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Henny Fischer

DIE REGENMANTEL FRAU

...von der Verdrängung einer unbändigen Leidenschaft

­ LESEPROBE ­

Roman 1

Leseprobe aus einigen Kapiteln Henny Fischer ­ Die Regenmantelfrau 1999 26. April ­ Montag Martin springt auf. Mit Riesenschritten durchquert er das Wohnzimmer Richtung Schrankbar, öffnet hastig eine Flasche Rotwein und kippt in den Schlund, was hinuntergeht. Allmählich weicht die innere Anspannung dem erhofften Wohlgefühl, und der Angstschwall, der ihn eben noch zu überrollen drohte, verebbt in Gleichmut. Er schließt die Augen und atmet tief durch. Minuten verharrt er so. Dann gibt er sich einen Ruck, zieht sich aus, steigt unter die Dusche und lässt den Wasserstrahl abwechselnd warm und kalt über Gesicht und Körper laufen, bis die Haut krebsrot ist von der Selbstkasteiung. Fröstelnd schlüpft er in den Frotteebademantel und eilt zurück ins warme Wohnzimmer. Vor dem Schreibtisch bleibt er stehen und starrt auf das Telefon. Minutenlang. Er weiß, dass es nichts bringt, den gefürchteten Anruf noch länger hinauszuschieben. Das macht das Problem nicht kleiner. Den Apparat in der rechten Hand, mit der linken das Telefonkabel hinter sich herziehend, geht er zum Fernsehsessel, setzt sich in aufrechter Haltung hinein und überlegt, was er tun soll. Die Brille liegt in Reichweite auf dem Lesetisch. Er schiebt sie auf die Nase, fasst all seinen Mut zusammen und tippt die elfstellige Nummer, die er auswendig kennt, in das Tastenfeld ein. Es dauert, ehe am anderen Ende jemand abnimmt und die vertraute, jetzt besorgt klingende Frauenstimme sich meldet: ,,Isolde Dorn. Ja, bitte?" ,,Martin hier. Isolde, ich muss mit dir reden." ,,Du Martin? Weißt du, wie spät es ist? Ein Uhr in der Nacht, mein Gott, da denk ich doch gleich, es ist was passiert." ,,Ist es auch, Schwesterchen, ist es auch. Sonst würde ich nicht wagen, dich jetzt noch anzurufen. Hör zu, ich muss dich dringend bitten, in den nächsten Tagen noch mal mit Mutter zu reden, du weißt weshalb ..." ,,Und das musst du mir mitten in der Nacht sagen? Bei allem Verständnis für deine Probleme, aber hätte das nicht Zeit bis morgen 2

gehabt? Außerdem haben wir schon x-mal darüber gesprochen. Ich weiß, es ist bitter für dich, aber finde dich damit ab, dass Mutter das Haus nicht beleiht. Und sie zahlt dir dein Erbteil auch nicht vorzeitig aus. Mehr als einmal habe ich sie gebeten, Nachsicht zu üben, sich großherzig zu zeigen und dir mit einem größeren Betrag unter die Arme zu greifen. Sie will es nicht. Sie tut es nicht. Keine Zuwendung vor der Zeit, davon geht sie nicht ab. Du wirst wohl oder übel warten müssen, bis der Herrgott unsere Mutter zu sich ruft." ,,Ich kann nicht warten, bis der Herrgott unsere Mutter zu sich ruft!" Seine Stimme überschlägt sich. ,,Mir steht das Wasser nicht nur bis zum Hals, ich kann die Tage zählen, bis ich ersaufe. Wieso verkauft sie das riesige Haus nicht endlich, zahlt mich aus und lässt dich dein eigenes Leben leben, anstatt dich wie ihre Sklavin zu halten in ihrer protzigen Villa!" ,,Martin, du vergisst dich!" ,,Na, ist doch wahr! Auf ihre alten Tage könnte sie gut und gerne in einer dieser noblen Seniorenresidenzen unterkommen, genügend Schotter hat sie ja. Oder sie legt sich eine altersgerechte Wohnung zu, selbstverständlich mit Haushälterin, wie gnädige Frau es seit eh und je gewohnt sind. Ehrlich ­ der Verkauf der Villa wäre doch für uns alle das Beste." ,,Mutter kann die Lützenbachvilla nicht verkaufen. Sie hat Tante Margarete am Totenbett versprochen, das Anwesen im Familienbesitz zu behalten. Diesen Wunsch muss Mutter respektieren. Und wir müssen es auch." Martin schweigt. Seine anfängliche Beschwingtheit, ohne die er das Gespräch nicht hätte beginnen können, ist ebenso verflogen wie sein aggressives Aufbrausen aus der Erregung heraus. Mit gedämpfter Stimme sagt er: ,,Respektieren auch dann, wenn ich hier vor die Hunde gehe? Versteh doch, ich brauche das Geld dringend!" ,,Martin, du machst mir Angst. Was, um Gottes Willen, ist denn passiert?" ,,Ich verliere meine Praxis in Köln und mit ihr auch die Wohnung, wenn ich bis Monatsende nicht zweihundertdreißigtausend Deutsche Mark für den Kauf der Wohnung und der Praxisräume auf den Tisch des Eigentümers blättere. Kommenden Mittwoch fahre ich mit Gerda nach Österreich. Madame wünscht wieder mal einen Kurzurlaub. Samstag bringe ich sie zurück nach München. Sonntag fahre ich nach 3

Köln, und dort fällt dann am Montag der Hammer. Ich glaube nicht, dass ich noch mal einen Aufschub aushandeln kann. Versteh doch, mir sitzt die Zeit im Nacken. Bis Montag muss ich eine Lösung für mein weiteres Leben parat haben, sonst hat mein Leben für mich eine Lösung parat. ,,Weshalb nimmst du keinen Kredit auf?" ,,Bei den Schulden, die ich habe, gibt mir keine Bank der Welt einen Kredit." ,,So schlimm steht es? Das wusste ich nicht. Also gut, Martin, ich rede noch einmal mit Mutter. Möglicherweise kann ich sie dazu bewegen, das Bild von Paul Klee zu verkaufen. Der Erlös dürfte dir fürs Erste weiterhelfen. Ruf mich Samstagabend von München aus an. Vielleicht habe ich bis dahin schon etwas erreichen können." Er hat Mühe, nicht auf der Stelle loszuheulen. ,,Danke, Isolde", sagt er mit brechender Stimme. ,,Wenn dir das gelingt ... rettest du mir das Leben." 30. April ­ Freitag Still ist es geworden auf dem verwaisten, um diese späte Stunde spärlich beleuchteten Krankenhausflur. Aus dem Zimmer der Nachtschwestern dringt Kaffeeduft. Der diensthabende Arzt kommt auf Isolde zu. Als sie ihn erblickt, steht sie von ihrem Stuhl auf und tupft sich mit dem Taschentuch die Tränen aus den Augenwinkeln. Um Haltung bemüht, reicht sie dem korpulenten jungen Mann die Hand. ,,Herr Doktor, es ist an der Zeit, dass ich gehe. Ich weiß, Sie haben das Menschenmögliche für meine Mutter getan. Sie weilt nun in einer besseren Welt." Der Arzt, der in den letzten Stunden vergeblich um Hildegard Dorns Leben gerungen hat, begleitet Isolde zum Ausgang der Intensivstation. Sie hört, wie er hinter ihr die hohe Milchglastür einklinkt und den Gang zurückeilt. Einen Moment verharrt sie still und kämpft mit den Tränen, doch dann reißt sie sich zusammen und geht weiter. Wie Hammerschläge klacken ihre Absätze auf dem Terrazzoboden. Die restlichen Meter legt sie auf Zehenspitzen zurück. Im Fahrstuhl drückt sie ihre Handtasche in hilfloser Geste mit beiden Händen auf die Brust. Ich muss Martin benachrichtigen, schießt es ihr durch den Kopf, und im gleichen Moment schilt sie sich dafür, dass ihre Gedanken jetzt nicht allein bei der verblichenen Mutter sind, sondern bei dem 4

