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Pflege nach der Entlassung aus dem Krankenhaus Ein Projekt mit Einblick in die Pflegeforschung

Dieter Glaremin Krankenpflegeschule am St. Walburga Krankenhaus Meschede

Die Integration des Themas "Pflegeforschung" in die Krankenpflegeausbildung ist oft schwierig. SchülerInnen und auch das ausgebildete Personal messen den praktischen Aspekten ihrer Arbeit meist größere Bedeutung zu. Oftmals werden Überzeugungen und Erfahrungen übernommen und wie feste Regeln behandelt, ohne jemals hinterfragt oder auf die Allgemeingültigkeit überprüft worden zu sein. Auch bei den Lehrenden bestehen oft Vorbehalte, den Bereich Pflegewissenschaft/ Pflegeforschung zu bearbeiten und in ihrem Unterricht angemessen zu behandeln. Aus diesen Gründen erscheint es sinnvoll, den Unterricht zum Thema Pflegeforschung in Form eines Projektes möglichst praxisnah und fächerübergreifend zu organisieren. Das in unserer Krankenpflegeschule angewandte AKOD-Curriculum (Dreymüller, Wodraschke, 1993) sieht für das zweite Ausbildungsjahr deshalb sowohl die theoretische Einführung in die Pflegeforschung als auch die Durchführung eines ,,Forschungprojektes" vor. Danach soll zunächst über die Aufgaben der Pflegeforschung, verschiedene Forschungsmethoden und Auswertungsmöglichkeiten gesprochen werden und ein durchgeführtes Projekt exemplarisch dargestellt werden, bevor zur Sicherung des Lernergebnisses das eigene Forschungsprojekt konkret angegangen wird.

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Einführung in das Thema

Schon bei der Einführung in das Thema entwickelte sich eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit und Nutzung der Pflegeforschung für die praktische Arbeit. Eine gewisse Skepsis, teilweise sogar Ablehnung wurde deutlich, was voll dem erwarteten Schülerverhalten entsprach. Es wurden dann Erkenntnisse der Pflegeforschung aus dem Bereich der Pflegepraxis vorgestellt, die in der Vergangenheit ganz konkretes Pflegehandeln beeinflußt bzw. verändert haben. Einige Beispiele: · 30 - Grad - Lagerung zur Dekubitusprophylaxe · Anwendung verschiedener Lagerungsmaterialien zur Reduzierung von Dekubitalgeschwüren · Verbesserung der Pflegequalität durch konsequente Pflegeplanung und Dokumentation · Verringerung des Thromboserisikos durch gut angepaßte Kompressionsstrümpfe. Durch die anschließende Vorstellung eines konkreten Forschungsprojektes wurde der Nachweis erbracht, dass bei Anwendung neuer, wissenschaftlicher gesicherter Erkenntnisse eine deutliche Qualitätssteigerung der Pflege erreicht werden kann. Dazu wurde ein Beispiel aus der experimentellen Pflegeforschung ausgewählt, bei dem eine konventionelle Standardpflege einer Pflege gegenübergestellt wurde, bei der neue Erkenntnisse konsequent im Pflegehandeln umgesetzt werden. So konnte Motivation

geschaffen werden, eigene Untersuchungen auf einem anderen Gebiet anzustellen, die Qualität der Pflege zu überprüfen.

2

Projektplanung

Nach der exemplarischen Vorstellung eines Forschungsprojektes ging es nun daran, unser Projekt thematisch einzugrenzen und Rahmenbedingungen festzulegen.

