im Wesentlichen aus ehemaligen Templern. Dasselbe war mit dem Orden von Montesa (ebenfalls iberische Halbinsel) der Fall. Und die Vermutung, der zufolge Templer an der Schlacht von Bannockburn im Jahr 1314 beteiligt waren und damit Schottland zu einer bis ins 16. Jh. hineinreichenden Unabhängigkeit verhalfen, mag ebenfalls eine ,,wahre Grundlage" haben. Die Templer Schottlands waren weit besser behandelt worden als ihre englischen Ordensbrüder. 1314: Ausgerechnet das Jahr, in dem Philipp der Schöne, Klemens V. und Guilleaume de Nogaret gestorben sind: Das kann doch kein Zufall sein. Und wenn es tatsächlich kein Zufall war, die ,,Vendetta" der ,,Ehemaligen" gewütet hat? Wenn der auf allzu natürliche Art und Weise erklärbare Reichtum der Templer bzw. deren Vermögen im Zuge der Templerprozesse nicht eingezogen werden konnte? Dann gibt es viele Mittel und Wege, dieses Vermögen zu horten. Das finanzielle Potential der Templer, in Verbindung mit ihren militärischen Kenntnissen, macht es durchaus plausibel, dass auch nach Auflösung des Ordens einzelne Aktivitäten möglich waren. Vermutungen über das Fortbestehen des Ordens sollten immer nur als solche geäußert werden. Die Suche nach Jahrhunderte währenden allfälligen Zusammenhängen ist durchaus legitim, sollte allerdings nicht unter großem Stress stattfinden (Gefahr des Bannockburn-outSyndroms!).

63 Doch all jene, die eine Kontinuität zu heute existierenden Organisationen zwanghaft konstruieren wollen, lässt der Elefant mit den roten Augen grüßen. Ein wenig amüsiert lächelt er vom Kirschbaum herunter.

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Da sich das Erscheinen der Unterlage über ,,Opus Dei" leider verzögert, wird diese nicht mehr zum Kolloquienstoff gehören. Sie können somit davon ausgehen, dass nur die vorliegenden Seiten ,,abgeprüft" werden. Wir weisen Sie darauf hin, dass die vorliegende Unterlage urheberrechtlich geschützt ist. Den ,,Gastvortragenden", Ass. Prof. Dr. Eva Synek und Dr. Helmut Reimitz, sei dafür gedankt, dass sie uns gestattet haben, ihr Handout bzw. ihr Manuskript in die Lehrveranstaltungsunterlage aufzunehmen. Darüber hinaus sei all jenen gedankt, die die Lehrveranstaltungsleiter beraten haben. Namentlich muss in diesem Zusammenhang Martin Kitzler-Kunze erwähnt werden, der im Kontext mit dem Vorlesungsstoff als der eigentliche ,,Erfinder" des Elefanten mit den roten Augen zu gelten hat. Nicht erst zu guter Letzt sei Ihnen für die Aufmerksamkeit gedankt, die Sie unseren Ausführungen, aber auch den Ausführungen der Gastvortragenden entgegengebracht haben. Frohe Weihnachten wünschen o. Prof. Potz und a.o. Prof. Schima! Wien, am 22. Dezember 2006

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13. Die Rechtsstellung des ,,Opus Dei" nach katholischem Kirchenrecht86