Bruder, der das Unglück mit seinem Drängen und Bitten im Grunde heraufbeschworen hat. Quer über den Parkplatz eilt sie zu ihrem Wagen und versucht, Martin anzurufen. Immer wieder versucht sie es. Erst in der ehelichen Wohnung in München, dann in seiner Praxis in Köln, schließlich über sein Mobiltelefon. ,,Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar", teilt ihr eine monotone Frauenstimme mit. Ratlos steigt Isolde in den Wagen und fährt los. Umhüllt von gespenstischer Dunkelheit empfängt die Hamburger Lützenbachvilla ihre neue Besitzerin. Ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Ehrfurcht und Angst überkommt Isolde, als sie die steinerne Eingangstreppe hinaufgeht. Auf der obersten Stufe verharrt sie einen Moment. Das vertraute Haus wirkt auf einmal so fremd, beinahe unheimlich. War sie bislang spät nach Hause gekommen, brannte hinter Mutters Fenster immer noch Licht. Jeden Abend, manchmal bis spät in die Nacht hinein wartete sie, bis die Tochter mit einer Tasse Tee heraufkam und ihr eine gute Nacht wünschte. Das Licht brannte auch dann, wenn Isolde am Morgen hatte verlauten lassen, sie werde am Abend mit einem netten Herrn ins Kino gehen und anschließend seiner Einladung zum Essen folgen. Das Licht brannte trotzdem. Wie eine nachdrückliche Daseinsbekundung. Mahnung an die vernachlässigte Tochterpflicht. Und weil Isolde immer an das brennende Licht in Mutters Zimmer denken musste, wenn sie mit einem netten Herrn im Kino saß und anschließend mit ihm speiste, hatte sie irgendwann aufgehört, mit netten Herren ins Kino zu gehen und anschließend mit ihnen zu speisen. Zögernd öffnet sie die schwere Eichentür, auf deren geschwungene Messingklinke sie unzählige Male gedrückt hat, ohne dabei etwas zu empfinden. Seit fast sechzig Jahren, seit dem Tag ihrer Geburt, wohnt sie in diesem Haus. Jetzt scheut sie sich, es zu betreten. Sie hört ihren Herzschlag und wie ihr Atem schneller geht, nachdem sie die Tür hinter sich eingeklinkt und die geräumige Diele betreten hat. Sie macht kein Licht. Am liebsten möchte sie gleich wieder umkehren und hinausrennen, nachdem ihr bewusst wird, dass sie von nun an allein in dem Haus leben wird. Ohne den bedingungslosen Fürsorgeanspruch einer gefühlsarmen Mutter, dafür aber mit der Erinnerung an ihren entsetzlichen Tod. Eine Tatsache, die Isolde nicht wahrhaben will, 5

weil mit dem Versiegen des einen Alptraums der neue bereits beginnt. Minuten vergehen. Sie reißt sich zusammen, drückt auf den Lichtschalter. Der prächtige Kronleuchter an der Decke der Galerie erhellt den rotbraun getäfelten Raum in verschwenderischer Festbeleuchtung, wie Mutter sie liebte. Isoldes Blick bleibt auf dem bräunlichen Fleck im abgetretenen hellen Parkettboden haften. Da war Mutters Blutlache. Sie macht einen Bogen um den Fleck, umschleicht ihn wie eine Python. Sie wird den Fleck mit einem starken Putzmittel aus dem Holz schrubben müssen. Bei dem Gedanken zuckt sie zusammen. ,,Nein", sagt sie leise zu sich, ,,das bringe ich nicht fertig. Ich kann das Blut meiner Mutter nicht aus dem Boden schrubben." Kurz entschlossen packt sie den Garderobenläufer an den Fransen und zieht ihn über den Fleck, damit er bedeckt, was sie nicht sehen mag. Einen Moment bleibt sie vor der makabren Veränderung stehen. Sie gäbe sonst etwas dafür, das Geschehene ungeschehen zu machen. Fröstelnd zieht sie die schwarze Wollstola enger um die Schultern, geht ins Kaminzimmer und sinkt erschöpft in Vaters grünen Ohrensessel; dem ältesten und bequemsten Sitzmöbel im ganzen Haus. In Kindertagen hatte der Vater sie gern vor dem Schlafengehen auf den Schoß gehoben und sich berichten lassen, wie sie den Tag verbracht hatte. Sie war gern zu ihm gekommen. Sie mochte seine weichen Hände und seine warme, sanftmütige Stimme. Er hatte ihr liebevoll über das braune Haar und die rosigen Wangen gestrichen. Später auch über den Po und die nackten Schenkel. Da war sie vor dem Schlafengehen nicht mehr gern zu ihm auf den lindgrünen Ohrensessel gekommen. Sie war überhaupt nicht mehr zu ihm gekommen, und von da an hatte er so getan, als gäbe es sie nicht mehr. Wenn sie gestorben wäre, er hätte es nicht einmal bemerkt. Still weint sie vor sich hin, faltet die Hände und ist eins mit dem Herrn, an dessen Güte sie reinen Herzens glaubt und dessen Nähe sie jetzt deutlicher denn je spürt. Doch auch nach dem innigen Gebet will das beklemmende Gefühl nicht aus ihrer Brust weichen. Es rührt von der ungewohnten Stille her, die ihr sagt: Du bist allein. Sie stellt den Fernseher an. Den Ton dreht sie so leise, dass nur ein diffuses Gemurmel zu hören ist. Es macht die Stille erträglicher, und die bewegten Bilder erwecken den Anschein, als sei jemand hier, ein beliebiger Mensch, der sie anschaut und der, wenn schon nicht mit ihr, so doch zu ihr spricht. 6

