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handelszeitung | Nr. 51/52 | 22. Dezember 2011

Unternehmen | 13

Sichersatt düstere Zukunftsprognosen versetzen so manche Menschen in Panik ­ und bescheren dem Zürcher versand von notnahrung umsatzsteigerungen wie nie.

yvonne debrunner

Nahrhafte Krise

m liebsten isst Reto Schätti Hörnli mit Hackfleisch. Wenn der gelernte Koch in Eile ist, greift er auch mal zu einem NRG-5-Riegel. Staubtrocken ist dieses Notnahrungsmittel und mindestens zehn Jahre haltbar. Aber es besteht aus allem, was der Mensch zum Leben braucht: Kohlenhydrate, Proteine, Fette, Vitamine. «Ausgewogener kann man nicht essen», sagt Schätti. In seinem Keller lagern Kisten voll solcher Riegel als Notvorrat. «Wenn es zu einem Versorgungsengpass kommt, will ich vorbereitet sein», sagt der 32-Jährige. Viele andere denken mittlerweile gleich. Die Krise in der Euro-Zone lässt bei vielen Leuten das Vertrauen in Märkte und Politiker schwinden. Die Unsicherheit ist gross. «Ich bin Koch, kein Spezialist in Wirtschaftsfragen. Aber man muss kein Spezialist sein, um zu merken, dass einiges schiefläuft», sagt Schätti. Es sind diese diffusen Ängste, welche zurzeit viele Leute dazu bewegen, fürs Schlimmste vorzusorgen. Und davon profitiert Schätti. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Firma Sichersatt, die auf Notvorräte spezialisiert ist. In den letzten zwölf Monaten stieg der Umsatz um 500 Prozent. Tausende von Notvorratspaketen hat Schätti in diesem Zeitraum ausgeliefert. Er beschäftigt mittlerweile drei Mitarbeiter, zwei davon hat er in den letzten drei Monaten eingestellt.

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gungsengpässen drohe. «Wir von der Sichersatt sind überzeugt, dass es zu Versorgungsengpässen kommen wird, und appellieren an die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen, sich für mindestens 30 Tage abzusichern», schreibt Schätti auf der Firmenhomepage. Wer das tun will, kann dann über die Homepage für 280 Franken gleich das Monatspaket bestellen. Es enthält 51000 Kilokalorien, in Form von Linsen, Bohnen, Risottoreis, Spaghetti, Zu-

reto Schätti, Geschäftsführer Sichersatt.

Appellieren an Eigenverantwortung Schätti hat Sichersatt im April 2010 zusammen mit zwei Freunden gegründet. Ausschlaggebend waren eine Reihe von Beobachtungen, etwa diejenige, dass heute alles «just in time» geliefert werde und weder Detailhändler noch Gastronomiebetriebe grosse Lager führten. Zum anderen bemerkte Schätti während eines Aufenthalts in Kanada, dass dort die Eigenverantwortung viel grösser sei. «Wenn dort ein Baum auf der Strasse liegt, holt man die Motorsäge und räumt ihn beiseite. Hier verlässt man sich in allem auf den Staat», sagt Schätti. Diese Beobachtungen verknüpfte der Jungunternehmer zu einem komplexen Gedankenkonstrukt, das ihn in Kombination mit der Euro-Krise zur Überzeugung kommen liess, dass die Gefahr von Versor-

cker, Salz, Milchpulver oder NRG-Riegeln. Die Produkte kauft Schätti wenn möglich bei Schweizer Lieferanten ein ­ aus Gründen der Versorgungssicherheit. Am Firmensitz in Wald ZH werden sie dann vakuumiert und gegen Feuchtigkeit geschützt verpackt. Dadurch sind die Produkte mindestens zehn Jahre haltbar. Neben den selbst abgepackten Produkten hat Schätti auch Fertigprodukte anderer Hersteller im Sortiment. So etwa ein gefriergetrocknetes Gemüsecurry, haltbar bis 2036, Spaghetti Bolognese aus der Dose oder einen Dosenkäse, den Emmi früher für das Schweizer Militär produzierte. «Die Verantwortlichen beim Milchkonzern schauten mich erst schon etwas komisch an, schliesslich haben sie eingewilligt», erzählt Schätti. Etwas komisch angeschaut werde er sowieso immer wieder, wenn er erzähle, was er beruflich mache. Sogar Drohbriefe habe er schon erhalten, sagt der Zürcher Oberländer. Viele sehen in ihm einen Angstmacher, der mit der Furcht der Leute spielt. Schätti dementiert vehement: «Ich will den Leuten keine Angst machen, das wäre unseriös, und überhaupt ist das auch gar nicht nötig. Die Leute, die bei mir bestellen, wissen, was sie wollen. Ich bin kein Handyaboverkäufer, der den Leuten etwas aufschwatzen muss», erklärt er.

Seine Kunden, erzählt Schätti, stammten aus allen Bevölkerungsschichten. Auch bezüglich Alter sei alles vertreten. «Eben war ein junges Pärchen da, das einen ganzen Lieferwagen voller Waren einkaufte.» Grössere Lieferungen oder Sendungen für Prominente übernimmt er auf Wunsch auch selbst, aus Diskretionsgründen. «Wir sind sehr zurückhaltend und geben keine Informationen über Kunden hinaus», erklärt Schätti, der sein Geschäft auch gerne mit dem früheren Schweizer Bankgeschäft vergleicht. Die Diskretion sei aus zwei Gründen wichtig: «Erstens wird man immer noch häufig ausgelacht, wenn man sagt, dass man sich einen Notvorrat anlegt. Und zweitens sollen ja nicht alle wissen, wer im Keller grosse Notvorräte lagert. Sonst werden diese Häuser im Ernstfall geplündert», meint Schätti. Gewisse Kunden sollen die Notvorräte auch als Anlageobjekt halten. «Einer hat mir mal gesagt, dass er NRG-5 zur Diversifikation seines Portfolios kaufe», erzählt Schätti. Er tippt mit dem Finger auf den bröseligen Riegel, der vor ihm auf dem Tisch liegt, und sagt: «Ich finde das logisch. Mit der hohen Kaloriendichte ist NRG-5 wie ein Goldbarren, den man sogar noch essen kann.»

notvorrat

Früher sogar einmal Pflicht

Werbung im TV bis in die späten 70er-Jahre gehörte der notvorrat zur Standardausrüstung im Luftschutzkeller der Schweizer Haushalte. er sollte in Kriegszeiten das Überleben sichern helfen. der bund warb sogar im Fernsehen für das Anlegen von Lebensmittelreserven. «Kluger rat, notvorrat», so der Slogan. Zur Zeit des Sechstagekrieges im Jahr 1967 war die eiserne reserve letztmals für obligatorisch erklärt worden. das bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung empfiehlt ihn indes bis heute. nun aber zielt es auf den Fall von naturkatastrophen.

keystone/alessandro della bella

Keller eines Mietshauses: In der Krise werden vorräte angelegt.

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