2.1

Rahmenbedingungen

Aus der Tatsache, dass es sich um ein Projekt im Rahmen des Pflegeunterrichts handelt, ergaben sich einige inhaltliche und organisatorische Bedingungen: 1. Das Unternehmen muss sich in den vorgegebenen Unterrichtsplan der Krankenpflegeschule integrieren lassen. Darüber hinaus sollten die im Curriculum vorgesehenen Unterrichtsstunden in etwa eingehalten werden.Die theoretische Einführung findet in einer Blockunterrichtsphase statt, für die praktische Projektarbeit stehen an 4 Studientagen 8 - 10 Unterrichtsstunden zur Verfügung. 2. Am Projektvorhaben müssen alle 25 Schülerinnen und Schüler des Kurses beteiligt werden können. Die Aufgabenstellung muss so zu gestalten sein, dass die Aufteilung in 5 bis 6 Arbeitsgruppen möglich ist. Der Kurs befindet sich in der Mitte des zweiten Ausbildungsjahres. In dieser Phase haben 12 SchülerInnen ihre Einsätze in der häuslichen Pflege absolviert. 3. Zusätzliche Geldmittel stehen nicht zur Verfügung, alle erforderlichen Lern- und Arbeitsmittel werden natürlich bereitgestellt. 4. Das Projekt soll inhaltlich und organisatorisch einen engen Praxisbezug haben, die gewonnenen Erkenntnisse sollen das konkrete Pflegehandeln beeinflussen können.

2.2

Auswahl des Verfahrens

Das klassische Schema eines Forschungsprozesses würde das Projekt in die folgenden Teilschritte gliedern (Notter & Hott, 1991): · Problembestimmung · Literaturanalyse · Projektentwicklung · Datenverarbeitung · Analyse/Interpretation Diese Vorgehensweise schien bei den bestehenden Rahmenbedingungen, wie der Einbindung in die bestehende Organisation der Krankenpflegeschule und des Curriculums und vor allem wegen der geforderten Praxisnähe nicht sinnvoll. Wir entschieden uns für eine Projektplanung, die das von Lorenz-Krause 1989 beschriebene Konzept zur Entwicklung einer " gegenstandsbezogenen Theorie" aufgreift.

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Realität

Untersuchungsgegenstand Pflege

Ergebnisse "Fit" "Relevance" "Work" "Modification

Daten

Grounded Theorie Abb. 1: Das Konzept der gegenstandsbezogenen Theorieentwicklung (Lorenz-Krause, 1989) Fit meint hier Passung, Relevance Bedeutsamkeit (die zu bildende Theorie muss für die untersuchte Pflegesituation von Bedeutung sein), Work Machbarkeit (die Untersuchung muss ein prozesshaftes Geschehen sein, d.h. durch die Theorie als Ergebnis des Prozesses muss der Untersuchungsgegenstand erklärbar, interpretierbar sein). Modifikation meint, dass die Interpretationen und Bewertungen die untersuchte Pflegesituation ihrerseits wieder beeinflussen müssen. Dieses Kriterium ist m.E. sehr wesentlich, um den praktischen Nutzen der Pflegeforschung für den Pflegealltag zu verdeutlichen. Nach diesem Konzept ist die Realität, d.h. die tägliche Pflegepraxis Ausgangspunkt der Überlegungen. Dadurch ist sichergestellt, dass das Forschungsverhalten sehr praxisnah umgesetzt werden kann. Das ist gerade wegen der anfänglichen Skepsis der Schüler und Schülerinnen zur Pflegeforschung wichtig. Für das "klar abgrenzbare und überschaubare Feld der Pflegepraxis" eignet sich nach Lorenz-Krause (1989) das Konzept der gegenstandsbezogenen Theorie besonders, "weil hier sehr gut qualitative Methoden der Erhebung" wie Krankenbeobachtung, Beobachtung und Einschätzung von Situationen, Interviews mit Patienten und deren Angehörigen, aber auch Interviews mit den Pflegenden durchgeführt werden können. Die konkrete Auswahl der Methoden, die Häufigkeit der Interviews und Einschätzungen sowie die Fragestellungen sollen im Unterrichtsgespräch festgelegt werden.

2.3

Inhalt des Projektes

Im AKOD-Curriculum sind mehrere Vorschläge für ein im zweiten Ausbildungsjahr vorgesehenes Projekt zur Pflegeforschung beschrieben. Wichtig für das Gelingen des Projektes ist es, eine große Akzeptanz und Engagement bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken und zu erhalten. Deshalb wurde die Projektauswahl mit dem Kurs im Unterrichtsgespräch getroffen.

