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Hessisches Kultusministerium

Landesabitur 2007

Beispielaufgaben 2005

Hessisches Kultusministerium

Landesabitur 2007 Beispielaufgaben

Geschichte

Grundkurs Beispielaufgabe A 1

Auswahlverfahren:

Die Prüfungsteilnehmerin / der Prüfungsteilnehmer wählt unter zwei Vorschlägen einen zur Bearbeitung aus.

Einlese- und Auswahlzeit: Bearbeitungszeit:

30 Minuten 180 Minuten

Erlaubte Hilfsmittel: Sonstige Hinweise:

Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung keine

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Landesabitur 2007 Beispielaufgaben

2005_GE-GK_A 1

I. Thema und Aufgabenstellung Probleme der deutschen Weltpolitik

Aufgaben

1.

Zeigen Sie auf, zu welchen Ergebnissen Riezler bei seiner Analyse der politischen Lage des Deutschen Reiches vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges kommt und welche Konsequenzen er daraus zieht. (25 BE) Untersuchen Sie, inwieweit sich bei Riezler die Entwicklung der deutschen Außenpolitik in den beiden Phasen 1871-1890 und 1890-1914 spiegelt. Erläutern Sie hierzu die wichtigsten Tendenzen und Probleme der deutschen Außenpolitik, soweit sie in der Quelle angesprochen werden. (45 BE) Nehmen Sie Stellung zu der These, die Außenpolitik des Deutschen Reiches zwischen 1890 und 1918 einerseits und die Außenpolitik des Nationalsozialismus andererseits hätten bedeutende Gemeinsamkeiten aufgewiesen. (30 BE)

2.

3.

Hinweis: Kurt Riezler (1882-1955) war ein Berater und enger Vertrauter des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Das Buch, aus dem der Textauszug stammt, wurde 1913/14 vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges geschrieben. Die Rechtschreibung entspricht der des Originals.

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Material Auszug aus: Kurt Riezler, Grundzüge der Weltpolitik der Gegenwart (1914) Die Geschichte der nationalen Empfindung verläuft parallel dieser wirtschaftlichen Entwicklung. Die Einigung Deutschlands war auf der einen Seite ein Abschluß der nationalen Entwicklung, eine Erfüllung der nationalen Wünsche. Sie war auf der anderen Seite der Beginn einer neuen Entwicklung, der Keim neuer, weitergehender Wünsche. [...] Die Ansprüche des deutschen Volkes auf Macht und Geltung, nicht nur in Europa, sondern rings um die Erde, sind schnell gestiegen. [...] Die Flottenpolitik insbesondere ist getragen von einer gefühlsmäßigen Popularität, vor deren suggestiven Kraft sich mit der Zeit auch diejenigen Politiker, die aus taktischen Erwägungen die politische Nützlichkeit eines großen Flottenbaus bezweifelt haben, beugen mußten. Diese Entwicklung der wirtschaftlichen Interessen und der weltpolitischen Empfindungen auf der einen Seite, die Konsequenzen der kontinentalen Situation des Deutschen Reiches auf der anderen Seite begründen die Eigenart der politischen Lage des modernen Deutschlands. Deutschland ist ringsum eingeschlossen von Ländern einer entwickelten und alten staatlichen Kultur. Es grenzt an kein Gebiet möglicher kolonialer Expansion. Es liegt in der Mitte der Großmächte. Kein anderer Staat ist in der gleichen Lage. Alle seine Nachbarn haben ein mögliches Expansionsgebiet vor der Türe. Rußland hat Asien, Österreich-Ungarn den Balkan, Frankreich und Italien die afrikanische Nordküste, das meerumflossene England die Welt. Alle diese Staaten haben mehr oder weniger nur eine Seite zu verteidigen und die andere frei. Das in der Mitte Europas gelegene Deutschland ist von der politischen Konstellation Europas abhängiger als seine Nachbarn. Es ist schwerer gegen feindliche Bündnisse zu sichern und bedarf zu solcher Sicherung einen größeren Aufwand an diplomatischen oder militärischen Machtmitteln. Auf der Erkenntnis dieser Lage beruht die Politik Bismarcks, die, im wesentlichen Kontinentalpolitik, den Notwendigkeiten dieser Kontinentalpolitik die Wünschbarkeit der Weltpolitik unterordnete. [...] In diesem Zusammenhang zwischen Weltpolitik und Kontinentalpolitik liegt, wenn man so will, der Circulus vitiosus1 der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches. Weltpolitische Unternehmungen haben Rückwirkungen auf die Kontinentalpolitik, unter deren Einfluß das Deutsche Reich sich weltpolitisch beschränken muß. Weltpolitik indes muß getrieben werden. Die wirtschaftliche Expansion und der Lebenswille des Volkes drängen hinaus. Die deutsche Politik muß dem Circulus vitiosus entrinnen. Sie kann nicht für reine Kontinentalpolitik optieren. Die Aufgabe, die diese Situation stellt, ist das eigentliche Problem der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches. Alles, was geschieht, läßt sich als Versuch ihrer Lösung auffassen. Es ist klar, daß die weltpolitische Bewegungsfreiheit des Deutschen Reiches desto größer ist, je unabhängiger von der Konstellation der Mächte seine kontinentale Stellung ist. Daher gilt es zunächst, das Deutsche Reich von dem ,Cauchemar des coalitions'2 zu befreien, der Bismarck bedrückte. Daher ist das erste Erfordernis der deutschen Weltpolitik, daß Deutschland auf dem Kontinent so stark ist, daß jeder möglichen Konstellation gegenüber die Chancen des Sieges auf seiner Seite sind. Nur dann wird es bei weltpolitischen Unternehmungen die Rückwirkungen auf die kontinentale Konstellation auf sich nehmen können. Ja, diese Rückwirkungen werden ausbleiben, sobald man sieht, daß

