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2. Die Entwicklung der siedlungsarchäologischen Forschungsmethode(n) Die Anfänge der Siedlungsarchäologie lassen sich bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisen, lange bevor G. Kossinna den Begriff der Siedlungsarchäologie in seinem speziellen Sinne prägte 21. Stellvertretend sei an die Entdeckung von Pfahlbauten am Zürichsee in der Schweiz 22 und kurze Zeit später auch am Bodensee in Süddeutschland 23 erinnert. Erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nahm C. Schuchhardt durch eine Verfeinerung der Grabungsmethodik maßgeblichen Einfluß auf diese sich langsam entwickelnde Methode 24. A. Kiekebusch übernahm und präzisierte die Erkenntnisse Schuchardts 25. Später unterschied er zwischen der Landesforschung (Quellenerschließung und Landesaufnahme) und einer Kulturarchäologie (Interpretation der kulturellen Inhalte), wobei die Siedlungsarchäologie zwischen beiden Bereichen als Vermittler fungieren sollte 26. Die eng mit der siedlungsarchäologischen Forschungsrichtung verknüpfte Siedlungsgeographie erkannte schon früh den Bezug zwischen naturräumlichen Grundlagen und vorgeschichtlicher Besiedlung 27. Die letztendlich abgelehnte ,,Steppenheidetheorie" von R. Gradmann sollte 50 Jahre lang die Forschung nachhaltig beeinflussen 28. Bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg war die Regionalstudie von E. Wahle erschienen, in der er anthropogeographische Ansätze vorstellte 29. Diesen Arbeiten folgend definierte A. Tode die archäologische bzw. prähistorische Landesaufnahme als komplette Erfassung des gesamten urgeschichtlichen Materials einer begrenzten Landschaft 30. Nach der durch Befragung zusammengestellten Quellen, der Sichtung des vorhandenen Fundstoffes in den Museen bzw. Archiven und der Herstellung von Typenkarten sollten sich systematische Flurbegehungen anschließen. Diese grundlegende Verfahrensweise ist auch heute noch fester Bestandteil siedlungsarchäologischer Untersuchungen. Der -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------21 22 23

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Kossinna 1911, 1-30. Nach Kossinna waren festumrissene Kulturprovinzen immer deckungsgleich mit Stämmen bzw. Völkern. Keller 1854, 65 ff.; 1858, 111-155. Zu Beginn vor allem in Unteruhldingen (1864) und Hagnau-Burg (1866). Zur südwestdeutschen Erforschung siehe u. a. Schlichtherle 1990, 208-244. Im Gegensatz zu Kossinna stellten Befunde für ihn die eigentliche Informationsquelle dar. Kiekebusch 1912, 63-68; 1915, 37-56; 1923. Er sah in der Untersuchung von Siedlungen ein Instrumentarium zur Rettung bedrohter archäologischer Hinterlassenschaften durch ,,Erdarbeiten". Kiekebusch 1928, 113 ff. Zur Stellung der Siedlungsarchäologie siehe auch Jankuhn 1977, 6-8, Abb. 1. u. a. Hennig 1912; Wolff 1913. Gradmann 1898; 1901, 361-377, 435-447; 1906, 205-225; 1933, 265-278. Für das Mittelelbe-Saale-Gebiet von D. Mania (1972, 7-36; 1980, 29-31) befürwortet. Wahle 1918; 1922, 149-170. Tode 1928, 11.

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Konzeption Todes folgten eine Reihe von Landesaufnahmen vor allem in Schleswig-Holstein, Niedersachsen 31 und Mitteldeutschland 32, während Arbeiten über süddeutsche Kleinräume in geringerem Maße durchgeführt wurden 33. Die vor dem Zweiten Weltkrieg von W. Christaller entwickelte zentralörtliche Theorie stellt eine effektive Methode zur Klärung von Urbanisierungsprozessen 34 dar. Hierarchisch gegliederte Zentralorte prägen das Siedlungssystem und sind Ihm zufolge das Zentrum von Handelsund Transportnetzen. Ihre zentrale Stellung erlaubt die Versorgung eines in Größe und Abhängigkeitsgrad variablen Einzugsgebietes mit speziellen Gütern und Dienstleistungen. Als geographische Prämissen werden eine flache Landschaft ohne Eingrenzungen, eine gleichmäßige Ressourcenverteilung und eine einheitliche Transporttechnologie vorausgesetzt 35. Bereits frühzeitig wiesen in Deutschland - trotz innenpolitischer Schwierigkeiten - gut organisierte Großgrabungen im Federsee-Moor (Bad Buchau) 36 und Köln-Lindenthal 37 die Richtung zur interdisziplinären Siedlungsforschung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Diskussion über die Ausarbeitung eigenständiger Verfahrensweisen für siedlungsarchäologische Forschungen intensiviert. In der Folgezeit erschien eine Reihe von Grundlagenstudien in verschiedenen Zeitschriften 38. Mit der Frage, ob sich die mitteldeutschen Siedlungen der Linienbandkeramik in waldfreien oder bewaldeten Landschaften befanden, leitete K. Schwarz der sechziger Jahre begonnen. Durch die ständige Reflektion und Diskussion neuer Forschungsansätze und der Konzeption siedlungsarchäologischer Methodik erweiterte H. Jankuhn den Begriff der Siedlungsarchäologie in zahlreichen Publikationen 40. Er richtete das Hauptaugenmerk der Untersuchungen auf -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------31 32