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Von den fünf im Curriculum vorgeschlagenen Projekten wurde das Projekt P 2: "Nachsorgen" ausgewählt, und modifiziert. Als konkrete Fragestellung wurde definiert: Wie stellt sich die Pflegesituation nach der Krankenhausentlassung dar? · in der häuslichen Umgebung und Pflege durch einen Pflegedienst · im Altenpflegeheim · in einer Rehabilitationseinrichtung Diese Problemstellung erfüllt einerseits wichtige an das Projekt gestellte Kriterien wie: · die Möglichkeit der Arbeit in Kleingruppen · die Beteiligung aller Schülerinnen und Schüler an dem Projekt · die großen Praxisrelevanz und andererseits ist sie durch die gesundheitspolitische Diskussion (Pflegeversicherungsgesetz, teilstationäre Pflege, Einschätzung der Pflegebedürftigkeit) aktuell. Ein weiterer Aspekt ist die Möglichkeit, das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu bearbeiten. Hier bot sich die Zusammenarbeit mit den Sozialarbeiterinnen unseres Hauses an, wodurch das gesamte Vorhaben besonders interessant und vielschichtig wurde.

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Durchführung des Projektes

Anstelle eines umfangreichen Literaturstudiums sieht das Konzept der "gegenstandsbezogen Theorieentwickung " die Erfassung der Pflegerealität als ersten Schritt des Forschungsprozesses vor. In Anlehnung daran wurden zunächst im Unterrichtsgespräch die Pflegemaßnahmen zur Vorbereitung der Entlassung eines pflegebedürftigen Patienten erarbeitet. Im Anschluss berichteten die zwei in unserem Haus tätigen Sozialarbeiterinnen über das Aufgabenfeld des Krankenhaussozialdienstes. Danach stellten sie fünf dauerhaft pflegebedürftige Patienten vor, deren Entlassung für die nächsten Tage vorgesehen war. Die Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes hatten hier eine Vorauswahl getroffen. Kriterien bei dieser Vorauswahl war einerseits natürlich die Bereitschaft der Patienten, am Projekt mitzuwirken. Daneben war vor allem wichtig, dass die Patienten nach der Entlassung von den Schülerinnen und Schülern im häuslichen Bereich, aber auch im Pflegeheim besucht werden konnten. Nach der Vorstellung der Patienten durch die Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes, wurden im Kurs 5 Arbeitsgruppen gebildet und den vorgestellten Patienten zugeordnet. Neben der Bestandsaufnahme auf der Station waren Besuche eine Woche und einen Monat nach der Entlassung vorgesehen. Arbeitsauftrag an die Gruppen: 1. Erstellen einer Pflegeanamnese 2. Einschätzung der Situation im Krankenhaus vor der Entlassung 3. Einschätzung der Situation nach der Entlassung aus dem Krankenhaus - im Altenpflegeheim - zu Hause (Pflege durch einen ambulanten Pflegedienst) 4

- in einer Rehabilitationsklinik - teilstationäre Pflege im Krankenhaus und Pflege in häuslicher Umgebung durch Angehörige 4. Abschließende Bewertung des Verlaufes und Evaluation der Entscheidung über die Organisationsform der Pflege 5. Vorstellung der Ergebnisse in einem kurzen Vortrag und durch zu erstellende Informationstafeln Nach der Vorstellung der Ergebnisse soll dann eine theoretische Aussage über wichtige Aspekte der Entlassung pflegebedürftiger Patienten getroffen werden. Diese Aussage muss, den Kriterien genügend, das Pflegehandeln beeinflussen und ggf. verändern. Zur besseren Strukturierung der zu führenden Interviews und um die Aussagen miteinander vergleichen und einschätzen zu können, wurde ein festes Schema vereinbart, nach dem auch die Vorstellung der Gruppenergebnisse erfolgen sollte.