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(lat.) Teufelskreis (franz.) Alptraum feindlicher Koalitionen

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Deutschland mit Aussicht auf Erfolg auch durch den Zusammenschluß seiner weltpolitischen Gegner nicht angreifbar ist. Die Entscheidung über die deutsche Weltpolitik fällt auf dem Kontinent. Die deutsche öffentliche Meinung hat diesen Zusammenhang zwischen der militärischen Stellung Deutschlands auf dem Kontinent und seiner weltpolitischen Bewegungsfreiheit noch nicht begriffen. Ihr scheint die Flotte das erste Instrument der Weltpolitik. Und gerade weil die politische Sehnsucht der Nation weltpolitisch gerichtet ist, ist die Flotte in dem heutigen Deutschland populärer als das Heer. [...] So wichtig die Flotte für den realen Schutz der Interessen über See [...] ist, das Heer ist noch wichtiger.

J. J. RUEDORFFER [= Pseudonym für Kurt Riezler]: Grundzüge der Weltpolitik der Gegenwart. Stuttgart/Berlin 1914, S. 102­107.

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Korrektur- und Bewertungshinweise - nicht für den Prüfungsteilnehmer bestimmt II. Erläuterungen

Thema: Probleme der deutschen Weltpolitik

Aufgabenart: Problemerörterung auf der Grundlage von Material (562 Wörter) Voraussetzungen gemäß Lehrplan: Politische Revolutionen in Europa und ihre Folgen; Der Imperialismus und seine Folgen (12 I); Außenpolitik der Weimarer Republik versus nationalsozialistische Außenpolitik und Zweiter Weltkrieg (12 II) Prüfungsdidaktischer Schwerpunkt: Grundlinien der Außenpolitik Bismarcks; Der Imperialismus und seine Folgen