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den Beginn von kleinräumlichen Untersuchungen ein.

Aber auch mit der Erforschung von großflächigen, neolithischen Siedlungen wurde zu Beginn

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Eine Zwischenbilanz für Niedersachsen bei Schirnig 1966, 3-13. z. B. Grimm 1930, 17-20; Lies 1974, 57-111; D. Kaufmann 1975, 69-84; Mania/Preuß 1975, 9-59; D. W. Müller 1980, 19-180; Jacob 1982, 25-137; Bönisch 1996. z. B. Paetzold 1992, 77-102. Christaller 1933. Auf Christallers Modell basieren verschiedene siedlungsarchäologische Anwendungsversuche (z. B. Kunow 1988, 55-67; Hennig/Lucianu 2000, 527-548; Valde-Nowak 2001, 60 ff.). In Kap. 9.1. wird im Rahmen einer Kleinraumanalyse das Arbeitsgebiet auf mögliche Anwendungsmöglichkeiten überprüft. Reinerth 1928; Bertsch 1931, 1-127. Buttler/Haberey 1936. Wichtige Informationen lieferte z. B. die Zeitschrift ,,Archaeologia Geographica" zwischen 1950 und 1963. Mit der Anwendung der vergleichenden geographisch-kartographischen Methode wurden in der Regel Besiedlungsvorgänge in ihrer geographischen Ausprägung dargestellt. Vgl. Eggers 1950, 1-3; Behrens 1951, 97-98; Schindler 1952, 51-60; Jankuhn 1955, 73-78. Schwarz 1948, 1-28.

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die verschiedenen Wirtschaftseinheiten einer Siedlung (u. a. Agrarflächen, Waldnutzung, Rohstoffverkommen bzw. Verarbeitungsbereiche, aber auch Nekropolen) 41. Basierend auf einer detaillierten physiogeographischen Erfassung des naturräumlichen Siedlungsumfeldes 42 wurden Besiedlungsabläufe, Schwerpunkts- bzw. Gebietsverlagerungen und Wüstungsvorgänge zum Forschungsgegenstand 43. Die von Jankuhn definierten Aufgaben der Siedlungsarchäologie 44 gliederte B. Stjernquist in verschiedene Fragestellungen, welche spezielle Bearbeitungsmethoden erfordern. Sie trennte zwischen einer historisch-geographischen (Siedlungsgeschichte), ökonomisch-sozialen (Funktionsuntersuchung) und technischen Fragestellung (u. a. Bautechnik) 45. Neue Ansätze zur Klärung von neolithischen Besiedlungsabläufen erprobte B. Sielmann 46. In der Vertrautheit eines bestimmten Ökotypus sah er einen ausschlaggebenden Faktor für die Wahl des jeweiligen Standortes. Sielmann überprüfte die kartierten Bodentypen und Niederschlagszonen im Bereich der bekannten bandkeramischen Siedlungen Mitteleuropas und wollte damit unterschiedliche Ökologiekreise definieren. Allerdings wurde die zu kleinmaßstäbliche geologische Kartengrundlage sowie die mangelnde Aufschlüsselung der verschiedenen Lößsubstrate von K. J. Sabel zurecht bemängelt 47. Eine Rekonstruktion des Besiedlungsablaufes und die Darstellung der räumlichen Verteilung aus dem überlieferten Fundbild des südlichen Maindreiecks publizierte W. Schier 48. Er beschreibt seine Arbeit als eingeschränkt ,,siedlungsarchäologisch" im Bewußtsein einer terminologischen Zweiteilung des Begriffes ,,Siedlungsarchäologie" 49. Eine für den deutschsprachigen Raum seltene Vorgehensweise praktizierte W. Linke 50. Anhand von ausgesuchten älter-mittelneolithischen Fundstellen mit willkürlich festgesetztem, konzen-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------40 41 42 43 44 45 46 47 48 49