4

Vorstellung der Ergebnisse

Nachfolgend werden 3 der 5 Arbeitsgruppen mit ihren Ergebnissen vorgestellt 4.1 Arbeitsgruppe 1

Pflegeanamnese Herr E. Herr E. (84 Jahre) wurde wegen massiven Bluterbrechens und einer Tachykardie (120/min) stationär aufgenommen. Durch eine Gastrokopie wurde ein ulcus ventriculi diagnostiziert. Weiterhin besteht seit Tagen eine Appetitlosigkeit bei anhaltendem Gewichtsverlust. Herr E. wirkt sehr erschöpft, ist blass, klagt über Schwindel, Nachtschweiß und eine Nykturie. Der Allgemeinzustand ist deutlich reduziert. Bis zu seiner Krankenhauseinweisung versorgte er mit Unterstützung eines Pflegedienstes sich und seine pflegebedürftige, bettlägerige Frau selbst. Frau E. wurde ebenfalls stationär aufgenommen und sie belegen ein Zweibettzimmer. Zu Hause bereitete Herr E. Frühstück und Abendbrot und konnte die Wohnung wegen ständiger Betreuungsbedürftigkeit seiner Frau während der letzten 2 ½ Jahre kaum verlassen. Das Ehepaar E. bewohnt eine Wohnung im eigenen Mehrfamilienhaus, ein Sohn erledigte Einkäufe, die Schwiegertochter putzt einmal im Monat, Herr E. sieht trotz einer starken Brille sehr schlecht. Situationseinschätzung vor der Krankenhausentlassung körperliche · Versorgung anfänglich komplett Konstidurch das Pflegepersonal tution/ · Zunächst Magensonde dann KörperKostaufbau pflege · Bei der Einweisung Stuhl- und Urininkontinenz, später kontinent Situationseinschätzung im Altenund Pflegeheim · weitgehend selbständig · hilft teilweise bei der Versorgung seiner Frau · Spaziergänge möglich, jedoch Unsicherheit und Angst wegen des schlechten Sehvermögens

5

Situationseinschätzung vor der Krankenhausentlassung psychische · zunächst zeitlich und örtlich Situation desorientiert und · zeitweise aggressives Verhalten Bewusst· später orientiert, aber sehr seinslage deprimiert · Sorge um die Pflege seiner Frau (Zukunftsangst) · Angst vor Unterbringung im Altenheim

soziale Kontakte

·

· ·

Beschäftigung

·

· ·

Situationseinschätzung im Altenund Pflegeheim · hat sich nach zwei Wochen gut eingelebt · empfindet das Leben im Heim leichter · Äußerungen zur Zukunftsperspektive gegensätzlich: keine Zukunftsangst wegen der gesicherten Versorgung, sagt aber auch: "er lebe von Mahlzeit zu Mahlzeit" · muss Einschränkungen persönlicher Wünsche und Gewohnheiten hinnehmen Kommunikation mit der Ehefrau · Zusammenleben mit seiner Frau wegen der gestörten möglich Bewusstseinslage zunächst stark · Treffen mit Mitbewohnern eingeschränkt, später jedoch bei · Besuche vom Sohn und der Unterbringung im gleichen Schwiegertochter Zimmer gut möglich · gelegentliche Besuche Besuch vom Sohn und ehemaliger Nachbarn. Schwiegertochter Besuch vom Pflegepersonal des ambulanten Pflegedienstes zunächst kaum Beschäftigungs- · Teilnahme an möglichkeiten, später "Beschäftigungsnachmittagen" Beschäftigung durch (Sing- und Spielrunden) Mobilisations- und Gehübungen · tägliche Treffen mit den sitzt im Sessel am Fenster Mitbewohnern hilft seiner Frau bei der · Radio, Fernsehen Nahrungsaufnahme