Eine der wesentlichsten Unterschiede zum Vorgängerwerk von Lincoln, Baigent und Leigh ist die Einbeziehung des Opus Dei als zentralen Faktor der von Dan Brown erfundenen Kriminalgeschichte87, wobei Opus Dei als aktueller Gegenspieler der Prieuré de Sion88 dargestellt wird. Das Opus Dei wurde 1928 von Josemaría Escriva de Balaguer y Albás gegründet. Als Ziel gilt die Bewusstmachung der gemeinsamen Berufung aller Getauften zur Nachfolge Christi durch das entsprechende gelebte Zeugnis im alltäglichen und vor allem auch beruflichen Leben. Von allem Anfang war die kirchenrechtliche Einordnung des ,,Werkes Gottes" ein Problem. 1941 wurde Opus Dei zunächst als pia unio89 konstituiert und nach der Erlassung der Apostolischen Konstitution Provida Mater Ecclesia über die Säkularinstitute Opus Dei am 16. Juni 1950 als Säkularinstitut anerkannt. C. 710 CIC90: ,,Ein Säkularinstitut ist ein Institut des geweihten Lebens, in welchem in der Welt lebende Gläubige nach Vollkommenheit der Liebe streben und sich bemühen, zur Heiligung der Welt, vor allem von innen her, beizutragen." D. h., die Mitglieder dieser Institute führen ein ,,geweihtes" ,,ordensähnliches" ­ Leben unter den gewöhnlichen Bedingungen in der Welt. ­ also

Säkularinstitute stellen ein typisches Phänomen des 20. Jh. dar, wenn es auch bereits zu Beginn der Neuzeit Versuche gab, derartige Gemeinschaften zu schaffen, die stärker noch als im Mittelalter entstandene Orden ,,unter die Menschen gehen und an deren alltäglichem Leben teilnehmen sollten". Überhaupt ist das Entstehen von spezifischen Vereinigungen mit besonderen Charismen und Aufgaben in der Geschichte der Kirche von hoher ideen- und sozialgeschichtlicher Signifikanz. Dabei zieht sich die Frage der bischöflichen Aufsicht über die unterschiedlichen Formen von Vereinigungen wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kirche.

86

Auf die unterschiedlichen Sichtweisen bezüglich ,,Opus Dei" über die eigentlich kirchenrechtlichen Fragestellungen hinaus wird in der Diskussion vom 18. Januar 2007 eingegangen. Weiterführende Literatur unter http://de.wikipedia.org/wiki/Opus_Dei .

87 88

Siehe oben 2. Zur Prieuré de Sion siehe oben 2. und 11. Was hier als prieuré bezeichnet wird, wäre kirchenrechtlich eine Bruderschaft. Bruderschaften haben als körperschaftlich organisierte juristische Personen eine große Tradition, die seit dem Mittelalter ausgehend vom zentralen Zweck der Förderung des öffentlichen Kultes eine Vielfalt weiterer gesellschaftlicher Funktionen (Berufsverbände, Sozialbereich, Gesundheitswesen, Bildungswesen) übernommen haben. Die Prieuré de Sion hat tatsächlich kurz als rechtsgerichtete Vereinigung mit einer katholischtraditionalistischen Ausrichtung in Frankreich existiert. Als Verein wurde sie 1956 gegründet und 1984 aufgelöst. Der Mentor der Bruderschaft war Pierre Plantard, der Verfasser der Dossiers Secrets. 89 Piae uniones waren fromme Vereinigungen gemäß c. 709 ff CIC 1917. Der CIC, der ein ausgebautes Vereinsrecht aufweist, kennt diesen Begriff nicht mehr. Zu den Abk. c. und CIC siehe gleich die folgende Anm. 90 C. steht für Canon. Beim CIC handelt es sich um den Codex iuris canonici von 1983 (geltendes Gesetzbuch für die lateinische Kirche).