III. Lösungshinweise

Die Beschreibung der erwarteten Schülerleistung lässt Inhalt, Umfang, Art und Niveau der Beantwortung erkennen, ohne den Anspruch zu erheben, die einzig mögliche Lösung zu sein. Bei der Leistungsbewertung ist außer den Anforderungsbereichen die Intensität der Bearbeitung der Prüfungsaufgabe zu berücksichtigen. Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich auf das Aufzeigen von Grundlinien und Schwerpunkten, die von den Prüflingen bei der Bearbeitung der Aufgaben berücksichtigt werden sollten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Insbesondere bei Aufgabe 3 kann die Bewertung durchaus unterschiedlich ausfallen, je nach dem, mit welchen Fakten der Prüfling wie argumentiert. Teilaufgabe 1: ,,Weltpolitik" nur dann möglich, wenn die machtpolitische Position Deutschlands auf dem europäischen Kontinent gesichert ist Folge: Heer noch wichtiger für den Schutz der deutschen überseeischen Interessen als die Flotte; nur starkes Heer garantiere Deutschlands ,,weltpolitische Bewegungsfreiheit" Deutschland fehle ,,ein mögliches Expansionsgebiet vor der Türe", sei von Großmächten umgeben und nur schwer gegen feindliche Bündnisse zu sichern Folge: abhängiger ,,von der politischen Konstellation Europas" als andere Staaten dennoch: Expansion nötig wegen der ,,Ansprüche des deutschen Volkes auf Macht und Geltung" und ökonomischer Erfordernisse Konsequenz: Stärkung der deutschen Kontinentalposition als Voraussetzung künftiger ,,Weltpolitik" dieser Zusammenhang von ,,deutscher öffentlicher Meinung" noch nicht erkannt Teilaufgabe 2: In der Quelle werden die folgenden drei außenpolitischen Problemzusammenhänge angesprochen: a) Bismarck betreibt hauptsächlich Kontinentalpolitik: Bündnissystem zur Isolierung Frankreichs (Zweibund, Dreibund, Rückversicherungsvertrag) Koloniales Ausgreifen als temporäre Abweichung von der kontinentalen Schwerpunktsetzung

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b) Unter Wilhelm II. Popularität der Flottenpolitik, weltpolitische ,,Sehnsucht der Nation": Verstärkung des kolonialen und maritimen Engagements des Deutschen Reiches (Suche nach neuen Einflusszonen (z. B. China, Vorderasien und Marokko); Flottenrüstung und Konflikte mit der Seemacht England) Stützung der deutschen Weltpolitik (,,Platz an der Sonne") durch große Teile der Öffentlichkeit und einflussreiche ,,nationale Verbände" c) Deutschland liegt ,,in der Mitte der Großmächte": Verschlechterung der machtpolitischen Position des Deutschen Reiches in Europa: (1904) Kolonialpolitischer Ausgleich zwischen Frankreich und Großbritannien und wachsende diplomatische und militärische Kooperation zwischen beiden Ländern, (1907) kolonialpolitischer Ausgleich zwischen Russland und Großbritannien, (1907) Allianz zwischen Russland und Frankreich. Als einziger Bundesgenosse bleibt das schwache Österreich-Ungarn mit seinen wachsenden Nationalitätenkonflikten (Einkreisungs-/Auskreisungsproblematik). Mögliche Ausweitung durch Prüflinge: Wie von Riezler angedacht, ist ein Ziel der deutschen Regierung in der Julikrise, die kontinentale Position des Deutschen Reiches zu verstärken, sei es durch diplomatische Mittel (Sprengung der Entente) oder durch militärische Mittel (Niederwerfung Frankreichs und Russlands). Teilaufgabe 3: Zum Erreichen der vollen Punktzahl ist es nicht notwendig, dass alle im folgenden aufgeführten Aspekte genannt werden. Entscheidend ist vielmehr, dass die Prüflinge wichtige Aspekte der Kontinuität und Diskontinuität herausarbeiten, diese vergleichend abwägen und ein eigenständiges, begründetes Urteil formulieren. Für einen deutlichen Bruch zwischen der Außenpolitik des Kaiserreiches und derjenigen des ,,Dritten Reiches" sprechen die folgenden Punkte: a) Vor 1914: Bereitschaft zum Krieg, seit 1933: unbedingter Wille zum Krieg b) Vor 1914: maritim und kolonial orientierte ,,Weltpolitik", seit 1933 weit ausgreifende Kontinentalexpansion (mit Weltherrschaftsanspruch) c) Seit 1933: Zentraler Stellenwert des Antisemitismus und des Rassismus auch für die Außenpolitik d) Seit 1933: Antikommunismus als ein Faktor der nationalsozialistischen Außenpolitik. Argumente, die für eine stärkere Kontinuität sprechen: a) Hitlers ,,Lebensraumpolitik" als radikalisierte Neuauflage der Kriegsziele des Ersten Weltkrieges (z.B. ,,Septemberprogramm" 1914; Brest-Litowsk, 1918) b) Anknüpfen des NS-Rassismus an Denkweisen und Methoden des Kolonialismus. c) ,,Mittellage Deutschlands" ­ Problem des Zweifrontenkrieges d) Einfluss der wilhelminischen Eliten aus Militär, Bürokratie und Wirtschaft auf die nationalsozialistische Außenpolitik Mögliches Fazit: Trotz mancher Ähnlichkeiten hebt sich die NS-Außenpolitik durch ihre Radikalität und völkermörderische Gewaltbereitschaft deutlich von der offiziellen deutschen Außenpolitik bis 1914 ab. Es gibt allerdings beträchtliche Überschneidungen mit einzelnen Aspekten der Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg und vor allem mit den außenpolitischen Vorstellungen der ,,nationalen Opposition" vor und nach 1914 (Alldeutscher Verband, Vaterlandspartei).