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z. B. Jankuhn 1955, 73-78; 1976, 23-39; 1977; 1979, 19-43. Jankuhn 1977, 13-24. Jankuhn 1977, 39 ff. Jankuhn 1979, 28 ff. Jankuhn 1965, 1-8. Stjernquist 1968, 396. Sielmann 1971a, 231-238; 1972, 1-65 ; 1976, 305-329. Sabel 1983, 160. Schier 1990. Schier 1990, 14-15. Die verschiedenen Darstellungen über die Besiedlungsabläufe einzelner bzw. größerer Zeitabschnitte basieren auf unterschiedlichen Auswertungsschwerpunkten der vorhandenen Quellen durch die jeweiligen Bearbeiter. Damit wird die von A. Kiekebusch erörterte Grundeinschätzung der Siedlungsarchäologie als Mittler in modifizierter Form wieder aufgegriffen. J. Lüning schließlich bezeichnete die Siedlungsarchäologie als ,,archäologische Siedlungsgeographie mit beiden Zweigen der Physiogeographie und der Anthropogeographie" (1982a, 10). Linke 1976; 1977, 29-40.

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trischem ,,Siedlungsradius" von 750 m kartierte er Bodenart, Substrat, Topographie, Wasserbezug und Bonitierung der Böden. Er wendete damit die von dem Archäologen E. Higgs und dem Geographen C. Vita-Finzi vorgestellte Forschungsmethode der Umfeldanalyse (,,site catchment analysis") 51 an. Linkes Vorgehensweise griffen S. Ostritz 52, K.-P. Wechler 53 und Th. Saile 54 in ihren siedlungsarchäologischen Arbeiten erneut auf. Einen kritischen Vergleich über die Entwicklung, die Gemeinsamkeiten und die verschiedenen Forschungsstrategien zwischen der amerikanischen Settlement Archaeology und der europäischen Siedlungsarchäologie bietet E. H. M. Pantzer 55. Für die theoretische Konzeption siedlungsarchäologischer Forschungen unterscheidet er drei Analyseebenen, namentlich Untersuchungen von Siedlungen, Siedlungskammern und Siedlungsräumen. Anhand ausgewählter Beispiele belegt Pantzer, daß in der siedlungsarchäologischen Praxis überwiegend die materiellen Faktoren herangezogen werden, um den Standort von Siedlungen und Besiedlungssysteme zu erklären 56. Zur Behebung der methodischen Engpässe der europäischen Siedlungsarchäologie (umfangreicher Quellenbestand, stagnierende Methodik) schlägt Pantzer eine Synthese mit anglo-amerikanischen Forschungskonzepten (infolge geringer Quellenlage ein breiter methodischer Ansatz) vor 57. In Amerika war die Archäologie schon immer sehr eng mit Fächern Kulturanthropologie und physischer Anthropologie verbunden 58. Die sogenannte partikularistische Schule 59 lehrt die Rekonstruktion von Kulturarealen anhand von archäologischen Materialkombinationen, welche sich dann in einem Zeithorizont manifestieren. Dieses Muster läßt sich in seiner Genese über längere Zeiträume verfolgen 60. Durch die Abgrenzung verschiedener Kulturareale läßt sich die Geschichte von Gruppen fassen. Im Gegensatz zu den mitteleuropäischen Auffassungen, welche die Verschiebung von Kulturarealen -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------51

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Vita-Finzi/Higgs 1970, 5. Die Bewertung der Ressourcen im Umfeld einer Siedlungsstelle lassen auf den Charakter des Siedlungsplatzes (saisonal bzw. dauerhaft) und die Ökonomie einer prähistorischen Bevölkerung schließen. Site catchment Analysen sind in der anglo-amerikanischen Forschung weit verbreitet. Ostritz 1988. Wechler 1997. Saile 1998. Die schon von Schier (1990, 10-20) ausführlich dargestellte forschungsgeschichtliche Entwicklung und Bewertung der Siedlungsarchäologie wird von Saile in ähnlicher Weise mit noch umfassenderen Literaturangaben ergänzt. Pantzer 1995. Pantzer 1995, 150. Pantzer 1995, 166. Bernbeck 1997, 35. Ausgehend von dem Ethnologen F. Boas wurde die Untersuchung einer einzelnen Gesellschaft einer vergleichenden Studie zwischen Kulturen bevorzugt. Trigger 1989, 21-22.