65

Das Entstehen des abendländischen Mönchswesens (Benediktiner) ist ebenso eine spezifische Antwort auf die besonderen Bedingungen der Spätantike wie im Mittelalter die Entstehung von Reformorden (z.B. die Zisterzienser), von Orden in den Städten (v.a. die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner) und der Ritterorden im Umfeld der Kreuzzüge. Zu Beginn der Neuzeit widmen sich die Jesuiten der Durchsetzung der päpstlichen Ansprüche und der Gegenreformation, andere Ordensneugründungen im Laufe der Neuzeit wenden sich dem Schulwesen, der Caritas und der weltweiten Mission zu. Im 20. Jh. war es das Ziel der meisten Neugründungen von Vereinigungen in der Kirche ein Leben in der Moderne mit christlichem Ethos zu verbinden. Im Allgemeinen gilt, dass sich alle diese Vereinigungen in ihrer Entwicklung immer mehr dem Grundtypus von Ordensgemeinschaften angenähert haben. Auch das Opus Dei stellt zweifellos eine jener besonderen Vereinigungen in der Katholischen Kirche dar, wie sie in der 1. Hälfte des 20. Jh. in verschiedenen Formen entstanden sind. Es zeigte sich jedoch, dass sich das Opus Dei insofern nur schwer in ordensähnliche Konzepte ­ wie sie auch den Säkularinstituten zu Grunde liegen ­ einordnen lässt, als es eine laikal-welthafte Spiritualität ohne Verpflichtung zur Einhaltung der evangelischen Räte vertritt. Aufgrund dieser Schwierigkeiten wurde Opus Dei durch die Apostolische Konstitution Ut sit vom 28. 11. 1982 ­ also noch vor Promulgation des Codex Iuris Canonici 1983 ­ von Papst Johannes Paul II. schließlich als Personalprälatur (der genaue Titel lautet: Praelatura personalis Sanctae Crucis et Operis Dei) errichtet. Personalprälaturen sind eine ,,Erfindung" des 2. Vatikanischen Konzils und waren in den Konzilstexten zunächst als klerikale Verbände von Weltgeistlichen zum Zwecke einer besseren Verteilung von Priestern in der Weltkirche gedacht, unter Wahrung der Rechte der Ortsordinarien. Eine erste rechtliche Ausgestaltung erfuhren die Personalprälaturen durch das Motu-proprio Ecclesiae Sanctae vom 6. August 1966. Im Sinne dieser Regelungen charakterisierte der führende deutsche Kanonist der Konzilszeit Klaus Mörsdorf die Personalprälaturen folgendermaßen: ,,Um einen beweglicheren Einsatz von Weltgeistlichen zu ermöglichen, ist die Errichtung von Prälaturen vorgesehen, die aus Weltgeistlichen bestehen und dazu bestimmt sind, Priester zur Durchführung außerordentlicher pastoraler und missionarischer Aufgaben für verschiedene Gebiete oder Gesellschaftsgruppen, die einer besonderen Hilfe bedürfen vorzubereiten und zu entsenden. Prälaturen dieser Art sind keine Teilkirchen, sondern weltgeistliche Heimatverbände mit besonderen Aufgaben und haben, abgesehen von ihrem weltgeistlichen Charakter, eine gewisse Ähnlichkeit mit zentralistisch organisierten klösterlichen Verbänden. Die Prälatur hat eigene Satzungen, eine eigenen Oberhirten und bildet für ihre Mitglieder den geistlichen Heimatverband."91 Der Grundgedanke war also, dass man um spezifische Verbände von Weltgeistlichen zu ermöglichen, nicht mehr auf Verbandsformen des Ordensrechtes zurückgreifen brauchte, sondern eine neue Verbandsstruktur zur Verfügung hatte.

91

K. Mörsdorf, Einleitung und Kommentar zum Dekret des II. Vatikanums Christus Dominus, in LThK, Das Zweite Vatikanische Konzil II, Freiburg i. Br. 1967, 128-247 (156 f.).