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IV. Bewertung und Beurteilung

BE pro Teilaufgabe AFB I AFB II AFB III Aufgabe 1 Aufgabe 2 Aufgabe 3 25 BE 45 BE 30 BE 100 BE 20 BE 5 BE 5 BE 5 BE 30 BE 15 BE 10 BE 10 BE 20 BE

30 BE 50 BE

Beschreibung der Leistungen für 11 Punkte und 05 Punkte Die Leistung gilt als gut (11 Punkte), wenn die Prüflinge die Argumentation Riezlers sachgerecht, sprachlich differenziert und strukturiert darstellen. die wesentliche Unterscheidung zwischen Bismarcks Außenpolitik und der wilhelminischen Außenpolitik treffen und unter Quellenbezug an ausgewählten Beispielen verdeutlichen. die vorgegebene These erfassen, Argumente abwägen und zu einem eigenen begründeten Urteil gelangen. Die Leistung gilt als ausreichend (05 Punkte), wenn die Prüflinge die Grundzüge der Argumentation Riezlers darstellen. die Unterschiede zwischen Bismarcks Außenpolitik und wilhelminischer Außenpolitik in den Grundzügen auf die Quelle bezogen beschreiben. die vorgegebene These im Kern erfassen und die Frage der Kontinuität und Diskontinuität der Außenpolitik ansatzweise erörtern.

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Geschichte

Grundkurs Beispielaufgabe A 2

Auswahlverfahren:

Die Prüfungsteilnehmerin / der Prüfungsteilnehmer wählt unter zwei Vorschlägen einen zur Bearbeitung aus.

Einlese- und Auswahlzeit: Bearbeitungszeit:

30 Minuten 180 Minuten

Erlaubte Hilfsmittel: Sonstige Hinweise:

Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung keine

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I. Thema und Aufgabenstellung One World-Konzept

Aufgaben

1.

Beschreiben Sie die zentralen Ziele, die Willkie 1943 ­ stellvertretend für die offizielle amerikanische Politik ­ formuliert. (20 BE) Erläutern Sie die Ausführungen Willkies vor dem Hintergrund der Anti-HitlerKoalition und der Entstehung des Ost-West-Konflikts zwischen 1941 und 1949. Berücksichtigen Sie dabei auch die Entwicklung in Deutschland. (45 BE) Vergleichen Sie die Außenpolitik der USA nach 1945 mit der in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Aspekt der Friedenssicherung in Europa. (35 BE)

2.