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zunächst eng mit Migrationsprozessen unterschiedlicher Kulturträger in Verbindung brachte, wurden in Amerika schon frühzeitig Einflußnahmen wie z. B. Handel in Betracht gezogen 61. Die Ergebnisse der diffusionistischen Ansätze wurden erstmals durch W. Taylor als unzureichend kritisiert 62. Entscheidend neue Impulse kamen schließlich aus der Kulturanthropologie. Der Kulturanthropologe L. A. White forderte einen ,,Neoevolutionismus", der ein neues Kulturkonzept definieren sollte 63. Damit leitete er eine neue methodische Sichtweise ein, welche von der seit den sechziger Jahren aufkommenden ,,New Archaeology" aufgegriffen wurde 64. Anstelle der physiologischen Anpassung des Menschen an seine natürliche Umgebung erfolgt eine extrasomatische Anpassung unter Verwendung von neuen Werkzeugen oder der Entwicklung neuer Organisationsformen. Die New Archaeology begann nach der Variabilität von Verhaltensmustern innerhalb eines Kulturkreises zu suchen. Im Gegensatz dazu versucht die kulturgeschichtliche Archäologie, aus den Gemeinsamkeiten einer Artefaktgruppe eine gültige Norm zu rekonstruieren 65. Ungeachtet der Diskussion über die methodische Vorgehensweise konnten fortlaufend neue - vor allem naturwissenschaftliche Verfahrensweisen - zur Klärung von landschaftsarchäologischen Fragestellungen herangezogen werden. Finanziell abgesicherte Großprojekte auf interdisziplinärer Basis waren die Folge. Ein solches Forschungsprojekt (SAP) 66 wurde zwischen 1971 und 1981 im Vorfeld des Braunkohletagebaus auf der Aldenhovener Platte (Jülicher Börde) durchgeführt. Die großflächigen Ausgrabungen im Merzbachtal gewährten erstmals umfassende Einblicke in eine Siedlungskammer bzw. Microregion und dokumentierten die Umwandlung einer Natur- zur Kulturlandschaft aufgrund von intensiven, neolithischen Siedlungsaktivitäten 67. Insgesamt wurden sieben Siedlungen nahezu vollständig erfaßt. Die Kombination aus siedlungsarchäologischen und paläolandschaftsökologischen Fragestellungen erlaubte weitreichende Einblicke in die neolithische Wirtschaftsweise 68 (Ackerbau, Vieh- und Waldwirtschaft) und gab Aufschlüsse über anthropogen veränderte Vegetationsverhältnisse 69, -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------61 62 63 64

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z. B. Wissler 1926/27. Taylor 1948. White 1949; 1987. Die Abwendung von der traditionellen Forschungsmethodik leitete L. R. Binford (1962) ein. Über die Herausbildung, Etablierung und den wissenschaftstheoretischen Argumentationsrahmen der New Archaeology vgl. Eggert 1978, 6-164; Bernbeck 1997, 35-48. Bernbeck 1997, 40. Siedlungsarchäologie der Aldenhovener Platte. Vgl. Lüning 1982b, 125-156. Stehli 1989, 51-76. Lüning/Stehli 1989, 110 ff. Vgl. zuletzt zusammenfassend Schade (2000, 142-144) mit weiterführenden Literaturzitaten. Lüning/Stehli 1994. Lüning/Kalis 1988, 39 ff.