Evaluation/Bewertung des Verlaufes. Nach 6-wöchigem Krankenhausaufenthalt wurde Herr E. in ein Alten- und Pflegeheim entlassen. Hier bewohnt er mit seiner Frau jetzt ein Appartement. Die Lebensqualität von Herrn E. hat sich unserer Meinung nach gebessert. Sein Tagesablauf war früher bestimmt von der Pflege und Betreuung seiner Frau. Er hat jetzt wieder mehr Möglichkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen und mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren. Durch die Unterbringung im Alten- und Pflegeheim wurde ihm die Belastung der alleinigen Verantwortung für sich selbst, aber vor allem für die Pflege und Betreuung seiner Frau genommen. Herr E. hat ein Gefühl größerer Sicherheit und kann weiterhin mit seiner Frau zusammenleben. Allerdings muss er auch auf ein Stück Unabhängigkeit verzichten und seine persönlichen Gewohnheiten und Wünsche der Heimordnung anpassen. Er wirkt jedoch insgesamt zufrieden und ausgeglichen. 4.2 Arbeitsgruppe 2 6

Pflegeanamnese Herr H. Herr H. wurde als Notfall mit einem akuten Hinterwandinfarkt auf die Intensivstation eingewiesen. Nach 4-tägiger Behandlung wurde er zur internistischen Station verlegt, wo er nach einem auf ihn abgestimmten Stufenschema mobilisiert wurde. Wegen einer bestehenden Prostatahypertrophie und Miktionsstörungen wurde ein suprapubischer Blasenkatheter gelegt. An den Umgang mit dieser Ableitung gewöhnte Herr H. sich schnell. Herr H. ist 84 Jahre alt und lebte vor der Krankenhauseinweisung mit seiner 82-jährigen Frau in der eigenen Wohnung. Frau H. ist seit 10 Jahren an Morbus Parkinson erkrankt, pflegebedürftig und bettlägerig, sie wurde durchgehend von ihrem Mann und einer Nichte, die auch die Mahlzeiten für Frau H. anrichtete, gepflegt. Ein Sohn und eine Tochter wohnen weiter weg und besuchen die Eltern abwechselnd an den Wochenenden. Frau H. wurde ebenfalls stationär aufgenommen und mit ihrem Mann in einem Zimmer auf der internistischen Station untergebracht. Zu Hause haben die H´s einen kleinen Hund, an dem vor allem Herr H. sehr hängt. Im Gespräch berichtet Herr H., der Hund sei Postbote, Klingel und Alarmanlage. Außerdem bestehen einige soziale Kontakte zu Nachbarn und Bekannten durch das Ausführen des Hundes. Herrn H. wurde zunächst der Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik vorgeschlagen und danach die Unterbringung in einem Altenheim empfohlen. Beides lehnte Herr H. jedoch kategorisch ab. Nach eingehender Beratung mit den Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes, aber auch mit dem Pflegepersonal, dem Arzt und den Angehörigen sind die H´s nach drei Wochen nach Hause entlassen worden. Ein ambulanter Pflegedienst übernimmt die Pflege von Frau H. zweimal täglich. Für die Nahrung von Frau H. sorgt weiterhin die Nichte, Herr H. bekommt "Essen auf Rädern". Situationseinschätzung vor der Entlassung körperliche · langsam steigendes KonstiMobilisationsschema tution · zunächst Unterstützung bei der Körperpflege - später selbständig · Versorgung des suprapubischen Blasenkatheters durch das Pflegepersonal psychische · Sorge um die Pflege seiner Situation Frau, jedoch aufgeschlossen und und freundlich Bewusstseinslage Situationseinschätzung zu Hause

· Körperpflege selbständig · zeitweise Luftnot bei körperlicher

Anstrengung, z.B. Treppensteigen (es soll ein Treppenlifter eingebaut werden) Versorgung des suprapubischen Katheters durch den ambulanten Pflegedienst erleichtert, weiterhin zu Hause leben zu können fällt ihm schwer, die Hilfe durch den ambulanten Pflegedienst zuzulassen Sorge über den sich weiter verschlechternden Gesundheitszustand seiner Frau 7