Werde ich von nun an jeden Abend statt Mutters Stimme die Stimme des Fernsehers hören? Der Gedanke ist ihr unerträglich. Wie in Zeitlupe lässt sie die Hände über die tränennassen Wangen gleiten, kühlt mit dem Handrücken die heiße Stirn und weiß schon jetzt, dass sie auf keinen Fall so weiterleben wird. Allein in dem stummen Haus. Allein mit dieser seelischen Last. ,,Der Herr schaut auf mich", sagt sie leise, während sie das Silberkettchen unter dem schwarzen Blusenkragen hervorholt, das filigrane Kreuz daran an ihre Lippen führt und wie im Gebet flüsternd vor sich hersagt: ,,Der Herr prüft mich, ob ich bereit bin für den mir vorbestimmten Weg." Erhobenen Hauptes geht sie zum Fenster. Der Morgen dämmert. Sie schiebt die Gardine zur Seite, lehnt die Stirn an die kalte Scheibe, faltet die Hände ineinander und sagt andächtig, den Blick zum Himmel hebend: ,,Herr, ich bin bereit. Dein Wille geschehe." ... [Seiten später] ... Der abgegriffene Sicherheitsschlüssel, den er aus der Gesäßtasche zieht, passt problemlos in das Schloss der dunklen, mit floralem Schnitzwerk verzierten Wohnungstür. Sein Puls rast, während er den Schlüssel bei gleichzeitigem Heranrucken des Türknaufs zweimal herumdreht; nur so springt die Tür auf. Ein gewohnter Griff, ein vertrautes Geräusch. Vorsichtig, als lauere eine Gefahr auf ihn, betritt er die Wohnung, schließt die Tür leise hinter sich und bleibt vor dem Garderobenschränkchen stehen. Ein Möbelstück aus den sechziger Jahren. Gerda hing an ihm. Gebannt horcht er in die Stille. Alles ist wie sonst und doch anders. Da ist dieser eigenwillige Geruch nach schlecht gelüftetem Wohnraum und irgendwie auch nach Gerda. Es ist, als habe sich ihr Eigengeruch mit der abgestandenen Luft vermengt. Er hatte die Wohnung als Letzter verlassen an jenem Sonntagmorgen. Es war kein schöner Morgen. In jeder Hinsicht nicht schön. Eine Woche Österreich stand auf dem Reiseprogramm. Schon wieder Österreich. Gerda stieg in kein Flugzeug ­ es hätte abstürzen können. Sie setzte ihren Fuß auf kein Schiff ­ es hätte sinken können. Hingegen Fahrten mit dem Auto nach Salzburg und Wien hielt sie für sicher, zudem war sie, wenn ihr der Sinn danach stand, auch schnell wieder daheim. Also fuhren sie mindestens einmal im Quartal nach Salzburg oder Wien. Wien oder Salzburg. Jahr ein, Jahr aus. Immer die gleichen Hotels, die 7

gleichen Programme, die gleichen Eindrücke. Ob Gerda sich an jenem Morgen ihm gegenüber anders verhalten hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie nie mehr hierher zurückkehren, nie mehr diese Wohnung betreten wird? Die Wohnung empfängt Martin, wie er sie verlassen hat. Auf dem Garderobenschränkchen, weit links unter dem ovalen Spiegel, liegt sein Handy. Gerda könnte noch leben, wenn ich das Ding nicht vergessen hätte, überlegt er, während sein Blick über die klobige Echthaarbürste wandert, die das Handy etwas verdeckt. Blonde Haare hängen zwischen den verfilzten Borsten. Es sind Gerdas Haare. Neben der Bürste steht der schlangenartig gedrehte lila Glasflakon mit Gerdas Veilchenparfum. Sie hat kein anderes benutzt. Dahinter, in dem rosa umrandeten Emaillschälchen, wartet noch immer Gerdas goldenes Gliederarmband darauf, repariert zu werden. Der Verschluss ist defekt. Jeden Tag hatte er sich vorgenommen, das Armband zum Goldschmied zu bringen, war aber nicht dazu gekommen. An dem Morgen hatte Gerda ihm eine Szene gemacht, weil sie das Armband auf die Reise nicht mitnehmen konnte. Als ob es ihr einziger Schmuck gewesen wäre! Eine dünne Staubschicht liegt auf dem furnierten Holz. Hier wird keiner mehr Staub wischen. Alles kommt weg. Verkaufen, verschenken, beseitigen; mit dem Möbelkram auch die Erinnerung. Die Stille in der Wohnung ist ungewohnt. Die Tür zum Wohnzimmer wimmert leise, als er sie öffnet. Ihr fehlt ein Tropfen Öl. Um jede Kleinigkeit muss man dich x-mal bitten, bevor du deinen Arsch bewegst! Wenn Gerda ihrem Unmut Luft machte, tat sie es laut und ohne Scheu vor drastischen Worten. Auch an jenem Morgen. Kurz nach neun Uhr stand sie reisefertig vor der Garderobe, während er sich noch mal vergewisserte, ob die wichtigsten Dinge in der Reisetasche verstaut waren: Hotelreservierung, Kreditkarte, Fotoapparat, Stadtplan und für den Fall der Fälle eine Rolle Klopapier. Komm endlich, wir müssen fahren! Würdest du dich gnädigerweise etwas beeilen? Sie stand, von einer Veilchenduftwolke umgeben, vor dem Garderobenspiegel und bürstete ihr Haar. Inzwischen war er, wie vor jeder Reise, noch einmal durch alle Räume gegangen, hatte die Fenster verriegelt, die Wasserhähne zugedreht, den Haupthahn für das Gas abgestellt und dann ­ musste er noch mal. Martin, nun beeil dich doch, nachher ist wieder Stau auf der Autobahn, 8