3.

Hinweis: Wendell L. Willkie, der republikanische Gegenkandidat von F.D. Roosevelt in der Präsidentschaftswahl von 1940, unternahm im Spätsommer 1942 eine politische Weltreise. In Absprache mit dem Präsidenten traf er sich mit den führenden Politikern seiner Zeit und veröffentlichte im Jahre 1943 seine Ergebnisse und Vorschläge. Das Buch wurde zum Bestseller ­ eine Million verkaufte Exemplare innerhalb von sieben Wochen.

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Material Wendell L. Willkie, Die ,,Eine Welt" (1943) Wir brauchen Russland nicht zu fürchten. Wir müssen lernen, vereint gegen unseren gemeinsamen Feind, Hitler, zu kämpfen. Wir müssen lernen, vereint mit Russland in der Nachkriegswelt zusammenzuarbeiten. Denn Russland ist ein dynamisches Land, eine vitale neue Gesellschaft, eine Kraft, die in der Welt der Zukunft nicht übergangen werden kann. [...]

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Die Erklärung von Herrn Stalin1 und die Atlantik-Charta scheinen mir einer gemeinsamen Fehleinschätzung zu unterliegen. Sie gehen von der Wiedererrichtung Westeuropas in seiner alten Aufteilung in Kleinstaaten aus. Jeder Staat mit seiner eigenen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Souveränität. Aber es war gerade dieses veraltete System, das Millionen in Europa in die Arme von Hitlers Entwurf einer neuen Ordnung trieb. Selbst angesichts Hitlers Tyrannei hatten sie die Hoffnung auf die Errichtung eines so großen Territoriums, dass in ihm die moderne Wirtschaft erfolgreich funktionieren könne. Durch schmerzliche Erfahrungen mussten sie einsehen, dass viele kleine durch Handelshemmnisse abgeschottete und den Einflüssen der Machtpolitik unterworfene nationale Märkte unweigerlich zu Krieg und Armut führten. Die Wiederherstellung der kleinen europäischen Staaten als politische Einheiten: ja; ihre Wiederherstellung als wirtschaftliche und militärische Gebilde: nein ­ falls wir wirklich hoffen, Westeuropa Stabilität zu bringen, sowohl zu seinem eigenen Nutzen, als auch für den Frieden und die ökonomische Sicherheit der Welt. [...] Falls unser Rückzug aus der Weltpolitik nach dem letzten Krieg tatsächlich mit zu dem jetzigen Krieg und der wirtschaftlichen Instabilität der vergangenen Jahre beigetragen hat - und dies scheint ganz offensichtlich ­ , dann wäre ein Zurückweichen vor den Problemen und der Verantwortung in dieser Nachkriegswelt verhängnisvoll. Noch nicht einmal unsere relative geographische Isolation besteht noch. [...] Amerika muss sich für die Zeit nach dem Krieg für eine von drei Alternativen entscheiden: Ein eng definierter Nationalismus, der unvermeidlich letzten Endes zum Verlust unserer eigenen Freiheit führen würde; ein internationaler Imperialismus, der für andere Nationen bedeuten würde, ihre eigene Freiheit zu opfern; oder die Schaffung einer Welt, in der für jede Rasse und jede Nation Chancengleichheit bestehen wird. Ich bin überzeugt davon, dass das amerikanische Volk sich mit überwältigender Mehrheit für die letzte dieser Möglichkeiten entscheiden wird. Um diese Entscheidung umzusetzen müssen wir nicht nur den Krieg gewinnen, sondern auch den Frieden - und wir müssen jetzt damit beginnen. Um den Frieden zu gewinnen erscheinen uns drei Dinge notwendig: Erstens, wir müssen den Frieden auf einer weltweiten Grundlage planen. Zweitens, die Welt muss frei sein, politisch und wirtschaftlich, um den Frieden zu ermöglichen. Drittens, Amerika muss eine aktive und konstruktive Rolle bei der Befreiung der Welt und der Erhaltung des Friedens übernehmen. [...]