· · · ·

Situationseinschätzung vor Situationseinschätzung zu Hause der Entlassung soziale · Pflegepersonal · Besuch des Sohnes und der Kontakte Tochter am Wochenende · Sozialarbeiterin · täglich Besuche der Nichte · seltene Besuche von Sohn, Tochter und Nichte · täglich Kontakte mit Nachbarn · vereinzelte Besuche von · Personal der Sozialstation Nachbarn Beschäf· Mitarbeit bei der Pflege der · Versorgung des Haushalts tigung Ehefrau · Mithilfe bei der Pflege der Ehefrau · Hilfe bei der · Ausführen des Hundes Nahrungsverabreichung · Einkäufe machen · lesen Evaluation/Bewertung des Verlaufes Der Zustand von Frau H. verschlechtert sich jedoch zusehends, so dass schon bald ein erneuter Krankenhausaufenthalt notwendig wurde. Herr H. wohnte weiter in der gemeinsamen Wohnung. Vier Wochen nach der Entlassung verstarb er an einem ReInfarkt. Am Tag seiner Beerdigung verstarb auch Frau H. im Krankenhaus. Die Entscheidung, das Ehepaar H. in die häusliche Umgebung zu entlassen und die Pflege durch die Sozialstation sicherzustellen, war bestimmt von der starken Ablehnung, in ein Alten- und Pflegeheim umzuziehen geprägt. Herr H. schöpfte zunächst neuen Mut und freute sich über das Leben in der eigenen Wohnung. Aus unserer Sicht, vor allem natürlich in Kenntnis der späteren Ereignisse, wäre die Unterbringung in einem Alten- und Pflegeheim sinnvoller gewesen, weil Herr H. dann nicht in dem Maße für die Pflege seiner Frau verantwortlich gewesen wäre.

4.3

Arbeitsgruppe 4

Pflegeanamnese Ehepaar F. Herr F. Herr F. erlitt vor 5 Jahren einen Apoplex mit einer linksseitigen Hemiparese. Es besteht ein dialysepflichtiger Diabetes mellitus und eine periphere arterielle Verschlußkrankheit (pAVK) im vierten Stadium. Herr F. kommt jetzt zur stationären Aufnahme auf die chirurgische Station mit einer Außenknöchelfraktur links nach Weber B und einer Großzehnekrose links aufgrund des Diabetes mellitus. Die Fraktur wurde zunächst konservativ durch Unterschenkelgipsschiene therapiert, außerdem wurde eine Großzehamputation links vorgenommen. Wegen des sich entwickelnden Vorfußganggrän wurde jedoch nach 16 Tagen der Oberschenkel amputiert. Herr F. wurde bis zur Krankenhauseinweisung zur Hause von seiner Frau, bei der morgendlichen Grundpflege unterstützt von einem ambulanten Pflegedienst, gepflegt. Das Ehepaar F. bewohnte eine Wohnung in der ersten Etage ohne Fahrstuhl, wodurch ein Verlassen der Wohnung für Herr F. fast unmöglich ist, weil er wegen der Hemiparese in seiner Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt ist. Frau F. 8

Frau F. wurde am selben Tag wie ihr Mann, nach einer Synkope und Angina pectoris auf eine internistische Station aufgenommen. Es besteht seit 6 Jahren eine COB und seit etwa 10 Jahren ein Typ II b Diabetes mellitus. Die Patientin leidet unter einer Belastungsdyspnoe bei Herzinsuffizienz. Sie benutzt einen Gehstock und hat Rückenbeschwerden durch die jahrelange Pflege ihres Mannes. Frau F. belastet die Sorge um die Pflege und Betreuung ihres Mannes sehr. Besonders in den Tagen der Oberschenkelamputation war sie sehr depressiv, sprach ihre Sorgen und Probleme auch offen an. Besuche bei ihrem Mann wurden vom Pflegepersonal oft ermöglicht. Das Ehepaar F. hat zwei Söhne. Ein Sohn ist an "Multiple Sklerose" erkrankt, wohnt im selben Dorf; ein zweiter Sohn ist Krankenpfleger von Beruf und hat zwei Kinder. Zur Vorbereitung auf die Entlassung wurde Herr und Frau F. ein Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik vorgeschlagen. Bei Herr F. steht dabei eine Verbesserung der Mobilität und die Zurückgewinnung von Selbständigkeit im Vordergrund, bei Frau F. soll die psychische Situation aufgearbeitet und stabilisiert werden. Dieses Konzept wurde vom Sozialdienst zusammen mit Herrn und Frau F. und in Zusammenarbeit mit dem Pflegeteam und dem Arzt erarbeitet.