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sowie Boden- bzw. Reliefveränderungen 70. Allerdings läßt sich bei die Mehrheit solcher Großprojekte beobachten, daß der respektable Informationsgewinn auch untrennbar mit immensen Kosten, sowie mit großem technischem bzw. organisatorischem Aufwand- verbunden ist 71. Auch die archäologischen Beobachtungen entlang linearer Projekte (z. B. Versorgungsleitungen, Autobahnen und Eisenbahntrassen) beeinflußten die Forschung nachhaltig und vervielfachten die Anzahl der Fundstellen 72. Es wurde deutlich, daß auch in relativ gut untersuchten Landschaften unter erosionsbedingten Kolluvien Fundstellen lagern, welche sich nicht im Luftbild abzeichnen bzw. bei systematischen Begehungen nicht erkennbar sind. Auf das ehemalige Vorhandensein einer stärkeren, kleinräumig reliefierten Paläolandschaft, die durch anthropogene Prozesse wie Entwaldung und Landwirtschaft umgeformt wurde, verweist anschaulich C. Renfrew 73. Eine thematische Erweiterung der siedlungsarchäologischen Forschung wurde seitens der angloamerikanischen Wissenschaft durch die Entwicklung der ,,Landscape Archaeology" 74 und der Spezialisierung auf ,,Survey and Field-Archaeology" 75 zu Beginn der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts eingeleitet. In Deutschland dagegen waren inhaltliche Fragen und Konzepte unter dem Überbegriff ,,Landschaftsarchäologie" erst in jüngerer Vergangenheit Gegenstand von Studien. Vor allem thematisch und zeitlich eingegrenzte Forschungen in naturräumlich unterschiedlichen Gebieten einer Region unter Berücksichtigung von physiogeographischen Aspekten traten in den Vordergrund. Das Instrument von flächigen, wissenschaftlich dokumentierten Flurbegehungen wurden aus den verschiedensten Gründen nur selten ausgeschöpft 76. Inhaltlich entsprechen solche Studien allerdings weitgehend der unter Landscape Archaeology definierten anglo-amerikanischen Betrachtungsweise 77. Beim Vergleich siedlungsarchäologischer Forschung innerhalb Europas treten - bei weitgehend gemeinsamer methodischer Basis ­ doch verschiedene Schwerpunkte auf, welche sich aus der jeweiligen Forschungsgeschichte und dem vorhandenen ,,archäologischen Angebot" der -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------70 71 72

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Schalich 1988, 17-29. Janssen 1988, 25. Zur Entwicklung in Sachsen vgl. Stäuble/Steinmann 1996 (1997) 33-38; Stäuble/Underwood 1996 (1997) 39-43; Stäuble 1998/1999 (2000) 26-35. Renfrew/Bahn 1991, 205. Aston/Rowley 1974. Dort kamen allerdings überwiegend Methoden der historisch-geographischen Landesaufnahme zum Tragen. Schade 2000, 169. Nach wie vor werden Flurbegehungen größtenteils von ehrenamtlichen Helfern und heimatgeschichtlich interessierten Laien über Jahre - teilweise sogar Jahrzehnte - hinweg durchgeführt und bilden die Grundlage von siedlungsgeschichtlichen Studien. Schade 2000, 167.

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unterschiedlichen Kulturlandschaften erklären läßt. In Schweden wurden bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts fossile Feldfluren durch G. Nordholm in der Nähe von Lund beobachtet 78. In Zusammenarbeit mit Kulturgeographen ging S.-O. Lindquist in den sechziger Jahren von einem ,,gesellschaftswissenschaftlichen Ansatz mit überwiegend räumlichen und dynamischen Aspekten" zur Klärung der Stellung und zeitlichen Festlegung von Siedlung und Ackerbau während der Eisenzeit aus 79. Bei der langjährigen Untersuchung umwallter Blockfluren aus der Spätbronzezeit auf Gotland ­ vergleichbar mit den ,,celtic fields" ­ wurden von Lindquist und D. Carlsson funktionale Veränderungen in der Agrarlandschaft diskutiert und die kontinuierliche Landschaftsnutzung hervorgehoben 80. In der Folgezeit erforschte M. Widgren das Auftreten fossiler Lesesteinreihen unter den Aspekten Feldbearbeitung, Nutzungssysteme, zeitliche Einordnung und Kontinuitätsfrage 81. Auch in Schweden folgte auf einer Welle groß angelegter Projekte die Bildung breiterer Themenkomplexe und eine verstärkte Zusammenarbeit u. a. von historisch-geographischer Forschung mit der Denkmalpflege 82. In Dänemark standen schon früh neben den Fragen nach Siedlungsstrukturen, Siedlungssystemen und sozialen Komponenten vor allem Kontinuitätsprobleme im Vordergrund. Während lange Zeit von einer konstanten Besiedlung seit der Eisenzeit ausgegangen worden war 83, konnte C.J. Becker in Westjütland (u. a. in Grøntoft) neben einer Anzahl von Hausgrundrissen auch die häufige Verlegung von Siedlungen innerhalb der Siedlungskammern nachweisen 84. Ähnliche Beobachtungen gelangen S. Hvass in Hodde (Westjütland) 85. K. Kristiansen analysierte die Stellung der dänischen Archäologie von einst und heute 86. Die dänische bzw. skandinavische Führungsrolle - unter Verwendung eigener Chronologiesysteme und Methodik mußte der eigenen frühen Entwicklung Rechnung tragen. Das restliche Europa entwickelte eine eigene Systematik, die Entwicklung der New Archaeology in England und Amerika führte weitgehend zur Isolierung 87. Die siedlungsarchäologischen Fragestellungen und Beobachtungen zur Besiedlung, Wirtschaftsstrategie und Bodennutzung während der dänischen Bronzezeit -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------78 79