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Erklärung zu den russischen Kriegszielen, vom 6.11.1942; sie betont die ,,Befreiung von versklavten Nationen und die Wiederherstellung ihrer souveränen Rechte" und ,,das Recht aller Nationen, ihre Angelegenheiten nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten".

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Durch bloße Absichtserklärungen unserer politischen Führer, wie z.B. in der Atlantik-Charta, kann dies nicht erreicht werden. Die Verwirklichung einer solchen Politik hängt primär von ihrer Akzeptanz durch die Völker der Welt ab. Denn wenn das Scheitern einer internationalen Verständigung nach dem letzten Krieg uns etwas gelehrt hat, dann ist es dies: Selbst wenn Kriegsführer sich während der Kriegshandlungen scheinbar auf allgemeine Prinzipien und Slogans geeinigt haben, so interpretieren sie ihre früheren Erklärungen doch ganz anders, sobald sie am Verhandlungstisch sitzen. Die Völker der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Russlands und Chinas und der anderen Vereinten Nationen2 müssen sich grundsätzlich über ihre Absichten und Ziele einig sein. Sonst werden die so schönen und idealistischen Hoffnungen, wie sie z.B. in der Atlantik-Charta zum Ausdruck gebracht werden, das klägliche Schicksal von Mr. Wilsons 'Vierzehn Punkten' erleiden. Die 'Vier Freiheiten'3 können nicht erreicht werden durch Deklarationen jener, die momentan an der Macht sind. Sie werden nur verwirklicht, wenn die Völker der Welt sie in die Tat umsetzen. Wirtschaftliche Freiheit ist ebenso wichtig wie politische Freiheit. Die Menschen müssen nicht nur Zugang zu dem haben, was andere Völker produzieren, sondern ihre eigenen Produkte müssen eine Chance haben, die Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Es wird keinen Frieden geben, keine wirkliche Entwicklung, keine wirtschaftliche Stabilität, wenn wir nicht einen Weg finden, die unnötigen Handelsbarrieren niederzureißen, die den Warenstrom behindern. [...]

Wendell L. Willkie: 'One World' (1943), in: Daniel J. Boorstin (ed.): An American Primer, The University of Chicago Press, Chicago 1966, pp. 877-880, Übers. v. B. Obermann und R. D. Thei

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Bezeichnung für die Anti-Hitler-Koalition Präsident Franklin D. Roosevelt stellte im Januar 1941 in seiner Jahresbotschaft an den Kongress als Hauptziele seiner Politik die Doktrin der vier fundamentalen Freiheiten überall in der Welt auf: Freiheit der Meinungsäußerung, Freiheit der Religionsausübung, Freiheit von materieller Not, Freiheit von Furcht.

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Korrektur- und Bewertungshinweise - nicht für den Prüfungsteilnehmer bestimmt II. Erläuterungen

Thema: One World-Konzept Aufgabenart: Problemerörterung auf der Grundlage von Material Voraussetzungen gemäß Lehrplan Weimarer Demokratie versus nationalsozialistischer Führerstaat; Modernisierung des Kapitalismus versus Wirtschafts- und Sozialpolitik des Nationalsozialismus; Außenpolitik der Weimarer Republik versus nationalsozialistische Außenpolitik und Zweiter Weltkrieg (12 II); Die weltpolitische Ebene: von der Bipolarität zur Multipolarität(13 I); Die europäische Ebene: Integration und neue Nationalismen; Die deutsche Ebene: Teilung und Einheit (13 I) Prüfungsdidaktischer Schwerpunkt: Interessen und Strategien der USA