Herr F. Situationseinschätzung vor der Entlassung körperliche · Körperpflege wird weitgehend Konstivom Pflegepersonal durchgeführt tution/ · Hilfe bei der Nahrungsaufnahme Körper· zunächst Stuhl- und pflege Urininkontinenz, später Ausscheidungen auf dem Toilettenstuhl mit Hilfe des Pflegepersonals · Mobilität und Beweglichkeit stark eingeschränkt, Kompensation der linksseitigen Hemiparese durch die rechte Körperhälfte psychische · Herr F. ist zunächst durch die Situation Amputation und die Ungewissheit über die Zukunft sehr deprimiert · Bei der Entlassung hat er wieder etwas mehr Lebensmut besonders durch die Geburt eines weiteren Enkelkindes. Situationseinschätzung in der Rehabilitationsklinik · Körperpflege unter Anleitung und mit Hilfe des Pflegepersonals · Nahrungsaufnahme selbständig, nach mundgerechter Zubereitung · Ausscheidungen: Begleitung zur Toilette durch das Pflegepersonal · Anleitung und Einüben des Umgangs mit einem Rollstuhl · Oberschenkelprothese wird angepasst, Gehübungen 2x wöchentlich mit einem Gehwagen in der krankengymnastischen Abteilung · Herr F. fühlt sich in der Rehabilitationsklinik wohl, schöpft große Hoffnung durch die Fortschritte in der Mobilisation

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soziale Kontakte

Beschäftigung

Situationseinschätzung vor der Entlassung · Gespräche mit dem Pflegepersonal, Sozialarbeiterinnen und Ärzten · tägliche Besuche der Ehefrau, gelegentlich zusammen mit Kindern und Enkelkindern Herr F. ist interesselos, nicht an Beschäftigungsmöglichkeiten interessiert

Situationseinschätzung in der Rehabilitationsklinik · tägliche Besuche der Ehefrau, die nicht im gleichen Zimmer untergebracht ist · gelegentliche Besuche der Kinder und Enkelkinder · Kontakte zum Pflegepersonal Tagesablauf wird bestimmt durch die therapeutischen Angebote: Autogenes Training, Bäder/ Massagen, Krankengymnastik, Gedächtnistraining Ergotherapie

10

Frau F. Situationseinschätzung vor der Entlassung körperliche · Frau F. führte die Körperpflege Konstiweitgehend selbständig durch tution/ · Hilfestellung des PflegeKörperpersonals beim Waschen des pflege Rückens und der Beine · Begleitung durch das Pflegepersonal zu diagnostischen Einrichtungen und zu Besuchen bei ihrem Mann, teilweise mit dem Sitzwagen psychische · ist sehr deprimiert, macht sich Situation Sorgen um die weitere Pflege ihres Mannes und seines Gesundheitszustandes · weint oft soziale · Gespräche mit dem Team im Kontakte Krankenhaus · Besuche beim Ehemann · gelegentlich gemeinsam mit den Kindern und Enkelkindern · bedauert den Verlust von Kontakten zu Nachbarn und weiteren Bekannten durch die Pflege ihres Mannes zu Hause Beschäfübernimmt teilweise kleine Handreichungen bei einer Mitpatienten tigung Situationseinschätzung in der Rehabilitationsklinik · Frau F. führt die Körperpflege vollkommen selbständig durch · Gänge zu den verschiedenen therapeutischen Einrichtungen und zu den Besuchen beim Ehemann selbständig

· fühlt sich sehr wohl · Sorge um die Versorgung ihres

Mannes ist geringer geworden

· Kontakt zu vielen Mitpatienten · nimmt an

Gruppengesprächsrunden teil · Kontakte zu vielen Mitarbeitern des therapeutischen Teams · Kontakte zum Ehemann und Kindern wie im Krankenhaus

nimmt Beschäftigungsangebote der Klinik wahr (Bastelgruppe )

Evaluation/Bewertung des Verlaufes Der Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik hat sich sowohl für Herrn als auch für Frau F. sehr positiv ausgewirkt. Die körperliche Konstitution hat sich entscheidend verbessert und auch die psychische Situation verbesserte sich erheblich, so dass ein Leben in der eigenen Wohnung nach dem Klinikaufenthalt wieder möglich erscheint.