ich versteh nicht, weshalb das immer so lange dauern muss, hast du schon mal was von Zeitplanung gehört? Er hatte vor allem gehört, wie sie schimpfend aus der Wohnung fegte und ihre Absätze im Treppenhaus wie der Motor einer alten Nähmaschine klackten. Er hatte gewusst, wie es unten weitergehen würde: Gerda schloss den Wagen auf ­ das Einzige, was sie mit einem Auto anzufangen verstand ­, dann schob sie ihren satten Hintern auf die Rückbank, zog ihren Rock zurecht, schlug die Tür demonstrativ laut zu und wartete mit beleidigter Miene darauf, dass die Fahrt begann. Werden diese Ängste jemals verschwinden? Gerda kommt nicht mehr. Nie mehr wird sie ihn an einer Wohnungstür mit Gezeter empfangen, nie mehr mit haltlosen Anschuldigungen, üblen Beschimpfungen und Beleidigungen über ihn herziehen, sobald er über die Schwelle tritt. Nie mehr wird sie ihn zur Weißglut bringen mit ihren Wutausbrüchen und der sinnlosen Dramatisierung von Kleinigkeiten. Nicht in dieser Wohnung und in keiner anderen. Er weiß das, doch sein Unterbewusstsein hat die Veränderung noch nicht akzeptiert. Es traut dem Frieden nicht. ,,Zuerst muss ich alle Räume lüften", beschließt er, öffnet die Tür zum Wohnzimmer, stürzt hinein und will zum Fenster laufen. Auf halbem Weg, er hat die Couch noch nicht erreicht, durchfährt ihn plötzlich ein höllischer Schmerz, der ihn herumreißt. Mit der rechten Hand bekommt er die Sessellehne zu fassen, kann den Sturz abfangen, sinkt auf die Knie und verharrt minutenlang zusammengekrümmt am Boden. Er gerät in Panik. ,,Bloß jetzt nicht das Bewusstsein verlieren!", befielt er sich, während er nach Luft ringt, sich mühsam aus dem Zimmer schleppt, aus der Wohnung hinaus ins Treppenhaus. Auf den Handlauf gestützt, schafft er die Stufen bis ins Parterre, kann einen Klingelknopf ertasten, presst die Hand darauf mit versagender Kraft. Jemand öffnet. Doch das nimmt er schon nicht mehr wahr. ... [Seiten später] ... Der Wind kommt von Norden. Er treibt eine Armada tief hängender grauer Wolken vor sich her. Nachschub an Regen. Martin zieht die kalten Hände unter die Ärmelränder wie er es als Kind gemacht hat, wenn er beim Rodeln die Handschuhe vergessen hatte. ,,Macht keinen Spaß heute", brummt er mürrisch vor sich hin. ,,Von wegen 9

Altweibersommer!" Am Treppenaufgang bleibt er stehen, stützt die Hände in die Seiten, will einen Moment verschnaufen. Wie ein Feldherr schaut er von seinem erhöhten Platz aus über den leeren Strand, über den gespenstisch anmutenden Himmel, die in Aufruhr geratene See, über die ineinanderfließenden Farben und wechselnden Konturen. Er genießt diesen beruhigenden und zugleich belebenden Anblick, lässt ihn auf sich wirken wie eine wohltuende, allheilende Medizin. Philipp hat längst die obere Plattform erreicht. Ungeduldig wedelt er mit dem buschigen Schwanz und schaut hinunter zum Steg. Wo Herrchen nur bleibt? Martin steht noch am Geländer. Seine Hände umklammern das nasskalte Holz, doch er spürt weder Nässe noch Kälte. Gebannt folgt sein Blick einer Frau. In einen wehenden Mantel gehüllt eilt sie über den Strand Richtung Düsum. Und weil die wirbelnde Nässe sie von allen Seiten bedrängt, hat sie die Kapuze über den Kopf geschlagen. Der Atem will ihm stocken, als er erkennt, dass sie keinen gewöhnlichen Wettermantel trägt. Keinen aus synthetischem Material. Ihr Mantel ist ein echter Regenmantel. Einer von damals. Einer jener begehrten Wettermäntel, die man heute nur noch unter der Hand bekommt, für viel Geld, Liebhaberstücke, Kostbarkeiten aus weich fließendem Gummituch, wadenlang mit durchgehender Rückenfalte, zu den Beinen hin leicht ausgestellt. Manche glockig wie ein schüchternes Tanzkleid. Andere mit fein genähtem Rillofächer im Nacken, an den Ärmeln Laschen und Schnallen. Jeder Mantel für sich ist ein Meisterstück. Eine modische Symphonie. Starke Windböen treiben die Mantelfrau voran. Obwohl sie einen sportlichen Eindruck macht, hat sie Mühe, gegen den wechselnden Druck im Rücken die Balance zu halten. Die Tasche rutscht ihr von der Schulter. Sie klemmt sie unter den Arm, wirft im Laufen einen Blick auf die Uhr am Handgelenk. Keine ihrer Bewegungen entgeht ihm. Nicht das geringste Detail. Er beobachtet, wie der Wind den schieferfarbenen Mantel hauteng um die Schultern der Frau presst, um ihre Taille, ihren Po, ihre sich deutlich abzeichnenden Schenkel. Hilflos dem Windschlag ausgesetzt, umflattert der Mantelsaum die schlanken, in engen Jeans steckenden Frauenbeine. All das zu sehen erregt ihn. 10

Seit er denken kann, haben Frauen in Mänteln aus Gummi ihn erregt, haben seine Sinne alarmiert und seinen Körper in einen Zustand lustvollen Verlangens versetzt. Auch jetzt drängt es ihn, über den Strand zu rennen, um den geschmeidigen, von glatter Gummihaut umhüllten Frauenkörper zu umfassen und mit den Handflächen die regennasse Mantelbahn hinabzugleiten. Gumminässe spüren. Regen macht Gummi glänzend. Es ist ein ganz eigener Nässeglanz, ähnlich der Haut von Delphinen, wenn sie aus dem Wasser schnellen und ihre schlanken glatten Körper sich für Sekunden im Sonnenlicht winden. Viel zu schnell erreicht die Frau den Stranddurchgang nach Düsum. Dort biegt sie ab und verschwindet. Lässt ihn allein mit seinem ratlosen Staunen und dem Gefühl von Verlassenheit. Den Rest des Tages verbringt er wie hinter Schleiern. Unentwegt muss er an die eilende Frau in ihrem wehenden Mantel denken. Einem inneren Sog folgend, projiziert er das Erlebte wieder und wieder vor sein geistiges Auge, genießt die Abfolge der schönen Bilder, lässt zu, dass die manipulierte Rückblende ihn in Wallung bringt, bis bloßes Verlangen seinen Willen dirigiert und ihn schwanken macht zwischen selbstbefohlener Verdrängung und unsäglicher Lust. Die unverhoffte Begegnung mit der Frau im Regenmantel hat seine empfindsamste Seite erneut zum Klingen gebracht, und er weiß, dieser Klang wird nachhallen wie ein kraftvoll angeschlagener Akkord. ... [Seiten später] ... Das Waschkellerverbot war jenes, das ihn am meisten schmerzte, weil an der kahlen, mit grauer Ölfarbe gestrichenen Kellerwand zwischen dem Waschbottich und der alten Zinkwanne an einem blattförmig geschwungenen Messinghaken Marthas knielange Schürze aus schwerem, ziegelroten Gummi hing. Damals waren die Eltern bereits hinter sein ,,frevelhaftes" Tun gekommen, und der Vater hatte ,,zur Vermeidung einer sich abzeichnenden Fehlentwicklung des Knaben" zahlreiche Verbote ausgesprochen. Fünfeinhalb war er damals. Er hatte sich vor der Familie und den Hausangestellten geschämt und sich mit Ängsten und Schuldgefühlen 11