III. Lösungshinweise:

Die Beschreibung der erwarteten Schülerleistung lässt Inhalt, Umfang, Art und Niveau der Beantwortung erkennen, ohne den Anspruch zu erheben, die einzig mögliche Lösung zu sein. Bei der Leistungsbewertung ist außer den Anforderungsbereichen die Intensität der Bearbeitung der Prüfungsaufgabe zu berücksichtigen. Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich auf das Aufzeigen von Grundlinien und Schwerpunkten, die von den Prüflingen bei der Bearbeitung der Aufgaben berücksichtigt werden sollten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Bei Aufgabe 3 kann die Beurteilung durchaus unterschiedlich ausfallen, je nach dem mit welchen Fakten der Prüfling wie argumentiert. Teilaufgabe 1: Forderung nach einer global konzipierten Kriegszielplanung und einer aktiven, interventionistischen ,,Weltpolitik" ohne neoisolationistische Anwandlungen im Einklang mit den offiziellen Proklamationen der US-Regierung (Vier Freiheiten, Atlantik-Charta) Anspruch, ein weltumspannendes Friedenskonzept zu formulieren und hierfür in allen Staaten entsprechende Voraussetzungen zu schaffen USA als maßgebliche Kraft, die diesen Frieden weltweit plant und aktiv durchzusetzen versucht Ziel der USA, überall auf der Welt wirtschaftliche und politische Freiheit herzustellen um ,,wirtschaftliche Stabilität" zu erreichen enge Zusammenarbeit mit der UdSSR sowohl im als auch nach dem Krieg (keine antikommunistischen Vorbehalte erkennbar) Kooperation mit der UdSSR um eine Neuordnung der Welt nach amerikanischen Vorstellungen zu ermöglichen Teilaufgabe 2: - Die ,,One World"-Konzeption der USA wird von der SU nicht geteilt. - Zwischen 1941 und 1945 bleiben die gravierenden ideologischen, politisch-militärischen und ökonomischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und der SU (z. B. innere Verhältnisse in den osteuropäischen Staaten, Reparationen, Weltwirtschaft) im Rahmen der AntiHitler-Koalition unter der Oberfläche.

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Nach dem Sieg über Deutschland wachsen seit Sommer 1945 die Spannungen. Es wird deutlich, dass die SU ohne Aufgabe ihres Systems nicht in der Lage ist, sich in die ,,Eine Welt" zu integrieren oder Ost- und Südosteuropa dem Einfluss der Westmächte zu öffnen. Die Spannungen eskalieren und finden seit Frühjahr 1947 in der Truman-Doktrin und der Gründung der Kominform ihren Ausdruck. Beide Seiten beginnen ihre Einflusssphäre in Europa als Block zu organisieren: o Westen: z. B. Marshall-Plan, NATO o SU: z. B. (getarnte) Einparteienregime in Polen. Internationale Organisationen (z. B. Weltbank, IWF, GATT und OEEC) schaffen unterdessen in den nicht von den Kommunisten beherrschten Regionen der Welt die Grundlagen eines freien Welthandels und des Wirtschaftsbooms der fünfziger Jahre. Seit Sommer 1945 ist absehbar, dass sich in Deutschland die drei Westzonen und die sowjetische Zone auseinander entwickeln. Wichtige Etappen sind die Reparationsregelung der Potsdamer Konferenz, die gesellschaftlichen Umgestaltungen in der SBZ, die Gründung der SED, Einstellung der Reparationen durch General Clay, die Gründung der Bizone und deren Einbeziehung in den Marshall-Plan. 1948 verstärken sich in beiden Machtbereichen die Tendenzen in Richtung einer Staatsgründung: o Westen: Währungsreform, Parlamentarischer Rat o Osten: Volkskongressbewegung. Die Berlin-Blockade seit Juni 1948 verstärkt die Polarisierung. 1949 erfolgt die ,,doppelte Staatsgründung".