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Nordholm 1937, 84-103. Lindquist 1968, 5. Ihm gelang der Nachweis von Gruppensiedlungen und Zweifelderwirtschaft anhand von Ausgrabungen und Phosphatuntersuchungen. Carlsson 1979, 19. Widgren 1983; 1987, 57-68. Möller 1990, 284-285. Vgl. Helmfrid 1988, 201-212. z. B. Hatt 1949. Becker 1971, 79-110. Hvass 1975, 142-158. Kristiansen 1985, 12-34. Kristiansen 1985, 30-31.

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sind für die sich anschließenden norddeutschen Regionen in Anbetracht ihrer ähnlichen naturräumlichen Ausstattung von besonderem Interesse

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Wie in vielen anderen europäischen Ländern auch, trat in Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg die Siedlungsarchäologie schrittweise aus dem Schatten von Gräberfeld- und Depotfundanalysen. In der jüngsten Vergangenheit versuchte N. Kalicz 89 ­ trotz der Lückenhaftigkeit entsprechender Daten 90 - Zusammenhänge zwischen Siedlungswesen und Bevölkerungszahlen innerhalb des Spätneolithikums herzustellen. Diese Methodik findet immer dann regen Zuspruch, wenn nach Abschluß einer oder mehrerer - möglichst umfassender ­ Siedlungs- bzw. Gräberfeldgrabungen auf das Gesamtbild einer Kulturgruppe geschlossen werden soll. Sicherlich ist eine solche Vorgehensweise legitim. Sie birgt aber häufig die Gefahr der fehlenden Berücksichtigung von Faktoren wie unterschiedliche Siedlungssysteme, Seuchen, kriegerische Auseinandersetzungen, Naturkatastrophen, Migrationen oder auch ,,einfache" Siedlungsverlagerungen. Ähnlich den deutschen Ansätzen zog E. Bánffy in Transdanubien in den letzten Jahren den Vergleich zwischen ,,Microregionen" als kleinste zu untersuchende Einheiten erfolgreich heran 91. Der Themenkomplex Siedlungsarchäologie wurde in den letzten Jahrzehnten mit Hilfe der interdisziplinären Zusammenarbeit der geisteswissenschaftlichen Fachbereiche und moderner naturwissenschaftlicher Methodik zu einem zuverlässigen Instrumentarium archäologischen Forschens. Die Anzahl neuer Möglichkeiten und Modellvorstellungen führte jedoch zu einer nur sehr schwer überschaubaren Flut an Informationen in vielen Veröffentlichungen. F. Bertemes forderte standardisierte Lehrbücher, um das methodologische Potenzial zu bündeln und Gemeinsamkeiten hervorzuheben, zu hinterfragen und zu diskutieren 92. Durch die Verfeinerung der methodischen Grundlagen - u. a. basierend auf Typologie und vertikaler Stratigraphie - ist die ,,mitteleuropäische Archäologie" (von Skandinavien - Ungarn) in den letzten Jahrzehnten charakterisiert 93. Eine moderne kulturhistorische Betrachtensweise beinhaltet eine Abfolge von systematischer Datenerhebung, datenimmanenter Analyse, Interpretation und abschließender Modellbildung 94 . -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------88 89 90 91 92 93

Kristiansen 1980, 1 ff. Vgl. ähnliche Beobachtungen in der Drenther Ebene (nördliche Niederlanden) durch Th. Spek (1996, 95-193). Kalicz 2001, 153-164. Kalicz 2001, 153. Bánffy 2001, 171-179. Bertemes 2002, 113. Bertemes 2002, 105 ff.