beladen. Damals schon. Und furchtbar geärgert hatte er sich über die eigene Unvorsichtigkeit, deretwegen der Vater erst den Verdacht schöpfen konnte, dass sein Sprössling sich beim Umgang mit diversem Gummizeug ein, wie er sich ausdrückte, unsittliches Körpergefühl bereitete. Jene Unvorsichtigkeit war ihm an einem warmen Augustsonntag passiert. Bis zum Mittag hatte er mit Isolde im Garten Haschen gespielt. Dem Willen des Vaters folgend, ruhte die gesamte Familie bis halb drei Uhr, und danach gingen die Eltern spazieren, während die beiden Kinder auf ihren Zimmern blieben. Wie immer hatte er an der spaltbreit geöffneten Tür gelauscht, bis die Haustür ins Schloss gefallen war. Von drei bis fünf gingen die Eltern im nahen Stadtpark spazieren, Arm in Arm, bei Wind und Wetter. Jeden Sonntag verließen sie mit preußischer Pünktlichkeit drei Uhr das Haus. Darauf war Verlass. Und eben diese Stunde sehnte er mit wachsender Ungeduld herbei. Sobald die Eltern weit genug gegangen waren, wovon er sich vom Bodenfenster aus überzeugte, schlich er die breite Holztreppe hinab in die Diele. Einige der rotbraun gebohnerten Stufen knarrten verräterisch, daran änderte auch der grüne Kokosläufer in der Mitte nichts. Vorsichtshalber nahm er die Schuhe in die Hand und trat so leicht als möglich auf, damit Isolde von seinem Vorhaben ja nichts mitbekam. Die im Parterre gelegene gynäkologische Praxis des Vaters beanspruchte den gesamten Ostflügel der Villa. Von Montag bis Mittwoch arbeitete der Vater im städtischen Krankenhaus, Donnerstag und Freitag empfing er in der eigenen Praxis gut zahlende Privatpatientinnen. Am Wochenende waren die Räume verschlossen. Beiden Kindern war der Zutritt strengstens untersagt. Den Schlüssel hatte der Vater aus Bequemlichkeit oder weil er ihn im Notfall rasch zur Hand haben wollte, auf dem Garderobenspiegel versteckt. Wenn der Halbwüchsige, auf Zehenspitzen stehend, den rechten Arm weit nach oben streckte, bekam er den Schlüssel mit den Fingern gerade noch zu fassen. Der Weg in das verbotene Paradies war frei. Die schmucklosen, weiß getünchten Praxiswände strahlten Kühle aus. Rechts stand Vaters Schreibtisch, ihm gegenüber der Behandlungsstuhl. Vor dem großen, mit blickdichten Stores verhangenen Fenster stand die Patientenliege, darauf lag immer ein schneeweißes Laken, das täglich gewechselt wurde und stark nach Bügeldampf roch. 12

Das kurze Stück von der Liege bis zur rechten Wand war mittels eines Metallgestells als Umkleideecke abgeteilt und an den freien Seiten mit zwei bodenlangen Vorhängen versehen worden. Der vordere wurde von zwölf blitzenden Ringen auf einer zwei Meter langen Messingstange gehalten. Und eben dieser Vorhang, maßgefertigt aus weichem eierschalfarbenen Gummituch, hatte es ihm angetan. Behutsam schob er die geschmeidige Stoffbahn bis ans Ende der Messingstange, holte aus der Umkleideecke den weißen Holzstuhl, stieg barfüßig darauf und konnte, wenn er die Arme weit genug nach oben reckte, den Messingknauf abdrehen, die hohle Stange, die nicht schwer war, ein kleines Stück aus der Halterung ziehen und schräg halten. Sogleich glitt ihm der Vorhang samt Ringe in den angewinkelten Arm. Wenn das geschafft war ­ und er schaffte es jedes Mal geschwinder ­, zog er sich aus und wickelte seinen entblößten Körper in die kühle Gummibahn. Dann hob er den Kopf, schloss die Augen und verharrte in dem Gefühl, von Kopf bis Fuß in Sanftheit gehüllt und wie unter einer zweiten Haut geborgen und vor allem Bösen behütet zu sein. Genussvolle Momente, die in der Freude mündeten auf das, was folgte: Er zog das Laken von der Patientenliege, legte es ordentlich in die Bügelfalten zurück, warf statt des Lakens den Vorhang über die Liege und legte sich bäuchlings darauf. Nun, da er das glatte Gummituch unter sich hatte, wand er sich darauf wie ein Salamander in immer heftigeren Bewegungen, bis ihm die Wangen glühten und das inwendige Kribbeln stärker wurde, je schneller und hemmungsloser er Brust und Lenden und Schenkel an der glatten Unterlage rieb. Das war ein Keuchen und Stöhnen. Er genoss, was er dabei empfand. Den Lustschrei hat er hinter den zusammengepressten Lippen erstickt, damit Isolde ihn nicht hörte. Viele Sonntage war das so gegangen. An jenem Sonntag, als das Unverzeihliche geschah, war er bereits wieder in Hose und Hemd geschlüpft und gerade dabei, die Umkleideecke in ihren alten Zustand zu bringen, als er plötzlich im Treppenhaus seinen Namen rufen hörte, ängstlich, wie ihm schien. Offenbar stand Isolde schon vor der Tür. Er war in Panik geraten, hatte sich zu sehr beeilt mit dem Auffädeln der Messingringe, und in der Eile hatte er den letzten Ring übersehen. An den vorherigen Sonntagen hatte er stets noch einmal von der Tür aus zurückgeschaut und sich vergewissert, dass es nichts gab, was sein heimliches Tun hätte verraten können. Doch 13

diesmal hatte er den Blick zurück vergessen. Am anderen Morgen hatte der Vater beide Kinder in das Behandlungszimmer zitiert, mit spitzem Finger auf die Messingstange gewiesen und gefragt: ,,Kann mir wer erklären, wie dieser Ring dort aus der Halterung geraten konnte, wo der Vorhang doch am Samstag noch tadellos auf der Stange hing?" Isolde hatte verlegen an ihren braunen Zopfspitzen gezupft und den Bruder von der Seite angeschielt. Er hatte dagestanden mit hochrotem Kopf, hatte sich unwissend gestellt und vergeblich versucht, dem bohrenden Blick des Vaters zu entkommen. Obwohl der Vorfall ungeklärt blieb, hatte der Vater im Nachgang alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, damit der Sohn im Haus künftig mit keinerlei Unterlagen, Tüchern, Schürzen und sonstigen Dingen aus Gummi in ,,unsittliche" Berührung kam. ... [Seiten später] ... Die Dominanz meiner Frau kam schleichend. Im Mai 1959 lernte ich Gerda während eines Konzertes im Münchner Herkulessaal kennen. Sie saß zufällig auf dem Platz neben mir. Eine Laune des Schicksals. Die Karte für das Mozart-Requiem hatte mir mein Studienfreund Hans-Harry Schneider geschenkt. Das Leben sei traurig genug, hatte er stirnrunzelnd gemeint und mir die teure Karte in der Mensa in die Hand gedrückt. Einfach so. Hans-Harry konnte sich das leisten. Ich nicht. ... [Seiten später] ... Gerda stellte mit wachsendem Unbehagen fest, dass ich, obgleich ich sie keinesfalls vernachlässigte, im Begriff war, die Prioritäten in meinem Leben neu zu setzen. Mein Beruf bekam plötzlich einen ganz anderen Stellenwert, und Privates rückte von heute auf morgen in die zweite Reihe. Doch das war nicht, was Gerda von mir erwartete. Sie wollte den ,,Konkurrenten" nicht akzeptieren, sich nicht damit abfinden, dass sie nicht der alleinige Mittelpunkt all dessen war, was ich tat und dachte und was in wachsendem Maße meinen Lebensinhalt bestimmte. Gerda schmollte und gab mir in den folgenden Wochen wiederholt Anlass, eine feste Bindung ernsthaft zu überdenken. Doch, verliebt wie ich war, ignorierte ich jedes noch so deutliche Warnsignal, wähnte 14