5

Auswertung

Die Wertung der Ergebnisse und die Bildung "gegenstandsbezogener" theoretischer Aussagen zur Entlassungspraxis pflegebedürftiger Patienten ist nun der letzte Punkt des Pflegeauftrages. Alle Arbeitsgruppen stellen zunächst durch vorbereitete Informationstafeln und einen kleinen Vortrag ihre Untersuchungsergebnisse vor und geben die Wertung des Verlaufes ab. 11

Diese Vorstellungen und Einschätzungen, aber auch persönlich gewonnene Erfahrungen, sollen dann jeder Schülerin und jedem Schüler eine theoretische Aussage über wichtige Aspekte der Vorbereitung auf die Entlassung eines pflegebedürftigen Patienten ermöglichen. Die geforderten Aussagen waren frei zu formulieren, es konnten mehrere Aspekte benannt werden. Die konkrete Fragestellung lautete: "Welche Aspekte sind bei der Vorbereitung auf die Entlassung und den weiteren Gesundungsprozeß eines pflegebedürftigen Patienten von besonderer Bedeutung"? Folgende Aussagen wurden gemacht: 1. Die Entscheidung über die zukünftige Organisationsform der Pflege muss in einiger Zusammenarbeit mit dem Patienten erfolgen. 2. Wichtig ist die enge Zusammenarbeit der verschiedenen an der Betreuung beteiligten Berufsgruppen. 3. Wichtig ist ein umfassender Informationsaustausch zwischen dem Pflegeteam und dem Sozialdienst. 4. Wichtig ist, dass das Pflegeteam gut über den Patienten informiert ist. 5. Wichtig ist, dass alle an der Pflege Beteiligten ein gemeinsames Ziel verfolgen. 6. Die gefundene Lösung muss in angemessenen Abständen überprüft, und gegebenenfalls korrigiert werden.

Die Häufigkeit der genannten Aussagen zeigt Abb. 2

14 12 10 8 6 4 2 0 1 2 3 4 5 6

Abb. 2: Häufigkeit der Aussagen 1 ­ 6

4

Abschließende Stellungnahme

Das hier beschriebene Projekt erfüllt sicher nicht die an ein professionelles Forschungsvorhaben geknüpften Bedingungen. Trotzdem wurde das Ziel, eine theoretische, allgemein gültige Aussage über konkrete Pflegesituationen zu treffen, erreicht. Darüber hinaus wurden die Vorbereitung, die Durchführung und die Auswertung eines Projektes dargestellt, was den SchülerInnen einen Einblick in die methodischen Aspekte eines Forschungsproszesses ermöglicht. Vor allem aber lernten sie die Situation des 12

Patienten, seine Sorgen, aber auch Hoffnungen kennen; so dass die wichtige Bedingung der Pflegeforschung - sich auf die Pflegepraxis auswirken zu müssen -erreicht ist. Literatur Dreymüller, V., Wodraschke, G. 1993.Pflegen können; Ein Curriculum für die theoretische Ausbildung in der Krankenpflege. Freiburg: Lambertus Notter, L. E., Hott, J. R., 1991. Grundlagen der Pflegeforschung. Bern: Huber Lorenz-Krause, R. Zur Konzeption praxisbezogener Pflegeforschung. Deutsche Krankenpflegezeitschrift 5/89

Kontaktadresse: Dieter Glaremin Krankenpflegeschule der ST. Walburga-Krankenhaus GmbH Schederweg 12 59872 Meschede

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