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Im Zuge von Materialarbeiten, gerade wenn es sich zu einem großen Teil um Altbestände handelt, ist der Versuch einer ,,ganzheitlichen" Betrachtungsweise von Kulturen natürlich nicht unproblematisch. Für die Interpretation des Besiedlungsablaufes im Kreis Riesa-Großenhain war es deshalb nach der Materialaufnahme notwendig, das methodologische Angebot im vorliegenden Fall auf seine Zweckmäßigkeit hin - im Bezug auf Aussagen über Klimaverhältnisse, Gewässer, Relief, Boden und Vegetation - zu überprüfen: Nordwestsachsen ist als Teil des mitteldeutschen Raumes Gegenstand klimatologischer Untersuchungen 95. Dennoch sind engmaschige Aussagen über Klimaverhältnisse und Klimaentwicklungen nur schwer möglich. Da es sowohl im macro- wie auch im microklimatischen Bereich im Arbeitsgebiet vorläufig noch ein Datendefizit zu beklagen gibt, bleibt für die Charakterisierung des Klimas und seine räumliche Differenzierung nur die Auswertung von Klimaaufzeichnungen der Neuzeit 96. Informationen über monatliche bzw. jährliche Niederschlagsmengen, die Zahl der Regentage bzw. Anzahl der Tage mit geschlossener Schneedecke, Durchschnittstemperaturen und phänologische Werte (z. B. Apfelblüte) 97 werden als mögliche Vergleichswerte herangezogen. Gerade der schnelle Anstieg der globalen Temperatur und damit verbundene Katastrophen lassen die im 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg gesammelten Werte im Vergleich zu den Daten der letzten drei bis vier Jahrzehnte in einem repräsentativeren Licht erscheinen. Gleichwohl gestatten auch sie nur die Gestaltung von Arbeitsmodellen. In das Gewässernetz des Arbeitsgebietes wurde während des Mittelalters und der frühen Neuzeit massiv eingegriffen. Auch wenn durch das Relief vorgeprägte Abflußbahnen vorhanden sind (Altmoränengebiet), ist ein direkter Vergleich mit prähistorischen oder gar neolithischen Verhältnissen nur unter großen Vorbehalten möglich 98. Sowohl der Elblauf als auch die Mulde mit ihren jeweiligen Altarmen folgten bei großen Mengen an Fließwasser immer wieder den alten Laufrichtungen 99. Deshalb wurden für die Gewässerkartierung möglichst Meßtischblätter herangezogen, welche halbwegs den natürlichen Lauf von Flüssen und kleineren Bächen wiedergeben und mit den neusten zur Verfügung stehenden Karten abgeglichen. Weniger Schwierigkeiten bereitete die Datenerhebung zum vorhandenen Relief. Für den ausge-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------94 95

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Bertemes 2002, 111. u. a. Goldschmidt 1950; Jäger 1966, 668-673; 1982, 799-809; Willerding 1977, 357-405; Frenzel 1980, 946; Frenzel u. a. 1991; 1992. Vgl. Kap. 4.5.2. z. B. Schietzel 1935; Goldschmidt 1950; Klimaatlas 1953; Bodenatlas 1997. Vgl. Kap. 4.5.2. Seyfert 1974, 3 ff. Entgegen Ostritz 2000, 8. Vgl. Kap. 4.5. und 7.5-6. Dieses Phänomen ist seit Jahrhunderten bekannt und nicht nur auf Ereignisse der jüngsten Flutkatastrophen beschränkt.

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wählten Zeitraum spielen sowohl tektonische als auch periglaziale Reliefveränderungen nur eine untergeordnete Rolle. Informationen zur Hangneigung, Höhenlage und Lage von Siedlungen und Gräberfeldern im Gelände wurden in Kategorien unterteilt und sind größtenteils gut nachvollziehbar 100. Bedeutsam ist das Erkennen von Erosionszonen 101. Die damit verbundene Materialverlagerung, die Sedimentation von vergleichsweise tiefer gelegenen Bereichen wie Hangfußlagen und Dellen spielt eine immer größere Rolle für die Auffindung und Beschreibung archäologischer Relikte. Selbst relativ schwach geneigte Gebiete geraten immer öfter durch verschiedene Umwelteinflüsse in Bewegung. Das Resultat sind entweder fossile Böden unter meterdicken Kolluvien oder aber aberodierte und weitreichend umgelagerte Funde. Untersuch- ungen über begrabene Böden und Kolluvien liegen nur vereinzelt vor 102. Ein Versuch, den Siedlungsbestand gezielt zu vergrößern, kann nur über aufwendige geologische Profilschnitte erfolgen. Viele archäologischen Befunde entziehen sich mittlerweile den gezielten Flurbegeh- ungen und modernen Luftbildern 103. Einer kritischen Betrachtung wurden auch die Möglichkeiten zur Identifizierung von Bodenverhältnissen unterzogen. Die Bodendecke im Arbeitsgebiet ist sowohl räumlich als auch strukturell stark differenziert 104. Bei der Suche nach den prähistorischen und frühgeschichtlichen Zuständen müssen die kontinuierlichen Bodenbildungsprozesse, welche sich natürlich auch heute noch fortsetzen, in die Betrachtung mit einbezogen werden. Diese Prozesse können schon in Microregionen sehr unterschiedlich verlaufen. So sind selbst ursächliche Zusammenhänge zwischen humosem Oberboden und braunem Unterboden nicht selbstverständlich 105. Da auch das Alter von Texturdifferenzierungen und Staunässebildungen nur begrenzt nachvollzogen werden kann 106, wurde neben den Bodentypen vor allem das darunterliegende Bodensubstrat mit den Befunden verglichen 107. -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------100