66 Im Zuge der Kodifikationsarbeiten zum CIC gab es eine Reihe von Vorschlägen zur systematischen Einordnung; schließlich landeten die nur vier Kanones (294 bis 297), die sich mit den Personalprälaturen befassen in Buch II Teil I ,,Die Gläubigen", vor dem sich mit dem katholischen Vereinsrecht befassenden Titel. C. 294 gibt im Wesentlichen den ursprünglichen, der Entstehung der Personalprälaturen zu Grunde liegenden Gedanken wieder, wenn es heißt: ,,Um eine angemessene Verteilung der Priester zu fördern oder um besondere seelsorgliche oder missionarische Werke für verschiedene Gebiete oder unterschiedliche soziale Schichten zu verwirklichen, können vom Apostolischen Stuhl nach Anhören der betreffenden Bischofskonferenzen Personalprälaturen errichtet werden, die aus Priestern und Diakonen des Weltklerus bestehen." C. 295 § 1 betont das verfassungsrechtlich-hierarchische Element der Personalprälatur. Sie hat keine Statutenautonomie, sondern wird nach den vom Papst erlassenen Statuten geleitet. Der Prälat steht als eigener Personalordinarius an der Spitze. Er hat das Recht, nationale oder internationale Seminare zu errichten und Alumnen zu inkardinieren und sie auf den Titel des Dienstes für die Prälatur zu den Weihen zu führen. Gemäß C. 296 können aufgrund von mit der Prälatur getroffenen Vereinbarungen Laien sich apostolischen Werken der Personalprälatur widmen; die Art dieser organischen Zusammenarbeit und die hauptsächlichen Pflichten und Rechte, die damit verbunden sind, sind in den Statuten in angemessener Weise festzulegen. Can. 297 regelt ein klassisches Problem des kirchlichen Verfassungsrechts, nämlich das Verhältnis zwischen der ordentlichen territorialen Kirchenverfassung ­ im Regelfall Diözesen ­ zu den unterschiedlichen personalen Strukturen der Kirche. Die Statuten haben das Verhältnis der Personalprälatur zu den Ortsordinarien zu bestimmen, in deren Teilkirchen die Prälatur ihre seelsorglichen oder missionarischen Werke nach vorausgehender Zustimmung des Diözesanbischofs ausübt oder auszuüben beabsichtigt. Die Systematik legt eine verbandsrechtliche Einordnung nahe. Das führende Handbuch des katholischen Kirchenrechts in deutscher Sprache ordnet die Personalprälaturen dementsprechend unter die ,,Verbände mit besonderer apostolischer Zielsetzung" ein.92 Im Kern sind Personalprälaturen wohl als dezidiert nicht ordensrechtlich konzipierte Verbände zu sehen. Analog zu ordensrechtlichen Verbänden reicherte der Gesetzgeber die Personalprälatur mit verfassungsrechtlich-hierarchischen Elementen an. Es steht außer Zweifel, dass die konkrete Ausgestaltung des Rechts der Personalprälaturen stark durch die mit dem Opus Dei verbundenen Polarisierungen auch innerhalb der katholischen Kanonistik verbunden war. Tatsächlich ist die systematische Einordnung des Opus Dei als Personalprälatur nicht unumstritten. So können Laien gemäß c. 296 mit der Personalprälatur zwar zusammenarbeiten, jedoch nicht Mitglieder sein. Diese Bestimmung steht in einem deutlichen Widerspruch zum Selbstverständnis des Opus Dei als einer Laien-Bewegung mit dem Ziel, allen Getauften die gemeinsame Berufung zur Heiligung von Beruf und Alltag bewusst werden zu lassen. Insoweit findet sich im Schrifttum immer wieder der Hinweis, dass das Opus Dei stark von den im CIC vorgesehenen Strukturen einer Personalprälatur abwiche. Es wird auch die Gefahr gesehen, dass sich die Kirche an Stelle ihrer territorialen, alle gesellschaftlichen Gruppen von Gläubigen am Ort

92

H. Schmitz, Die Personalprälaturen, in: Ders. & J. Listl (Hrsg.), Handbuch des katholischen Kirchenrechts, Regensburg 21999, 650-655.

67 zusammenfassenden Verfassungsstruktur immer stärker in nebeneinander bestehende Personalverbände desintegriert.

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