mich großherzig, wenn ich über ihr seltsames Verhalten hinwegsah, wollte Harmonie erzwingen durch Nachsicht. Heute weiß ich, dass ich die Trennung scheute. Ich hatte Angst vor dem harten Schnitt. Angst vor dem Abschied. Ich ertrage keine Trennungen, keine Abschiede, und geschehen sie mir, leide ich darunter wie ein Hund. Es schmerzt mich körperlich, von einem vertrauten Menschen plötzlich zurückgelassen, von ihm ver ­ lassen zu werden. Andere Leute leiden an Verfolgungswahn, an Höhen- oder Platzangst. Ich leide unter unsäglichen Trennungsängsten, von Kind an. Gerda hat nie davon erfahren. Ich war immer darauf aus, den mauerstarken, ihr Sicherheit bietenden Mann abzugeben, zu dem sie aufblicken und auf den sie sich verlassen konnte. Mir lag viel daran, Gerdas Achtung nicht zu verlieren, nicht zu sinken in ihrer Gunst. Mit einem reinigenden ,,Gewitter" hätte ich das damals vielleicht sogar erreichen können. Doch statt der klärenden Worte hielt ich an meiner Verliebtheit fest wie der Blinde am Stock und zimmerte so das Parkett, auf dem Gerda rasch lernte, sich frei zu bewegen. Ich vermute, sie hat damals ihren ,,Aktionsradius" abgesteckt. Hat getestet, wie weit sie in mein Bewusstsein vordringen kann, um dort ihren Willen dauerhaft zu positionieren. ... [Seiten später] ... Ich muss mir den Vorwurf nicht machen, ich hätte meine Frau nicht in mein Geheimnis eingeweiht. Den Mut dazu fand ich allerdings erst nach acht Jahren Ehe. Bis dahin glaubte ich, meine Vorliebe für gummierte Regenmäntel sei ein aus der Pubertät herrührendes Überbleibsel, das sich in einem harmonischen Eheleben von selber verlieren würde. Deshalb hatte ich mich im Dezember 1960 von der roten Gummischürze, die seit Gerdas Einzug im Schuhkarton auf dem Kleiderschrank schlummerte, getrennt. Weshalb sollte ich jetzt noch Gummi lustvoll berühren und mir daran sexuelle Befriedigung verschaffen wollen, wenn ich die nackte Haut einer Frau berühren und Sex mit ihr haben konnte, wann immer ich wollte. Nicht, dass ich Gerda als Ersatz für Gummi angesehen hätte. Eher als Ablösung. Als Übergang in die vermeintliche Normalität. So dachte ich und argumentierte mir damit jede aufkommende Regung in Sachen Gummi weg. Ich verneinte, verdrängte, unterdrückte das in mir schlummernde Verlangen. Verdrängung im Schlepptau der 15

Vernunft. Ich nahm mich selber in die Pflicht, mit Gerda eine ,,saubere", von Gummigelüsten freie Ehe zu führen. Doch dann kamen die späten sechziger Jahre und mit ihnen die hohe Zeit der Kleppermoden. Bei nassem Wetter wimmelten die Städte von Frauen in den modischen Regenmänteln aus gummibeschichtetem Stoff. Gerade geschnittene oder weit schwingende Mäntel mit gefütterten Kapuzen. Für Leute wie mich war das ein magischer Anblick, die leibhaftige Versuchung, gegen die ich machtlos war. Gegen alle Vernunft und guten Vorsätze erlebte ich die Renaissance meiner Gummileidenschaft. Fordernd kroch sie heraus aus der befohlenen Verbannung und beharrte auf Einbindung in mein Leben. Dies zu realisieren war mir nur möglich, wenn ich Gerda in meine heimlichen Wünsche und Sehnsüchte, die mich nie wirklich verlassen hatten, einweihte und ihr meine Leidenschaft erhobenen Hauptes eingestand. Mir graute davor. Doch ich wollte und konnte meine Frau nicht länger belügen. ... [Seiten später] ... Zwei Tage später fuhr ich Gerda zum Hauptbahnhof. Vor ihrem Zugabteil fragte ich sie, wann sie zurückkäme. Sie reckte sich und sagte im Ton einer Gouvernante, während sie mich mit kalten Augen maß: ,,Tu nicht so, als ob du das nicht wüsstest. Ruf mich an, sobald du die Sache mit der Wohnung geklärt hast. Helgas Nummer hast du ja. Und komm gar nicht erst auf die Idee, vorher anzurufen, es wäre zwecklos." Sie nahm ihre Reisetasche und stieg in den Zug, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen. Ich stand da wie abgestraft. Was war das hier eigentlich? Setzte mir meine Frau tatsächlich die ,,Pistole" auf die Brust? War das ein mit Helga abgekartetes Spiel, um mich auszubooten? Brachte Gerda es allen Ernstes fertig, mich Tage, vielleicht Wochen in schwebender Ungewissheit zurückzulassen, bis ich ihr artig Vollzug meldete? Jetzt erst wurde mir bewusst, wie erschreckend sicher Gerda sich meiner war. Natürlich erwartete sie, dass ich vor Abfahrt des Zuges an ihr Abteilfenster treten, ihre Hände ergreifen, ihr in die blauen Augen blicken und hoch und heilig versprechen würde, mich stehenden Fußes auf die Suche zu begeben, um ihr den geforderten Wohnungshimmel auf Erden zu bereiten. Doch diesmal machte ich auf dem Absatz kehrt und 16