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Schwierigkeiten ergaben sich nur bei starken landschaftsverändernden anthropogenen Eingriffen (z. B. Straßen, Bahnlinien, Stauseen, Truppenübungsplätze und Kleingartenanlagen). Auch in diesen Fällen konnten ältere Meßtischblätter den scheinbaren Informationsverlust beheben. Vgl. Kap. 7.2-4. Jäger 1997a, 89-96. Jäger 1962, 1-59; Baumann/Czerney/Fiedler 1964, 7-50; Litt 1986; 1988, 129-137. Zur Frage von Erosionszonen und Paläoböden im Arbeitsgebiet siehe Kap. 7.2. Deutlich tritt diese Tatsache beim Vergleich von Luftbildern zu Tage. Auf Fotographien des Zweiten Weltkrieges (Luftaufklärung) lassen sich erstaunlich häufig Erdwerke und ähnliche archäologische Befunde noch deutlich erkennen. Auf Vergleichsbildern der letzten beiden Jahrzehnte werden die Erosionsschäden und der Verlust an Kulturgut sichtbar. z. B. Bodenatlas 1997, 14 ff. Jäger/Kopp 1969, 111-121; Kopp 1970, 277 ff.; Jäger 1997b. Baumann/Czerney/Fiedler 1968, 535; Haase/Liberoth/Ruske 1970, 151 ff. Preuß 1998a, 30-31. Vgl. Kap. 7.1. Dabei wurde vor allem die Fundstelle als solches kartiert. Eine feinere Differenzierung (z. B. für den Umkreis von 750 m) wäre ­ bedingt durch die vielen kleinen Unterschiede

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Die Datenbasis für Rekonstruktionen der vor- und frühgeschichtlichen Vegetationsverhältnisse ist - ähnlich den Klimauntersuchungen - regional sehr verschieden 108. Generell wird am Anfang der Kulturlandschaftsbildung ein großer Waldanteil und kleinräumige Landwirtschaftsflächen für das Neolithikum postuliert 109. Ein verhältnismäßig grober Überblick über die Artenvielfalt wurde erreicht. Von zuverlässigen Verbreitungskarten verschiedener Gewächse, welche unbe- stritten für den prähistorischen Menschen als Anzeiger zur Beurteilung für Geomorphologie, Klima und Bodengüte diente, und damit vermutlich maßgeblich zur Wahl des Siedlungsortes beigetragen haben, kann nach wie vor nicht ausgegangen werden 110. Zusammenfassend wird deutlich, daß bei der Betrachtung von Klima, Vegetation, Relief, Boden und Gewässernetz vielfältige Faktoren für siedlungsarchäologische Ansätze berücksichtigt werden müssen. Um das Aussagepotenzial des Fundmaterials zu optimieren, bedarf es einer quellenkritischen Auseinandersetzung mit der regionalen Forschungsgeschichte, den Findern und den Fundumständen.

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------der Bodentypen, für die statistische Auswertung nicht von Vorteil gewesen (zu viele Kategorien, zu breite Streuung). Ein generelles Problem für Umfeldanalysen ist die Datenentnahme aus zu kleinmaßstäbigen Karten. Geologische Karten im Maßstab 1:5000 stehen in der Regel nicht zur Verfügung. 108 Firbas 1949; 1952. Günstige Erhaltungsbedingungen für Pollenanalysen (See- und Moorablagerungen stehen nur eingeschränkt zur Verfügung. 109 Lüning/Kalis 1988, 48; Kreuz 1990, 18 ff. 110 Ostritz 2000, 10. Selbst bei dem relativ guten Kenntnisstand über die Ausbreitung der Buche in der Nacheiszeit nach pollenanalytischen Befunden liegen für das Arbeitsgebiet keine Daten vor (Pott 1997, 15, Abb. 6. 21

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