Teilaufgabe 3: Folgende Aspekte könnten zum Vergleich herangezogen werden: Politik der USA nach 1945 (hier kann auf die Antworten zu Aufgabe 2 Bezug genommen werden): relativ schneller Übergang der USA von einer Politik der Kooperation mit der SU zu einer Politik der Konfrontation entscheidende Rolle Washingtons bei der Bildung eines deutschen ,,Weststaates" und bei der Integration der Bundesrepublik in das westliche Bündnis massives finanzielles und militärisches Engagement in Europa entscheidende Rolle der USA in den 1944/1945 gegründeten internationalen Organisationen

Politik der USA nach 1918: entscheidender Beitrag der USA/Präsident Wilsons zum Sieg der Alliierten und zur Gestaltung der Nachkriegsordnung (14 Punkte Wilsons, Versailler Vertrag und Völkerbundssatzung, antibolschewistische Orientierung) Ablehnung von Völkerbund und Versailler Vertrag durch US-Senat ,,isolationistische Politik" gegenüber den europäischen Mächten (auch nach 1933): kein direktes politisches und militärisches Engagement in Europa jedoch: ökonomisches und finanzielles Engagement als Voraussetzung der Restabilisierung Deutschlands seit 1924 (Reparationsfrage, Dawes- und Young-Plan, amerikanische Kredite und Direktinvestitionen) Minderung dieses Engagements durch Ausbruch der Weltwirtschaftskrise; Folge: u. a. wirtschaftlicher Isolationismus/Unilateralismus

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Mögliche Ergebnisse: Gemeinsamkeiten: USA engagieren sich wirtschaftlich; Ziel: wirtschaftliche und politische Stabilisierung Europas mit Hilfe Deutschlands Unterschiede: Haltung der USA gegenüber Völkerbund und UNO; USA übernehmen nach 1945 auch politisch die Rolle einer Welt- und Ordnungsmacht; Blockbildung Die Folgen der Politik nach dem Ersten Weltkrieg sind grundlegend für den Zweiten. Nach 1945 kommt es in Europa trotz des Ost-West-Konflikts zwischen den Blöcken nicht zur bewaffneten Auseinandersetzung. Sowohl die USA als auch - während ihres Bestehens - die Sowjetunion wirken in ihren Einflussbereichen als Ordnungsmächte und damit stabilisierend. Allerdings ist die Ausgangsposition 1945 anders als 1918 (sowjetische Bedrohung, Lernen aus den Erfahrungen von 1919/1929). Zudem wird von manchen Historikern kritisiert, dass die antikommunistische Konfrontationspolitik Washingtons den Konflikt mit Moskau unnötig verschärft und Entspannungschancen nicht genutzt habe. Bewertung und Beurteilung BE pro Teilaufgabe Aufgabe 1 Aufgabe 2 Aufgabe 3 20 BE 45 BE 35 BE 100 BE AFB I 15 BE 10 BE 10 BE 35 BE AFB II 5 BE 30 BE 10 BE 45 BE 5 BE 15 BE 20 BE AFB III

Beschreibung der Leistungen für 11 und 05 Punkte Die Leistung gilt als gut (11 Punkte), wenn die Prüflinge die wesentlichen Aussagen des Textes erfassen und in ihrem Bedeutungsgehalt und im Argumentationszusammenhang zutreffend und sprachlich präzise beschreiben. den Zusammenhang zwischen ,,One-World"-Konzept und Ost-West-Konflikt sowie die Entwicklung der deutschen Teilung als Folge des Kalten Krieges deutlich und sachlich überzeugend im Zusammenhang der Wechselwirkungen erläutern und zentrale Beispiele für diese Entwicklung einbeziehen. mehr als zwei Gemeinsamkeiten und Unterschiede der US-Außenpolitik nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg vergleichend aufzeigen und ein plausibles Urteil formulieren. Die Leistung gilt als ausreichend (05 Punkte), wenn die Prüflinge die zentralen Aussagen der Textvorlage in den Grundzügen erfassen. elementare Aussagen zum Ost-West-Konflikt und zu mindestens zwei wesentlichen Stationen zur ,,doppelten Staatsgründung" in Deutschland im Zeichen des Kalten Krieges treffen. mindestens je einen Unterschied und eine Gemeinsamkeit der US-Außenpolitik nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg beschreiben und ansatzweise beurteilen.

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