ging. In der Drehung sah ich noch, wie Gerda das Fenster herunterzog, ihren blonden Schopf herausstreckte und darauf wartete, dass ich ihr nachwinkte, während der Zug in Bewegung kam. Ich dachte nicht daran! Etwas in mir rebellierte. Ich lief über den Bahnsteig dem Ausgang zu. Auch dann noch, als ich ein lautes, forderndes ,,Martin!" hinter mir hörte. Ich tat nicht dergleichen. Unbeirrt eilte ich weiter, erreichte die Treppe und war wenig später in der Menge verschwunden. Ohne jedes Zeitgefühl, innerlich taub wie unter Drogen, irrte ich ziellos durch die Stadt. Weder war ich imstande, die wirren Gedanken im Kopf zu ordnen, noch mir die Frage zu beantworten, wie ich die Schelte, die mir meine Frau soeben verpasst hatte, verkraften sollte. Diese Frau, mit der ich zwanzig Jahre meines Lebens verbracht hatte und der ich trotz wachsender Probleme immer einen Funken Liebe in meinem Herzen bewahrt hatte, diese Frau brachte es eiskalt fertig, mir ,,Daumenschrauben" anzusetzen. Es dauerte eine Weile, bis die weibliche Niedertracht mein Hirn erreicht hatte und mir klar machte: Deine Frau erpresst dich. Der Gedanke war ungeheuerlich. Er machte mir Angst. Und plötzlich hatte ich es sehr, sehr eilig. Ich holte den Wagen vom Bahnhofsvorplatz und fuhr ans andere Ende der Stadt, wo ich ein gut geführtes Sanitätsgeschäft wusste. Dort kaufte ich drei Meter graues Gummituch von der Rolle. Fabrikneue Meterware für den Krankenhausbedarf. Den fragenden Blick der Verkäuferin ignorierend, klemmte ich das Paket unter den Arm und fuhr nach Hause. Was dann folgte, lief ab wie von fremder Hand geführt: Da war der Küchenstuhl, den ich in die Mitte des Bads stellte. Da lagen meine Sachen am Boden, wie ich sie vom Körper gerissen hatte. Schneller als ich denken konnte, stand ich splitternackt neben dem Stuhl und wickelte meinen begehrenden Körper in die voluminöse graue, jetzt erst ihren Duft voll entfaltende Gummibahn ein. Ich rieb und raschelte, was der Stoff hergab. Hemmungslos holte ich mir meine lange entbehrte, von zehrenden Ängsten niedergehaltene Lust. Mein Blut brannte. Mein Körper bebte. Es war ein gewaltiger, nicht enden wollender Ausbruch, wie ich ihn heftiger zuvor nie erlebt hatte. Unter dem kalten Strahl der Dusche kam ich Stunden später allmählich wieder zu mir. Ich fühlte mich erholt und guter Stimmung 17

und war fest entschlossen, auf Gerdas Gemeinheit zu pfeifen und jetzt an mich zu denken. Ich sprang in meine abgewetzten, zehn Jahre alten Urlaubsjeans, die mir, da ich kein Kilo zugenommen hatte, immer noch passten und zog das grasgrüne Polohemd über, von dem Gerda meinte, ich sähe darin albern wie ein Grashüpfer aus. Vor dem Garderobenspiegel brachte ich meine, an den Schläfen sichtbar ergrauten Haare mit der Drahtbürste in Bestform. Dabei verspürte ich plötzlich einen mächtigen Appetit auf etwas Deftiges zwischen die Zähne, und meine Kehle lechzte nach einem frisch gezapften Bier. Von diesem Stimmungshoch getragen tat ich etwas, was ich bisher noch nie getan hatte und auch nie wieder getan habe. Ich ging aufs Oktoberfest. Ging einfach los, ohne Gerda um Erlaubnis fragen oder eine Lüge erfinden zu müssen. Ein befreiender Gedanke, der mir Mut machte, mich zwanglos unter das heitere Volk zu mischen, lachend, singend und Weißbier trinkend an langen Holztischen. So ausgelassen hatte ich mich zuletzt auf den Kneipentouren mit Hans-Harry gesehen. Ich leerte zügig zwei Maß, dann folgte wahllos, was die ,,Wiesn" an Herzhaftem zu bieten hatte: frische Laugenbrezeln, daumendicke Scheiben Emmentaler mit Butter, Salz und Pfeffer, später ,,Weißwürstln" mit süßem Senf, ein halbes ,,Hendl" und ,,an Leberkas". Vor dem Riesenrad zog mich eine Gruppe angeheiterter Teenager in ihre Gondel. Ich reichte eine Tüte gebrannte Mandeln herum, schäkerte mit den Mädels und gab deftige Hans-Harry-Sprüche zum Besten, dass sie aus dem Kichern nicht herauskamen. Aus allen Richtungen drang fröhliche Musik an mein Ohr, die Welt unter mir wurde kleiner, und nach drei von mir bezahlten Riesenradrunden verabschiedeten sich die Schneckchen mit ,,Servus!" und Küsschen auf die Wange und verschwanden im nächsten Bierzelt. Ich fühlte mich sauwohl in dem irdischen Trubel, mochte jetzt sogar die Blasmusik, die aus den saalgroßen Bierzelten dröhnte, mochte die singenden Menschen und ihre unbekümmerte Art zu feiern, die ich sonst mied, weil Gerda sie mied. Ich war mittendrin, hatte mich eingelassen auf die urbayerische Fröhlichkeit, zu der mir bislang jeder Zugang gefehlt hatte. Ich spürte mich wieder. ... [Seiten später] ...

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Fürsorglich wie sie war, hatte Sonja mir eine Nachfolgerin besorgt. Eine gleichwertige, wie sie mir versicherte. Die Dame hieß Rosalia, hatte die dreißig in langen Schritten hinter sich gelassen und wohnte gar nicht weit von meiner Praxis entfernt. Auch das hatte Sonja liebenswerter Weise bedacht. Ebenso hatte sie sich vergewissert, dass es mir nichts ausmachen würde, finanziell etwas draufzulegen. Rosalia sei nicht billig. So kam ich also auf Sonjas Empfehlung und war schrecklich aufgeregt. Wie sich bald herausstellte, war Rosalia, was meine speziellen Wünsche betraf, bestens informiert. Sie wohnte in der siebten Etage eines Innenstadtneubaus. Ich nahm den Aufzug. Zeitgleich mit meinem Klingeln ging die Tür auf. ,,Grüß Gott, ich bin die Rosa!", empfing mich die Hausherrin, die ich mir gänzlich anders vorgestellt hatte. Die einmeterachtzig große Wasserstoffblondine blieb, den linken Arm modellhaft in die Taille eingestützt, den rechten am Türrahmen lehnend, auf der Schwelle stehen, sodass ich gar nicht anders konnte, als sie zunächst in voller Größe zu betrachten. Sie war, das muss ich ihr lassen, ein Fest für meine heterosexuellen Augen: extrem schlank, die weißblonden Haare igelkurz, was ihrem Gesicht eine attraktive Kühle gab ­ Typ Schneekönigin. Mutter Natur hatte Rosa, wie sie genannt werden wollte, an den genau richtigen Stellen mit makellosen Rundungen versehen, die wohl jeden Mann, der an ihre Pforte klopfte, in Wallung brachten. Dieses optische Vorspiel gehörte offenbar zu der Show, die sie ihren Freiern bot, bevor sie sie herein bat. Kein schlechtes Zeichen, dachte ich, dann scheint sie ihren Job ernst zu nehmen und darauf zu achten, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Die eindrucksvolle Begrüßungszeremonie fand in einem extrem engen, Rosas Schenkel und Brüste arg zusammenpressenden, anthrazitfarbenen Kleppermantel statt, was man so hauteng nur hinbekommt, wenn man den Mantel mindestens zwei Nummern zu klein kauft und nicht eben klaustrophob veranlagt ist. ,,Schau mal, was dich erwartet", frohlockte sie mit mannstiefer Stimme und trat einen halben Schritt zurück. Ihre sonnengebräunten Hände öffneten langsam die Knopfleiste des Mantels, und dann machte sie ihn ruckartig auf, als öffnete sie ein Überraschungspaket. Mein Blick fiel auf halterlose schwarze Nylons mit breitem Spitzenrand, auf einen glänzenden ziegelroten Gummibody, der Assoziationen in mir weckte und der Rosas Wespentaille so einschnürte, dass ich spontan Luft holte 19

und überlegte, ob sie darin nicht jeden Moment ohnmächtig werden müsste. Schließlich äugte ich die stockschlanken Beine hinab, die mir ehrlich gesagt zu dürr waren ­ etwas mehr Fleisch am Wadenknochen mochte ich schon. Dennoch folgte ich der Linienführung abwärts zu den lackschwarzen Schuhen mit den extrem hohen und extrem dünnen Absätzen. Dort verweilte mein Blick, weil mir die Frage kam, wie eine so große Frau sich auf so materialarmem Schuhwerk sicher fortbewegen kann. Rosa konnte es. Und sie konnte noch mehr, wie ich gleich erfahren sollte. ... [Seiten später] ... Das rote Lämpchen am Anrufbeantworter zeigte drei Anrufe. Alle drei waren sie von Gerda: ,,Martin, dein Verhalten gestern war skandalös! Ich möchte, dass du umgehend zurückrufst, allein schon wegen unseres Österreichurlaubs Ende Mai, den hast du mir versprochen! Was wird denn nun damit? Lass uns vernünftig miteinander reden, ich finde, wir haben beide überspannt reagiert. Mach uns einen schönen Urlaub, dann wird alles gut, ja?" Kein Wort des Bedauerns, keine Entschuldigung, keine Spur von Sorge um mich, nicht einmal die Frage, ob ich gesund in Köln angekommen sei. Wochen zuvor noch hätte ich stehenden Fußes zum Hörer gegriffen und zurückgerufen. Es war früher Nachmittag. Ich wusste, Gerda saß im Wohnzimmer, wartete auf meinen Anruf und verfluchte mich, weil ich nicht dergleichen tat. Sollte sie nur! Nachdem, was vorgefallen war, sperrte sich mein Verstand dagegen, ein Gespräch zu führen, von dem ich bereits wusste, wie es verlaufen und wie es enden würde. Um nichts in der Welt wollte ich jetzt mit meiner Frau reden. Nicht einmal an sie denken! Mir stand der Sinn nach etwas anderem. Nach etwas, das mein kummervolles Herz besänftigen und meine flatternden Nerven beruhigen würde. Ein Fest wollte ich mir bereiten. Ein Fest mit meinen Capes und Mänteln. Ein Gummifest der besonderen Art. Wie ein seidiger Besen kehrte mir der warme Brausestrahl, den ich minutenlang über Gesicht und Körper laufen ließ, die Strapazen der letzten Nacht von der Haut. Um das Bad duftneutral zu halten, verwendete ich nur klares Wasser, erst warm, dann heiß, bis die Haut 20

von innen glühte. Ich schlüpfte in den neuen azurblauen Frotteebademantel, trank auf der Couch im Wohnzimmer ein Glas edlen Rotwein und stellte mit willkommener Gleichmut fest, dass mir, während ich erwartungsvoll unter der Dusche gestanden und mich gedanklich auf mein ,,Fest" eingestimmt hatte, Gerdas Rückrufforderung kein einziges Mal in den Sinn gekommen war. Ich machte Fortschritte. Das Bad war gelüftet, das Kippfenster geschlossen, ein gerahmtes Foto meiner angebeteten Schönen stand gut sichtbar auf dem Fenstersims. Ich wartete, bis in dem acht Quadratmeter großen, weiß gefliesten Bad eine angenehme Temperatur herrschte. Mein ,,Dinner" konnte beginnen. Für den ,,Aperitif " drapierte ich den Raum mit allem, was ich in den vergangenen Jahren an Regenmänteln, Capes, Kapuzen, Stoffbahnen, diversen Tüchern und Zubehör aus Kleppergummi zusammengetragen hatte. Großzügig über Waschbecken, Badewannenrand und Wäschekorb ausgebreitet, war der Raum bald ausgeduftet von der Fülle an Gummistoffen. Eine faszinierende Übermacht an Geruch, die mir erregende Glücksmomente versprach. Als einzige Lichtquelle ließ ich die kleine Kugellampe über dem Waschbecken zu. Ihr milchiger Schein störte die Intimität des Raumes nicht. Und dann tauchte ich ein in meine dämmrige, von Wohlgerüchen erfüllte Gummiwelt und hoffte auf Himmelsflüge. An der Tür ließ ich den Bademantel von den Schultern fallen, lauschte in die Stille, die mich umgab und die mir sagte, dass nichts und niemand mein Fest stören würde. Der ,,Hauptgang" war üppig. Gummiglätte wohin ich schaute, fasste, roch. Mein Heißhunger verlangte nach mehr. Reibend, drückend, streichelnd verschmolz meine Haut mit den raschelglatten Stoffbahnen, bis mir der Schweiß aus den Poren trat. Für das ,,Dessert" inspirierte mich der Anblick der leeren Badewanne zu einer ganz neuen Gestaltungsvariante Klepperschen Lusterlebens. Eilig holte ich alle Draperie heran und füllte die Wanne statt mit Wasser mit den Mänteln, Capes, Kapuzen und losen Stoffbahnen. Ein Meer aus Gummi. Ich badete darin. Hätte jemand hinter der Tür gestanden und gelauscht, er hätte ein wildes Tier vermutet, eine unentdeckte Spezies, so animalisch muss mein Stöhnen und Ächzen und Wonnegrunzen geklungen haben. Hätte tatsächlich jemand hinter der Tür gestanden, hätte ich allen Grund gehabt, mich bis in alle Ewigkeit für die bizarre Wannenorgie 21

zu schämen. Aber da stand niemand hinter der Tür. Und das hier war auch kein muffiger Kellerverschlag, kein Kasse klingelnder Massagesalon, kein verstohlener Waldweg. Ich wusste mich fernab jeglicher Gefahr, entdeckt zu werden. Ich war allein. Allein bei mir. Allein mit mir. In dieser Gewissheit trieb ich es heftig mit mir selber und erklomm den Gipfel der Lust ohne jegliches Scham- und Schuldgefühl. ... [Ende der Leseprobe]

Infos: http://www.regenmantelfrau.de 288 Seiten / 19,00 Erhältlich über den Buch- und Internetbuchhandel ISBN: 9-783-837-07579-3

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